Zivilisationskrankheiten

Zivilisationskrankheiten sind als Erkrankungen definiert, die im Zusammenhang mit dem modernen Lebensstil stehen, wie er in den Industrieländern weit verbreitet ist. Diese Erkrankungen beruhen einerseits darauf, dass die Menschen in den Industrieländern heute deutlich länger leben als früher, andererseits auf dem Lebensstil.

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Unter Zivilisationskrankheiten versteht man zusammenfassende Bezeichnung für funktionelle und organische Gesundheitsstörungen und Krankheitszustände, bei denen materielle wie ideelle Einflüsse der Zivilisation auf den Menschen von auslösender, begünstigender oder auch ursächlicher Bedeutung sind; die Skala dieser Einflüsse ist außerordentlich weit und reicht von den einfachsten Lebensbedingungen der Wohnung, Kleidung, Ernährung, Hygiene, Beleuchtung über die Arbeits- und Lebensgewohnheiten bis zu den Gegebenheiten des Zusammenlebens der Menschen und den nachteiligen Seiten der Technisierung wie unphysiologisch einseitige Belastung, ungenügende Abhärtung, Lärmeinfluss, Luftverunreinigung, Genussmittelmissbrauch, abnorme Betriebsamkeit des modernen Erwerbslebens, Unsicherheit, Existenzangst.
Zu den Zivilisationskrankheiten gehören u.a. Verdauungs- und Stoffwechselstörungen, Verfall des Gebisses (Karies), zahlreiche Erkältungskrankheiten, Neurosen und Kreislaufstörungen.1

Was ist die Ursache?

Faktoren in der Ernährung, dem Lebensstil, den Umweltbedingungen und den persönlichen Lebensumständen wirken sich darauf aus, ob die Prädisposition zur Entwicklung entsprechender Krankheiten zum Tragen kommt oder nicht. Zu reichliches Essen, mangelnde körperliche Aktivität, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum und Stress sind offensichtlich wesentliche Ursachen, im Laufe des Lebens eine Zivilisationskrankheit zu entwickeln.

In vielen Industrieländern hat sich die Ernährung ab den 1950er-Jahren erheblich verändert. Heutzutage werden viel mehr Fleisch, Milchprodukte, Pflanzenöl und Fruchtsäfte verzehrt und der Alkoholkonsum ist deutlich gestiegen, während der Verzehr stärkereicher Lebensmittel wie Brot, Kartoffeln und Reis abgenommen hat. Wissenschaftler gehen davon aus, dass solche Änderungen in Ernährung und Lebensstil wesentliche Bedeutung für die Entwicklung von Krebserkrankungen haben. Ein klares Anzeichen dafür ist, dass Menschen, die aus anderen Ländern in Industrieländer umsiedeln, innerhalb weniger Jahre das gleiche Risiko für bestimmte Krebserkrankungen entwickeln wie die Einwohner des neuen Heimatlandes. Dies lässt darauf schließen, dass Umweltfaktoren eine viel stärkere Rolle für die Unterschiede beim Krebsaufkommen zwischen verschiedenen Ländern spielen als genetische Faktoren.

Veränderungen des Erkrankungsbilds

Um 1900 waren die häufigsten Todesursachen in den USA Lungenentzündung/Influenza, Tuberkulose und Diarrhö/Darminfektionen. Von Mensch zu Mensch übertragbare Infektionskrankheiten standen für 60 % aller Todesfälle. Zu dieser Zeit standen Herzerkrankungen und Karzinome auf Platz vier und fünf der Sterbestatistik. Seit den 1950-Jahren waren die meisten Todesfälle auf Herzerkrankungen, Krebserkrankungen und andere „Stresskrankheiten“ zurückzuführen. Heute lassen sich rund 60 % aller Todesfälle auf diese „Stresskrankheiten“ zurückführen.

Zivilisationskrankheiten treten erst im mittleren bis höheren Lebensalter auf und brauchen längere Zeit, bis sie zum Tode führen. Auch dieser spätere Krankheitsbeginn ist erst in den letzten Jahrzehnten möglich geworden. Während die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA im Jahr 1900 bei knapp 50 Jahren lag, hatte sie sich bis zum Jahr 2004 auf 78 Jahre verlängert.

Auch in Europa ist die Entwicklung ähnlich. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich um 25–30 Jahre verlängert. Schwere Infektionskrankheiten wurden in großem Maße ausgerottet, und die Kindersterblichkeit wurde drastisch reduziert. In Europa sind nur sehr wenige Menschen unterernährt. Zu dieser Entwicklung hat nicht nur das Wirtschaftswachstum entscheidend beigetragen, wichtig waren auch politische Maßnahmen in den Bereichen Ausbildung, sanitäre Verhältnisse, allgemeine Gesundheit der Bevölkerung, Impfungen und Wohlfahrtspflege. Gleichzeitig haben aber die Industrialisierung und der allgemeine Wohlstand zu einer starken Zunahme chronischer Erkrankungen geführt. Dank des medizinischen Fortschritts konnte in vielen Bereichen die erhöhte Sterblichkeit durch chronische Erkrankungen begrenzt werden. Auf der anderen Seite hat die Zunahme chronischer Erkrankungen zu einer deutlich höheren Belastung der Gesundheitssysteme und einer drastischen Erhöhung der Kosten geführt.

In Deutschland waren im Jahr 2013 Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Ursache für 43 % der Todesfälle bei Frauen und für 36 % der Todesfälle bei Männern. Tumoren waren die zweithäufigste Todesursache und standen in diesem Zeitraum für 26 % der Todesfälle bei Frauen und für 29 % der Todesfälle bei Männern.2 Auch Übergewicht und Typ-2-Diabetes werden immer häufiger. Ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland sind inzwischen stark übergewichtig.3 Über 10 (20) % der Menschen über 60 (70) Jahre leiden in Deutschland unter Diabetes mellitus.4

Typische Merkmale von Zivilisationskrankheiten

Es handelt sich um Erkrankungen, deren Entwicklung längere Zeit dauert und die sich nur schwer heilen lassen, wenn die Krankheit sich voll entwickelt hat. Gleichzeitig handelt es sich um Krankheiten, gegen die sich in hohem Maße durch die Ernährung, den Lebensstil und durch Umweltfaktoren vorbeugen lässt. Diese Faktoren können auch zu einer erheblichen Verzögerung der Krankheitsentwicklung beitragen.

Wie lässt sich Zivilisationskrankheiten vorbeugen?

Die wichtigsten Maßnahmen sind offensichtlich, nämlich weniger, aber gesünder zu essen, körperlich aktiver zu sein, mit dem Rauchen aufzuhören und nur mäßig Alkohol zu konsumieren. Auch die Belastung durch Schadstoffe sollte reduziert werden. So sollte versucht werden, bessere Umwelt- und Umgebungsbedingungen in der Gesellschaft ganz allgemein, am Arbeitsplatz und zu Hause zu schaffen.

Im Idealfall sollte die Ernährung aus 65 % Kohlenhydraten, 15 % Proteinen und 20 % Fett bestehen. In den letzten 50 Jahren haben sich die Ernährungsgewohnheiten allerdings geändert, und viele Menschen nehmen heute vor allem verarbeitete Lebensmittel, kurzgebratenes Fleisch mit gesättigten Fettsäuren, Speisen mit hohem Zuckergehalt und weniger Obst und Gemüse zu sich. Das hat dazu geführt, dass eine typische Mahlzeit heutzutage aus ca. 30 % Kohlehydraten, 10–12 % Proteinen, 40 % Fett und 20 % Zucker besteht.

Die Wissenschaft zeigt, dass ein hoher Anteil an Obst, Beeren und Gemüse, ballaststoffreichen Produkten und Fisch an der Ernährung Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen und Osteoporose vorbeugen kann.

Die wichtigste vorbeugende Maßnahme gegen Zivilisationskrankheiten ist mehr körperliche Aktivität. Die moderne Zivilisation hat dazu geführt, dass die Menschen heute in der Regel ihren Körper viel weniger als früher aktiv einsetzen. Ganz allgemein sind die Menschen passiver und inaktiver geworden. Regelmäßige Bewegung und körperliche Belastung 30–60 Minuten täglich stärken den Körper und verbrauchen Kalorien. Dadurch wird das Risiko für Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Osteoporose begrenzt.

Prognose

Die Ursachen für Zivilisationskrankheiten sind allgemein bekannt, und wir werden alle immer wieder daran erinnert, was man tun kann, um die Chancen auf ein langes Leben zu erhöhen. Dennoch geht die Entwicklung weiter in die falsche Richtung. Dies ist nicht nur eine große Herausforderung für jeden einzelnen, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Politik ist gefragt, mit geeigneten Maßnahmen zur Förderung eines gesünderen und gesundheitsbewussteren Lebens beizutragen.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

 

Quellen

Referenzen

  1. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Zivilisationskrankheiten. Berlin 2016. www.gbe-bund.de
  2. Robert Koch-Institut. Gesundheit in Deutschland 2015. Berlin, 2015. www.rki.de
  3. Robert Koch-Institut. Übergewicht und Adipositas. Berlin 2014. www.rki.de
  4. Robert Koche-Institut. DEGS1: Prävalenz von Diabetes mellitus. Faktenblatt Diabetes mellitus – Ergebnisse der "Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland" (2008 – 2011). Berlin 2016. www.rki.de