Ursachen und Symptome von Bulimie

Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, warum jemand an Bulimie erkrankt. Es ist jedoch bekannt, dass häufig eine Kombination aus mehreren Faktoren für die Erkrankung verantwortlich ist. Kennzeichnend sind regelmäßig unkontrollierbare Essanfälle, häufig mit anschließendem Erbrechen und/oder exzessivem Sport und Diäten.

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Gesunde Essgewohnheiten

Bei einem normalen Essverhalten reagiert der Mensch auf Signale des Gehirns und Nervensystems, die ihn wissen lassen, dass Nahrung benötig wird (Hungergefühl) und auf Signale, die anzeigen, dass die Nahrungsaufnahme zu beenden ist, sobald ein Sättigungsgefühl einsetzt. Die meisten Menschen haben regelmäßige Essgewohnheiten. In der Regel nehmen wir drei Mahlzeiten täglich und eventuell einige Snacks oder Zwischenmahlzeiten zu uns. Die Nahrungsaufnahme dient jedoch nicht nur der lebenswichtigen Energiezufuhr. Die Gemeinschaft mit anderen, der soziale Faktor, ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil einer Mahlzeit.

Für die meisten Menschen ist Essen ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Wir verbringen viel Zeit damit, Lebensmittel einzukaufen und Mahlzeiten zu planen oder zuzubereiten. Wenn wir Freunde und Familie treffen, essen wir in der Regel gemeinsam.

Viele Menschen sorgen sich um ihr Körpergewicht und versuchen den Lebensmittelkonsum zu kontrollieren. Nach zu üppigen Mahlzeiten haben wir manchmal ein schlechtes Gewissen. Wenn wir jedoch normale Essgewohnheiten und ein gesundes Gefühl für unser Aussehen und unseren Körper haben, werden wir nicht von derartigen Gedanken geplagt.

Um herauszufinden, ob man selbst ein gesundes Essverhalten zeigt oder eventuell Probleme vorliegen, kann man sich die unten genannten Fragen stellen. Beantwortet man die meisten der Fragen mit Ja, spricht dies sehr wahrscheinlich für eine gesunde Einstellung zur Ernährung. Ist mehrmals ein Nein die Antwort, bedeutet dies nicht zwingend, dass eine Essstörung vorliegt. Allerdings ist es ein Hinweis dafür, dass sich der Betroffene stark bzw. über ein gesundes Maß hinaus mit dem Thema Ernährung beschäftigt.

  • Denken Sie in der Regel vor allem dann an Essen, wenn Sie hungrig sind?
  • Haben Sie regelmäßige Essgewohnheiten, denen Sie nahezu täglich folgen?
  • Essen Sie gern in Gesellschaft anderer?
  • Finden Sie es normal, über Essen zu sprechen und mitzuteilen, was Sie gegessen haben?
  • Äußern Sie ehrlich und offen, was Sie essen?
  • Freuen Sie sich auf die Mahlzeiten?
  • Hören Sie auf zu essen, wenn ein Sättigungsgefühl einsetzt?
  • Haben Sie das Gefühl, dass Sie über das, was Sie essen, die Kontrolle haben?
  • Treiben Sie Sport, weil es Ihnen Freude bereitet oder überwiegen andere Gründe?

Was läuft falsch?

Wer an Bulimie erkrankt ist, sorgt sich in deutlich höherem Maße als andere Menschen um das körperliche Aussehen und die Ernährung. Betroffene haben Angst vor dem Gedanken, übergewichtig zu sein. Ihr Aussehen und ihr Körpergewicht bestimmen ihre Gedanken. Diese Gefühle bewirken unregelmäßige, ungesunde Ernährungsgewohnheiten, wie im Folgenden aufgelistet:

  • Die Gedanken kreisen permanent um das Thema Ernährung. Die Betroffenen zählen ständig Kalorien, planen und sorgen sich um ihre Mahlzeiten.
  • Typischerweise verlieren die Patienten mit Bulimie regelmäßig die Kontrolle über ihre Ernährung und nehmen heimlich, während eines Essanfalls, sehr große Mengen von Lebensmitteln zu sich. Diese Anfälle können mehrmals täglich oder auch nur alle 2 Wochen auftreten, sind jedoch regelmäßig über mindestens 3 Monate. 
  • Danach haben sie das Gefühl, dass sie die soeben aufgenommenen Kalorien durch Erbrechen oder den Konsum von Abführmitteln oder Diuretika wieder loswerden müssen.
  • Statt zu erbrechen (oder auch zusätzlich) versuchen die Betroffenen auch eine Gewichtszunahme zu vermeiden, indem sie längere Zeit nichts essen und/oder extrem viel Sport treiben.
  • Erbrechen und der Konsum von Abführmitteln können kurzzeitig ein Gefühl der angenehmen Leere bewirken, derartige Gefühle halten jedoch nicht lange an.
  • Das Gleiche gilt für sportliche Aktivitäten. Eine umfangreiche Trainingseinheit bewirkt ein Gefühl der Zufriedenheit, was jedoch nur bis zum nächsten Essanfall und Kontrollverlust andauert.
  • Da die Betroffenen danach streben, ihre auffälligen Ernährungsgewohnheiten zu verbergen, bleibt ihnen oft nicht viel Zeit für die Arbeit, zum Lernen oder um Freunde zu treffen.

Bulimie ist eine schwere Erkrankung, keine vorübergehende Episode. Sie zählt zu einer Gruppe von Erkrankungen, die als Essstörungen bezeichnet wird. Die Bulimie stellt ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko dar. Aufgrund der ungesunden Ernährung kann es zu Mangelerscheinungen oder Funktionsstörungen von Organen kommen; häufiges Erbrechen führt zu Entzündungen der Schleimhaut in Magen und Speiseröhre sowie Zahnschäden. Es sind auch schwere Komplikationen wie Krampfanfälle oder Herzrhythmusstörungen möglich.

Häufig lässt es sich nicht so einfach erkennen, ob eine Person an Bulimie leidet, da die Betroffenen, im Gegensatz zu Anorexie-Patienten, meist normalgewichtig oder nahezu normalgewichtig sind. Wenn Sie die Sorge haben, dass eine Ihnen nahestehende Person unter Bulimie leidet, kann es schwierig sein zu wissen, was zu tun ist. Sich ärztlich beraten und untersuchen zu lassen, ist jedoch ein wichtiger, sehr oft hilfreicher Schritt.

Warum ich?

Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, was Bulimie oder eine andere Essstörung verursacht. Ein Zusammenspiel zwischen biopsychosozialen Faktoren und familiären Beziehungen gilt als ursächlicher Faktor. Außerdem verdichten sich die Hinweise, dass die Erbanlagen eine wichtige Rolle spielen. Die Bulimie ähnelt in mancher Hinsicht der Anorexie (Magersucht). Etwa die Hälfte der Bulimie-Patienten litt zuvor an Anorexie. Bulimie kann außerdem parallel zur Anorexie auftreten, aber auch unabhängig davon auftreten.

Folgende Probleme und Faktoren gehen häufig mit einer Bulimie einher. Wahrscheinlich spielt für die Entwicklung einer solchen Essstörung das Zusammenspiel mehrerer dieser Faktoren eine Rolle:

  • Angst vor Übergewicht
  • Geringes Selbstwertgefühl, Neigung zum Perfektionismus
  • Emotionale Probleme (andere psychischen Krankheiten, Angststörungen, Suchterkrankungen, wie Alkohol-/Medikamentenmissbrauch)
  • Familiäre Belastungen
  • Negative Erfahrungen in der Kindheit, wie Vernachlässigung, Missbrauch.

Manche Menschen haben ein höheres Risiko an Bulimie zu erkranken als andere. Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und auch Erfahrungen aus der Kindheit und im familiären Umfeld sind Risikofaktoren; diese prädisponierenden Faktoren werden im Artikel Wie häufig ist Bulimie? noch genauer erläutert.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Bulimia nervosa. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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