Asperger-Syndrom (Autismus-Spektrum-Störung)

Das Asperger-Syndrom äußert sich etwa ab dem 3. Lebensjahr, aber in der Regel muss das Schulalter abgewartet werden, bis eine Diagnose gestellt werden kann.

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Was ist das Asperger-Syndrom?

Das Asperger-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die sich durch schwerwiegende, anhaltende Störungen in drei Symptombereichen äußert:

  • Soziale Interaktion mit anderen
  • Abweichungen in Kommunikation und Sprache
  • Ein begrenztes und/oder stereotypes Verhaltensmuster

Die Erkrankung gehört zu den Autismusspektrumsstörungen (ASS), die auch tiefgreifende Entwicklungsstörungen genannt werden. Zu diesen gehören außerdem Autismus, das Rett-Syndrom, der atypische Autismus, die desintegrative Störung im Kindesalter sowie autismusähnliche Störungen. Das Asperger-Syndrom wird häufig als eine hochfunktionale Form des Autismus betrachtet.

Die Häufigkeit des Asperger-Syndroms schwankt von Studie zu Studie ganz erheblich, da sich die angewandten diagnostischen Definitionen unterscheiden. Die Zahl der gemeldeten Fälle reicht von 1 pro 250 Kinder bis 1 pro 1.000 Kinder. Man nimmt an, dass das Asperger-Syndrom häufiger vorkommt als Autismus. Jungen sind 3- bis 10-mal so oft betroffen wie Mädchen.

Ursache

Die Ursachen des Asperger-Syndroms sind unbekannt, man geht aber davon aus, dass es die gleichen sind wie beim Autismus. Forscher vermuten, dass erbliche Mechanismen von großer Bedeutung sind. Bei etwa der Hälfte der Patienten ist ein Verwandter ersten Grades vom Asperger-Syndrom oder von Autismus betroffen.

Symptome und Beschwerdebilder

In den ersten drei Lebensjahren ist die Sprachentwicklung dieser Kinder oftmals so, dass sie mit anderen kommunizieren können. Dabei können Grammatik und Wortbildung zwar gut entwickelt sein, aber das Sprachverständnis und die nonverbale Kommunikationsfähigkeit sind gestört. Die Kinder sind – ähnlich wie beim Autismus – in der sozialen Interaktion mit anderen beeinträchtigt. Sie haben zudem ein eingeschränktes, wiederholungsgeprägtes und stereotypes Verhaltensmuster und ebenso begrenzte, einseitige Interessen. Häufig sind die motorischen und koordinativen Fähigkeiten gestört. Die Kinder haben oft ein sehr gutes Gedächtnis, können leicht auswendig lernen und verfügen über hervorragend entwickelte Fähigkeiten in bestimmten Interessensbereichen. Auf anderen Gebieten wiederum können sie Lernschwierigkeiten haben. Begabungstests absolvieren sie auf einem dem Alter entsprechenden normalen Niveau.

Verlauf

Die Erkrankung zeigt sich mit zunehmendem Alter immer deutlicher. Die ersten Symptome können unspezifisch sein. Die Symptome liegen in den gleichen Bereichen wie beim Autismus, äußern sich aber häufig ein wenig unterschiedlich. Einige Eigenschaften, wie z. B. einseitige Interessen, Probleme mit der sozialen Interaktion und eine ungeschickte Motorik, können bei einigen Betroffenen stärker ausgeprägt sein. Menschen mit Asperger-Syndrom haben in der Regel ein oder nur wenige Interessen, die sie in großem Umfang beschäftigen und die das übrige Leben dominieren können.

Häufig verfügen sie über keine oder nur eingeschränkte Fähigkeiten, sich in die Gefühle und Reaktionen anderer hineinzuversetzen. Dies kann zu einem mangelhaften Verständnis sozialer Situationen und Normen führen. Während andere Kinder relativ früh ein Verständnis dafür entwickeln, wie andere Menschen in einer bestimmten Situation denken und reagieren, ist dies für Gleichaltrige mit Asperger-Syndrom in der Regel schwierig. Dies kann leicht zu Missverständnissen und dadurch zu Fehlern oder unerwarteten Reaktionen führen. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, Freundschaften zu knüpfen. In der Familie haben die Kinder meist wenig Probleme. Veränderungen im Alltag, wie beispielsweise ein Umzug oder Reisen, können häufig sehr belastend sein und die Symptome verstärken.

Die Körpersprache bei Kindern mit Asperger-Syndrom kann schlecht entwickelt und stellenweise auch unpassend sein. Vom Asperger-Syndrom betroffene Personen können intellektuell hochbegabt sein, und einige beweisen ihr Können in wissenschaftlichen Bereichen, in denen es weniger auf soziale Kompetenz ankommt. Anders als bei autistischen Kindern können die sprachlichen Fähigkeiten relativ normal entwickelt sein. Bei genauerer Betrachtung ist die Sprache allerdings oft pedantisch und konkret, hat eine spezielle Intonation und einen eigenen Rhythmus. Viele Betroffene haben eine begrenzte Fähigkeit, die Untertöne der Sprache zu verstehen und einzusetzen. Ebenfalls typisch ist sowohl eine Überempfindlichkeit wie auch das Nichtvorhandensein von Reaktionen auf sensorische Reize wie Berührung, Geräusche, Geruch, Geschmack, Schmerz und Temperatur.

Die meisten Personen mit Asperger-Syndrom haben einen IQ von über 70 (im Gegensatz zu Menschen mit Autismus). Viele Kinder mit Asperger-Syndrom erfüllen auch die Kriterien für eine Hyperaktivitätsstörung. Ein großer Prozentsatz ist von Zwangsstörungen und Tics betroffen; bei einigen sind die Kriterien für das Tourette-Syndrom erfüllt. Depressionen sind weit verbreitet.

Diagnostik

Körperliche Erkrankungen können zusammen mit dem Asperger-Syndrom auftreten; eine gründliche medizinische und neurologische Untersuchung ist daher sehr wichtig. Eine Gehör- und Augenuntersuchung wird ebenfalls durchgeführt. Im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen psychologische Tests, die Analyse der sozialen Entwicklung, die Sprachentwicklung, die Entwicklung des Spielverhaltens und die Interessen des Kindes. In der Regel werden mehrere Spezialisten konsultiert, z. B. Augenarzt und Hals-Nasen-Ohren-Arzt. In bestimmten Fällen werden auch eine Chromosomenuntersuchung, Blutuntersuchungen, eventuell CT oder MRT, EEG sowie eine Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit durchgeführt.

Sobald der Verdacht einer Autismusspektrumsstörung besteht, erfolgt die Überweisung an die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Untersuchung ist eine Aufgabe für Spezialisten.

Therapie

Die Behandlungsziele richten sich nach dem Alter und den speziellen Bedürfnisse des jeweiligen Kindes. Die Maßnahmen sind notwendig, um:

  • die Entwicklung der Sprach- und Kommunikationsfähigkeit zu stimulieren
  • die Stärken auszubauen und weiterzuentwickeln
  • ungünstigen Entwicklungen entgegenzuwirken, indem das Kind geeignete Kommunikationsformen lernt
  • den Verlust von Fähigkeiten zu verhindern
  • andere Krankheiten zu behandeln, z. B. Epilepsie
  • sicherzustellen, dass die Eltern die notwendige Hilfe und finanzielle Unterstützung erhalten
  • auf die anderen Kinder der Familie zu achten.

Eine frühzeitige Diagnose und die Einleitung von Maßnahmen sind von größter Bedeutung, da dies die Entwicklung von Fähigkeiten fördern und die Entwicklung problematischer Verhaltensweisen verhindern kann. Eine Heilung ist nicht möglich. Ein Training zur Selbstständigkeit und Selbsthilfe ist anzustreben. In der Therapie wird empfohlen, die pedantischen Neigungen des Kindes zu nutzen. Das Lernen von „Verhaltensregeln“ kann zu einem gewissen Grad sozialen Schwierigkeiten vorbeugen. Bei der Therapie zusätzlicher Beschwerden kann eine medikamentöse Behandlung sinnvoll sein.

Medikamente

Es gibt keine allgemeine Indikation für eine medikamentöse Behandlung. Zur Linderung eventueller zusätzlicher Symptome wie Schlafstörungen, Depressionen, Hyperaktivität, Aufmerksamkeits- oder Verhaltensstörungen können probeweise Medikamente gegeben werden. Als einzige Therapieform kommen Medikamente nicht in Betracht. Indizierte Medikamente sind Schlafmittel, Antidepressiva, Clomipramin, Antipsychotika (gegen Verwirrungszustände und psychotische Episoden) und Stimulanzien (bei Unaufmerksamkeit). Bei Angststörungen, Aggressionen und selbstzerstörerischem Verhalten sollten Betablocker vor Antipsychotika getestet werden.

Weitere Behandlungsmöglichkeiten

Das Training (die Rehabilitation) des Kindes erfordert ein lebenslanges Programm hinsichtlich Ausbildung, Arbeit, Freizeit und Wohnen. Es ist die Aufgabe von Kinderpsychiatern oder Kinderärzten (in der Rehabilitation), mit den Eltern Diagnose, Prognose und Therapie zu besprechen. Auch kann es ratsam sein, den Geschwistern psychosoziale Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen. Bei einer möglichen Epilepsie, Seh- und Hörschädigungen sowie anderen Erkrankungen ist das Kind an den jeweiligen Spezialisten zu überweisen. Es kann sinnvoll sein, die Familie in Bezug auf das Thema Vererbung zu beraten. Zudem sollten Informationen zu Interessenverbänden vermittelt werden.

Prognose

Viele Kinder mit Asperger-Syndrom entwickeln als Heranwachsende Depressionen, und auch Suizide sind möglich. Durch die Behandlung sollen die Betroffenen lernen, mit der Funktionsstörung zu leben. Beim Asperger-Syndrom ist die Prognose bezüglich der sozialen Anpassung im Allgemeinen besser als beim autistischen Syndrom. Etwa 50 % der Betroffenen führen als Erwachsene ein relativ problemfreies Leben, viele heiraten, und einige verfolgen eine akademische Laufbahn.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

 

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Asperger syndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Sponheim E, Gjevik E. Gjennomgripende utviklingsforstyrrelser (autismespekterforstyrrelser). Faglig veileder for barne- og ungdomspsykiatri, sist oppdatert 21. mars 2019 www.legeforeningen.no
  2. de Giambattista C, Ventura P, Trerotoli P et al. Subtyping the Autism Spectrum Disorder: Comparison of Children with High Functioning Autism and Asperger Syndrome. J Autism Dev Disord. 2019;49(1):138–150. PMID: 30043350 PubMed
  3. Brasic JR. Asperger syndrome. Medscape, last updated Feb 13, 2018. emedicine.medscape.com
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  7. Cederlund M, Hagberg B, Billstedt E, et al. Asperger syndrome and autism: a comparative longitudinal follow-up study more than 5 years after original diagnosis. J Autism Dev Disord 2008; 38: 72-85. pmid:17340200 PubMed