Darmverschluss (Obstruktion, Ileus)

Eine akute Unterbrechung der Magen-Darm-Passage ist eine recht häufige Ursache für die Einweisung ins Krankenhaus bei Bauchschmerzen. Dünn- oder Dickdarm können aus unterschiedlichen Gründen blockiert sein. Bei etwa der Hälfte der Fälle löst sich die Blockade, ohne dass eine Operation nötig wird.

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Was ist ein Darmverschluss?

Der Magen-Darm-Trakt besteht aus Speiseröhre (Ösophagus), Magen (Venter, Gaster), Zwölffingerdarm (Duodenum), Dünndarm (Jejunum und Ileum), Dickdarm (Kolon) und Enddarm (Rektum).

Bei einem Darmverschluss (Ileus) kann weder Flüssigkeit noch Nahrungsbrei die Engstelle passieren und staut sich im davor liegenden Darmabschnitt auf; ist die Blockade vollständig, kann auch kein Gas (Blähungen) entweichen. In vielen Fällen lässt sich die Blockade durch entsprechende Therapie ohne Operation lösen. Falls dies erfolglos ist, lässt sich der Verschluss chirurgisch beheben. Es können aber ernste oder lebensbedrohliche Komplikationen entstehen, wenn das Darmgewebe nicht mehr mit Blut versorgt wird (Darmischämie) oder die Darmwand reißt (Perforation). Sind solche Komplikationen zu befürchten oder bereits aufgetreten, ist eine (Notfall)Operation erforderlich. 

Von allen Patienten, die wegen akuter Bauchschmerzen in eine Klinik aufgenommen werden, leiden ca. 6–15 % an einem Darmverschluss. In der Mehrheit handelt es sich um einen Verschluss des Dünndarms.

Ursachen

Die häufigsten Ursachen für eine Darmobstruktion sind Verwachsungen in der Bauchhöhle (Adhäsionen, sogenannte Briden), eingeklemmte Darmanteile in einem Bruch (Hernie, z. B. Leistenbruch) oder ein Tumor, der von innen oder außen den Darm zusammendrückt bzw. blockiert. Verwachsungen entstehen bei einigen Patienten nach einer früheren Operation in der Bauchhöhle, etwa einer Entfernung des Blinddarms, aufgrund von vernarbtem Gewebe. Dies ist die häufigste Ursache für einen Dünndarmverschluss; Darmtumoren liegen besonders häufig einem Dickdarmverschluss zugrunde. Weitere mögliche Ursachen sind Engstellen infolge von chronisch entzündlichen Darmkrankheiten (z. B. Morbus Crohn) oder einer Bestrahlung, oder ein Bezoar (festes Konkrement aus unverdaulichen Pflanzenfasern oder Haaren im Magen oder Darm). Gerade bei Kindern können sich Darmanteile auch ineinander schieben (Invagination) oder gegeneinander verdrehen (Volvulus) und dadurch zur Blockade führen. 

Die genannten Krankheiten führen zu einem mechanischen Darmverschluss; hiervon ist der sogenannte funktionelle Verschluss zu unterscheiden. Bei Letzterem liegt kein wirkliches Hindernis oder eine Engstelle vor, sondern die Darmmuskulatur funktioniert aus unterschiedlichen Gründen nicht und deshalb staut sich Nahrung und Flüssigkeit an. Diese Form eines Darmverschlusses nennen Ärzte funktionellen oder paralytischen Verschluss. Mögliche Ursachen sind Durchblutungsstörungen der Darmwand, Folgen von Medikamenten, Störungen der Kalzium- oder Kaliumkonzentration im Blut, schwere Entzündungen von benachbarten Organen (z. B. Nierenbeckenentzündung), sehr starke Schmerzen oder auch die vorübergehende Nebenwirkung nach einer größeren Operation.

Risiko/Komplikationen

Wenn der Darm blockiert ist, stauen sich Flüssigkeit, Nahrungsbrei und evtl. auch Luft vor der verengten Stelle statt wie üblich abzufließen. Ein oft geblähter Bauch, Übelkeit, Unwohlsein, Erbrechen und kolikartige Bauchschmerzen sind die Folge. Ärzte unterscheiden einen teilweisen von einem vollständigen Darmverschluss.

Ein großes Problem bei Patienten mit einem Darmverschluss sind die Auswirkungen auf den Flüssigkeits- und Salzhaushalt des Körpers. Durch die Blockade und den Nahrungs-/Flüssigkeitsstau wird die Wand des davor liegenden Darmanteils gedehnt und schwillt stark an. Hier können mehrere Liter Gewebeflüssigkeit gebunden werden, die im Gesamtflüssigkeitshaushalt des Körpers dann fehlen. Zudem kann die geschädigte Darmwand keine Flüssigkeit aus dem Nahrungsbrei ins Blut transportieren und viele Patienten erbrechen zudem große Mengen, v. a. wenn ein Dünndarmverschluss vorliegt. Folge ist eine schwere Dehydrierung (Austrockung) des Körpers sowie der Verlust wichtiger Mineralstoffe und Elektrolyte, was verschiedene Beschwerden und Probleme mit sich bringt. 

Durch die Schädigung des Darmgewebes besteht außerdem das Risiko einer Infektion durch Bakterien. Die Bakterien können durch die Darmwand dringen und in die Bauchhöhle oder in das Blut gelangen. Die Bakterien in der Bauchhöhle können zu einer schweren Entzündung im Bauchfell (Peritonitis) führen; Bakterien im Blut können eine schwere Blutvergiftung (Sepsis) verursachen.

Durch die Dehnung und Schwellung der Darmwand im Bereich vor der Obstruktion wird zudem die Durchblutung beeinträchtigt. Die kleinen blutführenden Arterien werden abgedrückt und zerstört: es kommt zu einem Sauerstoffmangel des Gewebes (Darmischämie). Wenn dies nicht schnell behoben wird, stirbt das Gewebe ab und die Darmwand kann reißen (Perforation). Es entsteht ein lebensbedrohlicher Zustand.

Symptome

Typische Symptome bei einer akuten Unterbrechung der Magen-Darm-Passage sind kolikartige Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen, ein aufgetriebener Bauch, kein Windabgang und je nach Art des Ileus verstärkte oder fehlende Darmbewegungen.

Wenn die Obstruktion weit unten im (Dick)darm vorliegt, werden Verstopfung bzw. fehlender Stuhlgang, Schmerzen und ein stark geblähter Bauch im Vordergrund stehen. Ist die Ursache ein langsam wachsender Tumor, kann der Darmverschluss auch allmählich mit zunächst wenigen Beschwerden beginnen. Bei einem zunächst unvollständigen Verschluss leidet der Betroffene möglicherweise eine Zeit lang an übel riechendem sehr dünnen Stuhlgang, weil Flüssiges die Engstelle noch passieren kann. Ein Volvulus wird sich jedoch mit plötzlich einsetzenden Beschwerden und krampfartigen Schmerzen zeigen.

Wenn die Obstruktion eher oben im Magen-Darm-Trakt liegt, äußert sich die Krankheit durch einen zwar nicht geblähten, aber dennoch angeschwollenen Bauch sowie durch Übelkeit, starkes Erbrechen, Bauchkrämpfe sowie fehlenden Stuhlgang.

Ist die Erkrankung sehr akut, hat der Patient möglicherweise zusätzlich einen niedrigen Blutdruck und sehr schnellen Herzschlag. Es ist eine sofortige Einweisung ins Krankenhaus nötig.

Diagnostik

Anhand der Angaben zum Verlauf der Beschwerden wird der Arzt in der Regel schnell den Verdacht auf einen Darmverschluss haben. Um die Ursachen für den Darmverschluss feststellen zu können, ist es wichtig zu erfahren, ob der Patient früher im Bereich der Bauchhöhle operiert worden ist, ob er einen Bruch hatte oder eine chronische Entzündungserkrankung des Darm oder eine bekannte Tumorerkrankung vorliegt.

Die Untersuchungen durch den Arzt werden den Verdacht stärken. Die Patienten beklagen meist starke Schmerzen, v. a. beim Abtasten des Bauchs zur Untersuchung der Bauchorgane. Der Arzt wird mit dem Stethoskop entweder keine oder nur ungewöhnliche Darmgeräusche hören können. Mit einem behandschuhten Finger wird der Arzt den Enddarm austasten um festzustellen, ob Stuhlreste vorhanden sind. Falls möglich, wird der Arzt ggf. eine Ultraschalluntersuchung des Bauchs vornehmen. Der Allgemeinarzt wird den Patienten dann in der Regel ins Krankenhaus einweisen. Eine Ultraschalluntersuchung, Röntgen und/oder eine Computertomografie des Magens werden in den meisten Fällen die Diagnose bestätigen und häufig auch einen Hinweis darauf geben, was die zugrunde liegende Ursache ist. Laboruntersuchungen einer Blutprobe sind wichtig, um festzustellen, ob der Elektrolythaushalt sind bereits verändert hat, ob Entzündungszeichen vorliegen, wie stark die Austrocknung ausgeprägt ist und um u. a. die Nierenfunktion und rote und weiße Blutkörperchen zu überprüfen.

Bei Verdacht auf einen Darmverengung, die noch nicht vollständig ist, kann eine spezielle Röntgenuntersuchung mit Kontrastmittel durchgeführt werden. Dadurch lässt sich die Passage des Kontrastmittels (also des Nahrungsbreis) durch den Darm sichtbar machen und Engstellen werden deutlich. In manchen Fällen löst sich die Obstruktion bereits durch diese Untersuchung wieder. Möglicherweise kommt auch eine Computertomografie oder seltener auch eine Magnetresonanztomografie mit Kontrastmittel zum Einsatz.

Grundsätzlich ist es für die Ärzte wichtig, schnell festzustellen, wo der Verschluss sich befindet, wie ausgeprägt er ist und welche Ursache zugrunde liegt, um so die geeignete Therapie auswählen zu können.

Behandlung

Die Behandlung zielt darauf ab, die Obstruktion zu beheben und den Patienten zu stabilisieren (Flüssigkeitsgabe, ggf. Elektrolyte). Zunächst wird der Arzt ggf. versuchen, den Magen-Darm-Trakt zu entlasten, indem er eine Sonde durch die Nase hinunter in den Magen führt, um Luft abzulassen und dadurch den Druck zu senken. Gleichzeitig wird reichlich Flüssigkeit als Infusion über die Venen zugeführt, um der Dehydratation des Patienten entgegen zu wirken. Antibiotika sind ggf. notwendig, wenn es Anzeichen für eine Infektion gibt oder die Gefahr dafür besteht. Zudem müssen die Ärzte entscheiden, ob sich der Verschluss ohne Operation lösen wird oder ob ein Eingriff erforderlich ist (etwa, um einen Tumor zu entfernen).

Es ist jedoch mitunter schwierig festzulegen, ob der Patient operiert werden muss oder nicht. Eine konservative Behandlung – d. h. keine Operation – führt bei 40–70 % derjenigen, die nicht kritisch erkrankt sind, zu einem guten Ergebnis, v. a. wenn die Obstruktion nur teilweise besteht. Die Beschwerden verschwinden bei einer konservativen Behandlung in der Regel innerhalb von 24–48 Stunden. Wenn es länger als 3 Tage dauert, steigt das Risiko für Komplikationen und es besteht die Gefahr, dass die Operation ungünstiger verläuft.

Sind die Beschwerden des Patienten jedoch mit einer konservativen Therapie nicht zu beherrschen, sind Komplikationen wie eine mangelnde Durchblutung der Darmwand oder ein Riss des Darms zu befürchten oder bereits eingetreten, ist eine (Notfall)Operation erforderlich. Hier werden z. B. Verwachsungen entfernt, die den Darm verengen oder ein Leistenbruch korrigiert. Ist bereits Gewebe eines Darmabschnitts wegen mangelnder Durchblutung abgestorben, muss dieses entfernt werden; die noch gesunden Darmabschnitte näht der Chirurg dann wieder zusammmen. Liegt die Ursache der Obstruktion in einem Tumor, so wird der Chirurg entscheiden, ob der Tumor entfernt und der Darm rekonstruiert werden soll, oder ob erst ein entlastender Eingriff gemacht werden soll und die endgültige Operation später durchgeführt wird.

Prognose

In den meisten Fällen ist die Prognose gut. Bei 40–70 % der Fälle (v. a. bei einem Dünndarmverschluss) löst sich die Obstruktion allein unter konservativer Therapie, ohne dass eine Operation notwendig ist. Handelt es sich um einen Dickdarmverschluss, ist eher eine Operation nötig, weil oft ein Tumor zugrunde liegt. Eine ernste oder auch lebensgefährliche Situation besteht jedoch, wenn der Patient bereits in einem schlechten Allgemeinzustand ist, andere schwere Krankheiten bestehen und/oder sich bereits Komplikationen entwickelt haben; hier ist eine sehr rasche (Notfall)Operation erforderlich.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Darmverschluss, akuter. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Vilz TO, Stoffels B, Straßburg C et al. Ileus beim Erwachsenen - Genese, Diagnostik und Therapie. Dtsch Arztebl Int 2017. www.aerzteblatt.de
  2. Miller G, Boman J, Shrier I, Gordon PH. Etiology of small bowel obstruction. Am J Surg 2000; 180:33. PubMed
  3. Becciolini C. Der Darmverschluss. Schweiz Med Forum 2003. medicalforum.ch
  4. Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten, Deutsche Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität. Chronische Obstipation bei Erwachsenen. AWMF-Leitlinie 021–019, Stand 2013. www.awmf.org
  5. Pschyrembel Online. www.pschyrembel.de