Stuhlinkontinenz

Die Unfähigkeit, flüssigen oder festen Stuhl willkürlich zurückzuhalten, wird als Stuhlinkontinenz bezeichnet.

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Was ist die Stuhlinkontinenz?

Bei der Stuhlinkontinenz kann der Stuhlgang nicht willkürlich zurückgehalten werden bzw. müssen die Betroffenen sofort die Toilette aufsuchen, um einen ungewollten Stuhlgang zu verhindern. Entweichen zusätzlich ungewollt Gase und Schleim aus dem Darm, sprechen Ärzte auch von analer Inkontinenz; die Begriffe sind jedoch oft nicht genau voneinander abgegrenzt.

Eine Stuhlinkontinenz tritt schätzungsweise bei 2–5 % der erwachsenen Bevölkerung auf (die Beschwerden bei Kindern nennt man Enkopresis). Es wird davon ausgegangen, dass der Anteil bei älteren Personen bei etwa 10 % liegt. Wahrscheinlich sind noch mehr Menschen betroffen, die aber nicht über ihren Zustand sprechen, da er ihnen peinlich ist. Die Beschwerden betreffen überwiegend Frauen (4- bis 5-mal so häufig wie Männer). Ursachen sind in der Anatomie begründet (kürzerer Enddarm) und darin, dass im Rahmen von Geburten häufig auch Darm und Anus verletzt werden (s. unten).

Das Problem kann meist mit gutem Erfolg behandelt werden. Menschen, die an Stuhlinkontinenz leiden, sollten ärztliche Hilfe suchen.

Ursache

Die fehlende Kontrolle über die Darmentleerung kann eine Folge des Alters und damit einer schwächeren Muskulatur und Muskelkontrolle im Bereich des Beckenbodens und Anus sein. Oft liegen jedoch auch Verletzungen nach Unfällen oder Frakturen im Bereich des Beckens zugrunde. Außerdem kann die fehlende Kontrolle auf Schädigungen des Schließmuskels nach schweren Entbindungen oder medizinischen Eingriffen am Enddarm zurückzuführen sein. Musste bei einer Geburt das Kind beispielsweise mit einer Zange geholt werden oder ist der Damm im Intimbereich bei der Geburt stark eingerissen, kann es zu einer Stuhlinkontinenz kommen.

Auch neurologische Krankheiten können die Steuerung des Schließmuskels beeinträchtigen; es können z. B. Menschen mit Multipler Sklerose, nach einem Schlaganfall, einem Tumor in der Region oder anderen schweren Krankheiten, die die Nervenfunktion stören, stuhlinkontinent werden. Mentale bzw. psychische Probleme oder auch eine eingeschränkte Beweglichkeit können ebenfalls die Ursache dafür sein, dass Patienten nicht rechtzeitig die Toilette aufsuchen (können). 

Auch bei Personen, die aus verschiedenen Gründen (z. B. aufgrund der chirurgischen Entfernung von Teilen des Darms, aufgrund einer ungeeigneten Ernährung oder chronischen Darmkrankheiten) an sehr flüssigem Stuhl leiden, kann Stuhlinkontinenz auftreten.

Diagnostik

Der Arzt wird zunächst genau nach Beginn und Art der Beschwerden fragen; Informationen zu stattgehabten Operationen, Verletzungen in diesem Bereich und bei Frauen Geburten sowie zur Ernährung sind ebenfalls wichtig. 

Bei der Untersuchung wird zuallererst der Anus begutachtet und anschließend Analkanal und Enddarm mit einem behandschuhten Finger untersucht. Der Arzt tastet mit dem Finger den Analkanal ab, um die Stärke des Schließmuskels zu beurteilen. Er wird den Anus in Bezug auf Verletzungen, Risse, Hämorrhoiden oder andere Auffälligkeiten hin untersuchen. Darüber hinaus wird ggf. der untere Teil des Darms mit einem Rektoskop, einem 25 cm langen, starren röhrenförmigen Untersuchungsgerät, beurteilt. Die Untersuchung ist nicht schmerzhaft, kann aber etwas unangenehm sein. Falls der Verdacht auf Darmkrebs besteht, wird auch eine Darmspiegelung empfohlen.

In einigen Fällen kann eine Untersuchung und weitere Behandlung durch einen Spezialisten nötig sein. In diesem Fall werden eine Ultraschalluntersuchung des Schließmuskels, evtl. eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Beckens oder eine Funktionsprüfung der Nerven in diesem Bereich durchgeführt.

Therapie

Es gibt verschiedene Hilfsmittel, die verwendet werden können. Bereits einfache Änderungen des Lebensstils können helfen. Versuchen Sie, möglichst feste Stuhlgangszeiten einzuhalten, langes Pressen jedoch zu vermeiden. Eine ballaststoffreiche Ernährung, ausreichend Flüssigkeitszufuhr sowie Bewegung können ebenfalls bei Inkontinenzproblemen helfen. Achten Sie auf eine gute Hautpflege und regelmäßige Reinigung des Anus, da wegen der Inkontinenz Hautreizungen häufig sind.

Anleitung zu Übungen durch eine Physiotherapeutin mit dem Ziel, die Muskulatur des Beckenbodens und den Schließmuskel zu stärken, sind oft hilfreich.

Medikamentöse Therapie

In einigen Fällen kann eine medikamentöse Behandlung durchgeführt werden. Es werden Medikamente eingesetzt, die zu einem festeren Stuhl mit mehr Volumen führen, der sich leichter kontrollieren lässt. Es können auch Medikamente gegen Durchfall, z. B. Loperamid, eingenommen werden.

Die Stuhlinkontinenz kann in einigen Fällen auch durch eine Verstopfung verursacht werden. Bei einer Verstopfung bildet sich ein Pfropf, sodass nur dünnflüssiger Stuhl den Darm verlassen kann, der schwer zu kontrollieren ist. In diesem Fall können ein Einlauf und Abführmittel helfen, den Darm einmal komplett zu entleeren, bevor ggf. eine weitere Therapie erfolgt.

Eine medikamentöse Behandlung ist aber nicht in jedem Fall erfolgreich. Es kann durch die Medikamente auch zu Nebenwirkungen in Form von Verstopfung und Bauchschmerzen kommen.

Sonstige Maßnahmen

Ein mechanisches Hilfsmittel ist ein Analtampon. Der Tampon (in der Größe eines Zäpfchens) wird in den Enddarm eingeführt und dehnt sich dort aus. Er lässt sich dann nithilfe eines Fadens wieder zurückziehen. Ein Analtampon verhindert, dass Stuhl und Gase entweichen. Hat sich der Betroffene an die Verwendung eines Tampons gewöhnt, ist dies ein gutes Hilfsmittel.

Sind die oben genannten Maßnahmen nicht erfolgreich, kann eventuell das sogenannte Biofeedback helfen. Die Methode ist relativ einfach und kostengünstig und hat keine Nebenwirkungen. Dabei wird eine Analsonde mit einem Messgerät verbunden, das Veränderungen im Schließmuskel des Enddarms bei Anspannung und in Ruhe misst und dem Betroffenen rückmeldet. Dadurch können Sie versuchen, den Schließmuskel über die Beeinflussung der Messwerte besser zu steuern.

Bei einer neueren Therapiemethode werden die Nerven des Rückenmarks mithilfe eines Schrittmachers mit elektrischen Impulsen stimuliert, damit sich der Schließmuskel besser kontrahiert und den Darmausgang verschließt. Die Ergebnisse sind vielversprechend; ein Großteil der Betroffenen erlangt eine deutlich bessere Darmkontrolle. Allerdings können sich die implantierten Elektroden entzünden oder verrutschen und müssen dann entfernt (und ggf. neu eingesetzt) werden. Biofeedback und Elektrostimulation können auch als Therapie kombiniert werden.

Operative Therapie

Ein chirurgischer Eingriff ist möglich. Ziel der Operation ist, die Funktion des Schließmuskels wiederherzustellen. Ein Verfahren ist die Injektion von volumenerhöhenden Substanzen in den Schließmuskel, sodass dieser sich ausdehnt. Möglich ist auch die chirurgische Reparatur des Schließmuskels (Sphinkterplastik) nach einer Verletzung, v.a. durch eine schwere Geburt. Studien zufolge ist der Erfolg der Sphinkterplastik bei Frauen <35 Jahren größer als bei älteren Patientinnen.

Eine letzte Option ist ein künstlicher Darmausgang (Enterostoma, Anus präter), bei dem der Stuhl über die Bauchwand entleert und in einem Beutel aufgefangen wird. Ein künstlicher Darmausgang wird oft abgelehnt, aber er verschafft Kontrolle über den Stuhlgang und ermöglicht ein weitestgehend normales Leben.

Prognose

Für viele Betroffene führt die Stuhlinkontinenz zu großen sozialen Problemen. Die Angst vor Gerüchen und Unannehmlichkeiten stellt eine starke psychische Belastung dar. Viele Betroffene kapseln sich aus Angst vor „Unfällen“ ab. Vielen Menschen kann jedoch geholfen werden, auch wenn die Suche nach der besten Therapiemethode für den einzelnen Patienten etwas Zeit in Anspruch nimmt.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen
  • Julia Trifyllis, Dr. med., Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Analinsuffizienz. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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