Bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms

Bei einer bakteriellen Fehlbesiedlung des Dünndarms befinden sich zu viele bzw. andere Bakterien als gewöhnlich im Darm. Die Erkrankung kann symptomfrei verlaufen, aber auch zu Magenbeschwerden und Bauchschmerzen führen. In einigen Fällen kann der Darm die Nahrung nicht wie üblich verarbeiten.

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Was ist eine bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms?

Bei dieser Erkrankung kommt es zu einer übermäßigen Besiedlung bzw. zur Besiedlung mit anderen Bakterienarten als im oberen Teil des Magen-Darm-Trakts üblich. Die Erkrankung wird auch Blindsacksyndrom („blind loop syndrome“) genannt. Die bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms führt nicht zwangsläufig zu Symptomen. Allerdings kann es auch zu verschiedenen Beschwerden wie Völlegefühl, Magenbeschwerden, wässrigem Durchfall, eingeschränkte Nährstoffaufnahme und Gewichtsabnahme kommen.

Die Erkrankung tritt relativ selten auf, kann aber sowohl bei Erwachsenen als auch Kindern vorkommen.

Ursache

Im Magen-Darm-Trakt befinden sich mehr als zehn Mal so viele Mikroorganismen als Zellen im Körper. Normalerweise gibt es mindestens 500 unterschiedliche Bakterienarten im Magen-Darm-Trakt. Die Zusammensetzung der Bakterien wird nur in einem sehr geringen Maß durch die Ernährung beeinflusst. Die Art und Menge der Mikroorganismen ist in den unterschiedlichen Teilen des Magen-Darm-Trakts verschieden.

Normalerweise befinden sich im Dünndarm nicht so viele Bakterien, aber verschiedene Umstände können zu einem übermäßigen Bakterienanstieg führen. Bei Patienten, bei denen Teile des Magens entfernt wurden oder bei denen ein Magenbypass gelegt wurde, besteht das Risiko, an dieser Form der Fehlbesiedlung zu erkranken. Eine niedrige Produktion von Magensäure kann ebenfalls dazu führen, dass mehr Bakterien überleben und in den Dünndarm gelangen. Die Erkrankung tritt häufiger bei Menschen auf, die sich in der Vergangenheit einer Darmoperation unterziehen mussten oder enge Darmwände haben. Letzteres gilt insbesondere für Menschen mit Morbus Crohn oder einer Divertikelerkrankung.

Durch die bakterielle Fehlbesiedlung kommt es zu einer Entzündung im Darm, die zu unterschiedlichen Symptomen führen kann. Störungen der Nährstoffaufnahme im Darm werden entweder durch einen fehlenden Abbau der Nährstoffe oder Veränderungen in der Darmschleimhaut verursacht. Durch den Abbau von Gallensalzen durch Bakterien und die Reizung der Darmschleimhaut durch freie Gallensäure kommt es zu einer verringerten Fettaufnahme. Der Abbau von Kohlenhydraten durch Darmbakterien führt zu einer herabgesetzten Aufnahme von Kohlenhydraten. Die verringerte Proteinaufnahme wird durch eine herabgesetzte Aufnahme von Aminosäuren über die Schleimhaut verursacht. Durch die bakterielle Fehlbesiedlung kann es auch zu einer verringerten Aufnahme der Vitamine B12 und A kommen.

Symptome

Die Symptome und Beschwerdebilder hängen von der Schwere der Erkrankung und der zugrundeliegenden Ursache ab. Manche Patienten sind symptomfrei, andere wiederum leiden unter unspezifischen Symptomen wie wässrigem Durchfall, Bauchkrämpfen, Blähungen, Gasbildung, Bauchschmerzen oder Magenbeschwerden. Langfristig können Anzeichen von Mangelerkrankungen und Gewichtsabnahme auftreten.

Diagnostik

Das Stellen der Diagnose ist schwierig, da Symptome, Anzeichen und Befunde unspezifisch sind. Diagnostische Untersuchungen führen auch nicht zu eindeutigen Ergebnissen. In den meisten Fällen überweist der Arzt den Patienten an einen entsprechenden Spezialisten, wenn der Verdacht auf eine solche Erkrankung besteht.

Es können auch andere Untersuchungen durchgeführt werden, um weitere Erkrankungen auszuschließen. Blutarmut (Anämie) aufgrund der verringerten Aufnahme von Vitamin B12 kann ein Hinweis auf die Erkrankung sein. Es können Röntgen- und endoskopische Untersuchungen durchgeführt werden. Eventuell werden Proben untersucht, um feststellen zu können, ob Ihre Nährstoffaufnahme herabgesetzt ist.

In Einzelfällen kann der Arzt auch eine Antibiotikatherapie verordnen. Schlägt die Therapie an, kann dies darauf hinweisen, dass eine bakterielle Fehlbesiedlung des Darms vorliegt. Diese Diagnosemethode sollte allerdings vermieden werden, da eine Antibiotikatherapie zu Nebenwirkungen führen kann, die die Magenbeschwerden noch verstärken.

Therapie

Die wichtigsten Maßnahmen sind die Behandlung der Grunderkrankung, eine Ernährungsberatung, eine Antibiotikatherapie und die Behandlung der Darmentzündung.

Die Behandlung der Grunderkrankung umfasst verschiedene Maßnahmen. Ist die Erkrankung eine Nebenwirkung einer medikamentösen Behandlung mit beispielsweise einem Medikament, welches die Transportgeschwindigkeit der Nahrung durch den Magen-Darm-Trakt hemmt, sollte das Medikament abgesetzt oder eine Medikament verabreicht werden, das die Darmbewegungen anregt. Auch bei anderen Erkrankungen, bei denen der Transport der Nahrung durch den Darm verzögert wird, kann ein Medikament zur Stimulation der Darmaktivität sinnvoll sein. Liegt die Ursache in einer früheren Operation, kann es schwierig sein, eine neue Operation durchzuführen, aber diese Möglichkeit besteht.

Ernährungstipps sind eine weitere wichtige Maßnahme. Einige Experten auf diesem Gebiet empfehlen eine Ernährung mit wenig Kohlenhydraten, einem hohen Fettgehalt und wenig Ballaststoffen. Da sich Bakterien hauptsächlich von Kohlenhydraten ernähren, soll den Bakterien mit dieser Nahrungsumstellung die Grundlage entzogen werden.

Antibiotika. Die meisten Patienten mit einer bakteriellen Fehlbesiedlung des Darms müssen mit Antibiotika behandelt werden. Ziel der Therapie ist, die Bakterienflora zu verringern, um die Symptome zu lindern. Für eine wirksame Therapie müssen verschiedene Antibiotika gleichzeitig eingenommen werden, um die unterschiedlichen Bakterienarten abtöten zu können. Durch die Antibiotikatherapie darf der Magen-Darm-Trakt aber nicht steril werden, denn die Darmbakterien sind für die Aufrechterhaltung der normalen Darmfunktionen wichtig. Die Länge der Behandlung hängt von den Symptomen ab. Schlägt die Therapie nach 10–12 Tagen nicht an, muss sie abgebrochen werden. Auch wenn die Wirkung schnell nachlässt, kann das Gefühl einer Verbesserung über Monate anhalten. Rückfälle treten jedoch häufig auf, wenn die Ursache nicht behoben wurde.

Entzündungshemmende Medikamente. In schweren Fällen der bakteriellen Fehlbesiedlung kann eine Entzündung im Dickdarm und im unteren Teil des Dünndarms auftreten, die Morbus Crohn ähnelt. In diesem Fall können entzündungshemmende Medikamente verordnet werden.

Prognose

Normalerweise werden die Beschwerden durch die Therapie geheilt. Es besteht allerdings das Risiko, dass diese Beschwerden nach einiger Zeit zurückkehren. Dies ist insbesondere bei den Patienten der Fall, deren Beschwerden durch eine andere Darmerkrankung hervorgerufen werden. In diesem Fall müssen neue Antibiotikatherapien in Erwägung gezogen werden. In manchen Fällen kann eine Operation einen Großteil der Beschwerden lindern. Sind die Beschwerden so stark, dass eine Operation notwendig ist, wird Ihr Arzt Ihnen alles Notwendige erläutern.

Wird die Erkrankung nicht behandelt, kann es zu einer Mangel- und Unterernährung kommen.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Dünndarm, bakterielle Fehlbesiedlung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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