Obere Einflussstauung

Die Vena cava superior, auch obere Hohlvene genannt, ist die Hauptvene, die das Blut aus dem oberen Teil des Körpers sammelt. Sie mündet in den rechten Vorhof des Herzen. In bestimmten Fällen, wie dem Vorliegen eines Krebstumors, kann es zu einem Abklemmen der Vena cava superior kommen. Der Rückfluss des Blutes zum Herzen wird dadurch behindert, es kommt zu Blut- und Flüssigkeitsansammlungen im Oberkörper.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiemann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist eine obere Einflussstauung?

Die Vena cava superior ist das große venöse Blutgefäß, welches das Blut aus dem oberen Teil des Körpers zurück zum Herzen leitet. Das Blut in einer Vene ist sauerstoffarm, es wird auch als venöses Blut bezeichnet. Die Vena cava superior ist für den venösen Rückstrom des Blutes aus Kopf-, Hals-, Arm- und oberem Brustbereich von entscheidender Bedeutung. Sie entsteht durch den Zusammenfluss zweier venöser Blutgefäße. Die Gesamtlänge der oberen Hohlvene beträgt 6 bis 8 cm. Die Vena cava superior ist von verhältnismäßig starren Strukturen umgeben: dem Brustbein, der Luftröhre, dem rechten Hauptbronchus, der Hauptschlagader, der rechten Lungenarterie sowie den Lymphknoten in der Brusthöhle und entlang der Luftröhre. Aufgrund ihrer dünnen Gefäßwände und des niedrigen Innendrucks ist die Vena cava superior dem Druck umliegender Strukturen ausgesetzt, was im Zweifelsfall zu einem erhöhten Druck in den venösen Blutgefäßen im Hals und weiter unten führen kann.

Wird die Vena cava superior auf diese Weise abgeklemmt, so wird der Rückfluss des Blutes behindert und es kann zur Ausbildung eines Blutpfropfs (Thrombus) kommen. Durch die Behinderung des venösen Rückstroms kommt es in der Vena cava superior oberhalb des abgeklemmten Bereichs zur Stauung des Blutes. Dies führt wiederum zu Schwellungen im Arm-, Kopf- und Halsbereich. Die venösen Blutgefäße in diesen Gebieten und u. U. auch im oberen Teil der Brustwand werden geweitet, es bilden sich Ausbuchtungen. Die Gesamtheit aller Symptome und Beschwerdebilder eines Zustands wird als sogenanntes Syndrom bezeichnet, in diesem Fall als Vena-cava-superior-Syndrom.

Diesem, oftmals als obere Einflussstauung bezeichneten Syndrom liegt häufig eine Krebserkrankung zugrunde. Es handelt sich um eine medizinische Akutsituation, die einer zügigen (innerhalb der folgenden Tage und Wochen) diagnostischen Untersuchung und Behandlung bedarf.

Bei 5 bis 10 % aller Patienten mit einem Krebstumor auf der rechten Seite der Brusthöhle kommt es zu solch einer oberen Einflussstauung. Da mehr Männer als Frauen an Lungenkrebs erkranken, sind diese auch etwas häufiger vom Vena-cava-superior-Syndrom betroffen. In der Altersgruppe der 40- bis 60-Jährigen liegt einer oberen Einflussstauung am häufigsten eine bösartige Erkrankung zugrunde. Gutartige Ursachen für das Syndrom trifft man am häufigsten in der Altersgruppe der 30- bis 40-Jährigen an.

Ursachen

In 65 bis 85 % aller Fälle liegt der oberen Einflussstauung eine Erkrankung an Lungenkrebs zugrunde; andere häufige Ursachen sind das sogenannte Non-Hodgkin-Lymphom oder Metastasierungen anderer Krebserkrankungen in die Lunge. Seltener (10 % der Fälle) handelt es sich um nicht-krebsbedingte Ursachen wie gutartige Tumoren, ein Aortenaneurysma, eine vergrößerte Schilddrüse (Struma), einen Verschluss der Vena cava superior durch einen Blutpfropf, einen Zentralen Venenkatheter oder Vernarbungen in der Brusthöhle infolge einer Strahlenbehandlung. Früher galt das Syndrom als recht üblicher Folgezustand von Syphilis und Tuberkulose.

Bei Kindern ist eine obere Einflussstauung eher selten. In den meisten Fällen liegt ihr auch keine Krebserkrankung zugrunde, sondern eine vorangegangene Behandlung bei z. B. einer angeborenen Herzerkrankung.

Symptome

Im Anfangsstadium kann ein teilweiser Verschluss der Vena cava superior noch ohne Krankheitszeichen sein oder sich durch lediglich schwach ausgeprägte Symptome und Beschwerdebilder äußern, die oftmals übersehen werden. Im weiteren Krankheitsverlauf kommt es zu typischen Krankheitszeichen wie Schwellungen im Gesicht, besonders im Augenbereich, einer verstopften Nase, Sehstörungen, Kopfschmerzen, Schwindel, Schwellungen im Hals- und Armbereich sowie Ausbuchtungen in den Venen im vorderen / oberen Brustbereich und in den Armen. Mehr als 60 % der Patienten leiden unter Kurzatmigkeit, die damit das häufigste Krankheitszeichen einer oberen Einflussstauung darstellt. Einige Patienten klagen über Brustschmerzen, Husten und Schluckbeschwerden.

Am stärksten sind die entsprechenden Krankheitszeichen morgens nach Nachtruhe und wenn sich der Patient in eine liegende Position begibt oder vorbeugt, da dann der Druck in den Blutgefäßen rund um die Blockade zunimmt.

Diagnostik

Typische Krankheitszeichen (Symptome) und Befunde bei einer ärztlichen Untersuchung können den Verdacht auf eine obere Einflussstauung begründen. Die Aussagekraft der Ergebnisse einer Blutprobe ist lediglich begrenzt.

Eine Röntgenuntersuchung des Brustraums (Thoraxröntgen) kann näheren Aufschluss über die dem Symptom zugrunde liegende Ursache geben, der Befund kann aber auch unspezifisch ausfallen. Besteht der Verdacht auf eine obere Einflussstauung, ist eine computertomographische Untersuchung indiziert. Sie informiert im Detail über die Lokalisation der Ursache und kann ausschlaggebend für die Entnahme einer Gewebeprobe (Biopsie) mittels Mediastinoskopie, Bronchoskopie oder Nadelbiopsie sein. Die Computertomographie (CT) gibt auch Aufschluss über den Zustand der Bronchien und Stimmbänder. Die entsprechenden Informationen sind von essentieller Bedeutung, da eine Schwellung / Einengung in diesen Bereichen schnelle Gegenmaßnahmen erfordert, um den Druck zu verringern.

Auch eine Untersuchung mittels Magnetresonanztomographie (MRT) sowie die Verabreichung von Kontrastmitteln im Vorfeld eines der genannten bildgebenden Verfahren können infrage kommen.

Therapie

Das Behandlungsziel beim Vorliegen einer oberen Einflussstauung besteht in der Linderung der Symptome sowie in der Behebung der Stauung bzw. Behandlung der ursächlichen Erkrankung. Liegt dem Syndrom eine bösartige Erkrankung zugrunde, so wird in der Regel versucht, mithilfe einer Bestrahlung oder chemotherapeutischer Maßnahmen die Einengung der Vena cava superior zu mindern. Eine weitere Möglichkeit besteht in dem Einbringen eines künstlichen Blutgefäßes über einen Röntgenkatheter; dieser sogenannte Stent dient dann als Umgehung des Engpasses in der Vena cava superior. Beruht die obere Einflussstauung nicht auf einer Krebserkrankung, entscheidet der Arzt sich oftmals für eine Operation zur Behebung des krankhaften Zustands.

Das Hochlagern von Kopf und Oberkörper während des Schlafs sowie die Anwendung von harntreibenden Medikamenten (Diuretika) bewirken eine kurzfristige Linderung der Symptome. Nur in wenigen Fällen kommt es bei Patienten mit plötzlich auftretendem Vena-cava-superior-Syndrom zu einem lebensbedrohlichen Zustand. Bei Zeichen einer Gehirnschwellung (Bewusstseinsstörungen), bei einer schweren Herzinsuffizienz oder bei Schwellungen der Schleimhäute in den Atemwegen ist eine sofortige Therapie erforderlich.

Prognose

Die Prognose für Patienten mit einer oberen Einflussstauung ist abhängig von der zugrunde liegenden Erkrankung. Am lebensbedrohlichsten ist das Syndrom für Patienten mit Schwellungen im Bereich der Atemwege und im Gehirn, die eine umgehende Behandlung erfordern.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Vena-cava-superior-Syndrom (OES). Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Nickloes TA. Superior Vena Cava Syndrome. eMedicine, 28.9. 2015. emedicine.medscape. emedicine.medscape.com
  2. Drews RE, Rabkin DJ. Malignancy-related superior vena cava syndrome. UpToDate, last updated March 21, 2013. UpToDate
  3. Queen JR, Berlin J. Superior vena cava syndrome. J Emerg Med (United States) 2001; 21: 189-91. PubMed
  4. Urban T, Lebeau B, Chastang C. Superior vena cava syndrome in small-cell lung cancer. Arch Intern Med 1993; 153: 384-7. PubMed
  5. Chee CE, Bjarnason H, Prasad A. Superior vena cava syndrome: an increasingly frequent complication of cardiac procedures. Nat Clin Pract Cardiovasc Med 2007; 4:226 PubMed
  6. Wilson LD, Detterbeck FC, Yahalom J. Clinical practice. Superior vena cava syndrome with malignant causes. N Engl J Med 2007; 356:1862. New England Journal of Medicine
  7. Rice TW, Rodriguez RM, Light RW. The superior vena cava syndrome: clinical characteristics and evolving etiology. Medicine (Baltimore) 2006; 85:37. PubMed
  8. Otten TR, Stein PD, Patel KC, et al. Thromboembolic disease involving the superior vena cava and brachiocephalic veins. Chest 2003; 123:809. PubMed
  9. Uberoi R. Quality assurance guidelines for superior vena cava stenting in malignant disease. Cardiovasc Intervent Radiol 2006; 29:319. PubMed
  10. Smayra T, Otal P, Chabbert V. Long-term results of endovascular stent placement in the superior caval venous system. Cardiovasc Intervent Radiol 2001; 24: 388-94. PubMed
  11. Thony F, Moro D, Witmeyer P. Endovascular treatment of superior vena cava obstruction in patients with malignancies. Eur Radiol 1999; 9: 965-71. PubMed
  12. Yim CD, Sane SS, Bjarnason H. Superior vena cava stenting. Radiol Clin North Am 2000; 38: 409-24. PubMed
  13. Gwon DI, Ko GY, Kim JH, et al. Malignant superior vena cava syndrome: a comparative cohort study of treatment with covered stents versus uncovered stents. Radiology 2013; 266:979. Radiology