Vorbeugung und Behandlung von Essstörungen

Essstörungen sind vor allem unter jugendlichen und jungen erwachsenen Frauen recht verbreitet, aber auch Männer sind betroffen. Bei manchen bessern sich die Probleme nach einiger Zeit ohne Hilfe durch Experten wieder, bei vielen jedoch entwickelt sich eine schwere, manchmal lebensgefährliche Krankheit. Psychotherapeuten, Psychiater und andere Ärzte bieten spezielle Therapiemöglichkeiten für die verschiedenen Arten von Essstörungen an.

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Essstörungen stellen ein großes Gesundheitsproblem in der westlichen Welt dar. Sie betreffen vor allem jugendliche Mädchen und junge Frauen. Bessere Behandlungsangebote und eine größere Offenheit über Essstörungen haben dazu beigetragen, dass sich heute mehr Betroffene Hilfe suchen. Auch Jungen und Männer mit Essstörungen scheinen häufiger Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wichtige Fragen sind: Ist es möglich, der Entwicklung von Essstörungen vorzubeugen? Welche Behandlung ist die beste?

Essstörungen werden vor allem in 2 Gruppen unterteilt (Mischformen kommen aber auch häufig vor): Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Bei beiden Krankheiten leiden Betroffene an einer veränderten Körperwahrnehmung: Sie fühlen sich (auch bei Untergewicht) zu dick und tun alles, um abzunehmen. Magersüchtige essen immer weniger, treiben intensiv Sport und hungern oft so lange, bis sie lebensgefährlich untergewichtig sind. Patienten mit Bulimie sind oft normalgewichtig oder auch sehr schlank, aber nicht extrem untergewichtig. Sie erleben Essanfälle, bei denen sie unkontrolliert enorme Mengen essen. Um nicht zuzunehmen, zwingen Bulimie-Patienten sich anschließend zu erbrechen und/oder treiben exzessiv Sport, nehmen Abführmittel und halten vorübergehend strenge Diäten ein. Beide Krankheiten gehen mit psychischen Problemen einher; die Behandlungsmethoden unterscheiden sich aber wegen der Begleitkrankheiten und unterschiedlichen Symptome etwas. 

Vorbeugung: Verschiedene Forschergruppen untersuchen Methoden, die Jugendliche mit erhöhtem Risiko für eine Essstörung davor schützen sollen, ernste Symptome zu entwickeln.

  • Viele Jugendliche, v. a. Mädchen, zeigen Merkmale einer Essstörung, ohne bereits wirklich daran erkrankt zu sein. Sie achten z. B. sehr stark auf ihr Gewicht, halten oft Diät, haben bereits absichtlich erbrochen, um abzunehmen und machen sehr viel Sport. Für diese Zielgruppe wurden verschiedene Programme entwickelt, die eine „echte" Magersucht oder Bulimie verhindern sollen.
  • Gruppendiskussionen, in denen der Einfluss der Medien diskutiert wird, können dabei helfen, einer Fixierung auf den Körper und falschen Schönheitsidealen zu widerstehen.
  • Unterweisungen und Diskussionen, die sich auf Selbstwertgefühl und Selbstkontrolle konzentrieren, können die Beziehung zum eigenen Körper, Verhaltensmuster und Selbstwertgefühl verbessern.
  • Es gibt internetgestützte Programme, die sich v. a. an Eltern von Kindern mit ersten Anzeichen einer Essstörung richten (z. B. Bundesfachverband Essstörungen, BFE).

Therapie: Bei Bulimia nervosa und Anorexia nervosa lässt sich mit einer Psychotherapie eine Besserung erzielen.

  • Wie sich in Studien zeigte, führt eine Psychotherapie deutlich häufiger zur Heilung, als nur eine Ernährungsberatung in Anspruch zu nehmen.
  • Bei Anorexia nervosa scheint eine Familientherapie die beste Wirkung für jüngere Patienten zu haben, die noch bei den Eltern leben. Bei erwachsenen Patienten scheinen andere Formen der Psychotherapie ebenso wirksam zu sein.
  • Bei Bulimia nervosa mit Essattacken ist die kognitive Verhaltenstherapie, die speziell an die Behandlung von Bulimie angepasst wird, effektiver als andere Formen der Psychotherapie.

Zusätzliche Behandlung mit Medikamenten

  • Essstörungen gehen oft mit depressiven Symptomen einher. Vor allem Patienten mit Bulimie leiden zudem oft an Suchterkrankungen (Medikamenten-/Drogenmissbrauch) und Zwangsstörungen. Im Fall einer Bulimie kann die unterstützende Therapie mit Antidepressiva Vorteile bringen. Bei der Magersucht sind Antidepressiva meist nur bei deutlicher Depression und dann nur kurzzzeitig sinnvoll. 
  • Andere Medikamente: Bei beiden Essstörungen, aber vor allem bei Magersucht, kann es durch die unzureichende Ernährung zu Störungen des Stoffwechsels, Mangelerscheinungen oder auch akuten Komplikationen durch Funktionsstörungen von Herz und/oder Nieren oder anderen Organen kommen. In solchen Fällen sind Flüssigkeitszufuhr, Gabe verschiedener Medikamente oder auch Zwangsernährung im Rahmen einer stationären Therapie nötig.

Laut verschiedener Forschungsergebnisse ist eine ambulante Therapie grundsätzlich genauso wirksam wie eine Therapie in der Klinik.

  • Der Vorteil einer ambulanten Behandlung ist, dass die Betroffenen in ihrem Umfeld in Familie und Schule bleiben können und auch dort lernen, mit ihren Symptomen umzugehen und die Krankheit zu überwinden.
  • In vielen Fällen jedoch sind Familie und häusliche Umgebung belastend, sodass eine Besserung nur abzusehen ist, wenn die Betroffenen einige Zeit lang in einer Klinik behandelt werden und erst dann wieder nach Hause gehen.
  • Eine stationäre Behandlung ist unbedingt erforderlich, wenn ein medizinisch ernster Zustand vorliegt (starkes Untergewicht, Funktionsstörungen von Organen etc.).

Die Behandlung einer Essstörungen nimmt meist viele Monate oder auch einige Jahre in Anspruch. Rund die Hälfte der Betroffenen werden nach einiger Zeit vollständig geheilt, einige werden so weit stabilisiert, dass sie gut mit ihren Problemen klarkommen, auch wenn Aussehen, Körpergewicht und Essen immer noch eine belastende, zu große Rolle in ihrem Leben spielen. Heilungen sind auch noch nach 10 bis 15 Jahren möglich, aber rund 20 % der Patienten werden ihre Beschwerden nie los; manche sterben sogar an der Krankheit. Experten für Essstörungen stimmen darin überein, dass weitere Forschung notwendig ist, um zu neuen Erkenntnissen über noch wirksamere Methoden zur Vorbeugung und Behandlung von Essstörungen beizutragen.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen