Hantavirus-Infektion (Nephropathia epidemica)

Die Nephropathia epidemica ist eine Erkrankung durch Hantaviren, die durch den Kontakt mit Ausscheidungen wie Kot und Urin von Nagetieren übertragen werden. Die Symptome können unspezifisch sein und einem grippalen Infekt ähneln. Charakteristisch ist eine Nierenbeteiligung. Die Krankheit verläuft in der Regel mild, kann aber auch einen komplizierten Verlauf mit Blutungen und schwerer Nierenbeteiligung nehmen.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist die Nephropathia epidemica?

Die Nephropathia epidemica ist eine Virusinfektion mit Hantaviren. Die Erkrankung wird durch Nagetiere übertragen. In der akuten Phase zeigen sich meist grippeähnliche Symptome, es kann jedoch in einer zweiten (subakuten) Krankheitsphase zu einer Nierenbeteiligung kommen.

Die Krankheit ist in Nord- und Osteuropa am häufigsten anzutreffen, kommt jedoch auch im restlichen Europa vor. Weitere Varianten von Hantavirus-Infektionen gibt es auch in Asien und in den USA. In Deutschland kommt es besonders durch zwei Arten des Hantavirus zu Erkrankungen: im Süden und Westen des Landes durch das Puumalavirus und im Osten und Norden vor allem durch das Dobrava-Belgrad-Virus. In den Jahren 2005, 2007, 2010 und 2012 kam es jeweils zu epidemischen Zunahmen der Puumalavirus-Infektionen in bestimmten Gebieten Deutschlands. Diese Ausbruchsregionen lagen vor allem in der Schwäbischen Alb, dem Bayerischen Wald, dem Spessart, in Nordost-Hessen, dem Teutoburger Wald und dem Münsterland. Die Ausbrüche hängen mit einer Zunahme der Populationsgröße und Durchseuchung von Kleinnagern zusammen. 

In Deutschland wurden im Jahr 2012 die meisten Erkrankungen (2.825 Fälle) gemeldet seit Einführung des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) im Jahr 2001. Auch die Häufigkeit des hämorrhagischen Fiebers mit Nierenbeteiligung, einer Komplikation der Nephropathia epidemica bei der es zu Blutungen kommt, nahm zu. 

Mehr als zwei Drittel der Erkrankten sind Männer, vorwiegend mittleren Alters (30–49 Jahre).

Ursache

Die Infektion wird durch Kleinnager übertragen. Menschen können sich mit dem Virus infizieren, wenn sie mit dem Kot, Urin oder Speichel der Nagetiere in Kontakt kommen und dabei Virusbestandteile einatmen. Es sind Fälle bekannt, bei denen sich Menschen bei Holzarbeiten infiziert haben. Hier war das Holz mit Exkrementen infizierter Kleinnager verunreinigt. Eine Ansteckung ist auch durch Trinkwasser (z.B. Trinken von Gebirgswasser) oder Lebensmittel möglich. Hantaviren können außerhalb des Wirtsorganismus mehrere Tage ansteckend bleiben. Dies ist u. a. von der Temperatur und Luftfeuchtigkeit abhängig. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht nachgewiesen.

In Deutschland erkranken an der Nephropatia epidemica hauptsächlich Personen, die viel in Wäldern unterwegs sind, insbesondere Landwirte und Forstarbeiter. Darüber hinaus sind auch häufig Inhaber und Besucher von Waldhütten und Gartenhäusern dem Virus ausgesetzt. 

Eine überstandene Erkrankung schützt wahrscheinlich lebenslang vor einer erneuten Erkrankung durch den krankheitsauslösenden Virustyp (lebenslange Immunität).

Symptome

Die ersten Anzeichen treten zwei bis sechs Wochen nach dem Erregerkontakt auf. Die Krankheit verläuft in der Regel mild. Es lassen sich zwei Phasen voneinander abgrenzen. In der ersten (akuten) Phase können grippeähnliche Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Bauchschmerzen, Durst, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Nasenbluten und gelegentlich Sehstörungen auftreten. In der zweiten (subakuten) Phase können nach drei bis fünf Tagen Symptome einer Nierenbeteiligung auftreten (z. B. geringe Urinmenge, Blut im Urin). Wahrscheinlich verlaufen jedoch die meisten Hantavirus-Infektionen ohne Symptome oder werden für einen gewöhnlichen grippalen Infekt gehalten.

In seltenen Fällen kann sich ein sogenanntes hämorrhagisches Fieber mit Nierenbeteiligung entwickeln, bei dem es zu Haut- oder Schleimhautblutungen, blutigen Durchfällen oder blutiger Urinausscheidung mit hohem Fieber und schweren Allgemeinsymptomen bis hin zum Kreislaufversagen kommen kann. Des Weiteren können in Ausnahmefällen eine Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute (Meningoenzephalitis) und Krampfanfälle auftreten. Ebenso möglich sind eine Infektion der Lunge und der Leber.

Diagnostik

Werden unspezifische Symptome wie Fieber und grippale Symptome von den Anzeichen einer Nierenerkrankung begleitet (Blut und Eiweiß im Urintest), kann eine Nephropathia epidemica vorliegen. Hinweise darauf kann vor allem die Anamnese liefern, wenn der Patient zu den oben genannten Risikogruppen gehört. Eine sichere Bestätigung der Diagnose liefern Bluttests, die einen Anstieg der Antikörper gegen den Krankheitserreger zeigen. Außerdem können erhöhte Nierenwerte sowie eine erniedrigte Blutplättchenanzahl (Thrombozytopenie) vorliegen.

Behandlung

Es gibt Medikamente, die zur Behandlung der Nephropathia epidemica eingesetzt werden können. Diese zeigen jedoch nur in Einzelfällen eine Wirkung. Ein spezielles Medikament, das gegen den Hantavirus gerichtet ist, existiert nicht. Wenn die Nieren schwer beeinträchtigt sind, werden Patienten zur Überwachung der Nierenfunktion in ein Krankenhaus überwiesen. Bei eingeschränkter Nierenfunktion wird diese z. B. durch Infusionen behandelt. In seltenen Fällen kann eine kurzfristige Therapie mit einer Blutwäsche (Dialyse) erforderlich sein. Die Erkrankung klingt meist schrittweise von selbst ab und führt in der Regel zu keinen dauerhaften Schäden. Kommt es jedoch zu Komplikationen (hämorrhagisches Fieber, s. o.), kann die Prognose schlechter sein.

Vorbeugung 

Um einer Infektion vorzubeugen, sollten Sie möglichst keinen Staub aufwirbeln, wenn Sie Verunreinigungen von Kleinnagern entfernen; am besten verwenden Sie dafür Wasser und Lappen anstelle von Schaufel, Besen oder Staubsauger. Gegebenenfalls empfiehlt sich bei Reinigung potenziell verunreinigter Räume die Verwendung einer Atemschutzmaske und von Gummihandschuhen. Eine Impfung existiert zurzeit nicht.

Weitere Informationen

Autoren

  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim
  • Lara-Marie Reißmann, Dr. med., Ärztin und Journalistin, Hannover

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Nephropathia epidemica. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Robert-Koch-Institut. Hantavirus-Erkrankung. RKI-Ratgeber für Ärzte. Stand 2015. www.rki.de
  2. Hofmann J, Lrüger DH, Loyen M. Hantavirus-Infektionen in Deutschland - ein Rückblick auf das Ausbruchsjahr 2017.. Epid Bull 2018; 15: 143-146. doi:10.17886/EpuBull-2018-0018 DOI
  3. Wichmann, D. Hantavirale Erkrankungen. Arzneiverordnung in der Praxis 2018; 45: 29-32. www.akdae.de
  4. Ettinger J, Hofmann J, Enders M, Tewald F, Oehme RM, Rosenfeld UM, et al. Multiple synchronous outbreaks of Puumala virus, Germany, 2010. Emerg Infect Dis. 2012;18:1461–4. www.ncbi.nlm.nih.gov
  5. Latus J, Schwab M et al. Clinical Course and Long-Term Outcome of Hantavirus-Associated Nephropathia Epidemica, Germany. Medscape. December 2014. www.medscape.org
  6. Brorstad A, Oscarsson KB, Ahlm C. Early diagnosis of Hantavirus infection by family doctors can reduce inappropriate antibiotic use and hospitalization. Scand J Prim Health Care 2010; 28: 179-84. PubMed
  7. Kruger DH, Figueiredo LT, Song JB, Klempa B. Hantaviruses--globally emerging pathogens. J Clin Virol. 2015 Mar;64:128-36. www.ncbi.nlm.nih.gov
  8. Connolly-Andersen A-M, Hammargren E, Whitaker H, et al. Increased Risk of Acute Myocardial Infarction and Stroke During Hemorrhagic Fever with Renal Syndrome: A Self-Controlled Case Series Study. Circulation 2014; 129(12): 1295-302. pmid:24398017 PubMed
  9. Connolly-Andersen A-M, Whitaker H, Klingström J, Ahlm C. Risk of Venous Thromboembolism Following Hemorrhagic Fever With Renal Syndrome: A Self-controlled Case Series Study. Clin Infect Dis 2017. pmid:29020303 PubMed