Verletzungen der Harnröhre bei Männern

Verletzungen der Harnröhre bei Männern müssen sorgfältig untersucht und behandelt werden, damit keine Dauerbeschwerden entstehen.

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Was ist eine Harnröhrenverletzung bei Männern?

Die männliche Harnröhre (Uretha) ist 17–20 cm lang und kann in zwei Hauptbereiche unterteilt werden:

  • vordere Harnröhre
  • hintere Harnröhre oder Prostatabereich der Harnröhre

Verletzungen der Harnröhre bei Männern müssen sorgfältig untersucht und behandelt werden, damit keine Dauerbeschwerden entstehen.

Verletzungen an der vorderen Harnröhre sind relativ selten und stehen für nur circa 10 % der unteren Harnröhrenverletzungen. Viele dieser Verletzungen bleiben jedoch unerkannt, bis sie sich im weiteren Verlauf als Verengungen der Harnröhre (Urethrastriktur) herausstellen. Verletzungen an der hinteren Harnröhre sind häufiger und entstehen oft in Verbindung mit einer Beckenfraktur.

Ursache

Verletzungen an der vorderen Uretha werden durch Unfälle verursacht, wo der Penis in Verbindung mit einem Sturz gegen das Schambein gepresst wird, oder durch eine Verletzung des Unterleibs (wie zum Beispiel beim Aufschlagen auf eine Fahrradstange) oder durch einen direkten Tritt. Die dabei entstehenden Verletzungen werden leicht übersehen und manchmal erst Jahre später entdeckt, wenn sich Narbengewebe gebildet hat, dass an der verletzten Stelle zu einer lokalen Harnröhrenverengung führt.

Verletzungen im hinteren Bereich der Harnröhre sind oft die Folge größerer Verletzungen in Verbindung mit Verkehrsunfällen oder Stürzen aus großer Höhe. Derartige Verletzungen können auch entstehen, wenn man Instrumente (zum Beispiel Katheter) in die Harnröhre einführt, oder durch chirurgische Eingriffe.

Diagnose

Die auf Harnröhrenverletzung hindeutenden Symptome nach einer Verletzung des Unterleibs oder Beckens sind Blut im Urin oder Blutstropfen aus der Harnröhrenöffnung, schmerzhaftes Harnlassen und Harnstau. In manchen Fällen kann man Blutergüsse im und um den Penis herum sowie in der Leistengegend erkennen.

Bei größeren Unfällen, in denen viele Organe betroffen sind, werden Verletzungen der Harnröhre eventuell nicht gleich bemerkt. Möglicherweise werden sie erst dann erkannt, wenn das Einführen eines Katheters bis hin zur Urinblase problematisch wird. Das birgt die Gefahr, den vorhandenen Schaden zu verschlimmern. In der Akutphase nach einem schweren Unfall konzentriert man sich zuerst auf andere Verletzungen und lebenswichtige Funktionen wie Atmung und Blutkreislauf, die gegenüber einer Harnröhrenverletzung Vorrang haben. Nachdem der Patient stabilisiert wurde, sollte man jedoch eine mögliche Harnröhrenverletzung untersuchen lassen.

Die wichtigste Untersuchung dabei ist eine Röntgenuntersuchung der Harnröhre (retrograde Urographie), bei der Kontrastmittel durch die Harnröhrenöffnung eingespritzt werden. Diese Untersuchung gibt darüber Aufschluss, ob die Harnröhre verletzt wurde oder nicht.

Behandlung

Über die beste Behandlungsmethode besteht keine grundlegende Einigkeit. Bei einem Multitrauma (Verletzung mehrerer Organe) muss die Behandlung mit anderen ärztlichen Fachbereichen koordiniert werden.

Verletzungen der hinteren Harnröhre

Manche Ärzte empfehlen sieben bis zehn Tage mit Katheter in der Harnröhre sowie schmerzstillende Behandlungen und Antibiotika zur Vorbeugung. Ein Katheter muss jedoch vom Urologen mit allergrößter Sorgfalt gesetzt werden, nachdem ein Urethrogramm bestätigt hat, dass ein Katheterisieren möglich ist. Vorsicht ist in dieser Phase enorm wichtig, da der Schaden ansonsten verschlimmert werden kann. Meistens legt man den Katheter direkt durch die Haut in den unteren Bereich des Unterleibs bis zur Urinblase (suprapubischer Blasenkatheter).

Bei größeren Verletzungen in hinteren Bereich der Harnröhre führt man nach einigen Wochen oft eine chirurgische Wiederherstellung durch. Dies kann auch dann notwendig sein, wenn schwere Verletzungen oder eine komplette Durchtrennung vorliegen bzw. wenn sich aufgrund der Verletzung kein Katheter an der verletzten Stelle vorbeiführen lässt.

Verletzungen der vorderen Uretha

Bei Verletzungen der vorderen Harnröhre muss die Harnröhre mit einem Instrument (einem biegsamen Rohr mit Kamera und externer Lichtquelle) untersucht werden, damit man den Umfang der Verletzungen feststellen und totes Gewebe entfernen kann. In solchen Fällen ist es oft richtig, einen Katheter einzusetzen, wenn die Verletzung weniger als 1,5 cm lang ist. Bei längeren Verletzungen ist im weiteren Verlauf eine chirurgische Rekonstruktion notwendig.

Prognose

Bei Verletzungen im hinteren Teil sind langwierige Komplikationen häufiger und umfassen auch Probleme mit Impotenz, Verengung und Inkontinenz. Die größten Probleme sind wiederkehrende Verengungen. Durch die Behandlung mit chirurgischen Standardmethoden sollte sich die Probleme auf nur 1–2 % beschränken lassen.

Die Heilungschancen sind ausgezeichnet, wenn die Männer richtig behandelt werden. Problematisch sind unentdeckte Harnröhrenverletzungen, die sich im späteren Verlauf in Verbindung mit einer Katheterisierung verschlimmern, wenn das physische Hindernis nicht bekannt ist. Patienten, die keine adäquate Behandlung erhalten, bekommen umfangreiche Probleme mit dem Harnlassen und dadurch können mehrere Eingriffe in Folge notwendig werden.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Urethraverletzungen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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