Alkohol und Herz- und Gefäßerkrankungen

Der regelmäßige Konsum von Alkohol in Maßen soll eine positive Wirkung auf das Risiko von Herzerkrankungen haben. Allerdings gibt es dafür keine überzeugenden Belege, wie Studien mit einer Gesamt-Teilnehmerzahl von fast 1 Million zeigen. Die Nachteile des übermäßigen Alkoholkonsums sind auf jeden Fall zu berücksichtigen.

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Beugt Alkohol Herz- und Gefäßerkrankungen vor?

Vor einigen Jahren stellten Forscher die Hypothese auf, dass Alkohol möglicherweise eine vorbeugende Wirkung gegen Herz- und Gefäßerkrankungen habe.1 Dies sollte insbesondere für die Krankheiten der Herzkranzgefäße (Koronararterien) gelten – Angina pectoris, Herzinfarkt, plötzlicher Herztod. Bisher gibt es jedoch keine eindeutige Antwort auf die Frage, ob dies wahr ist.

Sämtliche Studien, die darauf hinweisen, dass Alkohol möglicherweise eine präventive Wirkung hat, sind sogenannte Beobachtungsstudien. Dies bedeutet, dass man die Bevölkerung über viele Jahre hinsichtlich ihres Befindens beobachtet. Dabei wird die Bevölkerung in Gruppen unterteilt, z. B. in Bezug auf ihre Alkoholgewohnheiten: Diejenigen, die keinen Alkohol trinken, diejenigen, die wenig Alkohol trinken, diejenigen, die mäßig Alkohol trinken und diejenigen, die häufig oder viel Alkohol trinken. Bei einer Beobachtung der Teilnehmer über einen langen Zeitraum lassen sich so Unterschiede zwischen den Gruppen in Bezug auf das Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen ermitteln. Weil die Gruppen hinsichtlich ihres Alkoholkonsums derart eingeteilt wurden, lässt sich ableiten, ob etwa bei höherem Alkoholkonsum mehr oder weniger Herzkrankheiten auftreten. Für das jeweilige Ergebnis solcher Beobachtungsstudien  könnte der Alkohol ursächlich eine Rolle spielen, möglicherweise jedoch besteht nur ein zufälliger Zusammenhang und die eigentliche Ursache liegt woanders. 44 solcher Studien mit fast 1 Million Teilnehmer wurden 2012 zusammengefasst und aus der Fülle dieser Ergebnisse ein möglicher Zusammenhang neu berechnet. Diese sogenannte Metaanalyse erbrachte dann jedoch keinen Beleg für einen vorteilhaften Einfluss von Alkoholgenuss auf das Herz-Kreislauf-System.2

Es fehlen jedoch Studien mit einer anderen Struktur (sogenannte randomisierte kontrollierte Studien), die mit größerer Sicherheit zeigen könnten, ob Alkohol sich positiv auf die Gesundheit auswirkt oder ob dafür andere Aspekte verantwortlich sind.

Alkohol hat bekanntlich schädliche Auswirkungen

Je höher der Alkoholkonsum ist, desto größer ist insgesamt das Risiko für schädliche Nebenwirkungen. Chronischer Alkoholkonsum kann mit der Zeit den Herzmuskel (Myokard) schädigen, sodass das Herz geschwächt wird (Kardiomyopathie). Übermäßiger Alkoholkonsum kann auch Rhythmusstörungen des Herzmuskels (Arrhythmien, d. h. unregelmäßiger Herzschlag) auslösen. Diese treten dann häufig in Verbindung mit schwerer körperlicher Aktivität oder Stress auf und können einen plötzlichen Herztod auslösen. Mit übermäßigem Alkoholkonsum steigt auch das Risiko für Hirnblutungen, was auf die blutdrucksteigernde Wirkung des Alkohols zurückzuführen ist. Auf der anderen Seite hat ein moderater Alkoholkonsum möglicherweise eine schützende Wirkung gegen Schlaganfälle, die durch lokale Blutgerinnsel (Thrombosen) im Gehirn entstehen. Menschen mit Bluthochdruck (Hypertonie) wird zu einem mäßigen Genuss und einer gewissen Vorsicht im Umgang mit Alkohol geraten.

Einige Beobachtungen deuten darauf hin, dass insbesondere Rotwein gegen Herzkrankheiten schützt. Andere Ergebnisse legen wiederum die Vermutung nahe, dass möglicherweise keine Unterschiede in der Wirkung von Rotwein, Weißwein, Bier oder höher konzentriertem Alkohol vorliegen.

Empfohlene Grenzwerte

Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass Alkohol manchen Krankheiten der Blutgefäße vorbeugen kann, ist erhöhter Alkoholkonsum häufig die Ursache für eine Reihe anderer Erkrankungen, darunter verschiedene bösartige Tumore, schwere Leberkrankheiten sowie Erkrankungen des Gehirns. Insgesamt überwiegt das Risiko für Schädigungen bzw. Krankheiten bei Personen, die regelmäßig (zu) viel Alkohol trinken.

Richtwerte zum Alkoholkonsum, der wahrscheinlich keine ernsthaften schädlichen Effekte hat, sind in manchen Ländern unterschiedlich. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt: Man sollte täglich nicht mehr als 10 g reinen Alkohol (Frauen) bzw. 20 g (Männer) trinken. 20 g Alkohol entsprechen ca. 0,5 l Bier oder 0,25 l Sekt (oder Wein) oder 0,06 l Schnaps o. Ä.

Aktuell warnen Forscher jedoch3, dass auch solche Mengen möglicherweise schon gesundheitsschädlich sein könnten. Sie haben anhand der Daten von fast 600.000 Menschen aus unterschiedlichen Ländern (aus mehreren Studien) ausgerechnet, dass bereits „mäßiger" Alkoholkonsum statistisch gesehen das Leben verkürzt. Ab einer Menge von 100 g pro Woche steigt das Risiko, verfrüht zu sterben. Wer wöchentlich regelmäßig 350 g Alkohol trinkt, verkürzt seine Lebenserwartung laut der statistischen Berechnung um bis zu 5 Jahre, so die Forscher. Auch das Risiko für Schlaganfälle, tödliche Gefäßblutungen und Herzversagen stieg bei erhöhtem Alkoholkonsum in dieser Analyse deutlich an.

Insgesamt gilt also wahrscheinlich: Man ist gut beraten, nur wenig Alkohol zu trinken und an einigen Tagen pro Woche am besten auch ganz auf Alkohol zu verzichten. Wichtig ist aber natürlich auch der allgemeine Gesundheitszustand: Leidet eine Person bereits an einer chronischen Erkrankung der Leber, der Gefäße oder auch an Bluthochdruck, sollte sie entsprechend noch vorsichtiger mit dem Alkoholkonsum sein.

Weitere Informationen

 

Literatur

  1. Seutz HK. Wie viel Alkohol macht krank? Trägt Alkohol zur Gesundheit bei? Dtsch Arztebl 2000; 97(22): A-1538 / B-1311 / C-1226. www.aerzteblatt.de
  2. Roerecke M, Rehm J. The cardioprotective association of average alcohol consumption and ischaemic heart disease: a systematic review and meta-analysis. Addiction. 2012 Jul; 107(7): 1246–1260. Published online 2012 Mar 21. doi: 10.1111/j.1360-0443.2012.03780.x. www.ncbi.nlm.nih.gov
  3. Wood AW et al. Risk thresholds for alcohol consumption: combined analysis of individual-participant data on 599,912 current drinkers in 83 prospective studies. The Lancet 2018; 391 (10129): 1513-1523. www.ncbi.nlm.nih.gov

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen
  • Günter Ollenschläger, Prof. Dr. Dr. med., Internist, Uniklinikum Köln