Pneumokokken-Erkrankung bei Kindern

Das Bakterium Streptococcus pneumoniae, auch Pneumokokke genannt, kann für Säuglinge, Kleinkinder und Immungeschwächte gefährlich werden. Bei einer Infektion kommt es zu einer Lungenentzündung, die in eine lebensgefährliche Sepsis übergehen kann. Auch das zentrale Nervensystem kann betroffen sein.

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Was ist eine Pneumokokken-Infektion?

Das Bakterium gilt als die häufigste Ursache einer Lungenentzündung bei Erwachsenen und ist die Ursache von etwa zwei von drei schweren Lungenentzündungen. Pneumokokken sind auch eine häufige Ursache für Nasennebenhöhlenentzündungen und Mittelohrentzündungen bei Kindern.

Vor allem bei kleinen Kindern unter zwei Jahren und Immungeschwächten können die Bakterien zu einer schweren Erkrankung mit Sepsis (umgangssprachlich „Blutvergiftung“) oder Meningitis führen. Der schwere Verlauf bei Kindern wird invasive Pneumokokken-Infektion genannt. Diese Erkrankung kann tödlich ausgehen. 

Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae) besiedeln die Schleimhäute bei ca. 50 % aller Kinder, aber nur bei 2,5 % aller Erwachsenen. Die Bakterien werden wie bei einem grippalen Infekt durch Tröpfcheninfektion, das heißt, meist durch Husten oder Niesen, übertragen. Sie sind vor allem dann gefährlich, wenn das Immunsystem ohnehin geschwächt ist – zum Beispiel nach einer Viruserkrankung oder durch chronische Erkrankungen. Für Säuglinge und Kleinkinder besteht ein erhöhtes Risiko, weil deren Immunsystem allein noch nicht in der Lage ist, eine Pneumokokken-Infektion abzuwehren. Infektionen der oberen Atemwege, wie sie bei starken Erkältungen vorkommen, begünstigen eine Pneumokokken-Infektion. Deshalb ist das Risiko einer Ansteckung in der kalten Jahreszeit besonders hoch.

Aufgrund der Schwere der Erkrankung, der häufigen Komplikationen und der hohen Sterblichkeit, empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) seit Juli 2006 die Impfung gegen Pneumokokken für alle Kinder ab dem vollendeten zweiten Lebensmonat. Die Impfung wird auch Patienten ab dem 60. Lebensjahr und immunschwachen Menschen empfohlen.

Häufigkeit

In Deutschland liegt die jährliche Neuerkrankungshäufigkeit bei im Mittel 10 Patienten pro 100.000 Einwohner. Im Alter unter 2 Jahren ist sie doppelt so hoch. Weltweit werden ca. 10 % aller Todesfälle bei Kindern im Alter von einem Monat bis zu fünf Jahren von Bakterien der Art Streptococcus pneumoniae verursacht.

Symptome

Pneumokokken befinden sich in der Schleimhaut bei etwa der Hälfte aller Kinder, ohne Krankheiten oder Symptome zu verursachen, was als Trägerstatus bezeichnet wird. Je älter die Kinder werden, desto seltener sind die Bakterien anzutreffen, bei Erwachsenen sind etwa 2,5 % Träger des Bakteriums. Es ist nicht bekannt, warum sich die Bakterien manchmal von der Schleimhaut aus in den Körper ausbreiten und zu einer schweren Krankheit führen. Wenn dies geschieht, wird das Kind plötzlich krank und erschöpft, bekommt in der Regel schnell hohes Fieber, wird kraftlos und apathisch. Bei Ausbreitung auf die Hirnhaut kommt es auch zu einer typischen Steifigkeit in Rücken und Nacken. Diese Entwicklung zu einer schweren Krankheit kann in weniger als 24 Stunden erfolgen.

Therapie

Pneumokokken-Infektionen  werden in der Regel mit gewöhnlichem Penicillin behandelt. Doch bei dieser schweren Krankheitsvariante muss Penicillin intravenös direkt ins Blut injiziert werden, um eine schnelle und maximale Wirkung zu erreichen. Kinder müssen hierfür ins Krankenhaus gebracht werden. Penicillin ist zwar sehr wirkungsvoll, aber trotzdem kann die Krankheit tödlich ausgehen. Bei 2 bis 10 % der erkrankten Kinder kann es zum tödlichen Verlauf kommen. Bei überlebenden Kindern kann es zu Folgeerkrankungen wie Hydrozephalus (Wasserkopf) und Hörverlusten kommen. Mehr als 80 % aller Kinder, die aus dem Krankenhaus entlassen werden, haben keinerlei Folgeerscheinungen.

Prävention

Daten aus den USA zeigen, dass seit der Impfung von Kindern unter zwei Jahren die Häufigkeit von invasiven Pneumokokkeninfektionen in dieser Altergruppe um 78 % reduziert wurde. Für Deutschland wird der Effekt auf 71 % berechnet.

Die Impfung gegen Pneumokokken

Die Impfung gegen Pneumokokken wird allen Säuglingen ab einem Alter von zwei Monaten empfohlen. Die drei Impfungen sollen möglichst zu folgenden Zeiten erfolgen:

  • erste Impfung im Alter von zwei Monaten
  • zweite Impfung im Alter von vier Monaten
  • letzte Impfung 6 Monate später im Alter von 11 bis 14 Monaten.

Frühgeborenen (Geburt vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche) wird ein 3+1-Impfschema empfohlen: je eine Impfung im Alter von zwei, drei, vier und eine weitere Impfung im Alter von 11 bis 14 Monaten.

Alle Impftermine der Pneumokokken-Impfung können zeitgleich mit anderen empfohlenen Impfungen wahrgenommen werden.

Die Impfung muss nur dann verschoben werden, wenn das Kind eine schwere, behandlungsbedürftige Erkrankung hat.1

Autoren

  • Natalie Anasiewicz, Ärztin, Freiburg i. Br.

Quellen

Literatur

  1. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Pneumokokkenimpfung bei Kindern. Köln 2016. www.impfen-info.de

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Pneumokokken-Infektion, invasive. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. RKI: Pneumokokken, Stand 2015. www.rki.de
  2. DAHTA, DIMDA, Medizinische und ökonomische Effektivität der Pneumokokkenimpfung für Säuglinge und Kleinkinder, Stand 2005. portal.dimdi.de
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  13. Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Arzneiverordnung in der Praxis, Band 40: Atemwegsinfektionen, Stand 2013. www.akdae.de
  14. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Husten, AWMF-Leitlinie Nr. 053–013, Stand 2014. www.awmf.org
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