Ventrikuläre Tachykardie (VT, schneller Herzschlag)

Eine ventrikuläre Tachykardie ist durch drei oder mehr aufeinander folgende Herzschläge definiert, die im Ventrikel (Herzkammer) ausgelöst werden und die mehr als 100 Schlägen pro Minute entsprechen. Sie wird häufig als Komplikation aufgrund einer anderen Herzerkrankung angesehen.

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Was ist eine ventrikuläre Tachykardie?

Das Herz besteht aus zwei Vorhöfen und zwei Herzkammern (Ventrikel). Tachykardie bedeutet eine erhöhte Herzfrequenz (die übliche Herzfrequenz liegt zwischen etwa 60 und 80 Schlägen pro Minute, bei körperlicher Belastung auch höher). Der Herzschlag beginnt normalerweise mit einem elektrischen Impuls im rechten Vorhof, der sich über das Erregungsleitungssystem nach unten in die Herzkammern ausbreitet. Wenn der Impuls die Ventrikel erreicht, ziehen diese sich zusammen (Muskelkontraktion). Diese koordiniierten Muskelkontraktionen der Vorhöfe und Herzkammern führen dazu, dass das Blut im Körperkreislauf regelmäßig weitergepumpt wird.

Bei herzgesunden Menschen kann es durch große körperliche Anstrengung natürlich auch zu einem schnellen Herzschlag kommen, es werden leicht Frequenzen >100 Schläge/Minute erreicht. Diese Herzkontraktionen sind aber im Vorhof (supraventrikulär) initiiert und entsprechen der Anpassung des Körpers an die aktuelle Erfordernis (Sport). 

Ein elektrischer Impuls kann jedoch auch an anderer Stelle im Leitungssystem auftreten. Wenn er in den Herzkammern auftritt, wird die nachfolgende Kontraktion der Herzkammern als ventrikulärer Schlag (Zusatzsystolen, Extrasystolen) bezeichnet. Die ventrikuläre Tachykardie wird definiert als drei oder mehr aufeinanderfolgende ventrikuläre Schläge mit einer Frequenz von mehr als 100 Schlägen pro Minute. Häufig liegt die Puls- / Herzfrequenz dann im Bereich von 120 bis 220 Schlägen pro Minute. Ventrikuläre Tachykardien werden in nichtanhaltende (weniger als 30 Sekunden) und anhaltende (mehr als 30 Sekunden) Tachykardien unterteilt. Zudem wird unterteilt, ob die schnellen Herzschläge regelmäßig sind oder unregelmäßig (Arrhythmie).

Kurze Episoden von Kammertachykardien treten häufig in den ersten 48 Stunden nach einem Herzinfarkt auf. Ventrikuläre Extrasystolen (vereinzelte Extraschläge) sind für sich betrachtet ein allgemeines Phänomen, das in der Regel nicht behandelt werden muss. eine anhaltende ventrikuläre Tachykardie ist häufig die Ursache für einen plötzlichen Herztod.

Ursachen

Kurze Phasen einer ventrikulären Tachykardie können als Herzerkrankungen mit verminderter Durchblutung des Herzmuskels betrachtet werden. Es steht besonders häufig in Verbindung mit einem Herzinfarkt. Andere Ursachen können eine Erkrankung des Herzmuskels, Nebenwirkungen von Medikamenten gegen Herzrhythmusstörungen, Entzündung des Herzmuskels, Vergiftungen oder Drogenkonsum sein. Auch bei eigentlich gesundem Herzmuskel können kurze Phasen einer ventrikulären Tachykardie vorkommen.

Weitere auslösende Faktoren sind Herzinsuffizienz, eine niedrige Sauerstoffversorgung, Infektionen und Störungen des Kaliumspiegels oder Magnesiumspiegels im Blut.

Symptome und Diagnostik

Herzklopfen, Atemnot, Schmerzen in der Brust, Schwindel, Ohnmachtsanfälle und Episoden nahe einer Ohnmacht sind mögliche Symptome bei ventrikulärer Tachykardie. Angaben zu einem früheren Herzinfarkt oder andere Herzmuskelerkrankungen erhärten die Verdachtsdiagnose. Allerdings zeigen manche Patienten auch kaum Beschwerden, wenn die Tachykardie nur kurz anhält.

Medikamenten- und Alkoholkonsum kann die Erkrankung auch auslösen. Alkohol ist für das Herz giftig und kann Schäden am Herzmuskel zur Folge haben, die eine ventrikuläre Tachykardie auslösen. Viele Medikamente, die auf das Herz einwirken, können bestimmte Formen der ventrikulären Tachykardie verursachen und/oder verschlimmern.

Bei der Untersuchung wird der Arzt beim wachen ansprechbaren Patienten den Puls fühlen, das Herz abhören, den Blutdruck messen und möglichst schnell ein EKG ableiten. Hier lassen sich viele wichtige Informationen über die Herzfrequenz, den Entstehungsort der Herzkontraktionen, den Herzrhythmus und darüber erhalten, ob die elektrischen Signale im Herzmuskel geordnet ablaufen oder Auffälligkeiten aufweisen.  

Liegt die Tachykardie schon etwas länger vor, ist möglicherweise bereits die Kreislaufsituation des Patienten etwas oder deutlich beeinträchtig. Es kann sich auch als Schock – Schläfrigkeit, kalte und feuchtkalte Hände und Füße, verminderte Urinproduktion – zeigen. Möglicherweise ist es zum Lungenödem gekommen, also einer vermehrten Ansammlung von Flüssigkeit im Lungengewebe mit der Folge von Atemnot.

Kammerflimmern ist eine lebensbedrohliche pulslose Herzrhythmusstörung, bei der in den Herzkammern ungeordnete Erregungen ablaufen und der Herzmuskel sich nicht mehr geordnet kontrahiert. Unbehandelt führt das Kammerflimmern wegen der fehlenden Pumpleistung des Herzens unmittelbar zum Tode. Der Patient erleidet einen Kreislaufzusammenbruch und verliert das Bewusstsein innerhalb weniger Sekunden.

Andere Untersuchungen

Blutuntersuchungen nach einem möglichen Herzinfarkt können wichtige Informationen liefern. Die Kalium- und Magnesium-Werte sowie der Spiegel von eventuellen Medikamenten im Blut wird ebenfalls gemessen und überprüft.

Spezialuntersuchungen, die in Betracht gezogen werden können, sind Ultraschall-Untersuchungen des Herzens und eine Röntgen-Darstellung der Herzkranzgefäße mittels einer Kontrastmittelinjektion. Auch ein CT oder MRT des Herzens kann angezeigt sein. In speziellen, sog. elektrophysiologischen Untersuchungen lässt sich der Ablauf der elektrischen Signale im Herzmuskel und der darauf folgenden Kontraktionen noch genauer darstellen.

Behandlung

Die Behandlung zielt darauf ab, Episoden ventrikulärer Tachykardien zu stoppen und neue zu verhindern. Akut geht es darum, den Patienten, falls nötig, zu stabilisieren, d. h. Kreislauffunktion und Sauerstoffversorgung sicherzustellen. 

Akute Ventrikuläre Tachykardie (VT)

Kurze Anfälle von ventrikulären Tachykardien im frühzeitigen Verlauf eines Herzinfarkts sind meist nicht behandlungsbedürftig. Ausnahmen sind eine ventrikuläre Tachykardie mit einer Dauer von über 30 Sekunden oder deutliche Arrhythmien.

Bei instabilem Kreislauf wird rasch eine sogenannte Elektrokonversion durchgeführt – eine gezielte Elektroschock-Abgabe zur Normalisierung von schnellen Herzrhythmusstörungen. Bei einem stabilen Kreislauf (der Patient hat kaum Beschwerden) wird mehr Zeit für die Diagnostik verwendet, bevor man eine Elektrokonversion durchführt, Medikamente verabreicht oder einen Herzschrittmacher einsetzt. Wenn ein akuter Myokardinfarkt vorliegt, wird ggf. eine sogenannte Perkutane transluminale koronare Angioplastie (PTCA) durchgeführt, d. h. verschlossene oder verengte Herzkranzgefäße werden wieder geöffnet oder erweitert. Wenn die Herzkranzgefäße schwerwiegende Veränderungen vorweisen, kann auch eine Bypass-Operation notwendig werden.

Vorbeugung einer ventrikulären Tachykardie

Ausschlaggebend für die Therapie ist, ob eine persistente oder nicht-persistente ventrikuläre Tachykardie vorliegt, wie gut oder schlecht die linke Herzkammer funktioniert, ob der Herzmuskel gut oder schlecht durchblutet ist, ob der Kreislauf bei einem Anfall beeinflusst ist oder ob ein akuter Myokardinfarkt vorliegt. Auch das Vorliegen von Begleitkrankheiten und der Allgemeinzustand des Patienten spielen eine Rolle. Im Falle schwerwiegender Symptome wird den meisten Patienten ein Defibrillator implantiert, der Stromstöße sendet, die eine anomale Erregungsbildung stoppen. Es kann notwendig sein, zusätzlich oder als alleinige Therapie Medikamente (Betablocker, Amiodaron) zu verabreichen, die der Neigung zu ventrikulärer Tachykardie entgegenwirken.

Kammerflimmern

Dies erfordert eine sofortige Defibrillation. Beim Kammerflimmern pumpt das Herz kein Blut mehr, weil die Kontraktionen zu schnell und zu schwach sind und der Zustand ist lebensbedrohlich.

Medikamentöse Behandlung

Mehrere Medikamente sind angezeigt: Zum Einsatz kommen Amiodaron, verschiedene Beta-Blocker, Ajmalin, Flecainid, Verapamil und andere Wirkstoffe.

Chirurgische Behandlung

Mögliche Eingriffe können eine Bypass-Operation an den Koronararterien sein (Annähen eines Blutgefäßes über ein Passagehindernis hinweg, sodass das Blut einen alternativen Weg nehmen kann); die Implantation eines automatischen Defibrillators (beendet ventrikuläre Tachykardien mittels Stromstöße); Entfernung möglicher Ventrikelaneurysmen; Entfernung anomaler elektrischer Leitungsfasern zwischen Vorhöfen und Ventrikel (Katheterablation).

Prognose

Eine ventrikuläre Tachykardie entsteht häufig als Folge eines früheren Myokardinfarkts oder aufgrund anderer Herzerkrankungen. Sie tritt oft erstmals in den ersten Monaten nach dem Infarkt auf, aber die Erkrankung kann sich auch einige Jahre später zeigen. Eine ventrikuläre Tachykardie kann sich zu Kammerflimmern entwickeln, das unbehandelt zum Tode führt.

Entscheidend für die Langzeitprognose ist die Funktion des linken Ventrikels. Ventrikuläre Tachykardien mit unbekannter Ursache treten gelegentlich bei jüngeren Patienten auf und haben eine gute Prognose. Ventrikuläre Tachykardien bei Patienten mit Herzgefäßerkrankungen, Herzklappenerkrankung oder Herzmuskelerkrankungen, weisen schlechtere Prognosen auf. Vorübergehende ventrikuläre Tachykardien, die früh im Verlauf eines akuten Myokardinfarkts auftreten, haben eine gute Prognose. Anhaltende ventrikuläre Tachykardien, die zu Komplikationen bei einer chronischen Herzerkrankung führen, haben eine schlechte Prognose, wenn sie unbehandelt bleiben.

Kammerflimmern im Zusammenhang mit einem Myokardinfarkt ist eine schwere Erkrankung mit drohender Lebensgefahr. Wenn solche Anfälle nicht von selbst nach einer kurzen Zeit vorübergehen, werden mittels Defibrillator Stromstöße gesetzt, um den Herzrhythmus zu normalisieren. Diese Komplikation ist einer der Hauptgründe, warum Patienten die ersten ein bis zwei Tage nach einem Myokardinfarkt auf der kardiovaskulären Station überwacht werden.

Weitere Informationen

Illustrationen

Das Erregungsleitungssystem des Herzens
Das Erregungsleitungssystem des Herzens

 

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Ventrikuläre Tachykardie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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