Hodenhochstand (Hodenretention, Kryptorchismus)

Von Hodenhochstand spricht man, wenn die Hoden (Testikel) bei der Geburt den Hodensack nicht erreicht haben, sondern in weiter oben liegenden Organen verblieben sind.

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Was bedeutet Hodenhochstand (Kryptorchismus)?

Von Hodenhochstand spricht man, wenn die Hoden (Testikel) bei der Geburt den Hodensack nicht erreicht haben, sondern in weiter oben liegenden Organen verblieben sind. Die Hoden werden beim männlichen Fötus im Bauchraum direkt unter der Niere gebildet (siehe Abbildung), an der gleichen Stelle wie die Eierstöcke beim weiblichen Fötus. In der fetalen Phase wandern die Hoden aus dem Bauchraum hinunter in den Hodensack. Diese „Wanderung" wird nicht bei allen Föten abgeschlossen, sodass bei manchen Neugeborenen ein oder beide Hoden den Hodensack nicht erreicht haben. Bei diesen Jungen befinden sich die Hoden irgendwo auf dem Weg vom Bauchraum zum Hodensack.

Der Hodensack bildet ein ideales Umfeld für die Hoden und die Spermienproduktion; unter anderem ist es hier etwas kühler als im Inneren der Bauchhöhle. Hochstehende Hoden profitieren in der Regel nicht von diesen Bedingungen und produzieren daher auch keine Samenzellen. Sind beide Hoden außerhalb des Hodensacks, kann dies zu Unfruchtbarkeit führen.

Häufigkeit

Das Fehlen von Hoden im Hodensack wird normalerweise bereits im Rahmen der Untersuchung des Neugeborenen erkannt. Zu diesem Zeitpunkt können die Hoden jedoch durchaus noch alleine den Weg in den Hodensack finden. Wenn die Eltern oder das ärztliche Fachpersonal beim sechs Monate alten Baby immer noch Hoden vermissen, sollte nachgeforscht werden, wo diese verblieben sind. Bei zwei bis vier Prozent der Neugeborenen kann man die Hoden nicht im Hodensack ertasten, bei 75 % dieser Kinder finden sich die Hoden jedoch im Laufe des ersten Lebensjahres ein. Im Alter von einem Jahr hat noch etwa ein Prozent der Jungen Hodenhochstand. In ca. 20 % der Fälle betrifft dies beide Hoden.

Diagnose

Bei der ärztlichen Untersuchung werden der Hodensack, der Bereich vom Hodensack bis zur Leiste und der Leistenkanal abgetastet. In vielen Fällen sind die fehlenden Hoden in diesem Bereich aufzufinden.

Der Pendelhoden beispielsweise befindet sich zeitweise in der Leistengegend. Die Untersuchung zeigt, dass die Hoden in den Hodensack hinunter gezogen werden können, dann aber von selbst wieder zur Leiste hinauf springen (pendeln). Dieser Umstand wird von einer überaktiven Hodenmuskulatur verursacht und stellt keine krankhafte Veränderung dar, weshalb normalerweise auch keine Behandlung erforderlich ist. Der steuernde Reflex kann beeinflusst werden, beispielsweise durch ein angenehm warmes Bad, das den Muskel zur Entspannung bringt und den Hoden wieder in die normale Position gleiten lässt.

Friert das Kind, ist es die Aufgabe dieses Muskels, die Hoden etwas näher an den Körper zu ziehen, wo die Temperaturen etwas höher sind. Daher ist es wichtig, dass die Umgebung warm ist und die ärztliche Untersuchung mit warmen Händen durchgeführt wird. Befinden sich die Hoden am richtigen Ort, wenn das Kind in warmem Wasser badet, ist, anders als in anderen Fällen, keine Behandlung erforderlich.

Wenn unklar ist, wodurch das Fehlen des Hodens verursacht wird, ist eventuell eine fachärztliche Untersuchung sinnvoll, wo mithilfe einer Überprüfung des Hormonstatus, von Ultraschall, Magnetresonanztomographie und/oder chirurgischen bzw. laparoskopischen Untersuchungen weitere Erkenntnisse gewonnen werden können.

Behandlung

Ziel der Behandlung ist es, die Hoden in den Hodensack zu führen und einer Erkrankung der Hoden vorzubeugen. Hodenretentionen werden überwiegend chirurgisch behandelt. Die Operation wird im Alter von sechs Monaten bis zu einem Jahr empfohlen. Bei jüngeren Säuglingen sollte man noch abwarten, da die Hoden in den ersten Lebensmonaten häufig doch noch selbständig in den Hodensack wandern. Nach Ablauf von sechs Monaten ist dies sehr unwahrscheinlich. Eine frühzeitige Behandlung ist dann wichtig, um dem Kind im Erwachsenenalter eine gute Fruchtbarkeit zu ermöglichen.

Eine Behandlung mit Hormonen wurde früher häufiger durchgeführt, scheint aber wenig Wirkung zu erzielen.

Bei der Operation wird der Hoden freigelegt, um ihn in den Hodensack hinab führen zu können. Dort wird er in der Regel befestigt, um ein Wiederaufsteigen zu verhindern.

Prognose

Bei 75 % der Kinder, die mit Hodenhochstand geboren werden, kommt es zu einem spontanen Abstieg während des ersten Lebensjahres. Nach dem ersten Lebensjahr ist ein Abstieg selten. Wenn der Hodenhochstand dann nicht operiert wird, steigt das Risiko für Hodenkrebs. Für Jungen/Männer, die wegen Hodenhochstand operiert werden, besteht ebenfalls ein erhöhtes Hodenkrebs-Risiko, dieses ist jedoch größer, wenn der Hodenhochstand unbehandelt bleibt. Nach der Pubertät ist es empfehlenswert, ca. einmal monatlich die Hoden abzutasten, um zu überprüfen, ob sich Knoten entwickeln oder die Hoden größer werden. Bei Unsicherheiten sollte man ärztlichen Rat hinzuziehen.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Hodenretention. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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