Aorteninsuffizienz

Bei der Aorten(klappen)insuffizienz schließt die Aortenklappe nicht dicht. So kommt es zu einem Rückfluss von Blut aus der Hauptschlagader (Aorta) ins Herz, welches hierdurch belastet wird.

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Was ist eine Aorteninsuffizienz?

Die Hauptschlagader (Aorta) führt das Blut vom Herzen weg in den Körper. Zieht sich das Herz zusammen (Kontraktion), wird Blut in die Aorta gepumpt und von dort durch die weiteren Arterien durch den Körper geleitet (Systole) - dies spüren wir als Pulsschlag. Nach einer Kontraktion entspannt sich das Herz (Diastole), damit es wieder neu gefüllt werden kann mit nachströmendem Blut aus den Lungenvenen. Damit das Blut aus der Aorta nicht zurück ins Herz fließt, ist am Übergang eine Klappe, die Aortenklappe, welche sich bei Entspannung des Herzens automatisch verschließt. Die Klappe funktioniert somit wie ein Ventil - Blut kann nur in einer Richtung, nämlich vom Herzen Richtung Aorta, passieren, nicht jedoch umgekehrt.

Wenn diese Klappe nicht mehr dicht schließt, kommt es zu einem Rückfluss aus der Aorta ins Herz. Dieser Zustand wird als Aorteninsuffizienz oder Aortenklappeninsuffizienz bezeichnet.

Aorteninsuffizienz
Aorteninsuffizienz

In diesem Fall arbeitet das Herz ineffizient, denn ein Teil des Blutes muss mehrmals herausgepumpt werden. Es verursucht sich, an die zusätzliche Belastung anzupassen und vergrößert sich. Deshalb kann eine Aorteninsuffizienz lange Zeit unentdeckt bleiben. Bei weiterem Fortschreiten wird das Herz zunehmend überlastet - das Blut staut sich zurück in die Lungenvenen, während andere Organe des Körpers nicht mehr genügend sauerstoffreiches Blut erhalten.

Ursache

Häufigste Ursache für die Undichtigkeit der Aortenklappe ist ihre Alterung und die Aufdehnung der Aorta im Rahmen einer Arteriosklerose ("Verkalkung" der Arterien). Gehäuft tritt sie auch bei Patienten mit Bluthochdruck auf. Mögliche weitere Ursachen sind angeborene Bindegewebsschwächen wie das Marfan-Syndrom oder rheumatische Erkrankungen wie Gefäßentzündungen (Vaskulitis). Auch eine bakterielle Klappeninfektion (Endokarditis) im Rahmen eines fieberhaften Infekts kann eine Aorteninsuffizienz auslösen. Früher war außerdem rheumatisches Fieber eine häufige Ursache. Durch die Behandlung von durch Streptokokken ausgelösten Atemwegsinfekten mit Antibiotika ist dies in westlichen Ländern mittlerweile selten geworden.

Bei einigen Patienten liegt der Aorteninsuffizienz ein angeborener Herzfehler zugrunde. Auch bestimmte Klappenfehlbildungen, die zunächst keine Beschwerden verursachen, erhöhen auf lange Zeit gesehen das Risiko.

Symptome

Da das Herz eine gewisse Undichtigkeit der Klappe kompensieren kann, treten oft lange Zeit keine Beschwerden auf. Wenn das Herz schließlich überlastet ist, so sind die Anzeichen zunächst oft dezent: Eine Abnahme der Leistungsfähigkeit, unangenehmes Herzklopfen, Atemnot und Brustschmerzen bei Belastung können auftreten. Ist die Krankheit weit fortgeschritten, können alle Anzeichen einer Herzschwäche (Herzinsuffizienz), wie Luftnot in Ruhe und fehlende körperliche Belastbarkeit auftreten. Unter Umständen führen die Beschwerden zu einem Fahrverbot, um eine Gefährdung im Straßenverkehr zu vermeiden.

Diagnose

Wichtige Hinweise für die Diagnose liefert oft die körperliche Untersuchung. Der Blutrückfluss zum Herzen sorgt für ein charakteristisches Geräusch, welches beim Abhorchen mit dem Stethoskop (Auskultation) wahrgenommen werden kann. Weitere Anzeichen können auf eine Aorteninsuffizienz hinweisen, wie die Blutdruckmessung, in welcher die beiden Werte weit auseinander liegen (große Blutdruckamplitude mit hohem systolischen und niedrigem diatolischen Wert).

Die Diagnose wird sicher gestellt durch eine Ultraschalluntersuchung (Echokardiografie) des Herzens. Mit dieser wird ein Bild des Herzens erzeugt, wodurch seine Größe und Bewegungen beurteilt werden. Bei der Untersuchung positioniert der Kardiologe ein kleines Gerät (Schallkopf) auf der Brust oder dem Bauch des Patienten. Dieses sendet Schallwellen aus, die so hoch sind, dass sie vom menschlichen Ohr nicht wahrgenommen werden können. Ein Teil dieser Wellen wird vom Gewebe reflektiert, vom Schallkopf gemessen und zu einem Bild umgerechnet.
Mithilfe der Echokardiografie lässt sich die Herzfunktion gut beurteilen und der Blutrückfluss kann gemessen werden beziehungsweise eine Aorteninsuffizienz kann sicher ausgeschlossen werden. Die Untersuchung ist schmerzlos und ungefährlich. Da lediglich Schall verwendet wird, wird der Patient keiner Strahlung ausgesetzt.

Ist eine Operation geplant, so sind weitere Untersuchungen notwendig, wie eine Herzkatheter-Untersuchung, um eine koronare Herzkrankheit auszuschließen. 

Therapie

Arbeitet der Herzmuskel über eine längere Zeit unter einer erhöhten Belastung, wächst und vergrößert er sich, ähnlich wie andere Muskeln im Körper. Zunächst steigert sich so die Pumpleistung des Herzens. Schließlich wird das Herz jedoch überdehnt - der Herzmuskel wird geschädigt und seine Leistung nimmt ab. Diese Schädigung kann unwiderruflich sein, so dass das Herz auch nach Korrektur der Aortenklappeninsuffizienz nicht zur ursprünglichen Leistungsfähigkeit zurückkehrt. 

Eine undichte Aortenklappe kann in einer Operation repariert oder gegen eine biologische (von Mensch oder Tier) oder mechanische (größtenteils aus Metall) Klappe ausgetauscht werden. Entscheidend dabei ist, den richtigen Zeitpunkt für die Operation zu wählen: Erfolgt diese zu spät, so ist das Herz schon unwiderruflich geschädigt. Erfolgt sie andererseits zu früh, so ist die Operation überflüssig und der Patient ist unnötig dem Risiko einer Operation ausgesetzt.

Es handelt sich um eine große Operation, bei der der Patient in Narkose ist und der Brustkorb geöffnet werden muss. Das Herz wird während des Eingriffs in der Regel in einen künstlichen Stillstand versetzt und seine Funktion währenddessen durch eine Herz-Lungen-Maschine übernommen. In seltenen Fällen kann eine Klappe alternativ auch über einen Katheter über die Leiste eingesetzt werden.

Bei starken Beschwerden werden, wie bei der Herzschwäche (Herzinsuffizienz), Medikamente eingesetzt, die das Herz antlasten sollen. Es gibt jedoch keine Belege, dass diese ein Fortschreiten der Erkrankung verhindern oder die Prognose für den Patienten verbessern.

Der Patient sollte im Rahmen seiner Möglichkeiten körperlich aktiv bleiben. Intensive körperliche Anstrengungen wie Leistungssport sollten jedoch vermieden werden.

Prognose

Eine Aorteninsuffizienz versursacht oft viele Jahre lang keine Beschwerden und erfordert in diesen Fällen auch meist keine Behandlung. Treten Beschwerden auf, so ist eine genaue Beobachtung sinnvoll, da sich die Herzfunktion rapide verschlechtern kann. Durch eine Operation kann die Undichtigkeit der Klappe behoben und der Patient geheilt werden. Entscheidend ist die Wahl des richtigen Zeitpunktes für die Operation, um eine unwiderrufliche Schädigung des Herzens zu verhindern.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Dietrich August, Arzt, Freiburg im Breisgau
  • Thomas Fühner, PD Dr. med., Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie, Hannover

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Aortenklappeninsuffizienz. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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