Atemwegserkrankungen durch die Coronaviren SARS und MERS

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SARS und MERS sind zwei verwandte grippeähnliche Erkrankungen, die einen schweren Verlauf haben können. Sie werden durch verschiedene Arten des Coronavirus verursacht. Die von China ausgehende SARS-Epidemie dauerte von 2002 bis 2003. MERS wurde erstmals 2012 im mittleren Osten nachgewiesen. Zu Krankheitsausbrüchen kam es 2012 und 2015.

Was sind SARS und MERS?

SARS

SARS steht für: Severe Acute Respiratory Syndrome. Auf Deutsch wird es als schweres akutes Atemwegssyndrom bezeichnet. Es ist eine grippeähnliche Erkrankung mit hoher Infektiosität (Ansteckungsfähigkeit), Morbidität (Krankheitshäufigkeit in einer Bevölkerungsgruppe) und einer Sterberate von ca. 8–10 %.

Die ersten Krankheitsfälle wurden im November 2002 in der Provinz Guangdong in China gemeldet. Später breitete sich die Krankheit nach Hongkong und in andere Länder in Ostasien sowie nach Kanada aus. Vereinzelte Fälle (durch Flugverkehr übertragen) wurden auch auf anderen Kontinenten gemeldet. In Deutschland wurden während der SARS-Epidemie 2003 insgesamt neun Erkrankte registriert; alle hatten sich in Asien angesteckt, alle überlebten.

Die Mehrzahl der Patienten war im Alter von 25–70 Jahren, und die meisten waren vorher völlig gesund. Weltweit sind insgesamt 8.096 wahrscheinliche SARS-Fälle in 37 Ländern mit 774 Todesfällen dokumentiert worden. Im Juni 2003 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die SARS-Epidemie des Jahres 2003 für beendet. Danach gab es noch vier kleinere sporadische Ausbrüche, von denen drei die Folge von Ansteckungen in Laboren waren.

SARS vermehren sich wahrscheinlich in Fledermäusen. Hat sich ein Mensch infiziert, kann das Virus sich leicht auf andere Menschen ausbreiten. Man geht davon aus, dass es noch Tiere gibt, die von SARS betroffen sind und bei denen sich der Mensch anstecken kann. Es ist nicht ausgeschlossen, dass neue Epidemien daraus entstehen könnten.

MERS

MERS steht für: Middle East Respiratory Syndrome. Es ist ebenfalls eine grippeähnliche Erkrankung, die in eine schwere Lungenentzündung und ein Atemnotsyndrom (Acute Respiratory Distress Syndrome, ARDS) übergehen kann.

Das auslösende Virus mit dem Namen „Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus“ (MERS-CoV) wurde erstmals im April 2012 bei Patienten auf der arabischen Halbinsel nachgewiesen. Bislang wurden der WHO mehr als 1.600 Patienten gemeldet, deren Diagnose MERS durch Laboruntersuchungen bestätigt worden ist. Gemeldet wurden diese Patienten vor allem auf der arabischen Halbinsel aus dem Königreich Saudi-Arabien, aber auch in den Nachbarländern Katar, Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Von diesen Patienten überlebten in Saudi-Arabien etwa 60 %.

Im Jahr 2015 kam es zu einem neuen Krankheitsausbruch in Südkorea. Die Ansteckung erfolgte vermutlich durch einen Reisenden aus Saudi-Arabien. Bis Anfang Juli 2015 gab es unter medizinischem Personal, Familienangehörigen, Mit-Patienten und deren Angehörigen mehr als 180 weitere Erkrankungen, darunter 36 Todesfälle. Ein (im Vergleich zu den Vorjahren) unerwarteter Anstieg von erkrankten Patienten in Saudi-Arabien im August 2015 ist auf einen größeren Krankenhaus-assoziierten Ausbruch in Riad zurückzuführen. In Europa trat die Erkrankung bisher nur bei einzelnen Patienten auf, die sich in anderen Ländern angesteckt hatten, oder wenn sich Kontaktpersonen bei diesen Patienten ansteckten. In Deutschland war zum dritten Mal im März 2015 bei einem Patienten MERS festgestellt worden. Dieser war in die Vereinigten Arabischen Emirate gereist und hatte dort einen Kamelmarkt besucht. Eine Person, mit der der Patient Kontakt hatte, war ebenfalls mit MERS infiziert, zeigte aber keine Symptome.

Ursachen

SARS- und MERS-Viren sind verschiedene Arten von Coronaviren. Seit Anfang 2020 ist zudem ein neuartiges Coronavirus bekannt, das sogenannte SARS-CoV-2, das in einem eigenen Artikel beschrieben wird.

Das SARS-Virus ist hochgradig ansteckend. Mehr als 50 % des ärztlichen Personals, das die SARS-Patienten behandelte, erkrankte selber. Die Inkubationszeit (d. h. die Zeitspanne zwischen Ansteckung und Ausbruch der Erkrankung) beträgt 2–10 Tage. Das Virus wird durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen. Außerhalb des Körpers kann der Virus für etwa 9 Tage ansteckend bleiben. Ein Erhitzen auf 60 °C für 30 Minuten zerstört das Virus. Viren leben in anderen Organismen, sogenannten Wirten, um dauerhaft zu überleben. Der natürliche Wirt des SARS-Coronavirus sind wahrscheinlich insektenfressende Fledermäuse. Möglicherweise hat sich das Virus über wildlebende Tiere (u. a. Schleichkatzen), die in China verzehrt werden, oder auch Hauskatzen als Zwischenwirte auf den Menschen verbreitet.

Das MERS-Virus gilt nicht als besonders ansteckend. Ein besonderes Erkrankungsrisiko besteht bei ärztlichem Personal. Das Virus kann von Mensch zu Mensch übertragen werden. Man geht davon aus, dass die Tröpfcheninfektion der wichtigste Übertragungsweg zwischen Menschen ist, aber andere Ansteckungswege können nicht ausgeschlossen werden. Möglicherweise wird MERS von Kamelen und Dromedaren übertragen, da Personen, die professionell mit Dromedaren zu tun haben, ein im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung höheres Risiko für eine Ansteckung mit diesem Virus haben. Die Inkubationszeit beträgt 1–13 Tage. Die meisten Patienten entwickeln nach 3–4 Tagen Symptome.

Symptome

SARS

Die Krankheit unterscheidet sich zunächst nicht besonders von anderen infektiösen Erkrankungen der Atemwege, also z. B. einem grippalen Infekt.

Alle Patienten haben in den ersten 3–7 Tagen Fieber. Weitere Symptome sind: Schüttelfrost oder Muskelsteifheit (74 % der Patienten), Husten (62 %), Muskelschmerzen (54 %), Unwohlsein (50 %), Schnupfen (24 %), Halsschmerzen (20 %), Appetitlosigkeit (20 %), Kopfschmerzen (20 %), Schwindel (12 %) und Durchfälle (10 %). Die meisten Patienten zeigen nach 6–7 Tagen allmählich Anzeichen einer Besserung.

Die nächste Krankheitsphase ist charakterisiert durch Beschwerden der unteren Atemwege und trockenen Husten, die von Atembeschwerden und Brustschmerzen begleitet sein können. Eine Atemnot, die die Zufuhr von Sauerstoff erfordert, tritt bei manchen Patienten etwa ab dem 5. Krankheitstag ein. Die Sterblichkeit bei diesen schwereren Fällen scheint bei Patienten am höchsten zu sein, die über 40 Jahre alt sind und noch eine andere Grunderkrankung haben.

MERS

Die Erkrankung beginnt ebenfalls mit grippeähnlichen Symptomen. Die meisten Erkrankten haben Symptome, wie Fieber und Husten, gefolgt von einer schweren Lungenentzündung. Diese kann in ein akutes Atemnotsyndrom übergehen. Außerdem kann es zu Durchfällen und Nierenversagen kommen.

Es ist aber auch möglich, dass ein Patient sich mit dem MERS-Virus angesteckt hat und keine dieser Symptome zeigt.

Diagnostik

Bei Verdacht auf SARS/MERS sollte das Blut der Patienten auf Antikörper gegen das Virus untersucht werden. Zusätzlich können Bestandteile des Virus in Atemwegsflüssigkeiten und Stuhlproben bei beiden Krankheiten nachgewiesen werden. Das MERS-Virus wurde auch in Urinproben nachgewiesen. Eine Röntgenaufnahme der Lunge kann eine Lungenentzündung aufdecken.

Um andere Infektionen bzw. Atemwegskrankheiten auszuschließen sowie den Allgemeinzustand der Patientin/des Patienten zu beurteilen, dienen weitere Bluttests (z. B. Blutbild, Nieren- und Leberwerte).

Therapie

Es gibt keine spezifische antivirale Behandlung gegen das SARS-/MERS-Virus. Die Patienten werden wie bei anderen (schweren) Virusinfektionen ausreichend mit Flüssigkeit versorgt und, falls erforderlich, bei der Atmung unterstützt bzw. entsprechend möglicher anderer Symptome bzw. Komplikationen behandelt.

Bei einigen schwer kranken SARS-Patienten in Hongkong kam es nach einer Behandlung Ribavirin in Kombination mit Kortikosteroiden zu einer Besserung der Symptome. Vielversprechend ist möglicherweise eine Kombinationsbehandlung mit Interferon-alpha und Kortikosteroiden. Spezielle Empfehlungen für eine medikamentöse Therapie für das neuartige Virus gibt es (noch) nicht.

Einige Forscher empfehlen für Patienten mit MERS eine Kombinationsbehandlung aus Interferon-alpha2b plus Ribavirin. Zum Schutz vor MERS sollten Reisende auf der arabischen Halbinsel kein rohes oder schlecht gegartes Dromedarfleisch essen.

Präventionsmaßnahmen werden bei der Handhabung von SARS-/MERS-Infektionen eine entscheidende Rolle spielen. Bisher gibt es keine Impfung gegen SARS, MERS oder SARS-CoV-2.

Prognose

Der Krankheitsverlauf kann je nach Schweregrad von einer leichten Erkrankung bis hin zum Tod reichen. Die Sterblichkeitsrate der erkrankten Patienten liegt bei SARS zwischen 5 bis 10 %. Ältere Personen und Personen mit weiteren Erkrankungen weisen die höchste Sterblichkeit auf. Die Sterblichkeitsrate bei MERS liegt in Saudi-Arabien bei ca. 40 %.

Weitere Informationen

 Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel SARS und MERS. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Drazen JM. SARS - looking back over the first 100 days. N Engl J Med 2003; 349: 319-20. New England Journal of Medicine
  2. Arbeitskreis „Krankenhaus- & Praxishygiene“ der AWMF. Hygieneanforderung bei ausgewählten respiratorisch übertragbaren Infektionserkrankungen (aerogen und Tröpfchen). AWMF-Leitlinie Nr. 029-032. Stand 2016. www.awmf.org
  3. Robert-Koch-Institut. Informationen des RKI zu Erkrankungsfällen durch das MERS-Coronavirus. RKI, Stand Dezember 2015. www.rki.de
  4. Robert-Koch-Institut. Krankheitsbeschreibung von SARS. RKI, Stand 2003. www.rki.de
  5. Trivedi M. Severe Acute Respiratory Syndrome (SARS). Medscape, October 2015. emedicine.medscape.com
  6. Salazar D. Middle East Respiratory Syndrome (MERS). Medscape, June 2015. emedicine.medscape.com
  7. McIntosh K. Severe acute respiratory syndrome (SARS). UpToDate, last updated Oct 16, 2015. UpToDate