Leberschäden durch Medikamente

Bei einer medikamenteninduzierten Leberschädigung handelt es sich um ein Krankheitsbild, bei dem die schädlichen Effekte von Medikamenten zu einer Beeinträchtigung der Leberfunktion führen. Auch rezeptfreie Medikamente und pflanzliche Präparate können die Ursache für einen Leberschaden sein.

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Was ist eine medikamenteninduzierte Leberschädigung?

Leber und Gallenblase

Die Leber spielt eine wichtige Rolle beim Abbau bzw. der Verarbeitung von Substanzen, die von außen zugeführt werden, z. B. Medikamente. Manche Medikamente führen in zu hoher Dosierung bei jedem Menschen zu einer Leberschädigung (z. B. Paracetamol). Andere Wirkstoffe beeinträchtigen nur bei manchen Personen die Leberfunktion; dies ist z. B. dadurch bedingt, dass bei den Betroffenen aufgrund ihrer genetischen Ausstattung bestimmte Stoffwechselprozesse in der Leber nicht so effektiv ablaufen und sich die Substanzen dann aufstauen bzw. nur sehr langsam abgebaut und ausgeschieden werden. Grundsätzlich können sehr viele Wirkstoffe aus ganz verschiedenen Medikamentengruppen sowie diverse pflanzliche Präparate potenziell zu einer Beeinträchtigung der Leberzellen und deren Funktion führen.

In vielen Fällen zeigt sich die Wirkung des Medikaments auf die Leber nur durch vom Normwert abweichende Ergebnisse von Blutuntersuchungen, ohne dass der Betroffene Beschwerden hat. Bei einigen Patienten kann die Beeinträchtigung der Leberfunktion jedoch so stark sein, dass es zu Symptomen kommt. Das häufigste Symptom ist eine Gelbsucht (Gelbfärbung der Haut und des Weißen im Auge). In mäßig schweren Fällen kommt es zu stärkeren Beschwerden wie heftige Bauchschmerzen, Abgeschlagenheit und Unwohlsein. Betroffene werden dann meist ins Krankenhaus eingewiesen, um die Diagnose zu bestätigen. In Ausnahmefällen können sich medikamenteninduzierte Leberschädigungen zu einem lebensbedrohlichen Krankheitsbild entwickeln.

Wegen der Vielzahl der möglichen Auslöser und vieler unerkannter (leichter) Verläufe ist es schwierig, genaue Daten zur Häufigkeit der medikamenteninduzierten Leberschädigung zu erheben. Medikamenteninduzierte Lebererkrankungen stehen für etwa 2 % aller Fälle von Gelbsucht im Krankenhaus, für 10 % aller Einweisungen ins Krankenhaus unter der Diagnose akute Hepatitis und für 25 % (in den USA bis zu 50 %) aller Fälle mit akutem Leberversagen.

Ursachen

Sehr viele Medikamente und Naturheilmittel/Pflanzenpräparate können Leberschäden verursachen; einige davon nur, wenn sie in zu hoher Dosis oder in Kombination mit anderen leberschädigenden Substanzen eingenommen werden. Dazu gehören verschiedene Antibiotika, Schmerzmittel, einige Medikamente gegen Epilepsie, manche Hormone und andere, aber auch Pflanzenpräparate wie z. B. Schöllkraut, Baldrian, Mistel.

Bestimmte Medikamente, z. B. einige Zytostatika, sind besonders belastend für die Leber und wirken sich daher tendenziell noch negativer aus. Wirkstoffe, die bekanntermaßen Leberzellen schädigen können, werden als hepatotoxisch (giftig für die Leber) bezeichnet).

Bestimmte Substanzen können die Leber bereits in kleinen Mengen schädigen. Dies ist insbesondere bei Personen der Fall, denen bestimmte Proteine (Enzyme) in der Leber fehlen, sodass einige Medikamente nicht ebenso wirksam abgebaut werden können wie bei anderen Personen. Unter solchen Umständen kann sich das Medikament in der Leber ansammeln und entsprechende Schäden verursachen. Manche Personen entwickeln auch schwere Reaktionen des Immunsystems nach Einnahme bestimmter Wirkstoffe, die zu einer schweren Leberschädigung führen können. 

Was sind die Symptome?

Die Leberschädigung kann symptomlos verlaufen und wird möglicherweise nur zufällig bei einer Blutuntersuchung anhand bestimmter erhöhter Leberwerte entdeckt. Unbestimmte Symptome wie Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Gewichtsverlust, Gelenk- und Muskelschmerzen, Beschwerden im Oberbauch und eine Dunkelfärbung des Urins, heller Stuhl und Juckreiz der Haut können Anzeichen für die Auswirkung lebertoxischer Substanzen sein. Die Zeit zwischen der Einnahme des Medikaments und der Schädigung der Leber, also die Latenzzeit, variiert stark. Die Erkrankung kann sich zu einer schweren Entzündung der Leber entwickeln (fulminante Hepatitis).

Eine medikamenteninduzierte Leberschädigung kann einer Virushepatitis (hepatozelluläres Muster) oder einem Gallenstau (cholestatisches Muster) ähneln. Das hepatozelluläre Muster ist häufig von Müdigkeit, Bauchschmerzen und Gelbsucht begleitet. Das cholestatische Muster ist von Gelbsucht und Juckreiz geprägt. Es gibt jedoch in Bezug auf das Schädigungsmuster auch Übergänge zwischen beiden Formen und diverse Untergruppen, bis hin zu chronischen Störungen oder auch der Entstehung von Krebs. Die häufigste Ursache für eine medikamenteninduzierte Leberschädigung ist die Einnahme von Paracetamol in zu hoher Dosis (manchmal mit Suizid-Absichten).

Welche Untersuchungen erfolgen bei den Ärzten und im Krankenhaus?

Die Diagnose kann schwierig zu stellen sein. Die Ärzte werden sorgfältig untersuchen, ob es andere Ursachen für die Symptome geben könnte, insbesondere, wenn eine chronische Lebererkrankung vorliegt.

Daher sind Blutuntersuchungen wichtig. Aus diesen Untersuchungen kann man schließen, wie schwerwiegend die Auswirkungen auf die Leber sind und welche Funktionen der Leber bereits eingeschränkt sind. Außerdem kann festgestellt werden, wie hoch der Medikamentenspiegel im Blut ist. Es ist sehr wichtig, dei Ärztin/den Arzt darüber zu informieren, welche Medikamente Sie in der letzten Zeit genommen haben, in wie großer Menge und seit wie langer Zeit. Dazu zählen auch rezeptfreie Mittel und pflanzliche Präparate. Da Alkoholkonsum die Leberfunktion zusätzlich schädigen kann, wird die Ärztin/der Arzt auch danach genau fragen. Zudem wird sie/er wissen wollen, ob in der Familie Leberkrankheiten vorliegen, oder ob Sie selbst bereits einmal eine solche Erkrankung durchgemacht haben oder an andere Krankheiten leiden.

Zudem wird eine Sonografie des Oberbauchs durchgeführt, um mögliche Strukturveränderungen der Leber zu erkennen und die Größe zu prüfen. Möglicherweise ist es nötig, auch ein CT oder MRT zu veranlassen. In manchen Fällen ist es sinnvoll, eine Gewebeprobe der Leber (Biopsie) zu untersuchen, um die genaue Ursache und Art der Schädigung erkennen zu können.

 Therapie

Der wichtigste Behandlungsschritt ist, die schädliche Substanz nicht mehr einzunehmen. Ist die Leberschädigung gering und Gabe des verursachenden Medikaments dringend nötig (etwa eine Chemotherapie bei Krebs oder auch Mittel gegen Epilepsie), wird ggf. die Dosis reduziert und die Leberwerte regelmäßig überprüft.

Hat der Betroffene starke Beschwerden, erfolgt die Therapie in der Regel im Krankenhaus. Ist die Leberschädigung durch eine Immunreaktion bedingt, ist oft eine Therapie mit Kortison hilfreich. Bei manchen auslösenden Präparaten stehen spezielle „Gegenmittel“ zur Verfügung: Bei einer Paracetamolvergiftung wird z. B. Acetylcystein verabreicht, weil dadurch vermehrt Glutathion entsteht, das entgiftend wirkt. Ursodesoxycholsäure kann die durch mehrere andere Substanzen bedingte Leberschädigung oft erfolgreich abmildern. Ansonsten erfolgt eine unterstützende Therapie in Abhängigkeit davon, wie stark die Leber geschädigt ist. Kommt es sehr rasch zu einem Leberversagen, ist manchmal eine Lebertransplantation die einzige Chance zu überleben.

In vielen Fällen ist die Leberfunktionsstörung aber nicht so schwer und die Situation wird sich nach Absetzen des verursachenden Präparats innerhalb weniger Wochen normalisieren, manchmal kann dies aber mehrere Monate dauern.

Prognose

In den meisten Fällen wird die Leber wieder ganz gesund, wenn sie einfach ausreichend „Ruhe“ bekommt, also nicht mehr der schädlichen Substanz ausgesetzt wird. Dies kann aber mehrere Monate dauern. Im ungünstigsten Fall können sich eine Leberentzündung (Hepatitis), eine Leberzirrhose oder medikamentenbedingte Tumoren in der Leber entwickeln. Das kommt zum Glück aber äußerst selten vor.

Gerade eine Überdosis Paracetamol, aber auch andere Substanzen, können jedoch auch zu einer so schweren Leberschädigung führen, dass es zum Versagen mehrerer Organe kommt und die Patienten trotz intensivmedizinischer Versorgung nicht überleben.

Bei jeder Therapie ist es wichtig, das Risiko einer Leberschädigung abzuschätzen. Haben Patienten bereits eine eingeschränkte Leberfunktion, etwa wegen hohen Alkoholkonsums oder der Einnahme anderer leberschädigender Medikamente, werden die Ärzte das Risiko genau abwägen und wenn möglich ein Altenativpräparat auswählen. Bei manchen Therapien werden regelmäßig der Blutspiegel der Medikaments sowie die Parameter im Blut bestimmt, die auf eine Leberschädigung hinweisen bzw. die Leberfunktion widerspiegeln. 

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Leberschäden, Medikamente. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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