Subclavian-Steal-Syndrom

Subclavian-Steal-Syndrom ist die Bezeichnung für ein anormales Durchblutungsmuster, das durch eine Verengung der Schultergürtelarterie (Arteria subclavia) am Hals verursacht wird.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiemann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist das Subclavian-Steal-Syndrom?

Halsschlagadern
Halsschlagadern

Subclavian-Steal-Syndrom ist die Bezeichnung für ein anomales Durchblutungsmuster, das durch eine Verengung der Schultergürtelarterie (Arteria subclavia) am Hals verursacht wird. Arterie ist die Bezeichnung für die Adern, die sauerstoffreiches Blut in den Körper leiten. Von der Schultergürtelarterie führt ein Arterienabzweig in die gleiche Seite des Gehirns (Arteria vertebralis), die restliche Arterie setzt sich in den Arm auf der entsprechenden Seite fort.

Die verengungsbedingte Blockierung der Durchblutung am Hals kann dazu führen, dass das Blut in der Arteria vertebralis in die falsche Richtung strömt (also vom Hirn weg). Das wiederum führt dazu, dass Blut aus dem Hirn „angezapft“ bzw. „gestohlen“ wird. Dies kann Durchblutungsstörungen des Gehirns bedingen, die sich wie eine „TIA“, eine Vorform des Schlaganfalls, anfühlen. Die Erkrankung kann Symptome wie Episoden mit akutem Schwindel und Schmerzen und Beschwerden im Arm bei Bewegung verursachen.

Das Subclavian-Steal-Syndrom ist nicht sehr häufig, aber auch keine seltene Erkrankung. Es tritt meist bei Personen über 50 Jahren auf und ist bei Männern etwas häufiger als bei Frauen. Die Erkrankung ist in der linken Arteria subclavia drei- bis viermal häufiger als rechts. Ungefähr 1 % der Bevölkerung kann am Subclavian-Steal-Syndrom erkranken, aber nur 5 % der Betroffenen erleiden in der Folge auch TIA-Symptome.

Ursache

In den Industrieländern ist Arteriosklerose die vorherrschende Ursache für das Subclavian-Steal-Syndrom. Eine zunehmende Arteriosklerose führt mit den Jahren eine allmähliche Verschlechterung der Durchblutungsveränderungen mit sich. Seltenere Ursachen für das Subclavian-Steal-Syndrom sind die sogenannte Takayasu-Arteriitis, Verletzungen nach einer Operation oder Bestrahlung, Tumoren in der Brusthöhle, Schäden an den Gefäßwänden und anatomische Anomalien.

Arteriosklerose

Eine Verengung der Schultergürtelarterie (Arteria subclavia) führt zu einem Blutdruckabfall in dem Teil der Arterie außerhalb des verengten Bereichs. Dies kann zu einem so starken Blutdruckabfall in der Arteria vertebralis führen, dass sie Blut aus anderen Arterien im Gehirn anzieht. Durch diese Veränderung des Durchblutungsmusters soll eine ausreichende Blutzufuhr zum Arm auf der entsprechenden Seite sichergestellt werden. Gleichzeitig wird dadurch aber die Blutversorgung des Gehirns verringert, was zu verschiedenen Symptomen führen kann. Normalerweise handelt es sich nicht um ein längeres Phänomen, sondern nur um anfallsartige, kurze Episoden.

Symptome

Verminderte Durchblutung des Großhirns, des Kleinhirns, des Sehzentrums im Gehirn oder des Arms auf der betroffenen Seite, was zu einer Reihe unterschiedlicher Symptome führen kann. Wenn das Gehirn nicht ausreichend mit Blut versorgt wird, kann es zu anfallsartigen Symptomen wie Schwindel, Sprachstörungen (Dysarthrie), unkontrollierten Bewegungen (Ataxie), Doppeltsehen, Sturzneigung und Sehstörungen in Form von vorübergehenden Gesichtsfeldausfällen kommen. Häufig kompensiert eine zusätzliche Blutzufuhr aus anderen Arterien den Blutdruckabfall, sodass keine besonderen Symptome auftreten.

Symptome aufgrund der geringeren Durchblutung des Arms sind weniger häufig als die mit dem Gehirn zusammenhängenden Symptome. Ein Durchblutungsmangel im Arm kann sich als Schwäche, Schmerzen bei der Anwendung des Arms und Kribbeln oder Stechen sowie ein Kältegefühl im Arm äußern. Die Symptome werden in bestimmten Fällen durch Muskelarbeit im Arm oder durch eine schnelle Drehung des Kopfes in Richtung der betroffenen Seite hervorgerufen. In Berufen, bei denen viele Tätigkeiten mit den Armen über Schulterhöhe ausgeführt werden, können die Symptome also besonders deutlich sein.

Diagnostik

Manchmal begründen die Symptome einen Verdacht auf die Erkrankung, die Diagnose wird aber häufig nicht gestellt, weil es sich um ein vergleichsweise seltenes Syndrom handelt. Bei einer Blutdruckmessung beider Arme ergibt sich ein niedrigerer Blutdruck auf der betroffenen Seite, und häufig ist der Puls am Handgelenk des entsprechenden Arms schwach oder nicht spürbar. Beim Abhören mit dem Stethoskop lässt sich ein typisches Strömungsgeräusch über dem verengten Bereich hören.

Bei einem Verdacht auf diese Erkrankung können mit einer Ultraschalluntersuchung die Durchblutungsveränderungen durch das Subclavian-Steal-Syndrom relativ einfach direkt oder indirekt nachgewiesen werden. Mit einer Computertomografie (CT) oder einer Magnetresonanztomografie (MRT) in Kombination mit einem in die Blutbahn injizierten Kontrastmittel lässt sich die Verengung ebenfalls nachweisen.

Therapie

Die Diagnose und Therapie des Subclavian-Steal-Syndroms erfolgt interdisziplinär unter Beteiligung von Neurologen, Gefäßchirurgen und Radiologen. Falls sich bei Betroffenen keine oder nur geringe Symptome zeigen, wird eine nicht-operative Behandlung emfohlen, unabhängig vom Ausmaß der Durchblutungsveränderungen in der Arteria vertebralis. Diese nicht-operative Behandlung besteht normalerweise in einer Verminderung der Risikofaktoren für Arteriosklerose durch eine medikamentöse Behandlung von Bluthochdruck, Diabetes und erhöhten Cholesterinwerte sowie Verhaltensänderungen, z. B. einer Raucherentwöhnung. Diese vorbeugenden Maßnahmen sind auf jeden Fall vorteilhaft, weil sie das Risiko für Schlaganfall, koronare Herzkrankheit und Gefäßkrankheiten der Beine verringern.

Bei ausgeprägten und beschwerlichen Symptomen muss beurteilt werden, ob möglicherweise eine Operation mit einer Weitung der verengten Partien des Blutgefäßes erfolgen sollte. Inzwischen erfolgt eine solche Operation meist durch ein „Abschälen“ des Gefäßes von innen und das Einsetzen einer Verstärkung (Stent) in den verengten Bereich des Gefäßes. Dieser Eingriff wird als endovaskuläre Stentimplantation bezeichnet. Die Ergebnisse der operativen Therapie beim Subclavian-Steal-Syndrom sind im Allgemeinen gut, die Wahl der jeweils geeigneten Therapieform sollte aber immer auf den individuellen Gegebenheiten beruhen.

Prognose

Einzeln betrachtet stellt das Subclavian-Steal-Syndrom kein wesentliches Risiko für eine Hirnschädigung, einen Schlaganfall oder den Tod dar. Das Studienmaterial ist allerdings nicht ausreichend.

Nicht außer Acht gelassen darf allerdings, dass bei den meisten Patienten mit Subclavian-Steal-Syndrom ein erheblich erhöhtes Risiko für andere Erkrankungen und für den Tod infolge einer ausgedehnten Arteriosklerose, vor allem durch Schlaganfall und Herzinfarkt, besteht.

In einer Kontrollstudie operierter Patienten, bei denen eine hochgradige Verengung der Arteria subclavia vorlag, wurde für 74 % der 90 Patienten, die vor dem Eingriff Symptome hatten, eine vollständige Symptomlinderung berichtet, während sich bei den restlichen 26 % zumindest eine wesentliche Verbesserung ergab.

Verlaufskontrolle

Patienten mit einer Veränderung des Durchblutungsmusters im System der Schultergürtelarterie erhalten das Angebot für Kontrollen mit einer Ultraschalluntersuchung der Halsgefäße. Wenn neue oder stärkere Symptome auftreten oder sich stärkere Durchblutungsveränderungen ergeben, kann unter Umständen eine Neubewertung erfolgen, ob eine Operation infrage kommt.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Subclavian-Steal-Syndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Bayat I. Subclavian steal syndrome. emedicine.medscape, 19.11.2015. emedicine.medscape.com
  2. Thomassen L, Aarli JA. Subclavian steal phenomenon. Clinical and hemodynamic aspects. Acta Neurol Scand 1994; 90: 241-4. PubMed
  3. Chan Tack KM. Subclavian steal syndrome. South Med J 2001; 94: 445-7. PubMed
  4. Hillock RJ, Smyth DW. A case of coronary-subclavian steal syndrom. Heart Lung Circ 2004; 13: 421-2. PubMed
  5. Buckenham TM, Wright IA. Ultrasound of the extracranial vertebral artery. Br J Radiol 2004; 77: 15-20. British Journal of Radiology
  6. Grant EG, El-Saden SM, Madrazo BL et al. Innominate artery occlusive disease: sonographic findings. Am J Roentgenol 2006; 186: 394-400. PubMed
  7. Kliewer MA, Hertzberg BS, Kim DH et al. Vertebral artery Doppler waveform changes indicating subclavian steal physiology. AJR Am J Roentgenol 2000; 174: 815-9. PubMed
  8. Perkins JM, Magee TR, Hands LJ. The long-term outcome after axillo-axillary bypass grafting for proximal subclavian artery disease. Eur J Vasc Surg 2000; 19: 52-5. PubMed
  9. De Vries JP, Jager LC, van den Berg JC. Durability of percutaneous transluminal angioplasty for obstructive lesions of proximal subclavian artery: long term results. J Vasc Surg 2005; 41: 19-23. PubMed
  10. Bates MC, Broce M, Lavigne PS et al. Subclavian artery stenting: factors influencing long-term outcome. Catheter Cardiovasc Interv 2004; 61: 5-11. PubMed
  11. Woo EY, Fairman RM, Velazquez OC. Endovascular therapy of symptomatic innominate-subclavian arterial occlusive lesions. Vasc Endovasc Surg 2006; 40: 27-33. PubMed
  12. AbuRahma AF, Robinson PA, Jennings TG. Carotid-subclavian artery bypass grafting with PTFE-grafts for symptomatic subclavian artery stenosis or occlusion: 20-year experience. J Vasc Surg 2000; 32: 411-8. PubMed