Poliomyelitis (Kinderlähmung)

Die Kinderlähmung ist eine Erkrankung, die durch Viren verursacht wird. Obwohl die Kinderlähmung in europäischen Ländern als ausgerottet gilt, ist die Impfung dennoch wichtig, da die Erkrankung noch in einigen Ländern Asiens und Afrikas vorkommt und ein Einschleppungsrisiko besteht.

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Was ist Poliomyelitis?

Poliomyelitis ist eine Infektion des Nervensystems, die durch das Poliovirus verursacht wird. Eine breite Impfkampagne dämmte die Erkrankung in der westlichen Welt stark ein und führte zur Ausrottung der Erkrankung. Obwohl Europa 2002 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als poliofrei erklärt wurde, ist eine Einschleppung von Polioviren, z. B. durch Migration oder den internationalen Reiseverkehr, nach Deutschland nicht ausgeschlossen. Insbesondere in bestimmten Ländern Asiens und Afrikas gibt es immer wieder Epidemien.

Ansteckung

Das Poliovirus ist ein Enterovirus, das über infizierten Kot, Nahrungsmittel, Getränke oder zu Beginn der Erkrankung auch über Tröpfchen übertragen wird. Das Virus vermehrt sich über 1–3 Wochen im Rachen und im Darm, bevor es sich vor Ort oder über das Blut im gesamten Körper (Virämie) ausbreitet. Das Virus überlebt bis zu einer Woche im Speichel und kann über den Kot bis zu 6 Wochen lang ausgeschieden werden. Das Infektionsrisiko ist extrem hoch.

Das Virus kann über das Blut und über die Nervenbahnen in das zentrale Nervensystem eindringen. Es bevorzugt einen bestimmten Zelltyp im Rückenmark (Vorhornzellen). Das Absterben dieser Zellen führt zu schlaffen Lähmungen.

Symptome

Die meisten Menschen, die mit dem Poliovirus infiziert werden, erkranken nicht an einer Poliomyelitis. 95 % der infizierten Personen bleiben ohne Symptome. Die Erkrankung kann in unterschiedlichem Ausmaß auftreten. Der leichte Verlauf ist charakterisiert durch vorübergehendes Fieber, leichte Kopfschmerzen, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung sowie Halsschmerzen. In manchen Fällen treten Anzeichen einer Meningitis auf, z. B. starke Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Bewusstseinsstörungen sowie evtl. Krampfanfälle. Die schwerste Form, die sogenannte paralytische Poliomyelitis, macht 0,1–1 % aller Poliomyelitis-Fälle aus. Hier kommt es durch Nervenschädigungen zu Paralysen, d. h. zu Lähmungen der Muskulatur. Die Nervenschädigungen können das Rückenmark oder die Hirnnerven betreffen. Bei Befall des Rückenmarks kommt es anfangs zu Muskelschmerzen und starken Muskelkrämpfen, z. B. im Bereich der Beine. Anschließend entwickelt sich eine Muskelschwäche, die innerhalb von 48 Stunden ihr Maximum erreicht. Auch die Atemmuskulatur kann betroffen sein, wodurch es zu Atembeschwerden kommen kann. Wenn die Hirnnerven befallen sind, kann es u. a. zu Doppeltsehen, einer Schwäche der Gesichtsmuskulatur oder Schluckbeschwerden kommen. Wenn die Darmmuskulatur gelähmt wird, kann dies mit einer Verstopfung oder einem Darmverschluss (Ileus) einhergehen. Typischerweise kommt es zu einer unvollständigen Rückbildung der Lähmungen. Insbesondere bei Kindern kann die paralytische Form der Poliomyelitis tödlich verlaufen.

Diagnose

Neben der klinischen Untersuchung kann die Erkrankung mittels Erregernachweis im Rachenabstrich oder in der Stuhlprobe festgestellt werden. Meist wird beim Spezialisten oder im Krankenhaus zudem eine Entnahme von Rückenmarksflüssigkeit (Lumbalpunktion) durchgeführt.

Behandlung

Es gibt keine Behandlung, die die Erkrankung heilt. Bei der schwersten Form ist die Sterblichkeit relativ hoch und es kann zu schwerwiegende Folgen in Form von bleibenden Muskellähmungen und körperlichen Behinderungen kommen. Ziel der Behandlung ist die Minderung bleibender Schäden. Der wichtigste Ansatzpunkt ist daher, eine Infektion durch die Impfung bereits im Vorhinein zu verhindern.

Akutphase

Empfohlen wird strikte Bettruhe, um eine Ausbreitung der Lähmungen zu verhindern. Schmerzlinderung und passive Bewegungen durch eine Physiotherapie sind wichtig, um eine Versteifung der Gelenke zu verhindern. Wenn es zu Atemproblemen kommt, wird eine künstliche Beatmung erwogen. Bei einer längerfristigen künstlichen Beatmung ist zum Schutz der Atemwege möglicherweise die Anlage eines Zugangs zur Luftröhre (Tracheotomie) erforderlich.

Mobilisierungsphase

In den ersten Wochen der Bewegungstherapie (Mobilisierung) ist das Hauptziel, Fehlstellungen durch Bewegungen oder durch Ruhigstellung der betroffenen Gliedmaßen zu verhindern. Eine intensive Physiotherapie kann durch Training der betroffenen Muskeln helfen, um die Kraft und Funktionsfähigkeit wiederherzustellen.

Vorbeugung (Prävention)

Die umfangreiche Impfung ist der Hauptgrund dafür, dass die Krankheit in weiten Teilen der westlichen Welt ausgerottet ist. Schluckimpfstoffe mit einem abgeschwächten Lebendvirus werden an einigen Orten der Welt eingesetzt. Da das Virus lebendig ist, kann es sehr selten Poliomyelitis verursachen (1 von 2,5 Millionen Fällen). Aus diesem Grund wird der Impfstoff in Deutschland nicht eingesetzt. Der in Deutschland verwendete Impfstoff beinhaltet das inaktivierte Poliovirus und kann auch bei immungeschwächten Personen geimpft werden. Die Grundimmunisierung beginnt in Deutschland bereits im Alter von 2 Monaten und wird meist als Kombinationsimpfung mit anderen Stoffen durchgeführt. Wurde die Grundimmunisierung verpasst, kann sie auch im Erwachsenenalter noch nachgeholt werden.

Bei Reisen in Regionen mit Infektionsrisiko empfiehlt das Robert Koch-Institut eine erneute Impfung, wenn mehr als 10 Jahre seit der letzten Polioimpfung vergangen sind. Bei einem Aufenthalt von über 4 Wochen in betroffenen Ländern kann auch eine vorgezogene Auffrischung sinnvoll sein.

Besprechen Sie bei Unsicherheiten mit Ihrem Arzt, ob bei Ihnen eine Impfung durchgeführt werden sollte.

Verlauf und Prognose

Die leichte Erkrankungsform und die nicht-paralytische Poliomyelitis sind vorübergehend, während eine paralytische Poliomyelitis zu dauerhaften Lähmungen führen kann. Eine leichte Muskelschwäche kleiner Muskelgruppen bildet sich besser zurück als eine hochgradige Schwäche mehrerer großer Muskeln. Wenn die Poliomyelitis Hirnnerven befällt, beträgt die Sterblichkeitsrate bis zu 50 %.

Viele Jahre nach einer akuten Erkrankung kann das sogenannte Post-Poliomyelitis-Syndrom mit Anzeichen von sowohl chronischen als auch neuen Nervenschäden auftreten.

Weitere Informationen

 

Autoren

  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Poliomyelitis. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Howard RS. Poliomyelitis and the postpolio syndrome. BMJ 2005; 330: 1314-9. British Medical Journal
  2. World Health Organization. Fact sheets: Poliomyelitis. 14 March 2018 www.who.int
  3. World Health Organization. Global Polio Eradication Initiative. Geneva, 2015. www.polioeradication.org
  4. Jenkins HE, Aylward RB, Gasasira A, et al. Implications of a circulating vaccine-derived poliovirus in Nigeria. N Engl J Med 2010; 362: 2360-9. New England Journal of Medicine
  5. Gesellschaft für Neuropädiatrie. Nicht-eitrige ZNS Infektionen von Gehirn und Rückenmark im Kindes- und Jugendalter. AWMF-Leitlinie Nr. 022-004. Stand 2015. www.awmf.org
  6. Jubelt B. Enterovirus infections. In: Viral Infections of the Human Nervous System, Jackson AC (Ed), Springer Basel, 2013. p.117.
  7. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Virale Meningoenzephalitis. AWMF-Leitlinie Nr. 030-100. Stand 2014. www.awmf.org
  8. Ständige Impfkommission: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut. Epid Bull;34:333-380. www.rki.de