Sepsis (Blutvergiftung)

Sepsis wird auch als Blutvergiftung bezeichnet. Es handelt sich um ein akutes und teilweise schweres Krankheitsbild, bei dem die Erreger einer anfangs örtlich begrenzten Infektion über den Blutstrom im gesamten Organismus verstreut werden. Das Immunsystem gerät außer Kontrolle und kann zu Schäden an unterschiedlichen Organen führen. Eine frühzeitige Antibiotikatherapie kann diesen Verlauf stoppen.

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Was ist eine Sepsis?

Die Sepsis wird häufig als Blutvergiftung bezeichnet. Tatsächlich werden bei einer Sepsis Bakterien (oder seltener andere Erreger) über die Blutbahn in den ganzen Körper ausgeschwemmt. Eine Sepsis nimmt ihren Ausgang von örtlich begrenzten Infektionen (an Haut, Lunge, Geschlechtsorganen, Harntrakt, Bauchorganen etc.). In bestimmten Fällen, zum Beispiel bei einem geschwächten Immunsystem, breiten sich die Erreger über das Blut im Organismus aus. Der Körper reagiert darauf mit einer gefährlich überbordenden Immunreaktion, die weitere Organe und Funktionen des Organismus schädigen kann, zum Beispiel das Herz-Kreislauf-System, die Blutgerinnung, Niere und Lunge.

Septische Patientinnen und Patienten machen einen teilweise schwer kranken Eindruck, haben Fieber oder eine deutliche Unterkühlung, sind oftmals geistig verwirrt und haben eine beschleunigte Atmung. Hinzu kommen die Symptome des geschädigten Organs und eventuell Anzeichen einer Schockreaktion des Kreislaufs.

Die Sepsis stellt einen Notfall dar, der im Krankenhaus behandelt werden muss. Eine frühzeitige Behandlung mit Antibiotika ist das wirksamste Mittel. In Deutschland erkranken jährlich 100 Personen auf 100.000 Menschen an einer Sepsis.

Ursache

Eine Sepsis beruht meist auf einer Infektion, die zunächst auf ein bestimmtes Organ beschränkt war, sich dann aber über das Blut im ganzen Körper verteilt. Verschiedene Bakterien und andere Erreger können eine Sepsis verursachen. Anfängliche Infektionsherde sind zum Beispiel eine Wundinfektion, eine Infektion der Atemwege, der Harnwege, der Geschlechtsorgane, entzündete Bauchorgane wie zum Beispiel eine Blinddarmentzündung, infizierte künstliche Gelenke oder ein infizierter Katheter, der in ein Gefäß gelegt wurde, um Medikamente zu verabreichen.

Wenn sich eine Sepsis entwickelt, lag meist ein geschwächtes Immunsystem zugrunde oder eine chronische Krankheit, die es dem Körper nicht ermöglichte, die örtlich begrenzte Infektion zu bekämpfen. Zu nennen sind unter anderem Patientinnen und Patienten während einer Chemotherapie oder einer immunsuppressiven Therapie, geschwächte ältere Menschen, Menschen mit Diabetes (Zuckerkrankheit), chronisch Nieren- und Leberkranke oder Alkohol- und Drogenabhängige.

Bei einer Sepsis schüttet der Körper zu viele der sonst hilfreichen Stoffe zur Bekämpfung einer Infektion aus. Dieser Kollateralschaden greift vor allem die Blutgefäße und das Gerinnungssystem an. Die Folge ist eine Destabilisierung des Kreislaufs und ein unkontrolliertes Nebeneinander von gesteigerter Blutungsneigung und erhöhter Bildung von Blutgerinnseln. Diese Vorgänge schädigen weitere Organe wie Lunge und Leber. 

Diagnostik

Bei folgenden Symptomen muss an eine Sepsis gedacht werden, die möglichst schnell, am besten direkt in der Notaufnahme, behandelt werden muss: Plötzlich schwer kranke Personen, die Fieber (>38,3°C) oder Untertemperatur (<36°C) entwickelt haben, eventuell Schüttelfrost haben, zunehmend verwirrt sind, beschleunigt atmen (öfter als 20 Mal pro Minute), einen schnellen Puls (>90 Schläge pro Minute) aufweisen und Wasser in den Gliedmaßen einlagern. Die Haut Betroffener kann rosig und warm, aber auch bleich und kalt sein.

Meist geht einer Sepsis eine stattgehabte Infektion, zum Beispiel eine Lungen-, Nierenlager oder Blinddarmentzündung voraus. Auch chronische Wunden stellen ein Risiko dar. In anderen Fällen wurden Patientinnen und Patienten kurz zuvor einem chirurgischen Eingriff unterzogen oder sie sind Träger künstlicher Gelenke. Insbesondere bei Personen mit höherem Risiko wie beispielsweise geschwächten älteren Menschen, Krebspatientinnen und -patienten oder chronisch Nierenkranken muss an die Möglichkeit einer Sepsis gedacht werden.

Im Krankenhaus wird zunächst Blut abgenommen, da es wichtig ist, den genauen Erreger zu kennen, um ihn gezielt zu bekämpfen. Unmittelbar nach der Blutentnahme, noch ehe der Erreger also feststeht, wird aber rasch mit breit wirksamen Antibiotika therapiert. Falls erforderlich, wird nachträglich auf ein anderes Antibiotikum umgeschwänkt. Zur frühen Diagnostik gehört auch die Suche nach dem sogenannten Infektfokus, also dem Ausgangspunkt des Entzündungsgeschehens. Dieser muss ebenfalls behandelt werden, um zu verhindern, dass von dort weiter Bakterien ausgeschwemmt werden.

Im Krankenhaus werden viele weitere Untersuchungen und gegebenfalls Behandlungsmaßnahmen folgen. Es ist wichtig, darauf zu achten, dass der Kreislauf stabil bleibt. Darüber hinaus werden die Funktionen anderer Organe wie Niere, Leber und Lunge überwacht.

Therapie

Es hat sich gezeigt, dass die Überlebenschancen bei einer Sepsis am stärksten davon abhängen, wie rasch mit der Antibiotikagabe begonnen wird. Die Antibiotika werden über die Vene verabreicht. Betroffenen wird auch Flüssigkeit über die Vene gegeben. Das stabilisiert den Kreislauf.

Viele septische Patientinnen und Patienten sind so schwer krank, dass eine Reihe anderer Maßnahmen erforderlich ist. Die Dauer der Behandlung hängt von der Schwere der Infektion ab. Besonders schwer erkrankte Personen mit instabilem Kreislauf und Problemen an mehreren Organen müssen auf der Intensivstation überwacht und behandelt werden.

Prognose

Die Sepsis ist ein ernstes Krankheitsbild. Eine frühe Diagnose und rasch eingeleitete Therapie verbessern die Prognose. Viele Patientinnen und Patienten entwickeln Komplikationen wie Kreislaufversagen, Gerinnungsstörungen, Nieren-, Leber- oder Lungenversagen. Jede Komplikation erschwert die Behandlung und erhöht das Risiko, dass der oder die Betroffene trotz Behandlung verstirbt.

Die moderne Medizin mit all ihren Möglichkeiten, Krankheiten zu behandeln und Leben zu verlängern, verbessert die Chancen einer erfolgreichen Sepsistherapie. Gleichzeitig ist sie aber auch mitverantwortlich für die steigenden Fallzahlen der Sepsis. Gründe hierfür sind der wachsende Anteil älterer und chronisch kranker Menschen, die intensivere und aggressivere Therapie verschiedener Krankheiten und Verletzungen sowie die zunehmenden Resistenzen von Bakterien gegen Antibiotika.

Weiterführende Informationen

  • Sepsis – für ärztliches Personal

Autoren

  • Dorit Abiry, Doktorandin am Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Sepsis. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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