Was sind die Ursachen für die Zöliakie?

Vererbung und Umweltfaktoren sind wichtige Faktoren für die Entwicklung von Zöliakie (Glutenintoleranz), aber die Ursache der Krankheit ist immer noch nicht vollständig geklärt.

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Was geschieht im Darm bei Zöliakie?

Zöliakie ist eine Erkrankung des (oberen) Dünndarms, genauer gesagt des Gewebes der Innenseite des Dünndarms. Hier bildet die Schleimhaut sogenannte Darmzotten aus, also Ausstülpungen in das Lumen, durch die die Oberfläche der Darmschleimhaut vergrößert wird und dadurch effektiver verschiedene Nährstoffe und Vitamine aus der Nahrung aufnehmen kann. Diese Darmzotten werden aus verschiedenen Gründen durch Kontakt mit Gluten geschädigt. Gluten ist ein Eiweiß, das in den üblichen Mehlsorten (Weizen, Gerste, Roggen) vorkommt, die entsprechende im Weizen enthaltene Substanz ist Gliadin. Bei Zöliakie kommt es zu Veränderungen des Immunsystems und einer Autoimmunreaktion: Die Immunzellen bilden fälschlicherweise Antikörper körpereigene Strukturen, in diesem Fall ein für die Darmzotten des Dünndarms sehr wichtiges Enzym (die Gewebetransglutaminase). Dadurch werden die Darmzotten in ihrer Struktur und Funktion stark geschädigt. Die Autoimmunkrankheit lässt sich durch den Nachweis dieser Antikörper im Blut erkennen. Bei Zöliakie sind auch Antikörper gegen Gliadin bzw. bestimmte Abbauprodukte des Gliadins nachweisbar; diese sind aber für die Diagnose nicht so sicher zu nutzen wie die Gewebetransglutaminase-Antikörper.

Sind die Darmzotten geschädigt und kleiner geworden (atrophiert), ist die Aufnahme einzelner Nährstoffe beeinträchtigt: Dies gilt unter anderem fettlösliche Vitamine, Kalzium, Eisen und die Vitamine Folsäure und B1 sowie B12.

Die Ursache für die Erkrankung wird nur teilweise verstanden, aber Erbfaktoren und Umweltfaktoren spielen eine Rolle (siehe unten). Manche Patienten zeigen schon als Kinder Reaktionen, andere erst im Erwachsenenalter. Es stellte sich heraus, dass bei etwa 10 % der Zöliakie-Patienten auch enge Verwandte unter der Erkrankung leiden. Bei 70–100 % der Fälle von Zöliakie bei eineiigen Zwillingen sind beide betroffen. Forscher gehen davon aus, dass es sich um eine Kombination aus mehreren Genen handelt, die die Zöliakie auslöst, v. a. die Genabschnitte (Allele) HLA-DQ2 und HLA-DQ8. Etwa 90 % der Zöliakie-Patienten weisen den Typ HLA-DQ2 auf. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung mit den Gewebetypen HLA-DQ2 oder -DQ8 leidet jedoch nicht unter Zöliakie. HLA-DQ2 oder -DQ8 können in einer gewöhnlichen Blutuntersuchung nachgewiesen werden. Möglicherweise spielen Virusinfektionen oder auch Rauchen eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Erkrankung; Stillen bzw. Muttermilch scheint eine schützende Wirkung zu haben.

Personen mit bestimmten anderen Erkrankungen leiden häufiger als ansonsten Gesunde an einer Zöliakie. Dazu zählen Typ-1-Diabetes, rheumatoide Arthritis und andere autoimmune Bindegewebskrankheiten, einige Schilddrüsenerkrankungen, autoimmune Leberkrankheiten (z. B. primär biliäre Cholangitis), Down-Syndrom und Turner-Syndrom, die Hautkrankheit Dermatitis herpetiformis und eine Eisenmangelanämie.

Zöliakie führt in der Regel zu Bauchschmerzen, Durchfall und anderen Verdauungsstörungen, kann aber auch mit ganz anderen Symptome einhergehen (darunter Wachstumsverzögerung, späte Pubertät, unklare Gelenkbeschwerden) oder fast ohne Beschwerden auftreten. Daher wird die Diagnose bei vielen Betroffenen erst sehr spät gestellt. Ist die Diagnose sicher, müssen die Patienten sich glutenfrei ernähren. Dies führt nach einigen Wochen, bei Kindern meist schneller, zu Beschwerdefreiheit und v. a. auch oft zu einer nachweisbaren Erholung der Darmzotten, sodass auch die Nährstoffaufnahme wieder deutlich verbessert wird.

Wichtig zu wissen ist, dass ganz ähnliche Magen-Darm-Beschwerden als Reaktion auf Weizen auch durch zwei andere Krankheiten ausgelöst werden können: eine Weizenallergie und eine Weizenunverträglichkeit, die weder allergisch ist noch auf einer Zöliakie beruht.

In welchen Lebensmitteln kommt Gluten vor?

Gluten ist ein Protein, das in einer Vielzahl von Getreidesorten vorkommt. Weizen, Gerste und Roggen enthalten viel Gluten, aber auch Dinkel, Grünkern, Kamut, Emmer und Einkorn enthalten Gluten. Andere Nahrungsmittel können Rückstände solcher Getreide aus der Produktion enthalten.

Neben Getreide und Getreideprodukten können Spuren von Gluten auch in einer Reihe anderer Lebensmittel vorhanden sein. Dies trifft unter anderem auf gewisse Milchprodukte wie Eiscreme, Käse und Joghurt zu. Gluten kann auch in Schokolade, Süßigkeiten und Kakao vorhanden sein. Zudem enthalten Gerichte wie Pizza, Würstchen, Suppen, Saucen und Spaghetti oft Gluten, das Gleiche gilt für Ketchup, Senf, Tomatenmark, Erdnussbutter und Salatdressing und zahlreiche andere Lebensmittel.

Gluten (auch in Spuren) muss bei der Deklaration der Inhaltsstoffe auf dem Lebensmittel angegeben sein. Nahrungsmittel, die wie Mehl genutzt werden können und kein Gluten enthalten, sind reiner Hafer, Reis, Mais, Hirse, Buchweizen, Quinoa, Maniok, Tapioka, Amaranth, Soja und Kartoffeln.

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Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Zöliakie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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