Tics und Tourette-Syndrom

Bestimmte sogenannte Tics – plötzliche, unwillkürliche Bewegungen oder Laute – können bei vielen Personen auftreten, stellen keine Krankheit dar und sind meist auch nicht belastend. Beim Tourette-Syndrom jedoch kommt es für mindestens 12 Monate immer wieder mehr oder weniger ausgeprägt zu verschiedenen motorischen und vokalen Tics (Laute). Dies ist für die Betroffenen in der Regel sehr unangenehm; häufig sind damit andere psychische Krankheiten verbunden.

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Was sind Tics und das Tourette-Syndrom?

Sogenannte Tics sind plötzliche, nicht rhythmische unwillkürliche Bewegungen (motorische Tics) oder Töne (vokale Tics) wie Räuspern, Husten, Fluchen und die Wiederholung bestimmter Wörter. Ein Tic oder mehrere Tics können isoliert bei vielen Personen auftreten: Bei etwa 15–25 % aller Kinder lassen sich Tics beobachten; die Betroffenen ziehen wiederholt die Augenbrauen hoch, blinzeln ohne Ursache verstärkt oder machen andere einfache Bewegungen, die keinen Zweck verfolgen, aber nicht zu unterdrücken sind. Auch vermehrtes Räuspern oder Niesen gehören dazu. Solche Handlungen lassen sich meist leicht kaschieren. Darüber hinaus gibt es sogenannte komplexe Tics: Dazu gehören z. B. wiederholtes Hüpfen ohne Grund oder auch negativ besetzte Gesten, wie die Zunge herauszustrecken als motorische Tics. Ein vokaler komplexer Tic ist z. B. das Nachsprechen der eben gehörten Wörter eines anderen (Echolalie).

Solche Tics können immer mal wieder vorkommen. Dauern sie bei einem Kind/Jugendlichen mindestens 4 Wochen, aber weniger als 12 Monate an, wird dies als vorübergehende Tic-Störung bezeichnet. Die Diagnose chronische Tic-Störung wird gestellt, wenn ein Kind/Jugendlicher einen bestimmten Tic über eine längere Zeit immer wieder zeigt.

Bei einem Tourette-Syndrom jedoch liegen mehrere motorische und mindestens ein vokaler Tic vor, die Diagnose wird bei unter 18-Jährigen gestellt, und die Symptome halten länger als 1 Jahr an. Die Erkrankung wurde erstmals von Georges Gilles de la Tourette im Jahr 1885 beschrieben.

Das Tourette-Syndrom tritt bei ca. 1 % aller Kinder auf. Jungen sind im Vergleich zu Mädchen 3– bis 4-mal häufiger davon betroffen. Oft zeigen sich die Auffälligkeiten erstmals im frühen Grundschulalter. Die meisten Betroffenen haben im Alter von 10–12 Jahren die deutlichsten Beschwerden. Bei vielen gehen die Tics im weiteren Verlauf wieder zurück.

Symptome

Es wird zwischen vier Haupttypen von Tics unterschieden:

  1. Einfache motorische Tics
  2. Einfache vokale Tics
  3. Komplexe motorische Tics
  4. Komplexe vokale Tics.

Einfache motorische Tics sind plötzliche, sich wiederholende, schnelle, ziellose, nicht rhythmische, unwillkürliche Bewegungen, die einem normalen Verhalten ähneln können. Sie sind meist von kurzer Dauer (1 Sekunde). Normale motorische Tics sind Augenblinzeln, das Zurückwerfen des Kopfes, Schulterzucken und das Schneiden von Grimassen. Solche Tics lassen sich leicht als gesteuerte Bewegungen verbergen und werden oft nicht bemerkt.

Einfache vokale Tics sind oft sinnlose Äußerungen oder Laute, die meist möglichst versteckt geäußert werden. Sie können aus einem Räuspern, Husten, Schniefen, Schmatzen, Grunzen, Zischen oder Schreien bestehen.

Komplexe motorische Tics sind besser koordinierte Bewegungen, die normale motorische Funktionen imitieren. Sie fallen meist aus dem Kontext oder in unpassende Situationen und erregen Aufmerksamkeit, weil sie übertrieben und kräftig sind und oft wiederholt werden. Die Betroffenen können springen, laufen, zwanghaft sich selbst oder andere berühren oder spucken. Sozial unangemessene Bewegungen, wie obszöne Gesten (Kopropraxie) und die Nachahmung des Verhaltens anderer (Echopraxie), können besonders belastend sein.

Komplexe vokale Tics bestehen aus Wörtern und Phrasen. Hierunter können die Wiederholung besonderer, manchmal sozial inakzeptabler, oft obszöner Wörter/Flüche (Koprolalie) oder die Wiederholung von Klängen oder Wörtern (Echolalie) fallen. Obwohl das Fluchen für das Tourette-Syndrom als typisch gilt, tritt dieses Problem nur in etwa 10 % der Fälle auf, meist erst später in der Jugend. Der Unterschied zwischen Koprolalie und normalem Fluchen besteht darin, dass Koprolalie als unvermeidbar wahrgenommen wird und in der Regel in unpassenden Situationen vorkommt.

Die Symptome beginnen in der Regel mit Tics im Gesicht, beispielsweise mit Augenblinzeln oder Grimassen, die allmählich vom Gesicht auf den Rest des Körpers übergehen können. Die Erkrankung beginnt in der Regel im Alter von 5–6 Jahren, kann aber auch schon im Alter von 2 Jahren beginnen. Vokale Tics treten oft erst mehrere Jahre später auf als motorische Tics. Die Tics treten üblicherweise zwischen dem 10. und 12. Lebensjahr besonders häufig auf, um danach allmählich abzunehmen. Etwa die Hälfte bis drei Viertel der Kinder erleben eine Besserung der Tics bis zum Alter von 18 Jahren. Unklar ist, welche Faktoren bestimmen, ob Tics im Erwachsenenalter anhalten oder verschwinden.

Tics können durch starke Konzentration unterdrückt oder abgeschwächt werden. Die anhaltende Unterdrückung von Tics kann jedoch eine innere Spannung aufbauen, die zu noch dramatischeren Tics oder Ausbrüchen von Tics führen kann. Bei einigen Personen setzen sich die auf diese Weise unterdrückten Tics frei, wenn sie von der Schule nach Hause kommen. Unter Stress, Erschöpfung oder Aufregung steigt das Auftreten von Tics. Bei vielen kündigt sich an, dass ein Anfall von Tics naht, sie erleben eine Art Dranggefühl.

Ursachen

Die Erkrankung beginnt in der Kindheit und ist bei einigen mit Zwangsstörungen, ADHS und anderen psychiatrischen Erkrankungen assoziiert. Das Tourette-Syndrom wird heute als Störung in der Funktionalität des Gehirns infolge biologischer Veränderungen betrachtet. Diese Veränderungen sind manchmal auch mit moderner bildgebender Diagnostik (wie der funktionellen MRT) nachweisbar. In vielen Fällen ist es eine erbliche Erkrankung, bei der weitere ähnliche Krankheitsfälle in der Familie auftreten. 

Die Erkrankung tritt im Alter von 5–6 Jahren erstmals auf, erreicht ihr Maximum im Alter von 10–12 Jahren und ist bei vielen im Alter von 18 Jahren verschwunden. 

Mehr als die Hälfte der Kinder mit Tourette-Syndrom leiden oft gleichzeitig an einer psychiatrischen Erkrankung, oft ADHS (eher bei Jungen) oder eine Zwangsstörung (eher bei Mädchen). Depressionen, Angst und Verhaltensstörungen können belastender sein als die Tics, oder sie können die Symptome der Tics verschlimmern. ADHS kann die schulischen Leistungen beeinträchtigen. Kinder können Schwierigkeiten mit dem eigenen Antrieb haben, damit, etwas zu planen, sich zu strukturieren und Prioritäten zu setzen, wie etwa bei Schularbeiten oder Projekten.

Die geistigen Fähigkeiten sind bei Kindern mit Tourette-Syndrom meist normal verteilt. Tics und andere psychiatrische Erkrankungen können sich allerdings in schlechten Noten und disziplinarischen Maßnahmen seitens der Schule niederschlagen. Die Kinder können sich, aufgrund ihrer Symptome und weil sie von Mitschülern gehänselt werden, zurückziehen und sozial isolieren und zusätzlich ein negatives Selbstwertgefühl entwickeln.

Diagnostik

Die Erkrankung erfordert eine gründliche Untersuchung der Patienten und Gespräche mit der Familie. Zunächst ist es wichtig, Erkrankungen von Muskeln oder Nerven auszuschließen, die ähnliche Symptome auslösen können. Beim Tourette-Syndrom ist jedoch die neurologische Untersuchung völlig unauffällig, d. h. es liegt keine nachweisbare Störung der Nerven- oder Muskelfunktionen vor.

Ebenso wichtig ist die Identifikation anderer Krankheiten oder Beschwerden, die parallel zu Tics oder Tourette auftreten können:

  • Zwangsstörungen (Zwangsvorstellungen und -handlungen) oder Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, Impulsivität und Reizbarkeit und Hyperaktivität (ADHS) können bei etwa 50 % beobachtet werden. Auch Lernschwierigkeiten sind häufig.
  • Depressionen sind sehr häufig und haben unterschiedliche Ursachen. Sie können als Folge einer Tic-Störung auftreten. Vor allem Jugendliche mit Tourette-Syndrom können durch depressive Symptome belastet sein, die mit dem Alter zunehmen können. Depressionen können zudem sowohl als Begleitzustand beim Tourette-Syndrom als bisweilen auch in Verbindung mit der medikamentösen Behandlung von Tics (durch Behandlung mit Antipsychotika) auftreten.
  • Tics kommen häufig bei Kindern mit Autismus und bei geistig retardierten Kindern vor. Manchmal kann es schwierig sein, stereotype Bewegungen von Tics zu unterscheiden. Umgekehrt können Kinder mit Tourette-Syndrom autistische Züge aufweisen oder eine gleichzeitige Erkrankung aus dem Autismus-Spektrum haben, meistens das Asperger-Syndrom oder hochfunktionalen Autismus.
  • Angst, Verhaltensstörungen, Schlafstörungen.

Die endgültige Diagnose erfordert oft die Zusammenarbeit zwischen der Familie, der Kinderärztin/dem Kinderarzt und der Kinderpsychiaterin/dem Psychiater. Normalerweise ist keine bildgebende Diagnostik erforderlich, doch bei Ungewissheit über eine neurologische Grunderkrankung werden CT oder MRT durchgeführt.

Behandlung

Allgemeines zur Behandlung

Tic-Störungen lassen sich nicht durch eine Behandlung kurieren, aber die Symptome lassen sich oft lindern. Es ist wichtig, die Symptome zu erkennen und ihre Schwankungen, Variationen und Intensität über einige Monate zu beobachten, bevor hinsichtlich einer möglichen medikamentösen Behandlung entschieden wird.

Die Diagnose allein sollte keine Behandlung mit Medikamenten nach sich ziehen. In leichten Fällen steht im Vordergrund, das Kind, die Familie und die Schule/den Kindergarten zu informieren. Die Erkrankung ist harmlos, und die Symptome sind nicht beabsichtigt. Mahnungen, eine Fokussierung auf die Symptome und Bestrafungen verschlimmern die Krankheit. 

Indem Familie, Lehrer, Klassenkameraden und andere Mitarbeiter in der Schule informiert werden, kann ein Umfeld der Akzeptanz für ein Kind mit Tourette-Syndrom geschaffen werden. Ohne diese Informationen besteht ein hohes Risiko, dass das Kind gehänselt, ausgelacht, bestraft oder aufgefordert wird, „damit aufzuhören“.

Oft führt eine solche ausführliche Information und Beratung schon zu einer Besserung der Beschwerden.

Psychotherapie

Gesprächstherapie, Verhaltenstherapie, Familientherapie sind Verfahren, die bei einem Tourette-Syndrom empfohlen werden.

Medikamentöse Therapie

Sie sollte erwogen werden, wenn die Symptome die/den Betroffene/n sehr belasten und in ihrem/seinem Alltag (Schule, Ausbildung, Freizeit) stören und nichtmedikamentöse Maßnahmen unzulänglich sind. Die Behandlung nehmen Kinderärzte oder Kinderpsychiater vor. Die Auswahl an Medikamenten hängt davon ab, welche Symptome die betroffene Person als am problematischsten empfindet. Jedwede Behandlung beginnt mit der niedrigsten möglichen Dosis. Eine langsame Erhöhung der Dosis führt zu weniger Nebenwirkungen und erleichtert es, die optimale Dosis zu finden. Medikamente haben aber oft keine durchschlagende Wirkung bei der Erkrankung, und lästige Nebenwirkungen sind nicht selten.

Einige Personen benötigen über viele Jahre hinweg eine symptomatische Behandlung der Tics, während andere ohne Medikamente zurechtkommen, abgesehen von wichtigen Lebensphasen oder in Situationen, die sozial sensibel sind (z. B. wenn das Kind beim Schulabschluss auftritt).

Angezeigte Medikamente

Risperidon

Wird normalerweise gegen Psychosen eingesetzt. Ist in der letzten Zeit effektiv gegen Tics zum Einsatz gekommen und stellt heute in vielen Fällen das Mittel der Wahl dar. Ist genauso wirksam wie Pimozid – was zuvor erste Wahl war –, hat aber weniger Nebenwirkungen. Dennoch gibt es keine Langzeitstudien über Nebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit der Anwendung neuerer Neuroleptika. Auf das Risiko einer Gewichtszunahme achten – Ernährungstipps sind wichtig.

Pimozid

Kommt heute weniger häufig als zuvor zum Einsatz. Dem Wirkstoff wurde die Zulassung entzogen, weil er das Herz beeinflussen kann, in Ausnahmefällen wird er jedoch weiterhin eingesetzt.

Tiaprid

Es gibt nur wenige kontrollierte Forschungsberichte, doch diese weisen auf eine Wirkung hin. Das Präparat hat grundsätzlich wenige Nebenwirkungen.

Aripiprazol

Auch dieses Medikament wird üblicherweise bei anderen psychiatrischen Krankheiten eingesetzt, ist laut einiger Studien jedoch bei Tics oft gut wirksam.

Clonidin

Wird unter anderem bei der Behandlung von Bluthochdruck verwendet und wirkt, indem es im Körper das Empfängermolekül für Substanzen blockiert, die dem Adrenalin ähnlich sind. Es verursacht Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Mundtrockenheit und Reizbarkeit. Das Medikament wird in Deutschland kaum verwendet.

Auch andere Medikamente kommen infrage, was sich natürlich auch danach richtet, ob noch Begleitkrankheiten vorliegen. Kleineren Untersuchungen zufolge können auch Cannabinoide beim Tourette-Syndrom hilfreich sein; diese Daten sind aber noch als vorläufig zu betrachten.

Weitere Therapien

Infrage kommende Maßnahmen können sein:

  • Individuelle Entspannungsübungen und Bewältigungsstrategien zur täglichen Anwendung
  • Psychotherapie zur Bearbeitung von emotionalen Problemen, die im Zusammenhang mit der Erkrankung auftreten.
  • Familientherapie zur Stressbewältigung im unmittelbaren Umfeld der Patienten
  • Spezielle pädagogische Programme in der Schule: Dass die Lehrkräfte um die Beschwerden des Kindes wissen, ist wichtig, damit der Schultag entsprechend ausgerichtet werden kann. Dies gilt auch für leichte Fälle von Tic-Störungen.
  • Für erwachsene Patienten mit Tourette-Syndrom hat sich eine Verhaltenstherapie bewährt.
  • Eine chirurgische Behandlung mit der sogenannten „tiefen Hirnstimulation“ kann eine deutliche Wirkung haben, wird aber nur in ganz bestimmten Fällen eingesetzt.

Prognose

Die typischen Beschwerden beginnen in der Regel im Alter von etwa 6 Jahren und immer vor dem 18. Lebensjahr. Tics variieren meist sowohl in der Art als auch im Umfang; es kann gute und schlechte Zeiten geben. Zusätzlich zu den Tics treten oft psychiatrische Krankheiten auf. Oft verschlechtern sich die Symptome in der Pubertät, die somit im Hinblick auf das Selbstbild und Verhalten zu einer sensiblen Phase gerät. Diese Erkrankungen können ein Leben lang bestehen, aber bei vielen bleiben nur minimale Symptome im Erwachsenenalter zurück.

Die Prognose hängt weitgehend davon ab, inwieweit es die Kinder/Jugendlichen schaffen, ein positives Selbstbild zu erhalten, Freundschaften mit Gleichaltrigen aufzubauen und inwiefern auch Begleitsymptome und mögliche andere Erkrankungen bestehen (wie z. B. eine Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität).

Grundsätzlich ist es für die Betroffenen und Eltern und andere Personen in der Umgebung wichtig zu wissen, dass die Krankheit an sich harmlos ist, dass jedoch viele Reaktionen des Gegenübers die Symptome verschlimmern können: Man sollte also weder den Fokus auf die Tics legen, noch fordern, damit „aufzuhören", oder schimpfen. 

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Tics und Tourette-Syndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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