Tachykardien

Als Tachykardie wird ein (zu) schneller Puls bezeichnet. Das heißt, es erfolgen mehr als 100 Schläge pro Minute in Ruhe.

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Was ist eine Arrhythmie?

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Herz, elektrisches Leitungssystem

Der Herzrhythmus wird von elektrischen Signalen gesteuert, die üblicherweise im rechten Herzvorhof entstehen (in spezialisierten Zellen des sogenannten Sinusknotens). Diese werden über die elektrischen Leitungsbahnen in der Herzmuskulatur zum AV-Knoten geleitet, der sich zwischen den Herzvorhöfen sowie den Herzkammern befindet. Anschließend gelangen diese Signale in die Herzkammern. Diese geordnete Weiterleitung der elektrischen Impulse sorgt für einen regulären Herzschlag, sodass der Herzmuskel sich regelmäßig kontrahiert und Blut in den Kreislauf pumpen kann. Zu Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien) kommt es, wenn keine elektrischen Impulse im Herzen gebildet werden oder diese nicht ordnungsgemäß weitergeleitet werden. Dies kann dazu führen, dass das Herz zu schnell, zu langsam oder unregelmäßig schlägt, was sich an einem unregelmäßigen Puls bemerkbar macht.

Arrhythmien werden anhand ihres Entstehungsorts im Herzen (Herzvorhof oder Herzkammern) und der Herzschlaggeschwindigkeit eingeteilt.

  • Als Tachykardie wird ein schneller Puls bezeichnet: Es erfolgen mehr als 100 Schläge pro Minute in Ruhe.
  • Eine Bradykardie liegt bei einem langsamen Puls vor, d. h. ein Ruhepuls von weniger als 60 Schläge pro Minute.

Nicht alle Tachykardien und Bradykardien sind krankhaft. Natürlich wird das Herz bei zunehmender körperlicher Belastung, etwa beim Sport, entsprechend schneller schlagen. Dies stellt sicher, dass sämtliche Gewebe ausreichend mit sauerstoffreichem Blut versorgt werden. Im Gegensatz dazu verzeichnen viele Sportler einen Ruhepuls von weniger als 60 Schlägen pro Minute, da ihr Herz sehr effektiv funktioniert (viel Blut mit einem Schlag pumpt). Auffällig ist daher nur ein Puls von >100 Schlägen/Minute in Ruhe; aber auch beim Sport sollten gewisse Pulsfrequenzen nicht überschritten werden.

Einteilung der Tachykardien

Vorhofflimmern

Sehr schnelle und unregelmäßige Kontraktionen der Herzvorhöfe sind die häufigste Arrhythmie. Dies wird als Vorhofflimmern bezeichnet (Vorhofflattern ist ähnlich, nur liegt die Frequenz etwas niedriger). Es tritt selten vor dem 60. Lebensjahr auf und ist bei 6–8 % der 70-Jährigen und 10 % der 80-Jährigen zu beobachten. Wegen der altersbedingten Herzveränderungen tritt diese Krankheit häufiger bei älteren Menschen auftritt.

In Verbindung mit dem Vorhofflimmern läuft die elektrische Aktivität in den Herzvorhöfen unkoordiniert ab. Die Herzvorhöfe schlagen schnell, d. h. 300–600 Schläge pro Minute und es scheint, als ob sie vibrieren (fibrillieren). Allerdings erreichen nicht alle Herzvorhofimpulse die Herzkammern. Der AV-Knoten zwischen Herzvorhof und Herzkammer funktioniert nämlich wie ein Filter und lässt nur einen Bruchteil der Impulse passieren. Trotzdem erreichen einige der schnellen zusätzlichen Impulse die Herzkammern, dort können sie dann eine Kontraktion auslösen. Nur diese Kontraktionen sind als Puls zu tasten: Bei Vorhofflimmern wird also der Puls deutlich langsamer sein, aber er kann sich doch auf 150 Schläge pro Minute oder mehr erhöhen. Darüber hinaus erreichen die Vorhofimpulse oft in unregelmäßigen Abständen die Herzkammern, was einen unregelmäßigen Puls bewirkt.

Das Vorhofflimmern kann als akuter Anfall auftreten und von einigen wenigen Minuten bis hin zu Stunden oder Tagen andauern, bevor das Herz wieder einen regelmäßigen Herzrhythmus (Sinusrhythmus) aufweist. Das Vorhofflimmern kann auch chronisch oder dauerhaft auftreten und ein anhaltendes Problem darstellen.

Nur selten handelt es sich beim Vorhofflimmern um eine lebensbedrohliche Arrhythmie. Es kann jedoch zu anderen ernsthaften Erkrankungen wie z. B. Schlaganfällen führen. Die Ursache dafür liegt darin, dass das Blut in einem flimmernden Vorhof kaum weiterfließt und sich in am Rand des Vorhofs im still stehenden Blut leicht Gerinnsel (Thromben) bilden können, die dann plötzlich mit dem Blutstrom mitgerissen werden können und dann z. B. eine kleine Arterie im Gehirn verstopfen.

Vorhofflattern

Vorhofflattern tritt seltener auf als Vorhofflimmern. Beide Arrhythmien ähneln sich jedoch. Es können auch beide Erkrankungen auftreten bzw. sich abwechseln. Der Hauptunterschied besteht darin, dass das Vorhofflattern als Arrhythmie rhythmischer und koordinierter mit 250–350 Schlägen pro Minute abläuft. In einigen Fällen ist es auch besser therapierbar als das Vorhofflimmern.

Supraventrikuläre Tachykardie („Herzrasen“)

Supraventrikuläre Tachykardie (SVT; auch Vorhoftachykardie genannt) lautet der gemeinsame Oberbegriff für verschiedene Typen von Arrhythmien, die in den Herzvorhöfen ihren Ursprung haben (supra = oberhalb, über dem Ventrikel). Eine SVT macht sich für gewöhnlich durch anfallsartig schnelle Herzschläge bemerkbar. Sie können plötzlich auftreten und enden sowie wenige Sekunden bis zu mehreren Tagen andauern. Sie beginnen häufig mit einer Extrasystole im Herzvorhof, die einen Rundlauf von Signalen initiiert. Eine SVT kann zu einem Puls von 140–200 Schlägen pro Minute führen. Selbst wenn dies bei einem ansonsten gesunden Herzen meist nicht lebensbedrohlich ist, kann dieses als Herzrasen bekannte Symptom als besonders stark empfunden werden.

Wolff-Parkinson-White-Syndrom (WPW-Syndrom)

WPW ist eine spezielle Ausprägung von SVT. Arrhythmien können in Ausnahmefällen familiär bedingt sein. Dies ist auf eine zusätzliche Leitungsbahn zwischen Herzvorhof und Herzkammer zurückzuführen, die parallel zum AV-Knoten besteht. Diese zusätzliche Leitungsbahn lässt die elektrischen Impulse schneller zwischen Herzvorhof und Herzkammer passieren als der AV-Knoten. Dadurch werden die Herzkammern zu früh erregt.

Kammertachykardie

Hierbei handelt es sich um einen schnellen, regelmäßigen Herzschlag, der von unnormalen elektrischen Impulsen verursacht wird, die in den Herzkammern selbst entstehen. Dies kann dazu führen, dass die Herzkammern mehr als 200-mal pro Minute kontrahieren (schlagen). Die meisten Kammertachykardien treten im Rahmen einer Herzerkrankung auf, bei der Vernarbungen oder eine geschädigte Kammermuskulatur infolge einer Koronarerkrankung (Angina pectoris oder Herzinfarkt) vorliegen. Eine kurzzeitige Kammertachykardie von bis zu 30 Sekunden ist meist ungefährlich. Dies hängt aber von der zugrunde liegenden Herzerkrankung ab. Eine anfallsweise Kammertachykardie kann ein Hinweis für eine Neigung zu ventrikulären Rhythmusstörungen sein, wie z. B. eine dauerhafte Kammertachykardie. Bei einer anfallsartigen Kammertachykardie handelt es sich um ein akutes Phänomen. Sie kann zu Herzklopfen, Schwindelgefühl, Ohnmacht und im schlimmsten Fall zum Tod führen. Ohne sofortige Therapie kann eine Kammertachykardie in ein Kammerflimmern übergehen (siehe unten).

In seltenen Fällen kann eine Kammertachykardie auch bei einem ansonsten gesunden Herzen auftreten. Dies ist weniger gravierend, doch der Zustand sollte ärztlich Seite abgeklärt werden.

Kammerflimmern

Schätzungsweise sind etwa 90 % der Fälle eines plötzlichen Herztods auf diese Arrhythmie zurückzuführen. Bei einem Kammerflimmern kommt es zu schnellen, chaotischen elektrischen Impulsen, die die Herzkammern vibrieren (fibrillieren) lassen, sodass sie kein Blut mehr pumpen können. Ohne effektive Herzschläge sinkt der Blutdruck sofort drastisch ab und die Blutversorgung lebenswichtiger Organe wie dem Gehirn ist nicht mehr gewährleistet. Die meisten Betroffenen werden innerhalb weniger Sekunden bewusstlos. Eine sofortige medizinische Hilfe in Form von Herz-Lungen-Wiederbelebung ist notwendig. Die Überlebenschancen erhöhen sich, wenn die Herz-Lungen-Wiederbelebung so lange fortgesetzt wird, bis eine Elektrokonversion per Defibrillator erfolgt, um den Herzrhythmus zu normalisieren. Ohne Herz-Lungen-Wiederbelebung und Defibrillator tritt innerhalb weniger Minuten der Tod ein. Ein Kammerflimmern wird häufig durch einen Herzinfarkt ausgelöst. Ein Kammerflimmern kann aber auch das erste Anzeichen für ein Herzproblem sein.

Long-QT-Syndrom

Das Long-QT-Syndrom ist entweder erworben oder vererbt. Bei älteren Menschen kann diese seltene Arrhythmie durch Medikamente oder eine Kombination von verschiedenen Arzneimitteln ausgelöst werden, die die die elektrische Funktion des Herzens beeinflussen. Seltener kommt es zum Long-QT-Syndrom durch Vererbung. Hier ist die Funktion der mikroskopisch kleinen Ionenkanäle auf der Herzzellenoberfläche gestört. Die QT-Zeit ist auf dem Elektrokardiogramm (EKG) für den Arzt erkennbar: Ist das QT-Intervall verlängert, kann ein Risiko für Herzrhythmusstörungen, Herzklopfen und Ohnmacht und auch für einen plötzlichen Herztod bestehen.

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Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Ventrikuläre Tachykardie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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