Symptome der Anorexie (Magersucht)

Ein zentrales Symptom der Magersucht ist, dass Betroffene deutlich untergewichtig sind, dies aber selbst nicht wahrnehmen und sich meist als zu dick empfinden.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist Anorexie (Magersucht)?

Bei der Anorexie (Magersucht) handelt es sich um eine Essstörung, die zu den psychischen Erkrankungen gezählt wird. Die Anorexie ist durch einen absichtlich selbst herbeigeführten Gewichtsverlust charakterisiert. Die Betroffenen nehmen sich selbst als übergewichtig wahr, obwohl das Körpergewicht normal oder geringer ist, als für das Alter, das Geschlecht und den Entwicklungsstand mindestens zu erwarten wäre. Die Angst vor einem dicken Körper und einer schlaffen Körperform besteht als eine tiefverwurzelte Idee und die Betroffenen legen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich selbst fest. Das Körpergewicht und die Körperform haben oft einen übermäßigen Einfluss auf das Selbstwertgefühl.

Durch die Mangelernährung kommt es zu körperlichen Funktionsstörungen. Bei Mädchen oder Frauen bleibt durch den veränderten Hormonstoffwechsel oft die Regelblutung aus (Amenorrhö). Betroffenen Patienten mangelt es oft an Einsicht, den Ernst der Lage zu erkennen.

Kennzeichen von Anorexie (Magersucht)

Neben dem Vermeiden hoch kalorischer Nahrung und Einschränkungen der Nahrungsaufnahme können folgende Kennzeichen vorliegen:

  • Zum Kalorienverbrennen betreiben einige Betroffenen exzessiv Sport oder setzen sich Kälte aus.
  • Einige magersüchtige Personen Erbrechen nach der Nahrungsaufnahme oder nehmen Abführmittel (Laxanzien) ein.
  • Zur Gewichtsabnahme werden Appetitzügler oder entwässernde Medikamente (Diuretika) eingenommen.

In Gedanken beschäftigen sich die Betroffenen oft zwanghaft mit der Nahrung. Dies führt zu ungewöhnlichen Gewohnheiten und Ritualen im Zusammenhang mit Essen und kann den Alltag stark beeinträchtigen. Folgende Verhaltensweisen und Gedanken können Ausdruck dessen sein:

  • Häufig werden zwanghaft die Kalorien der Nahrung gezählt. Betroffene „erlauben" sich oft nur eine gewisse Menge an Kalorien pro Tag.
  • Betroffene überspringen Mahlzeiten und unterlassen es zu essen, auch, wenn sie hungrig sind.
  • Die Auswahl der Lebensmittel wird oft eingeschränkt: Diätkost und reduzierte Portionsgrößen bei den Mahlzeiten werden bevorzugt.
  • Betroffene beschäftigen sich oft lange mit dem Einkaufen und Zubereiten des Essens. Oftmals sind sie interessiert, Kochbücher zu lesen, Kochsendungen zu schauen oder für andere zu backen oder kochen.
  • Essen in Gesellschaft wird vermieden.
  • Bei gesellschaftlichen Anlässen wird das Essen gegenüber anderen vorgetäuscht, z. B. gekaut und dann wieder ausgespuckt.
  • Probleme mit dem Essen werden geleugnet.
  • Betroffene überprüfen ständig ihr Gewicht und untersuchen den Körper im Spiegel – vor allem Bauch, Oberschenkel und Gesäß.

Viele Patienten leiden unter Minderwertigkeitsgefühlen und Gefühlen der Unzulänglichkeit. Angstzustände und Stimmungsschwankungen treten häufig auf. Die Erkrankung kann auch mit anderen psychischen Erkrankungen, wie Depressionen, einhergehen. Magersüchtige Personen haben häufig hohe Ansprüche an sich selbst, sind oft ehrgeizig und erbringen in der Schule, im Studium, im Beruf oder im Sport hohe Leistungen. Als Persönlichkeitsmerkmale treten teils zwanghafte Züge auf. Manche Betroffenen zeigen sich stark abhängig von anderen Personen.

Wird die Gewichtsabnahme durch eine Nahrungseinschränkung erreicht, spricht man auch von einer restriktiven Anorexie. Bei 60 % der magersüchtigen Personen kommt es, meist erst im Verlauf, zu Heißhungerattacken mit Essanfällen (Binge-Eating), oft gefolgt von der Einnahme abführender Medikamente oder Erbrechen. Man bezeichnet dies dann als bulimische Anorexie oder Anorexie vom Binge-Eating/Purging-Typ.

Was passiert mit bei anhaltendem Untergewicht?

Wenn Patienten bereits längere Zeit an Magersucht erkrankt sind, kann die Unterernährung sich folgendermaßen äußern:

  • Betroffene fühlen sich schwach und müde. Die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit nimmt ab.
  • Einige Patienten klagen über Schlafstörungen, Ängste, depressive Verstimmungen und innere Unruhe.
  • Meist stehen die Gedanken an Essen und das Körpergewicht im Zentrum des Denkens; Hobbies, Freunde, Schule oder Arbeit treten in den Hintergrund.
  • Betroffene verspüren schlimmstenfalls den Wunsch, sich selbst zu töten oder Verletzungen zuzufügen. Viele Patienten können nicht mit anderen über ihre Gefühle sprechen.
  • Betroffene erleiden teilweise Ohnmachtsanfälle, geraten leicht außer Atem oder bekommen Herzrhythmusstörungen. Dies sind Zeichen einer Beeinträchtigung des Herzens. Das Herz und andere Organe können auch dauerhaft geschädigt werden.
  • Durch die Mangelernährung kann es zu einer verminderten Knochendichte bzw. Osteoporose kommen.
  • Bei Erbrechen schädigt die Magensäure die Zähne, was zu Karies führen kann.
  • Neben trockener, juckender Haut können Haarausfall, Flaumbehaarung (Lanugobehaarung) oder Hautinfektionen auffallen.
  • Magersüchtige Personen frieren leicht und haben in der Regel kalte Hände und Füße.
  • Die Mangelernährung kann eine Verstopfung durch eine Verhärtung des Stuhls zur Folge haben. Ein dauerhafter Gebrauch bzw. Missbrauch von bestimmten Abführmitteln kann die Verstopfung bei ausgelassener Anwendung verschlimmern.
  • Viele Betroffene haben Bauchschmerzen, nachdem sie nur eine kleine Menge Essen zu sich genommen haben. Völlegefühl und Blähungen treten häufig auf.
  • Einige Patienten sind dehydriert (ausgetrocknet), z. B. durch eingeschränktes Trinken oder den übermäßigen Gebrauch entwässernder oder abführender Medikamente.
  • Als Folge der Hormonveränderungen verzögert sich die Pubertätsentwicklung bei Einsetzen der Erkrankung vor der Pubertät. Die Regelblutungen bleiben bei vielen Mädchen aus. Viele Betroffene haben das Interesse an Sex oder Beziehungen verloren.

Bei einer schweren Magersucht können sogenannte Hungerödeme auftreten, also Flüssigkeitsansammlungen im Körper, z. B. im Bauch. Der Puls kann verlangsamt sein. Magersucht kann zum Verhungern führen.

Weitere Informationen

Andere Essstörungen

Hilfsangebote und weitere Informationsquellen

Autoren

  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim
  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen
  • Julia Trifyllis, Dr. med., Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W.

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Anorexia nervosa. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Falkai P, Wittchen HU (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-5. Hogrefe, Göttingen 2015
  2. Eating Disorders Victoria. Classifying eating disorders - DSM-5. Abbotsford Vic, 25.11.2016. www.eatingdisorders.org.au
  3. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI): ICD-10-GM Version 2018. Stand 22.09.2017 www.dimdi.de
  4. Jacobi F, HöflerM, Strehle J et al. Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul Psychische Gesundheit (DEGS1-MH). Der Nervenarzt 2014; 85:77–87. DOI: 10.1007/s00115-013-3961-y DOI
  5. Råstam M, Gillberg C, Garton M. Anorexia nervosa in a Swedish urban region. A population based study. Br J Psychiatry 1989; 155: 642-6. PubMed
  6. Swanson, S. A., et al. (2011). Prevalence and correlates of eating disorders in adolescents. Results from the national comorbidity survey replication adolescent supplement. Arch Gen Psychiatry. 68(7):714–23. PMID: 21383252 PubMed
  7. Pawluck DE, Gorey KM. Secular trends in the incidence of anorexia nervosa: integrative review of population-based studies. Int J Eat Disord 1998; 23: 347-52. PubMed
  8. Halvorsen, I., Andersen, A., Heyerdahl, S. Good outcome of adolescent-onset anorexia nervosa after systematic treatment. Intermediate to long-termfollow-up of a representative county-sample. European Child Adolescent Psychiatry 2004; 13: 295-306. PubMed
  9. Statistisches Bundesamt. Anzahl der in deutschen Krankenhäusern diagnostizierten Fälle von Anorexie in den Jahren 2000 bis 2016. Berlin 2018. de.statista.com
  10. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Wie häufig kommen Essstörungen vor? www.bzga-essstoerungen.de
  11. Rosenvinge JH, Klusmeier AK. Treatment for eating disorders from a patient patient satisfaction perspective: a Norwegian replication of a British study. Eur Eat Disord Rev 2000; 8: 293-300. PubMed
  12. Strober M, Freeman R, Lampert C, et al. Controlled family study of anorexia nervosa and bulimia nervosa: evidence of shared liability and transmission of partial syndromes. Am J Psychiatry 2000; 157: 393-401. PubMed
  13. Patton GC et al. Onset of adolescent eating disorders: population based cohort study over 3 years. BMJ 1999; 318:765-8. British Medical Journal
  14. Rosenvinge JH, Martinussen M, Østensen E. The comorbidity of eating disorders and personality disorders: a metaanalytic review of studies published between 1983 and 1998. Eat Weight Disord 2000; 5: 52-61. PubMed
  15. American Psychiatric Association Work Group on Eating Disorders., Practice guideline for the treatment of patients with eating disorders (revision). American Journal of Psychiatry 2000; 157: 1-39 PubMed
  16. Halmi KA, Eckert E, Marchi P et al. Comorbidity of psychiatric diagnosis in anorexia nervosa. Arch Gen Psychiatry 1991; 48: 712-8. PubMed
  17. Skodol AE, Oldham JM, Hyler SE et al. Comorbidity of DSM-III-R eating disorders and personality disorders. Int J Eat Disord 1993; 14: 403-16. PubMed
  18. Holland AJ, Hall A, Murray R, Russell GF, Crisp AH. Anorexia nervosa: a study of 34 twin paris and one triplets. Br J Psychiatry 1984 Oct;145:414-9. PubMed
  19. Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie, Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin. Essstörungen, Diagnostik und Therapie. AWMF-Leitlinie Nr. 051-026. S3, Stand 2010 (abgelaufen). www.awmf.org
  20. Fairburn CG, Cooper Z, Bohn K et al. The severity and status of eating disorders NOS: Implications for DSM-V. Behaviour Research & Therapy 45: 1705-1715. PMID: 17374360 PubMed
  21. Morgan JF, Reid F, Lacey JH. The SCOFF questionnaire: assessment of at new screening tool for eating disorders. BMJ 1999; 319: 1467-8. British Medical Journal
  22. Universitätsklinikum Heidelberg, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Allgemeine Innere Medizin & Psychosomatik. Essstörungen – Beurteilung des medizinischen Risikos. www.klinikum.uni-heidelberg.de
  23. Treasure J. A guide to the medical risk assessment for eating disorders. www.kcl.ac.uk
  24. Zipfel S, Wild B, Gross G, et al. Focal psychodynamic therapy, cognitive behaviour therapy, and optimised treatment as usual in outpatients with anorexia nervosa (ANTOP study): randomised controlled trial. Lancet 2013. doi:10.1016/S0140-6736(13)61746-8 DOI
  25. Nordbø R, Gulliksen K, Espeset E, Skårderud F, Geller J og Holte A. The content of patients' wish to recover from anorexia nervosa. International Journal of Eating Disorders 2008; 41: 635-42. www.ncbi.nlm.nih.gov
  26. Perkins S, Murphy R, Schmidt U, Williams C. Self-help and guided self-help for eating disorders. Cochrane Database Syst Rev 2006; 3: CD004191. cochranelibrary-wiley.com
  27. Holtkamp K, Herpertz-Dahlmann, B. Zertifizierte Medizinische Fortbildung: Anorexia und Bulimia nervosa im Kindes- und Jugendalter. Dtsch Arztebl 2005; 102(1-2): A-50 / B-40 / C-38 www.aerzteblatt.de
  28. Bundesministerium für Gesundheit. Essstörungen verhindern. Gibt es spezielle Projekte zur Prävention von Esstörungen? www.bundesgesundheitsministerium.de
  29. Børresen R, Rosenvinge JH. From prevention to health promotion. I: Treasure J, Schmidt U, van Furth E, red. Handbook of eating disorders. 2. utg. Chichester: Wiley, 2003.
  30. American Psychiatric Association Work Group on Eating Disorders. Practice guideline for the treatment of patients with eating disorders (revision). Am J Psychiatry 2000; 157: 1-39 American Journal of Psychiatry
  31. Kerr JK. Skok RL. McLaughlin TF, Characteristics common to females who exhibit anorexic or bulimic behavior: a review of current literature, Journal of Clinical Psychology 1991; 47: 846-53. www.ncbi.nlm.nih.gov
  32. Miller KK, Grinspoon SK, Ciampa J et al. Medical findings in outpatients with anorexia nervosa. Arch Intern Med 2005; 165: 561-6. PubMed
  33. Steinhausen, H.C. The outcome of anorexia nervosa in the 20th century. American Journal of Psychiatry 2002; 159(8): 1284-1293. PubMed
  34. Franko DL, Keshaviah A, Eddy KT, et al. A longitudinal investigation of mortality in anorexia nervosa and bulimia Nervosa. Am J Psychiatry 2013;170:917-925. doi:10.1176/appi.ajp.2013.12070868 DOI
  35. Strober M, Freeman R, Morrell W. The long-term course of anorexia nervosa in adolescents. Int J Eat Disord 1997; 22: 339-60. PubMed
  36. Ekeus C, Lindberg L, Lindblad F, Hjern A. Birth outcomes and pregnancy complications in women with a history of anorexia nervosa. BJOG 2006; 113: 925-9. PubMed