Funktionelle Dyspepsie

Bei funktioneller Dyspepsie oder Reizmagen, wie die Erkrankung auch genannt wird, treten wiederkehrende Magenschmerzen und andere Beschwerden auf, ohne dass krankhafte Veränderungen im Magen-Darm-Trakt nachweisbar wären.

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Was ist funktionelle Dyspepsie?

Das Beschwerdebild ist individuell unterschiedlich. Auch bei ein und demselben Patienten können die Beschwerden von Mal zu Mal variieren.

Charakteristisch sind Schmerzen und/oder Unwohlsein im Bereich des Magens sowie möglicherweise zusätzlich Völlegefühl, Übelkeit, Erbrechen, Blähungen, saures Aufstoßen und Sodbrennen sowie ein rasch einsetzendes Sättigungsgefühl. Die Beschwerden verschlimmern sich häufig im Zusammenhang mit den Mahlzeiten, wobei es jedoch bei einigen Patienten durch Nahrungszufuhr zu einer Schmerzlinderung kommt. Viele Patienten leiden darüber hinaus an IBS (Irritabel Bowel Syndrome) mit Verstopfung, Durchfall und Blähungen. Wenn bei den Beschwerden Sodbrennen und saures Aufstoßen im Vordergrund stehen, liegt der Verdacht auf eine gastroösophageale Refluxkrankheit nahe.

Symptome aufgrund von Reizmagen sind sehr häufig, etwa 20–40% der Bevölkerung leiden ab und zu unter solchen Beschwerden. Die Symptome sind unterschiedlich stark ausgeprägt, viele Betroffene suchen trotz der Beschwerden niemals ärztlichen Rat.

Ursache

Die Ursache dieser Störung ist unbekannt, es gibt jedoch zahlreiche unterschiedliche Erklärungsansätze. Bei der Mehrheit der Patienten mit funktioneller Dyspepsie lassen sich bei genaueren Untersuchungen Störungen der Muskelfunktion (Motilität) des Magen-Darm-Trakts finden, die oft zu einer verzögerten Entleerung des Magens führen. Häufig reagieren die Nerven des Magen-Darm-Trakts zudem überempfindlich auf Signale. Allerdings besteht kein Zusammenhang zwischen dem Grad der gestörten Magenmotilität und der Ausprägung der Beschwerden. Die Säurebildung im Magen ist unauffällig (im Gegensatz zum Magengeschwür).

Psychischer Stress, Ängste (vor allem die Angst vor einer schweren Erkrankung), Unruhe, Niedergeschlagenheit und Depressionen treten häufiger bei Patienten mit Reizmagen auf als beispielsweise bei solchen mit z.B. einem Magengeschwür. Also scheint ein Zusammenhang zwischen psychischen Krankheiten bzw. Stress und der funktionellen Dyspepsie zu bestehen. So können emotionale Belastung, Angst oder Überforderung die Beschwerden verschlimmern.

Für viele Betroffene ist die funktionelle Dyspepsie nur eine von mehreren Erkrankungen, gegen die sie von Zeit zu Zeit ankämpfen. Zu den weiteren Symptomen zählen wiederholt auftretende Kopfschmerzen, Schwindel, rheumatische Schmerzen, das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben, Schmerzen im Brustkorb, Krämpfe im Darmbereich und Menstruationsstörungen.

Die funktionelle Dyspepsie führt nicht zu einem Magengeschwür. Die eindeutige Unterscheidung zwischen funktioneller Dyspepsie und Magengeschwür kann jedoch problematisch sein. Die Symptome sind unter Umständen die gleichen. Es sollte daher immer eine Abklärung der Erkrankung stattfinden. Bei Personen über 50 Jahren ist stets eine Gastroskopie (Magenspiegelung) angezeigt.

Diagnostik

Bei der Anamnese stehen Dauer, Schweregrad und Beschreibung der Symptome im Vordergrund und haben entscheidende Bedeutung für die Diagnosestellung. Der Arzt wird fragen, wie häufig und wie stark die Schmerzen sind, ob es Auslöser gibt und wie sie sich bessern lassen. Teilen Sie Ihrem Arzt auch mit, ob Ihnen weitere Symptome an anderen Organen wie Kopf, Muskeln, Bauchraum oder Brust aufgefallen sind.

Bei der Untersuchung des Bauchraumes wird der Arzt bei Vorliegen einer funktionellen Dyspepsie keine krankhafte Veränderung feststellen, mit Ausnahme einer möglichen Druckempfindlichkeit im oberen Bauchbereich. Meist werden Blutuntersuchungen zur Kontrolle von unter anderem Hb-Wert, Entzündungswerten, Leberwerten und bestimmten Nahrungsmittelunverträglichkeiten gemacht, um andere Erkrankungen, die für die Symptome verantwortlich sein könnten, auszuschließen. Bei der funktionellen Dyspepsie sind die Blutwerte alle unauffällig.

Möglicherweise wird die Ärztin auch einen Test durchführen, um eine etwaige Infektion mit dem Keim Helicobacter pylori nachzuweisen oder auszuschließen; dieser Erreger ist mit Magengeschwüren assoziiert. 

Bei lang anhaltenden, wiederkehrenden oder heftigen Bauchschmerzen, anderen schwereren Symptomen und insbesondere bei Patienten über 50 Jahren ist eine Gastroskopie angezeigt. Bei dieser Untersuchung wird ein flexibler Schlauch mit einer Videokamera in den Magen eingeführt. Auf diese Weise kann der Arzt eine direkte Beurteilung der Schleimhaut von Zwölffingerdarm, Magen und Speiseröhre vornehmen. Bei einer funktionellen Dyspepsie können mit diesem Verfahren keine Veränderungen nachgewiesen werden; es geht aber darum, andere Krankheiten nicht zu übersehen.

Gelegentlich ist eine Ultraschalluntersuchung zum Ausschluss von Erkrankungen der Gallenwege angezeigt. Im Allgemeinen gehen Erkrankungen der Gallenwege (Gallensteine) jedoch mit charakteristischen Schmerzen einher, die der Arzt leicht erkennt.

Therapie

Das vorrangige Therapieziel besteht in der Linderung der Beschwerden durch Aufklärung des Patienten über die Erkrankung. Außerdem wird dem Betroffenen die Gewissheit vermittelt, nicht an einer schwerwiegenden Krankheit zu leiden.

Es ist wichtig, zusammen mit dem Arzt oder auch allein über die Schmerzen zu reflektieren. Lässt sich im Hinblick auf die Magenbeschwerden ein Muster erkennen? Gibt es auslösende Faktoren? Nehmen die Beschwerden bei Stress oder Unruhe an Häufigkeit zu? Dem Abbau von Stress und Nervosität im Alltag kommt bei der Behandlung eine große Bedeutung zu. Regelmäßige Mahlzeiten und Schlafgewohnheiten, ausreichend körperliche Bewegung und der Verzicht auf Rauchen wirken sich bei vielen positiv aus. Nahrungsmittel, die Sie nicht vertragen, sollten Sie in den Phasen der Beschwerden vermeiden.

Es steht eine Reihe von Arzneimitteln gegen funktionelle Dyspepsie zur Verfügung. Forschungsergebnissen zufolge sind Arzneimittel bei funktionellen Beschwerden jedoch selten hilfreich. Wenn Sodbrennen eines der Hauptprobleme ist, kann eine Therapie mit Antazida und säurehemmenden Medikamenten (H2-Blocker und Protonenpumpenhemmer) ausprobiert werden. Auch Arzneimittel mit Wirkung auf die Darmbewegungen haben sich bei einigen Betroffenen als hilfreich erwiesen; auch hier sind Studienergebnisse insgesamt aber nicht eindeutig. Bei einigen Personen haben Antidepressiva eine gute Wirkung gezeigt, auch wenn die Patienten nicht unter Depressionen litten. Unterschiedliche Formen der Psychotherapie/Gesprächstherapie (sowie der kognitiven Therapie) können sich ebenfalls bei einigen Patienten positiv auswirken.

Es gibt keine Hinweise dafür, dass Helicobacter pylori für funktionelle Dyspepsie verantwortlich ist. Tatsächlich aber kommt es bei Patienten, die sich einer Therapie gegen Helicobacter pylori unterziehen, häufig nach einiger Zeit zu einer Besserung der Beschwerden, die einige Jahre andauert.

Prognose

Die Beschwerden kommen und gehen. Ihr Schweregrad variiert. Vielen Patienten hilft das Wissen, nicht an einer schwerwiegenden Erkrankung zu leiden, enorm, da ihre Angst vor einer solchen Krankheit nachlässt. Bei manchen Betroffenen halten die Symptome jedoch trotz Therapie und Untersuchungen an. Die Beschwerden infolge von funktioneller Dyspepsie sind harmlos, auch wenn sie mit starken Schmerzen verbunden sein können. Forschungen zufolge haben selbst Patienten, die lebenslang an funktioneller Dyspepsie leiden, kein erhöhtes Risiko für ein Magenkarzinom.

Weiterführende Informationen

Quellen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Funktionelle Dyspepsie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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