Ohnmacht (Synkope), Ursachen

Als Ohnmacht bezeichnet man einen Verlust des Bewusstseins, der spontan vorübergeht, d.h. der Patient wacht von allein wieder auf. Hierfür gibt es verschiedene Ursachen, die hier als Übersicht beschrieben werden.

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Was ist Ohnmacht?

  • Eine plötzliche Ohnmacht, in der Fachsprache Synkope genannt, ist eine abrupt eintretende Bewusstlosigkeit, aus der die Betroffenen von selbst nach kurzer Zeit erwachen.
  • Eine Synkope kann Sekunden oder Minuten dauern.
  • Manchmal zeigen die Betroffenen zusätzlich krampfähnliche Bewegungen.
  • Lesen Sie auch über Ohnmacht bei Kindern und Jugendlichen.

Vorkommen

  • Rund 25 % der Bevölkerung wird irgendwann im Leben einmal oder mehrmals plötzlich ohnmächtig. Bei manchen Personen tritt die Ohnmacht einmalig auf und daher wird oft kein Arzt aufgesucht.
  • Einige Betroffene erleiden im weiteren Verlauf nochmals eine oder auch mehrere Synkopen.

Ursachen

  • Eine Ohnmacht kann vielerlei Ursachen haben. Zugrunde liegt grundsätzlich ein Sauerstoffmangel im Gehirn aufgrund unzureichender Blutversorgung.
    • Ohnmacht wird bei einigen Personen durch starken Schmerz, den Anblick von Blut oder z.B. einen unerträglichen Geruch ausgelöst; ihr folgt oft Übelkeit. Diese Art der Synkope wird auch als Reflexsynkope bezeichnet. Zu dieser Gruppe gehört z. B. auch die bei älteren Menschen häufigen Synkopen, die v. a. nachts beim Wasserlassen oder Stuhlgang auftreten können.
    • Ein anderer häufiger Grund ist das zu schnelle Aufstehen: Steuert der Herzmuskel nicht sofort gegen und pumpt verstärkt Blut, kann der Blutdruck plötzlich abfallen (orhtostatische Hypotension, d. h. Blutdruckabfall durch Lagewechsel). Dadurch wird  das Gehirn einige Sekunden lang mit zu wenig Blut versorgt.
    • Herzerkrankungen, v. a. Herzrhythmusstörungen, sind ebenfalls häufig Ursache von Synkopen (kardiale Synkope).
    • Neurologische Erkrankungen wie Epilepsie können ebenfalls zur Bewusstlosigkeit führen, wie auch zu niedriger Blutzucker bei Diabetes mellitus und weitere Krankheitsbilder.
  • Bei 20–50 % der Arztbesuche ist keine eindeutige Ursache der Ohnmacht feststellbar.
  • Grundsätzlich ist die Ohnmacht eine Art Schutzmechanimus vor einer zu geringen Blutversorgung des Gehirns: Wenn der Betroffene ohnmächtig wird und hinfällt, wird das Gehirn in der waagerechten Lage wieder besser durchblutet als im Stehen.

Häufige Ursachen

  • Typische Ohnmacht
    • Die Ursache dafür ist eine Reizung des Vagusnervs, also des großen Nervs, der Darmsystem, Blutdruck und Puls beeinflusst (vasovagale Synkope). Der Vagusnerv kann beispielsweise durch emotionalen Stress, Angst, Übelkeit, beim Harnlassen oder Stuhlgang gereizt werden. Als Folge sinken Blutdruck und Puls, was zur Ohnmacht führt, da das Gehirn mit zu wenig Blut versorgt wird.
    • Dieser Zustand ist meistens harmlos und deutet nicht auf eine Erkrankung hin.
  • Kurzzeitiger Blutdruckabfall
    • Wenn Sie schnell aus dem Sitzen oder Liegen aufstehen (orthostatische Synkope), braucht der Blutdruck einige Sekunden, um sich zu normalisieren. Während dieser Sekunden kann die Blutversorgung des Gehirns so gering werden, dass eine Ohnmacht eintritt.
    • Dies ist bei ansonsten gesunden Personen harmlos und deutet nicht auf eine Erkrankung hin.
    • Einige Faktoren erhöhen das Risiko für eine solche Synkope, nämlich Blutverlust bzw. Flüssigkeitsmangel, lange Bettruhe, Alkoholmissbrauch, manche Medikamente.
  • Blutarmut (Anämie)
    • Ein geringer Hb-Wert (Hämoglobin) erhöht die Gefahr für Schwindel- oder Ohnmachtsanfälle.
  • Ohnmacht infolge einer Herzerkrankung
    • Bei Rhythmusstörungen im Herzen (Arrhythmie) wie schnellem, unregelmäßigem Puls bei Vorhofflimmern, sehr schnellem, regelmäßigem Puls oder sehr langsamem Puls kann der Blutdruck so weit sinken, dass das Gehirn nicht genügend mit Blut versorgt wird.
    • Auch verengte Arterien können Ursache einer solchen Synkope sein (z. B. Aortenstenose, Stenose der Lungenarterie u.a.)
    • Bei Vorhofflimmern können sich Blutgerinnsel im Herzen bilden, die sich wiederum ablösen und im Blutkreislauf bis zum Gehirn wandern können. Dabei besteht die Gefahr eines Schlaganfalls. Unabhängig davon kann Vorhofflimmern durch eine verminderte Pumpleistung des Herzens Synkopen auslösen.
  • Psychische Ursachen
    • Das Hyperventilieren – ein Zeichen der Panik – kann zu einer kurzzeitigen Bewusstlosigkeit führen.
    • Abzugrenzen ist die hysterische Ohnmacht, bei der typische Kreislaufsymptome in der Anfallsschilderung fehlen.
  • Weitere, offensichtlichere Ursachen der Bewusstlosigkeit sind:
  • Niedriger Blutzuckerspiegel
    • Dies kommt insbesondere bei Patienten mit Diabetes mellitus vor.
  • Auch verschiedene Medikamente können diesen Zustand auslösen, insbesondere die Kombination mehrerer Medikamente.
  • Eine Besonderheit ist das sogenannte Karotissinussyndrom: An der Halsschlagader (Karotis) befinden sich Nervenknoten, die an der Regulierung des Blutdrucks beteiligt sind. Bei manchen Personen reagieren diese Nervenknoten auf Druck von außen (Griff an den Hals, zu enger Kragen, beim Rasieren) überempfindlich und lösen einen Blutdruckabfall aus. 
  • Bei Kleinkindern kommen sogenannte Affektkrämpfe vor, die durch Angst, Wut oder Schmerzen ausgelöst werden. Die können dann so lange intensiv schreien, bis sie ohnmächtig werden.

Was können Sie selbst tun?

  • Die meisten Ohnmachtsanfälle bei jüngeren Personen sind harmlos und die Betroffenen erwachen von selbst nach kurzer Zeit. Setzen oder legen Sie sich hin, wenn Sie Anzeichen einer Ohnmacht spüren! Ein kaltes, nasses Handtuch auf der Stirn kann lindernd wirken.
  • Wenn Sie leicht in Ohnmacht geraten, ist es wichtig, dass Sie die Umstände dafür zu erkennen und zu vermeiden versuchen.
  • Wenn Sie leicht hyperventilieren, hilft das kurzzeitige Ein- und Ausatmen in eine Tüte.
  • Wenn Sie jemanden beobachten, der gerade ohnmächtig wird, versuchen Sie, den Sturz etwas abzufangen und die Person vorsichtig hinzulegen. Eine liegende ohnmächtige Person sollte man nicht versuchen aufzusetzen, da dann die Durchblutung des Gehirns wieder reduziert wird. Achten Sie darauf, dass der Betroffene frei atmen kann. 

Wann sollten Sie einen Arzt aufsuchen?

  • Eine erstmalig auftretende – und unerklärliche – Ohnmacht sollte von einem Arzt untersucht werden, gleichermaßen die Ohnmacht bei Anstrengungen oder bei gleichzeitigem Herzrasen.
  • Bei wiederkehrender Ohnmacht sollte ebenfalls ein Arzt aufgesucht werden.
  • Auch wenn Sie zusätzlich zur Ohnmacht weitere Beschwerden haben oder länger als ein paar Minuten ohne Bewusstsein sind, sollten Sie sich ärztlich untersuchen lassen.

Wie geht der Arzt vor?

  • Der Arzt versucht, mithilfe der Krankengeschichte (Anamnese) die Ursache des Ohnmachtsanfalls zu finden und führt eine Blutdruckmessung im Liegen und nach schnellem Aufstehen durch.
  • Es wird ein EKG aufgezeichnet. In manchen Fällen sind Blutuntersuchungen notwendig.
  • Bei Verdacht auf eine Erkrankung des Herzens oder des Zentralnervensystems sind weitere Untersuchungen notwendig.

Anamnese

Der Arzt wird Ihnen eventuell folgende Fragen stellen:

  • Womit waren Sie beschäftigt, als Sie ohnmächtig wurden?
  • Hatten Sie kurz vorher Beschwerden?
    • Herzklopfen/-rasen?
    • Flimmern vor den Augen?
  • Ein Gefühl der Schwäche und Niedergeschlagenheit, Hunger, Schweißausbrüche, Zittern?
  • Waren Sie gestresst?
  • Hatten Sie Angst? Hatten Sie starke Schmerzen?
  • Haben Sie gleichzeitig andere Beschwerden gespürt?
    • Atembeschwerden?
    • Stechendes Gefühl und taubes Gefühl in den Händen und/oder um den Mund?
    • Sehstörungen?
    • Sprachstörungen?
  • Wie war das Gefühl nach dem Anfall?
    • Müdigkeit und Kraftlosigkeit?
    • Gar keine Beobachtungen?
  • Ist das Ihr erster Ohnmachtsanfall?
  • Leiden Sie an anderen Erkrankungen?
  • Nehmen Sie Medikamente ein? Welche?
  • Nehmen Sie Drogen/Alkohol?

Ärztliche Untersuchung

  • Der Arzt wird Sie körperlich sorgfältig untersuchen und auch beurteilen, wie es Ihnen emotional/psychisch geht.
  • Er wird auch nach Anzeichen von Blutarmut suchen. Sind Sie auffallend blass?
  • Ihr Puls und Blutdruck werden gemessen und der Arzt horcht Ihr Herz sowie die Halsschlagadern ab.

Andere Untersuchungen

  • Blutuntersuchungen haben oftmals wenig Nutzen.
  • In der Regel wird eine EKG-Untersuchung durchgeführt.

Überweisung an einen Spezialisten oder ein Krankenhaus.

  • Bei Verdacht auf eine zugrunde liegende Herzerkrankung werden Sie direkt ins Krankenhaus überwiesen.
  • Bei Verdacht auf eine Erkrankung im Nervensystem führt man eventuell eine Computertomografie oder ein MRT des Kopfs durch, sowie ein EEG sowie eine Ultraschalluntersuchung der Blutgefäße am Hals.

Empfehlungen/Therapie

  • Falls die Ärztin bei den Untersuchungen eine zugrunde liegende Krankheit findet, wird diese entsprechend behandelt.
  • Sollte es bestimmte Auslöser geben für eine Synkope (spezielle Ängste, Stresssituationen etc.), ist es sinnvoll, diese genau zu besprechen und entweder zu versuchen, damit anders umzugehen oder diese zu meiden.
  • Falls Sie dazu neigen, zu wenig zu trinken, ist es sinnvoll darauf zu achten, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen (Ihr Urin sollte stets sehr hell sein).
  • Versuchsweise können Medikamente eingesetzt werden, z. B. Alphablocker (letztere erhöhen den Blutdruck durch Verengung der Blutgefäße).
  • Eine bestimmte Technik kann vor drohenden vasovagalen Synkopen schützen: Sobald der Patient spürt, dass er ohnmächtig wird, sollte er im Sitzen seine Arme verschränken und/oder die Beine kreuzen und die Muskeln etwa 30 Sekunden stark anspannen. Dies sorgt für einen etwas erhöhten Blutdruck und kann eine Synkope oft verhindern.  

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen
  • Dietrich August, Arzt, Freiburg im Breisgau

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Synkope, vasovagale. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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