Sick-Sinus-Syndrom

Sick-Sinus-Syndrom bezeichnet mehrere Erkrankungen, bei denen der Sinusknoten nicht richtig funktioniert. Der Sinusknoten im Herzmuskel besteht aus spezialisierten Muskelzellen, die den Herzschlag initiieren. Eine Störung hat also zur Folge, dass das Herz zu langsam oder zu schnell oder unregelmäßíg schlägt.

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Was ist der Sinusknoten?

Das Herz besteht aus vier Kammern, zwei Vorhöfen (Atrien) und zwei Herzkammern (Ventrikel). Im rechten Vorhof befindet sich der Sinusknoten. Der Sinusknoten ist der natürliche „Herzschrittmacher“ des Herzens. Hier befinden sich spezialisierte Herzmuskelzellen, die elektrische Impulse auslösen können (etwa 60- bis 70-mal pro Minute in Ruhephasen), die sich im Herz über elektrische Leitungsbahnen ausbreiten. Kommt der elektrische Impuls in den Vorhöfen und gleich anschließend in den Herzkammern an, so kontrahieren diese (d. h. der Muskel zieht sich zusammen) und Blut wird in den Blutkreislauf gepumpt. Diese Muskelkontraktion bemerkt man in Ruhe in der Regel nicht, sie kann aber bei Angst oder großer körperlicher Anstrengung als „Herzschlag" im Brustkorb zu spüren sein. Die aus der Herzaktion entstehende Druckwelle des Bluts ist an der Arterie am Handgelenk als Puls zu tasten.

Der Sinusknoten sorgt dafür, dass die Herzfrequenz stabil ist. Die spezialisierten Zellen werden wiederum von zwei wichtigen Nervensystemen reguliert, dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Grob gesagt, regulieren diese Nerven unabhängig von Signalen aus dem Gehirn selbstständig die wichtigsten Organfunktionen, um den Körper an verschiedene Situationen anzupassen. Der Sympathikus ist zuständig für die Anpassung an körperliche Leistung (ursprünglich Flucht/Kampf) und sorgt für einen schnelleren Puls, schnelle Atmung, gut durchblutete Muskeln. Der Parasympathikus bewirkt das Gegenteil: In Ruhephasen reduziert er Pulsfrequenz und Atmung und fördert die Verdauung. Unter Mitwirkung dieser beiden Nervensysteme kann der Sinusknoten also, falls erforderlich, die Herzfrequenz und damit den Puls reduzieren oder erhöhen, z. B. bei körperlicher Anstrengung.

Häufigkeit und mögliche Ursachen

Sick-Sinus-Syndrom (Syndrom des kranken Sinusknotens) bezeichnet mehrere Erkrankungen, bei denen der Sinusknoten nicht richtig funktioniert. Dies hat zur Folge, dass die Herzfrequenz zu langsam, zu schnell oder unregelmäßig (also phasenweise zu langsam, dann wieder zu schnell) ist.

Es gibt nur wenige Studien zur Häufigkeit dieses Syndroms, aber grundsätzlich betrifft das Sick-Sinus-Syndrom Männer und Frauen gleich häufig und kommt mit steigendem Alter immer öfter vor. Bei über 45-Jährigen ist mit etwa 1 Betroffenen pro 1.000 Einwohnern zu rechnen, bei über 65-Jährigen schon mit 1 Betroffenen pro 600 Einwohnern. Grund hierfür ist, dass im Bereich des Sinusknotens neben den speziellen Muskelzellen auch Nervenzellen, kleine Blutgefäße und Bindegewebe vorkommen. Mit dem Alter wird das Bindegewebe fester und ganz allgemein kommt es zur Gewebsalterung und -schädigung.

Wie jedes andere Gewebe auch, kann der Sinusknoten darüber hinaus auch infolge von Durchblutungsstörungen, Infektionen oder entzündlichen Krankheiten im Bereich des Herzmuskels oder Krankheiten, die verschiedene Organe inklusive das Herz betreffen, geschädigt werden. Weitere mögliche Ursachen für eine Funktionsstörung des Sinusknotens sind Störungen der Natrium-/Kaliumkonzentration im Blut (da diese Ionen für die Weiterleitung der elektrischen Impulse nötig sind), Schilddrüsenunterfunktion, Unterkühlung, Sauerstoffmangel oder auch verschiedene Medikamente und Drogen/Gifte. Ein Sick-Sinus-Syndrom kann daher grundsätzlich in jedem Alter auftreten.

Personen, die bereits an bestimmten Krankheiten leiden, erkranken häufiger als andere am Sick-Sinus-Syndrom; dazu gehören u. a. Bluthochdruck, andere Herzrhythmusstörungen oder Erkrankungen des Herzmuskels und der Gefäße (etwa Herzinfarkt in der Vorgeschichte). 

Diagnostik

Einige Menschen mit Sick-Sinus-Syndrom sind symptomfrei oder weisen nur leichte Beschwerden auf. Während ein zu schneller Herzschlag eher nicht zu wirklichen Beschwerden führt, kann ein zu langsamer Herzschlag deutliche Symptome verursachen, weil es zur verringerten Durchblutung und damit Sauerstoffversorgung der Organe kommt. Daher können die Betroffenen wiederkehrend, vorübergehend oder ständig an folgenden Symptome leiden (Beispiele):

  • Das Gefühl, dass das Herz unregelmäßig schlägt, oder dass es zu schnell oder zu langsam schlägt. Durch Zählen des Pulses können Sie feststellen, ob der Puls in Ruhe langsamer oder schneller ist als bei anderen Personen üblich.
  • Wiederholte Episoden, in denen Sie sich schwach fühlen oder tatsächlich ohne erkennbaren Grund in Ohnmacht fallen.
  • Schwindel, vorübergehende Sehstörungen (Schwarzwerden vor Augen)
  • Konzentrationsstörungen, schnelle Ermüdbarkeit, Apathie, Reizbarkeit
  • Schmerzen in der Brust oder Kurzatmigkeit.

Ihr Arzt kann das Sick-Sinus-Syndrom durch Untersuchungen nachweisen. Besonders wichtig ist hier die Durchführung eines EKGs, einem Elektrokardiogramm. Das EKG zeigt die elektrische Aktivität des Herzens und kann die Herzrhythmus-Störungen, die typisch für das Sick-Sinus-Syndrom sind, nachweisen. Oft ist es jedoch so, dass die Rhythmusstörungen nur gelegentlich auftreten. Sie können also im Idealfall zwar zufällig im normalen Ruhe-EKG erfasst werden. Um diese Rhythmusstörungen aber genauer nachzuweisen, ist es aber notwendig, dass ein 24-Stunden-EKG aufgezeichnet wird (Langzeit-EKG). Ein entsprechendes Gerät können Sie am Körper im Alltag tragen. Gelegentlich ist auch eine Aufzeichnung über 7 Tage oder auch mehrmals in bestimmten Abständen nötig. Oft werden Sie während der Aufzeichnung gebeten aufzuschreiben, wann Ihnen eventuell übel oder schwindelig wird oder Sie andere Auffälligkeiten (etwa starkes Herzklopfen) bemerken. Bei der Auswertung werden die Ärzte dann sehen können, ob sich Ihre Beschwerden unter Umständen mit den Rhythmusstörungen auf der EKG-Aufzeichnung decken.

Andere Erkrankungen können ebenfalls das Sick-Sinus-Syndrom verursachen. Daher wird der Arzt Sie sehr sorgfältig untersuchen, um die eigentlichen Ursachen nachzuweisen. Anhand einer Blutuntersuchung lassen sich z. B. Veränderungen von Kalium und Natrium oder auch erhöhte Konzentrationen von herzschädigenden Medikamenten nachweisen. Zur genaueren Untersuchung des Herzens kommen ein Belastungs-EKG, eine MRT und eine Ultraschalluntersuchung (Echokardiografie) oder auch eine Koronarangiografie zur Darstellung der Herzkranzgefäße infrage.

Behandlung

Die Therapie hat zum Ziel, die Beschwerden zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und möglichen Komplikationen durch die Rhythmusstörungen vorzubeugen.

Hat die Untersuchung als Ursache für die Symptome die Nebenwirkung bestimmter Medikamente oder Störungen der Natrium-/Kaliumwerte im Blut oder andere therapierbare Störungen ergeben, werden diese zunächst entsprechend behandelt. Falls Durchblutungsstörungen des Herzmuskels vorliegen (koronare Herzkrankheit, Angina pectoris, Herzinfarkt), dann werden diese ebenfalls zunächst behandelt, entweder mithilfe von Medikamente oder einer Operation an den Herzkranzgefäßen (Stent, Bypass). Häufig sind damit auch die Herzrhythmusstörungen geheilt. 

Ist dies keine Option oder führt nicht zum Erfolg, und leiden Sie weiterhin an Beschwerden, wird der Arzt mit Ihnen überlegen, ob ein Herzschrittmacher infrage kommt. Ein Herzschrittmacher besteht aus einer kleinen Elektrode, die an der Herzinnenseite angebracht wird, und die mit einer Batterie in Verbindung steht. Die Batterie wird unter die Haut im Bereich des Brustkorbs eingesetzt. Herzschrittmacher ersetzen sozusagen den erkrankten Sinusknoten und senden dem Herz Signale, die es dazu bringen, regelmäßig zu pumpen. Es kann auch sinnvoll sein, zusätzlich zum Herzschrittmacher Medikamente zu verabreichen, wenn Ihr Herz weiterhin manchmal zu schnell schlägt. Herzschrittmacher gibt es in verschiedenen Ausführungen und diese lassen sich sehr individuell auf die jeweiligen Bedürfnisse des Patienten programmieren. Auch Art und Dosierung der evtl. sinnvollen Medikamente wird der Arzt ganz individuell für Sie auswählen.

Das Sick-Sinus-Syndrom birgt ein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern. Patienten, bei denen Vorhofflimmern festgestellt wird, wird empfohlen, Blutverdünner einzunehmen, um das Risiko für ein Blutgerinnsel im Vorhof zu senken. Solche Blutgerinnsel können nämlich Auslöser eines Schlaganfalls sein.

Verlauf und Komplikationen

Durch die Herzrhythmusstörungen kann es neben den oben genannten teilweise gefährlichen Symptomen (Ohnmacht) mit der Zeit zu einer Herzmuskelschwäche kommen. Es ist auch eine völlige Blockade der Signalweiterleitung zwischen Vorhöfen und Kammern möglich (AV-Block); weitere Komplikationen sind Vorhofflimmern/-flattern. Unbehandelt kann, wie oben beschrieben, ein Blutgerinnsel mit Embolie und Schlaganfall die Folge sein. Auch die Implantation eines Herzschrittmachers birgt mögliche Probleme (Infektion, Funktionsstörung), die gegen den erwartbaren Nutzen abzuwägen sind. Ohne Therapie nehmen jedoch die Symptome bei den meisten Patienten mit Sick-Sinus-Syndrom immer weiter zu, daher ist eine Therapie wichtig.

Wie alle Herzrhythmusstörungen, die zu Beschwerden führen, kann auch das Sick-Sinus-Syndrom möglicherweise Ihre Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen (wegen plötzlicher Schwindelanfälle etc.). Daher wird der Arzt mit Ihnen besprechen, ob Sie weiterhin selbst Auto fahren dürfen oder dies ggf. für eine Zeit lang oder dauerhaft unterlassen müssen.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Sick-Sinus-Syndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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