Versagen der Blutzufuhr zum Darm (Darmischämie)

Darmischämie bezeichnet die Unterbrechung der Blutzufuhr zum Darm infolge eines Blutgerinnsels in einer Arterie, seltener in einer Vene und in Einzelfällen infolge eines Kreislaufkollapses.

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Was ist eine akute Darmischämie?

Röntgenbild eines gesunden Darms
Röntgenbild eines gesunden Darms

Eine mesenteriale Ischämie oder Darmischämie bezeichnet die verminderte Blutzufuhr (Ischämie) zum Darm (Mesenterium). Dies ist in der Regel darauf zurückzuführen, dass ein Blutgerinnsel ein Blutgefäß verschließt, das Teile des Darms mit Blut versorgt. Das gesamte Körpergewebe ist von einer konstanten Blutzufuhr abhängig. Bereiche, die kein Blut erhalten, sterben ab.

Eine Darmischämie wird bei ca. 50 % durch ein Blutgerinnsel in einem Blutgefäß in der Bauchhöhle verursacht. Die sonstigen Fälle sind dadurch bedingt, dass die Blutversorgung des Darms aufgrund anderer Krankheiten  nicht ausreicht, z.B. durch Kreislaufversagen, schwere Verletzungen, Schock etc.. Diese akute Darmischämie, eine sehr ernste lebensgefährliche Erkrankung, unterscheiden Ärzte von einer chronischen Ischämie. Hier tritt nicht ein plötzlicher Gefäßverschluss auf, sondern die Arterien, die den Darm versorgen, sind infolge unterschiedlicher Krankheiten verengt. Daher treten Beschwerden zunächst nur auf, wenn der Darm verstärkt durchblutet werden soll (z.B. nach dem Essen). An dieser Art der Ischämie leiden v.a. ältere Menschen. Eine weitere Form ist die sogenannte Ischämische Kolitis: Dies bezeichnet eine Entzündung des Dickdarms infolge einer mangelhaften Durchblutung, z.B. nach einer Operation an den Blutgefäßen in diesem Bereich oder auch bei allgemeinen Durchblutungsstörungen. 

 

Ursachen

Häufige Ursache der Bilung von Blutgerinnseln ist die Arterienverkalkung (Arteriosklerose). Diese Erkrankung ist häufig und kann alle Arterien im Körper betreffen. Kennzeichnend ist eine verhärtete Gefäßwand und kleine Ablagerungen an den Innenwänden der Gefäße. An diesen Stellen können sich die im BLut vorbeifließenden Blutplättchen anlagern und mit der Zeit ein Blutgerinnsel bilden. Entweder wird das Gerinnsel an dieser Stelle immer größer (Thrombus) oder es wird plötzlich abgeschwemmt und bleibt dann in einem kleineren Gefäß „hängen" (Embolus). Die Folgen sind Komplikationen wie Herzinfarkte, Schlaganfälle, Thrombosen in einem Bein oder auch das Versagen der Blutzufuhr im Darm.

Die Hauptursache der mesenterialen Ischämie besteht in:

  • Einer mesenterialen arteriellen Emboli (50 %) – also einem Blutgerinnsel, das sich im Blutkreislauf befindet und eine Arterie verschließt.
  • Einer mesenterialen arteriellen Thrombose (15-25 %) – einem Blutgerinnsel, das sich an einer Stelle in einer Arterie bildet.
  • Einer mesenterialen venösen Thrombose (5 %) – einem Blutgerinnsel, das sich in einer Vene bildet, die das Blut aus dem Darm abführt.
  • Bei einer allgemein verminderten Blutversorgung, z. B. durch einen Schock oder eine akute Herzinsuffizienz, wird die Durchblutung des Darms recht schnell gedrosselt, damit v.a. die lebenswichtigen Organe möglichst ausreichend Blut erhalten.

Symptome

Bei der akuten Ischämie lassen sich meist 3 Phasen unterscheiden. Wie schnell sich die Krankheit entwickelt, ist dabei je nach Ursache und Ausprägung der verminderten Blutzufuhr zum Darm verschieden.

  • Erste Phase. In dieser Phase treten bei den meisten Menschen plötzlich starke Bauchschmerzen, Erbrechen und Durchfall auf.
  • Die zweite Phase tritt frühestens nach einigen Stunden ein. Hierbei nehmen die Schmerzen oft etwas ab, aufgrund der Gasbildung können Blähungen auftreten und beim Erbrechen oder Durchfall wird Blut ausgeschieden.
  • Die dritte Phase beginnt mit dem Absterben des Darms. Hierbei kann der Darm perforieren, wobei der Darminhalt eine schwere Entzündung der Bauchhöhle verursacht. Der Patient bekommt Fieber, der stark angespannte und schmerzhafte Bauch wird äußerst empfindlich. In der dritten Phase kommt es außerdem häufig zu Blutvergiftungen (nachdem Bakterien aus dem Darminhalt in das Blut gelangt sind). In diesem Zustand ist die Erkrankung oft tödlich.

Die chronische Darmischämie äußert sich durch Schmerzen, die z.B. stets nach dem Essen auftreten, insbesondere nach großen Mahlzeiten. Oft kommen Verstopfung und/oder Durchfall hinzu. Wegen der Schmerzen essen viele Patienten weniger und nehmen an Gewicht ab. Im Verlauf können die Schmerzen dauerhaft werden, manchmal ist der Stuhl blutig (ein Warnziechen).

Für die ischämische Kolitis sind krampfartige Schmerzen im Unterbauch typisch; Erbrechen, Fieber und Blut im Stuhl sind möglich.

Diagnostik

In akuten Fällen einer Darmischämie muss der Patient schnellstmöglich in ein Krankenhaus überführt werden. Hier werden gründliche Untersuchungen der Bauchhöhle durchgeführt. Gewöhnliche Methoden sind Ultraschall- und Röntgenuntersuchungen, in der Regel wird jedoch eine spezielle Computertomografie mit Kontrastmittel bevorzugt. In einigen Fällen ist auch eine Spiegelung des unteren Darmbereichs erforderlich. Diese erfolgt gewöhnlich mit einem Koloskop, einem fingerdicken flexiblen Schlauch mit Optik (Lichtquelle und Kamera), der zur Untersuchung des gesamten Dickdarms genutzt werden kann.

Ein anderes Untersuchungsverfahren bei Verdacht auf Darmischämie ist die Arteriografie. Hierbei handelt es sich um ein Untersuchungsverfahren, bei dem in die Blutgefäße, die den Darm versorgen, Kontrastmittel injiziert wird. Durch Röntgenaufnahmen wird erkennbar, wie die Blutgefäße verlaufen. Hiermit können Blutgerinnsel oder Verengungen festgestellt werden. Das Verfahren kann auch zur Erweiterung des verengten Abschnitts durch Einsetzen eines Stents zum Offenhalten des Blutgefäßes genutzt werden. Diese Untersuchung kommt bei der chronischen Form zum Einsatz, im Fall der akuten Ischämie führen andere Untersuchungen schneller zu einer Diagnose.

Behandlung

Bei einer akuten Darmischämie ist ein chirurgischer Eingriff die einzig mögliche Behandlung. Ist der Teil des Darms, der nicht ausreichend mit Blut versorgt wurde, abgestorben, muss er operativ entfernt werden, anderenfalls würde sich auch der noch gesunde Darm infizieren. Wird die Behandlung rechtzeitig eingeleitet, lässt sich die Blutversorgung möglicherweise wieder herstellen und verhindern, dass Darmgewebe abstirbt. Auch bei der chronischen Form kann eine Operation erforderlich sein, um die verengten Gefäße wieder durchgängig zu machen; hier müssen die zugrunde liegenden Krankheiten zusätzlich behandelt werden. Patienten mit ischämischer Kolitis müssen nur bei schwerem Verlauf operiert werden, oft reichen nichtchirurgische Maßnahmen und die Gabe von Antibiotika.

Verlauf

Nach einer Operation einer Darmischämie bleibt der Patient zunäscht auf der Intensivstation, weil eine genaue Überwachung nötig ist. Im Anschluss dauert es einige Wochen bis Monate, bis die normale Funktion des Darms wiederhergestellt ist. Je nach Schwere des Zustands und der Größe des entfernten Darmabschnitts ist der Darm oft nicht mehr in der Lage, Nahrungsmittel, die über eine normale Ernährung zugeführt werden, zu verdauen. Nahrungsergänzungsmittel sind deshalb zumindest in der ersten Zeit nach dem Eingriff erforderlich. In Einzelfällen ist eine künstliche Ernährung über das Blut notwendig. Die meisten Menschen leiden nach einer Operation über einen längeren Zeitraum unter Durchfall. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der Darm nicht mehr in der Lage ist, die gesamte Menge der zugeführten Nahrungsmittel zu verdauen, wodurch sie den Darm unverdaut passieren.

Ist die Krankheit überstanden, können einige Maßnahmen getroffen werden, um einer erneuten Erkrankung vorzubeugen. Meist sind Menschen mit starker Verkalkung der Gefäße von einer Darmischämie betroffen. Sämtliche Vorkehrungen zur Reduktion von Gefäßverkalkung schützen daher vor dieser Erkrankung. Die wichtigsten Vorsorgemaßnahmen bestehen in der Aufgabe des Rauchens, der Senkung des Cholesterinspiegels im Blut über eine gesunde Ernährung, verstärkter Bewegung und der Einnahme cholesterinsenkender Medizin, einem Statin. Wurde die Erkrankung durch z.B. eine Herzkrankheit verursacht, muss diese selbstverständlich effektiv behandelt werden.

Prognose

Ist die Diagnose zu spät gestellt und Anteile des Darms sind bereits abgestorben und infiziert, überlebt die Mehrheit der Betroffenen nicht. Wird eine akute Ischämie jedoch rechtzeitig erkannt, ist eine Operation oft erfolgreich. Die chronischen Formen nehmen bei den meisten Patienten einen positiven Verlauf.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Darmischämie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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