Akuter Harnverhalt

Bei einem akuten Harnverhalt kann die Blase plötzlich nicht mehr entleert werden. Ursache ist oft eine Verengung oder Einengung der Harnröhre oder eine Nebenwirkung von Medikamenten. Die Behandlung besteht in der vorübergehenden Urinableitung durch einen Blasenkatheter.

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Was ist ein Harnverhalt?

Über die Harnwege

Urin wird aus der Blase durch die Harnröhre entleert. Die Harnröhre der Frau ist 3–4 cm lang, während die Länge der männlichen Harnröhre etwa 15 cm beträgt. Am Übergang von der Blase zur Harnröhre befindet sich ein Schließmuskel, der sich beim Entleeren der Blase willentlich öffnet und schließt.

Harnverhalt

Bei einem akuten Harnverhalt kann die Blase plötzlich nicht mehr entleert werden. Die häufigste Ursache für einen akuten Harnverhalt ist ein Hindernis in oder um die Harnröhre. Am häufigsten tritt dies bei älteren Männern mit einer vergrößerten Prostata auf, wenn die Prostata die Harnröhre abdrückt. Eine enge Harnröhre kann aber auch schnell völlig verschlossen werden, beispielsweise aufgrund einer Schwellung der Harnröhrenschleimhaut in Verbindung mit einer Infektion des unteren Harntrakts. In manchen Fällen wird der Schließmuskel nicht geöffnet und die Blase kann nicht entleert werden. Bei manchen Medikamenten kann dies als Nebenwirkung auftreten, oder es kann sich um die Folge einer neurologischen Erkrankung handeln.

Häufigkeit

Die Störung tritt am häufigsten bei älteren Männern aufgrund von Abflusshindernissen auf. Bei einem Mann um die 70 beträgt das Risiko eines akuten Harnverhalts 10 % und bei einem 80-Jährigen über 30 %. Bei Kindern und Frauen kommt diese Störung selten vor. Das Verhältnis von Männern zu Frauen beträgt 15:1.

Beurteilung bei einem akuten Harnverhalt

Vier Hauptursachen müssen untersucht werden:

  1. Ist die Harnröhre blockiert?
  2. Liegt ein Schaden im Nervensystem vor?
  3. Kann das Problem durch ein Medikament verursacht worden sein?
  4. Kann eine psychologische Erklärung vorliegen? 

Menschen mit Demenz oder einem geschwächten Allgemeinzustand reagieren auf einen Harnverhalt oft mit Unruhe. Nach dem ersten Auftreten eines Harnverhaltes liegt das Risiko einer Wiederholung der Beschwerden innerhalb der ersten Woche bei 50 %.

Was verursacht einen Harnverhalt?

Häufige Ursachen

  • Vergrößerte Prostata (benigne Prostatahyperplasie)
    • Die häufigste Ursache für einen Harnverhalt bei Männern.
    • Im Laufe der Jahre wird die Harnröhre dort, wo sie durch die Prostata verläuft, zunehmend enger und damit der Harnstrahl zusehends schwächer.
    • betrifft insbesondere Männer im höheren Alter.
  • Prostatakrebs
    • die häufigste Krebsart bei Männern 
    • Die Symptome sind nicht leicht von einer gutartigen Vergrößerung der Prostata zu unterscheiden.
    • Beschwerden bei der Blasenentleerung entstehen bei den meisten Betroffenen, ein akuter Harnverhalt tritt bei einem Viertel der Erkrankten auf.
  • Blutungen in den Harnwegen
    • Sie können die Harnröhre blockieren und treten vor allem nach chirurgischen Eingriffen an der Prostata auf.
  • Durch Narbengewebe verengte Harnröhre
    • Aus verschiedenen Gründen können in der Vergangenheit Schädigungen der Harnröhre entstanden sein. Bei der Reparatur dieser Schäden entsteht Narbengewebe, und wenn das Narbengewebe im Laufe der Zeit sich zusammenzieht, kann es zunehmend schwierig werden, die Blase zu entleeren.
  • Medikamente oder Alkohol
    • Bestimmte Medikamente wie Antidepressiva, Parkinson-Medikamente, Neuroleptika, Opiate, Sprays/Inhalationen bei Lungenerkrankungen und nichtsteroidale Entzündungshemmer (NSAR) können einen Harnverhalt verursachen, weil sie auf die Nervenmechanismen einwirken, die das kontrollierte Öffnen und Schließen der Blase steuern.
  • Nach Operationen
    • Durch die Anwendung von schmerzlindernden Medikamenten, insbesondere Opioide, durch Schmerzen und Manipulation der Harnwege kann es nach Operationen zum Harnverhalt kommen.
    • Nach einer Enddarmoperation tritt bei etwa 70 % ein Harnverhalt auf. Bis zu 80 % der Patienten, die ein künstliches Hüftgelenk erhielten und bis zu 25 % der Patientinnen mit einer gynäkologischen Operation können einen Harnverhalt bekommen.
  • Verstopfte Katheter
    • Bei Männern mit Dauerkatheter kann der Katheter mit der Zeit verstopfen.
  • Psychisch bedingter Harnverhalt
    • Tritt am häufigsten bei jüngeren Frauen nach einem akuten psychischen Ereignis oder bei einer schweren Depression auf.
    • Ein durch Schmerzen verursachter Harnverhalt kann auftreten.

Seltene Ursachen

  • Akute Entzündung der Prostata
    • Bei einer akuten Prostataentzündung schwillt die Prostata an und kann die Harnröhre so stark zusammendrücken, dass der Harnabfluss blockiert wird.
    • Die Prostataentzündung verursacht starke Schmerzen im Bereich zwischen Hodensack und Mastdarm.
  • Akute Entzündung der Harnröhre
    • Kann auf Harnwegsinfektionen oder sexuell übertragbaren Krankheiten beruhen – die Entzündung kann so stark werden, dass die Harnröhre anschwillt und nicht mehr durchlässig ist.
  • Blasensteine
    • Es können sich Blasensteine bilden, die nicht bei der normalen Blasenentleerung abgehen.
    • Blasensteine können ganz ohne Beschwerden vorkommen, aber meistens treten Symptome auf wie Schmerzen im Bereich der Blase, Beschwerden beim Entleeren der Blase, Blut im Urin, variierender Harnfluss, z. B. plötzlicher Abbruch des Harnstrahls, verzögerter Beginn des Harnstrahls, starker Harndrang, nächtliche Blasenleerungen, Schmerzen, die bis zur Spitze des Gliedes strahlen.
  • Verengung der Harnröhre (Urethrastriktur, Harnröhrenstriktur)
    • Nach Verletzungen der Harnröhre entstandene Narben können zu Verengungen führen.
    • Der Harnfluss ist beeinträchtigt, und es kann ein akuter Harnverhalt entstehen.
  • Blasenhalsobstruktion nach einer Operation
    • Durch Narbengewebe, das nach einer Operation entstanden ist, kann es zu Verengungen der Harnröhre kommen und damit zu einer vollständigen Blockierung der Harnröhre.
  • Verletzungen
    • Akute Verletzungen der Harnröhre, des Penis oder der Blase können einen Harnverhalt verursachen.
  • Enge und entzündete Vorhaut
    • Bei kleinen Jungen kann die Vorhaut eng sein, und wenn sie sich entzündet, kann dies zu akuten Komplikationen bei der Blasenentleerung führen – dieser Zustand tritt allerdings selten auf.
  • Neurologische Erkrankungen
    • Über die Hälfte aller Schlaganfall-Patienten leidet unter Harnverhalt, vor allem aufgrund einer Schwächung des Blasenmuskels.
    • Der Ischiasnerv kann bei Schäden an den unteren Nervenwurzeln in der Wirbelsäule eine Blasenlähmung verursachen, die zu einem Harnverhalt führt.
    • Schädigung des Rückenmarks durch Verletzungen oder einen Tumor können einen Harnverhalt aufgrund von Nervenschäden verursachen.
    • Krebsmetastasen im Rücken, wie z. B. bei Prostatakrebs, können das Rückenmark schädigen und Blasenlähmungen verursachen.
    • Multiple Sklerose (MS) führt bei etwa 20 % der Erkrankten zum Harnverhalt. Häufiger ist die Entleerungsstörung, die mit zunehmendem Schweregrad bei ca. 80 % der Erkrankten auftritt.
  • Diabetes
    • Bis zu 45 % der Diabetes-Patienten und 75–100 % der unter diabetischer Neuropathie Leidenden haben Probleme bei der Entleerung der Blase, was zu Harnverhalten führen kann.

Bei Frauen

Ein Harnverhalt tritt bei Frauen im Vergleich zu Männern selten auf. Mögliche Ursachen bei weiblichen Patientinnen sind:

  • Schwangerschaft
    • Insbesondere um die 16. Schwangerschaftswoche herum kann bei Frauen ein Harnverhalt auftreten, da die Gebärmutter zurückgebogen und im Becken eingeklemmt ist und nicht bis in die Bauchhöhle aufsteigen kann.
    • Nach der Geburt tritt bei 2–18 % der Frauen dieses Problem auf, Risikofaktoren sind eine Erstgeburt, eine instrumentelle Entbindung mit Zange, eine lang andauernde Entbindung und Kaiserschnitt.
  • Gebärmuttersenkung
    • In seltenen Fällen können akute Probleme beim Wasserlassen auftreten, die durch eine Gebärmuttersenkung verursacht werden, bei denen die Blasenwand oder der Enddarm sich in die Scheide wölbt.
  • Entzündung um den Scheideneingang herum
    • Schmerzhafte Entzündungen am Scheideneingang können in Ausnahmefällen zu so ausgeprägten Schwellungen um die Harnröhrenöffnung herum führen, dass Probleme bei der Entleerung entstehen.

Was können Sie selbst tun?

Bei einem akuten Harnverhalt – wenn Sie also kein Wasser lassen können – können Sie selbst nichts tun. Versuchen Sie Wasser zu lassen, doch wenn die Schmerzen sich verstärken, sollten Sie ärztliche Hilfe aufsuchen.

Wann sollten Sie einen Arzt aufsuchen?

Ein akuter Harnverhalt ist ein unangenehmer und mit der Zeit sehr schmerzhafter Zustand. Daher sollte so bald wie möglich ein Arzt kontaktiert werden.

Wie geht der Arzt vor?

Krankengeschichte (Anamnese)

Der Arzt wird Ihnen unter anderem folgende Fragen stellen:

  • Haben Sie Schmerzen und Beschwerden?
  • Hatten Sie vor dem Harnverhalt bereits gesundheitliche Beschwerden? Brennen beim Entleeren der Blase, häufiges Wasserlassen, Schmerzen im Bereich der Harnblase oder Fieber?
  • Ging das Entleeren der Blase vor dem Harnverhalt langsamer als üblich?
  • Haben Sie Bauchschmerzen oder Schmerzen im unteren Teil des Rückens gehabt?
  • Haben Sie vor dem Harnverhalt Alkohol getrunken?
  • Wurden Sie am Harnleiter operiert?
  • Wurde Ihr Harnleiter einmal verletzt?
  • Nehmen Sie Arzneimittel ein? Welche?
  • Leiden Sie an anderen Erkrankungen?

Ärztliche Untersuchung

Der Arzt untersucht Ihren Allgemeinzustand und prüft, ob bei Ihnen Anzeichen einer Erkrankung des Nervensystems vorliegen. Bei der körperlichen Untersuchung wird der Bauch abgetastet, um zu fühlen, ob die Harnblase vergrößert ist. Über den Enddarm tastet der Arzt Prostata und den Enddarm selbst ab.

Andere Untersuchungen

Es werden im Verlauf weitere Untersuchungen durchgeführt, um die Ursache des Harnverhalts zu klären. Eine Urinuntersuchung kann eine Infektion der Harnwege aufzeigen. Auch eine Blutuntersuchung kann nötig sein. Die Messung des PSA-Wertes, ein prostataspezifischer Wert, ist dann aussagekräftig, wenn in den letzten drei Wochen kein Eingriff, Trauma oder keine Infektion an den ableitenden Harnwegen stattfanden.

Überweisung an einen Spezialisten oder ein Krankenhaus

Oft lassen sich die aktuellen Beschwerden beheben, indem ein Blasenkatheter gelegt wird. Dabei wird ein Katheter durch die Harnröhre in die Blase eingeführt, sodass der Harn abfließen kann. In der Regel belässt man den Katheter für weniger Tage und prüft dann, ob ein Wasserlassen wieder ohne Katheter möglich ist. Wenn die Ursache eine vergrößerte Prostata ist, sollte eine urologische Vorstellung und zur Planung einer Prostataoperation erwogen werden. In seltenen Fällen kann auch eine Abklärung im Krankenhaus notwendig sein.

Autoren

  • Dietrich August, Dr. med., Arzt, Freiburg i. Br.
  • Natalie Anasiewicz, Ärztin, Freiburg i. Br.

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Harnverhalt, akuter. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Selius BA, Subedi R. Urinary Retention in Adults: Diagnosis and Initial Management. Am Fam Physician 2008. www.aafp.org
  2. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Diagnostik und Therapie von neurogenen Blasenstörungen. AWMF-Leitlinie Nr. 030-121, Stand 2014 (wird derzeit überarbeitet) www.awmf.org
  3. Rosenberg MT, Staskin DR, Kaplan SA et al. A practical guide to the evaluation and treatment of male lower urinary tract symptoms in the primary care setting. Int J Clin Pract 2007. www.exchangecme.com
  4. Arbeitskreis "Krankenhaus- & Praxishygiene" der AWMF. Leitlinien zur Hygiene in Klinik und Praxis - Die Harndrainage. AWMF-Leitinie 029-007, Stand 2015. www.awmf.org
  5. Sökeland J, Brühl P, Hertle L et al. Katheterdrainage der Harnblase heute. Dtsch Arztebl 2000. www.aerzteblatt.de
  6. Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut. Prävention und Kontrolle Katheter-assoziierter Harnwegsinfektionen. Stand 2015. edoc.rki.de