Diagnostik der Bulimie

Menschen mit Bulimie haben Angst vor Gewichtszunahme, verlieren gleichzeitig häufig die Kontrolle über ihr Essverhalten und nehmen große Mengen an Lebensmitteln zu sich. Daran anschließend werden Maßnahmen wie selbstinduziertes Erbrechen, der Konsum von Abführmitteln oder stundenlanges körperliches Training ergriffen.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist Bulimie?

Die Bulimie ist durch Heißhungerattacken und Essanfälle, bei denen große Mengen Lebensmittel konsumiert werden, gekennzeichnet. Zugleich sind die Betroffenen stark mit ihrem Aussehen und dem Körpergewicht beschäftigt und möchten ein eher niedriges Gewicht halten. Als Folge hiervon gewöhnen sie sich Maßnahmen an, trotz der Heißhungerattacken nicht zuzunehmen: Sie induzieren nach dem unkontrollierten Essen z.B. regelmäßig Erbrechen, konsumieren Abführmittel oder treiben exzessiv Sport. Die Krankheit wird auch Ess-Brech-Sucht genannt; allerdings führen nicht alle Patienten Erbrechen herbei. Ihre Verhaltensweisen in Bezug auf das Essen verbergen die Patienten meist vor anderen, eventuell erleben sie Scham- oder Schuldgefühle.

Die Erkrankung ist bei jungen Frauen recht stark verbreitet, bei jungen Männern eher selten. 15- bis 35-jährige Frauen haben ein Risiko von etwa 1–3% an einer Bulimie zu erkranken. Häufig werden die Beschwerden verharmlost; Bulimie ist jedoch eine ernstzunehmende Erkrankung, die organische Schäden zur Folge haben kann. Durch die unregelmäßige Nahrungsaufnahme und das Erbrechen können auch akute Komplikationen wie Herzrhythmusstörungen oder Krampfanfälle entstehen, die notfallmäßig behandelt werden müssen. 

Falls die Betroffenen ärztliche oder therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, ist die Prognose gut. Der schwierigste Teil der Therapie ist es, sich einzugestehen, dass man ein Problem hat. Dieser Schritt lohnt sich jedoch, da es Therapiemöglichkeiten gibt, die dazu beitragen, dass die Beschwerden reduziert werden und ein gesundes Essverhalten zurückerlangt wird.

Einige Fakten zur Bulimie

  • Etwa 1–3 von 100 Frauen leiden zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens an einer Essstörung wie Bulimie.
  • Für die Betroffenen ist es oft schwierig oder sie lehnen es ab, ärztliche oder therapeutische Hilfe zu suchen; die Erkrankung wird häufig über Jahre verborgen.
  • Wenn sie sich jedoch einer Therapie unterziehen, stehen die Chancen für eine Besserung der Beschwerden gut. Je früher Hilfe gesucht wird, desto besser ist meist die Prognose.
  • Selbst wenn die Betroffenen bereits lange Zeit an Bulimie leiden, kann eine Therapie sie dabei unterstützen, ein gesundes Essverhalten zurück zu erlangen.

Viele Bulimie-Patienten litten zuvor an Anorexie, einer anderen Essstörung. Diese beiden Erkrankungen sind eng miteinander verknüpft.

Diagnostik

Es ist oft nicht einfach, eine Bulimie zu diagnostizieren, v.a. allem, wenn die Patienten einige ihrer Beschwerden und Angewohnheiten nicht offen ansprechen. Wenn die Betroffenen aber mit ihrem Arzt über ihre Beschwerden, ihren Alltag und ihre Essgewohnheiten sprechen, kann der Arzt in der Regel die Diagnose stellen. Kennzeichnend sind die Essanfälle, bei denen die Patienten die Kontrolle über das Essen verlieren und oft innerhalb sehr kurzer Zeit enorme Mengen an Nahrungsmitteln zu sich nehmen. Da Betroffene stark auf ihr Aussehen und v. a. das Körpergewicht fixiert sind, versuchen sie durch Erbrechen und/oder Abführmittel, sehr strenge Diäten/Fastenperioden und übermäßigen Sport schlank zu bleiben. Häufig schwankt das Körpergewicht stark.   

Im ausführlichen Gespräch wird der Arzt neben diesen Symptomen auch nach anderen Krankheiten oder Beschwerden fragen: Häufig nämlich leiden Patienten mit Bulimie zusätzlich an psychischen Krankheiten wie Depression, Zwangsstörungen oder auch Suchterkrankungen (Missbrauch von Drogen, Medikamenten, Alkohol). Auch die Bulimie selbst kann zu Antriebslosigkeit und starken Stimmungsschwankungen führen.  

Außerdem dokumentiert der Arzt Körpergröße und Körpergewicht des Patienten. Patienten mit Bulimie sind oft schlank, möglicherweise leicht untergewichtig, können aber auch eher übergewichtig sein. Falls die zu behandelnde Person stark untergewichtig ist, leidet sie möglicherweise an Anorexie und nicht an Bulimie.

Selbstinduziertes Erbrechen und die Einnahme von Abführmitteln, entwässernden Mitteln (Diuretika) oder Diätpräparaten kann das empfindliche Gleichgewicht zwischen den chemischen Substanzen im Organismus beeinträchtigen. Im schlimmsten Fall kann dies Leber-, Nieren- und Herzprobleme verursachen. Der behandelnde Arzt kann mithilfe einer Blutuntersuchung eventuell bestehende Funktionsstörungen von Organen sowie Veränderungen von Hormonen oder des Stoffwechsels abklären. Auch ein EKG oder eventuell eine Ultraschalluntersuchung können sinnvoll sein, um Herz und andere innere Organe zu überprüfen.

Häufig wird nicht der behandelnde Arzt, sondern der Zahnarzt als erster auf das Problem aufmerksam. Dies liegt daran, dass durch häufiges Erbrechen Magensäure in den Mundraum gelangt und den Zahnschmelz angreift (Karies). Folgen des Erbrechens sind zudem eine Entzündung von Speiseröhre und Magen mit Sodbrennen.

In manchen Fällen fällt es den Betroffenen schwer, den Arzt über ihre Bulimie zu informieren, selbst wenn eine Vertrauensbasis vorhanden ist. Es kann einfacher fallen, wenn sie zum Arztbesuch in Begleitung einer vertrauten Person erscheinen.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Bulimia nervosa. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Eating Disorders Victoria. Classifying eating disorders - DSM-5. Abbotsford Vic, 25.11.2016. www.eatingdisorders.org.au
  2. Falkai P, Wittchen HU (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-5. Hogrefe, Göttingen 2015
  3. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI): ICD-10-GM Version 2018. Stand 22.09.2017 www.dimdi.de
  4. Currin L, Schmidt U, Treasure J, Jick H. Time trends in eating disorder incidence. Br J Psychiatry. 2005; 186: 132-5. PMID: 15684236 PubMed
  5. Jacobi F, HöflerM, Strehle J et al. Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul Psychische Gesundheit (DEGS1-MH). Der Nervenarzt 2014; 85:77–87. DOI: 10.1007/s00115-013-3961-y DOI
  6. Bushnell JA. Wells JE. Hornblow AR. Oakley-Browne MA. Joyce P, Prevalence of three bulimia syndromes in the general population, Psychological Medicine, 1990; 20(3):671-80. www.cambridge.org
  7. Garfinkel PE. Lin E. Goering P. Spegg C. Goldbloom DS. Kennedy S. Kaplan AS. Woodside DB, Bulimia nervosa in a Canadian community sample: prevalence and comparison of subgroups, American Journal of Psychiatry, 1995; 152:1052-8. www.ncbi.nlm.nih.gov
  8. Kjelsås E, Augestad LB, Flanders WD. Screening of males with eating disorders. Eat Weight Disord 2003; 8: 304-10. PubMed
  9. Götestam KG, Eriksen L, Hagen H. An epidemiological study of eating disorders in Norwegian psychiatric institutions. Int J Eat Disord 1995; 18: 263-8. PubMed
  10. Statistisches Bundesamt. Anzahl der in deutschen Krankenhäusern diagnostizierten Fälle von Anorexie in den Jahren 2000 bis 2016. Berlin 2018. de.statista.com
  11. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Wie häufig kommen Essstörungen vor? www.bzga-essstoerungen.de
  12. Rosenvinge JH, Klusmeier AK. Treatment for eating disorders from a patient patient satisfaction perspective: a Norwegian replication of a British study. Eur Eat Disord Rev 2000; 8: 293 - 300. PubMed
  13. Brambilla F, Aetiopathogenesis and pathophysiology of bulimia nervosa: biological bases and implications for treatment, CNS Drugs 2001; 15: 119-36. www.ncbi.nlm.nih.gov
  14. Bulik CM, Devlin B, Bacanu SA, et al. Significant linkage on chromosome 10p in families with bulimia nervosa. Am J Hum Genet 2003;72:200-207. PubMed
  15. NICE guidance. Depression in children and young people: identification and management. Last updated march 2015 www.nice.org.uk
  16. Rosenvinge JH, Martinussen M, Østensen E. The comorbidity of eating disorders and personality disorders: a metaanalytic review of studies published between 1983 and 1998. Eat Weight Disord 2000; 5: 52-61. PubMed
  17. Braun DL, Sunday SR, Halmi KA. Psychiatric comorbidity in patients with eating disorders. Psychol Med 1994; 24: 859-67. PubMed
  18. Halmi KA, Eckert E, Marchi P et al. Comorbidity of psychiatric diagnosis in anorexia nervosa. Arch Gen Psychiatry 1991; 48: 712-8. PubMed
  19. Fairburn CG, Welch SL, Doll HA, Davies BA, O'Connor ME. Risk factors for bilimia nervosa: A community-based case-control study. Arch Gen Psychiatry 1997; 54: 509-17. PubMed
  20. Welch SL. Fairburn CG., Sexual abuse and bulimia nervosa: three integrated case control comparisons., 1994, American Journal of Psychiatry, 1994; 151:402-7. www.ncbi.nlm.nih.gov
  21. Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie, Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin. Essstörungen, Diagnostik und Therapie. AWMF-Leitlinie Nr. 051-026, Klasse S3, Stand 2010 (abgelaufen). www.awmf.org
  22. Morgan JF, Reid F, Lacey JH. The SCOFF questionnaire: a new screening tool for eating disorders. West J Med 2000; 172(3): 164-165. www.ncbi.nlm.nih.gov
  23. Robert Koch-Institut. Störungen des Essverhaltens. Berlin 2008. (17.6.2016) www.rki.de
  24. Hölling H, Schlack R. Essstörungen im Kindes- und Jugendalter. Erste Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 2007 · 50:794–799. DOI 10.1007/s00103-007-0242-6. www.kinderumweltgesundheit.de
  25. Universitätsklinikum Heidelberg, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Allgemeine Innere Medizin & Psychosomatik. Essstörungen – Beurteilung des medizinischen Risikos. www.klinikum.uni-heidelberg.de
  26. Machado GC1, Ferreira ML1.. Physiotherapy improves eating disorders and quality of life in bulimia and anorexia nervosa.. Br J Sports Med. 2014; 48: 1519-1520. PubMed
  27. Milosevic A, Brodie DA, Slade PD. Dental erosion, oral hygiene, and nutrition in eating disorders. Int J Eat Disord 1997;21:195-199. PubMed
  28. Jimerson DC, Wolfe BE, Brotman AW, Metzger ED. Medications in the treatment of eating disorders. Psychiatr Clin North Am 1996;19:739-754. PubMed
  29. Mehler PS. Bulimia nervosa. N Engl J Med 2003; 349: 875-81. PMID: 12944574 PubMed
  30. Goldstein DJ, Wilson MG, Thompson VL et al. Long-term fluoxetine treatment for bulimia nervosa. Br J Psychiatry 1995; 166: 660-6. British Journal of Psychiatry
  31. Hay PPJ, Bacaltchuk J, Stefano S, Kashyap P. Psychological treatments for bulimia nervosa and binging. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 4. Art. No.: CD000562. Cochrane (DOI)
  32. Whittal ML, Agras WS, Gould RA. Bulimia nervosa: A meta-analysis of psychosocial and pharmacological treatments. Behavior Therapy 1999; 30:117-35. http://dx.doi.org/10.1016/S0005-7894(99)80049-5. www.sciencedirect.com
  33. Poulsen S, Lunn S, Daniel SI, et al. A randomized controlled trial of psychoanalytic psychotherapy or cognitive-behavioral therapy for bulimia nervosa. Am J Psychiatry. 2014 Jan 1;171(1):109-16. PMID: 24275909. PubMed
  34. Agras WS, Walsh T, Fairburn CG et al. A multicenter comparison of cognitive-behavioral therapy and interpersonal psychotherapy for bulimia nervosa. Arch Gen Psychiatry 2000; 57: 459-66. PubMed
  35. Børresen R, Rosenvinge JH. From prevention to health promotion. I: Treasure J, Schmidt U, van Furth E, red. Handbook of eating disorders. 2. utg. Chichester: Wiley, 2003. books.google.de
  36. Bundesministerium für Gesundheit. Essstörungen verhindern. Gibt es spezielle Projekte zur Prävention von Esstörungen? www.bundesgesundheitsministerium.de
  37. Hay PJ. Gilchrist PN. Ben-Tovim DI. Kalucy RS. Walker MK., Eating disorders revisited. II: Bulimia nervosa and related syndromes., 1998, Medical Journal of Australia 1998; 169: 488-91.
  38. Walsh JM. Wheat ME. Freund K., Detection, evaluation, and treatment of eating disorders the role of the primary care physician., 2000, Journal of General Internal Medicine 2000; 15: 577-90. www.ncbi.nlm.nih.gov
  39. Mehler P. Constipation: diagnosis and treatment in eating disorders. Eat Disord J Treat Prev 1997;5:41-6. PubMed
  40. Crow SJ, Thuras P, Keel PK, Mitchell JE. Long-term menstrual and reproductive function in patients with bulimia nervosa. Am J Psychiatry 2002;159:1048-1050. American Journal of Psychiatry
  41. Collings S, King M. Ten year follow-up of 50 patients with bulimia nervosa. Br J Psychiatry 1994; 164: 80-7. British Journal of Psychiatry
  42. Wells LA. Sadowski CA., Bulimia nervosa: an update and treatment recommendations. Current Opinion in Pediatrics 2001; 13: 591-7. PubMed
  43. Keel PK, Mitchell JE, Miller KB, Davis TL, Crow SJ. Long-term outcome of bulimia nervosa. Arch Gen Psychiatry 1999; 56: 63-9. PubMed