Positionsabhängiger niedriger Blutdruck

Orthostatische Hypotonie ist der Fachausdruck für positionsabhängigen, niedrigen Blutdruck. Bei diesem Zustand sinkt der Blutdruck, sobald man aus der liegenden oder sitzenden Stellung aufsteht, so dass es zu Schwindel kommt.

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Was ist ein positionsabhängiger, niedriger Blutdruck?

Orthostatische Hypotonie ist der Fachausdruck für positionsabhängigen, niedrigen Blutdruck. Bei diesem Zustand sinkt der Blutdruck, sobald man aus dem Liegen oder Sitzen aufsteht. Als Patient kann man dies unter Umständen als ein Schwindelgefühl oder Schwarzwerden vor Augen spüren.

Zur Diagnosestellung wird der Blutdruck vor und nach dem Aufstehen (Schellong-Test) gemessen. Eine orthostatische Hypotonie liegt vor, wenn der obere (systolische) Blutdruckwert um mindestens 20 mmHg oder der untere (diastolische) Blutdruckwert um mindestens 10 mm Hg abfällt innerhalb von 3 Minuten nach dem Aufstehen. Darüber hinaus unterscheidet man verschiedene Formen in Abhängigkeit davon, wie schnell der Blutdruck abfällt.

Vorkommen

Der positionsabhängige, niedrige Blutdruck kommt in allen Altersgruppen vor, jedoch häufiger bei Älteren und dann vor allem bei kranken oder schwachen Personen. Während in der allgemeinen Bevölkerung rund 5% betroffen sind, findet sich dieser bei etwa einem Fünftel der über 80-jährigen. Noch häufiger zeigt sich ein positionsabhängiger niedriger Blutdruck bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie dem Parkinson-Syndrom oder bestimmten Formen von Demenz.

Ursachen

Ohne Gegenregulation des Körpers folgt das Blut beim Aufstehen der Schwerkraft und ein Teil, ca 500-1.000ml Blut, sammelt sich in den Venen der Beine. Durch den plötzlichen Volumenentzug würde der Blutdruck abfallen und die Durchblutung der Organe abnehmen. Um dies zu verhindern, führt der Körper komplexe Gegenmaßnahmen aus, unter anderem eine Steigerung des Puls und eine Zunahme der Gefäßwandspannung. Auch das Nervensystem, Hormone und die Muskulatur spielen eine wichtige Rolle. Sind ein oder mehr Parameter verändert, so funktioniert die Gegenreaktion nicht mehr korrekt und es kommt zu Beschwerden. Die häufigste Ursache ist, dass zu wenig Flüssigkeit im Kreislauf ist oder durch den Körper umverteilt wurde (s.u.).

Häufige Auslöser

  • Langes Sitzen oder Liegen
  • Wärme oder Hitze
    • In solchen Situationen kommt es zu einer Erweiterung der Blutgefäße, wodurch der Blutdruck abnimmt. Dies kann auch nach einer heißen Dusche bzw. einem heißen Bad vorkommen. Hinzu kommt, dass durch verstärktes Schwitzen bei Hitze die Flüssigkeitsmenge im Körper abnimmt.
  • Nach dem Anheben einer schweren Last
    • Das Blut fließt dann bevorzugt in die Muskulatur.
  • Nach Alkoholkonsum
    • Auch Alkohol führt zu einer Erweiterung der Blutgefäße.
  • Nach einer umfangreichen Mahlzeit
    • Nach dem Essen werden die Bauchorgane reichlich durchblutet, um Nährstoffe aufnehmen und weiterleiten zu können.
  • Fieber
    • Auch hier kommt es oft zu einer Entspannung der Gefäßwand und so zu einem Abfall des Blutdrucks.
  • Starkes Erbrechen und Durchfall
    • Hierdurch kommt es zu einem Flüssigkeitsmangel.
  • Krampfadern oder chronische venöse Insuffizienz
    • Die Beinvenen sind erweitert und können so noch mehr Blut als normal aufnehmen.

Seltene Ursachen

Was können Sie selbst tun?

Den meisten Personen wird es beim Aufstehen kurzzeitig schwindelig. Dafür gibt es viele, harmlose Erklärungen und es besteht kein Anlass für umfangreiche Untersuchungen.

Folgende Ratschläge können hilfreich sein:

    • Bewegen Sie die Füße vor dem Aufstehen mehrmals. Vermeiden Sie ein schnelles Aufstehen und geben Sie dem Körper Zeit sich anzupassen.
    • Stehen Sie langsam aus dem Liegen oder Sitzen auf.
    • Essen Sie weniger und öfter, wenn Sie mit großen Mahlzeiten Probleme haben.
    • Erhöhen Sie Ihre Salz- und Flüssigkeitsaufnahme, wenn Sie ausgetrocknet sind. Trinken Sie ausreichend, um nicht auszutrocknen.
    • Erhöhen Sie das Kopfende Ihres Bettes um mindestens 10 Grad.
    • Benutzen Sie eventuell Stützstrümpfe, um einer Wasseransammlung in den Beinen entgegenzuwirken. Auch Bauchbinden können helfen.
    • Wenn Sie lange stehen müssen, so spannen Sie regelmäßig die Wadenmuskulatur an der stellen sich auf die Zehenspitzen. Die Anspannung der Muskeln hilft, das Blut aus den Beinen wegzuführen.
    • Trinken Sie nicht mehr als 1 Glas (Frauen) oder 2 Gläser (Männer) alkoholhaltige Getränke.
    • Setzen Sie sich keinen extrem hohem Temperaturen oder heißen Bädern aus.
    • Vermeiden Sie Positionen, bei denen Sie die Arme höher als die Schultern halten.
    • Pressen Sie sich nicht beim Harnlassen oder beim Stuhlgang.
    • Vermeiden Sie starkes Husten.

Wann sollten Sie einen Arzt aufsuchen?

  • Bei anhaltenden Beschwerden
  • Bei der Tendenz, leicht in Ohnmacht zu fallen.
  • Bei Verdacht auf eine zugrunde liegende Erkrankung.

Wie geht der Arzt vor?

Anamnese (Krankengeschichte)

Der Arzt wird Ihnen eventuell folgende Fragen stellen:

  • Wird Ihnen nur schwindelig, wenn Sie schnell aufstehen, oder auch in anderen Situationen? In welchen Situationen?
  • Können Sie beschreiben, was dabei passiert?
  • Neigen Sie leicht zum Stürzen oder Stolpern?
  • Stimmt eines der folgenden Symptome mit Ihnen überein:
    • Empfundene Schwäche, Übelkeit, Kopfweh, Nackenschmerzen, Schwindelgefühl, vernebelte Sicht, Zittern, Herzklopfen, Verwirrungszustände?
  • Nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein?
    • Welche Medikamente verwenden Sie?
    • Haben Sie neulich ein anderes Medikament bekommen oder wurde die Dosis verändert?
    • Sind bei Ihnen andere Erkrankung bekannt?
  • Haben Sie Brustschmerzen, Herzklopfen, Atemnot, geschwollene Beine oder einen unregelmäßigen Puls?
  • Hatten Sie häufig Erbrechen oder Durchfall?

Ärztliche Untersuchung

  • Bei der ärztlichen Untersuchung steht die Blutdruck- und Pulsmessung im Mittelpunkt.
    • Der Arzt misst Ihren Blutdruck und Ihren Puls, während Sie sitzen und nach dem Aufstehen. Die beiden Drücke und die Pulswerte werden miteinander verglichen. Wenn der Druck beim Stehen deutlich geringer ist, deutet dies auf positionsabhängigen, niedrigen Blutdruck hin.
  • Der Arzt wird auch das Herz untersuchen:
    • Er misst die Herzfrequenz, bewertet, ob das Herz gleichmäßig schlägt und hört mit einem Stethoskop, ob Herznebengeräusche auftreten.
  • Der Arzt stellt auch fest, ob Sie ausgetrocknet (dehydriert) sind, also einen Flüssigkeitsmangel haben.
  • Zudem wird er auch Ihr Nervensystem auf Anzeichen einer Erkrankung überprüfen.
  • Des Weiteren wird eventuell eine Elektrokardiografie (EKG) durchgeführt.

Andere Untersuchungen

  • Mithilfe einer Kipptischuntersuchung (Tilt-Test) kann man die Ursache des Schwindelgefühls oder der wiederkehrenden Ohnmachtsanfälle feststellen.

Autoren

  • Dietrich August, Dr. med., Arzt, Freiburg im Breisgau

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Hypotonie, orthostatische. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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