Durch Medikamente verursachte Bewegungsstörungen

Bei der Einnahme bestimmter Medikamente können als Nebenwirkung Bewegungsstörungen auftreten.

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"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiemann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

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Was sind medikamentenbedingte Bewegungsstörungen?

Unter dem Überbegriff „motorische Störungen“ oder „Bewegungsstörungen“ werden viele Arten von Bewegungen zusammengefasst. Diese reichen von Zittern (Tremor) und plötzlichen Bewegungen von Armen und Beinen (Chorea) bis hin zu anhaltenden Muskelanspannungen mit ungewöhnlichen Körperhaltungen (Dystonie). Ggf. kann eine motorische Unruhe auftreten, bei der die Patienten nicht still sitzen zu können (Sitzunruhe bzw. Akathisie). Auch parkinsonartige Bewegungsstörungen können vorkommen. All diese Bewegungsstörungen haben gemein, dass sie unwillkürlich auftreten, ohne, dass die betroffene Person eine Kontrolle darüber hat. Die einzelnen Bewegungsstörungen können typische Befunde bei bestimmten Grunderkrankungen sein (z. B. Parkinson-Krankheit, Chorea Huntington, Schizophrenie).

Allerdings gibt es auch Medikamente, die als Nebenwirkung Bewegungsstörungen auslösen können. Die Ausprägung der Bewegungsstörung kann dabei sehr unterschiedlich sein.

In den meisten Fällen interagieren die Medikamente mit einem bestimmten Teil des motorischen Systems, dem extrapyramidalmotorischen System, das für die unwillkürliche Koordination von Bewegungsabläufen zuständig ist. Die Folge sind sog. extrapyramidale Störungen bzw. ein extrapyramidales Syndrom (EPS).

Ursachen

Eine häufige Ursache ist eine Therapie mit Antipsychotika (Neuroleptika), z. B. im Rahmen einer Schizophrenie. Die Nebenwirkungen treten in der Regel in den ersten Tagen und Wochen auf und sind dosisabhängig. Durch eine Dosisreduktion oder das Absetzen des Antipsychotikums können sie in der Regel rückgängig gemacht werden.

Weitere Medikamente, die für die Entstehung für Bewegungsstörungen verantwortlich sein können sind u. a. bestimmte Mittel gegen Übelkeit (Antiemetika), Reserpin, Lithium, Kalziumantagonisten (Cinnarizin, Flunarizin), Ciclosporin A, Antiepileptika sowie Medikamente, die für die Behandlung der Parkinson-Krankheit eingesetzt werden (z. B. Levodopa, Dopaminagonisten). Bei den meisten Medikamenten kann nur schwer vorhergesagt werden, ob bei einer bestimmten Person Nebenwirkungen auftreten werden oder nicht. Jeder Mensch ist anders, auch im Hinblick auf Nebenwirkungen.

Symptome können auch beim Absetzen eines Medikaments auftreten (z. B. Antidepressiva-Absetzsyndrom).

Symptome

Die Bewegungsstörungen durch Medikamente können vielfältig sein.

Tremor

Unter einem Tremor versteht man die unwillkürlichen rhythmischen Bewegungen eines oder mehrerer Körperteile. Es gibt verschiedene Arten von Tremor, z. B. Tremor der nur in der Ruhe oder nur bei aktiven Bewegungen vorkommt.

Parkinson-artige Symptome

Symptome, die bei der Parkinson-Krankheit auftreten können, aber auch als Medikamentennebenwirkungen bekannt sind, umfassen Ruhetremor, Muskelsteifheit (Rigor), Bewegungsarmut (Hypokinesie) oder eine mangelhafte Stabilität der aufrechten Körperhaltung (posturale Instabilität).

Chorea

Choreatische Bewegungsstörungen können sich in unwillkürlichen, raschen, unregelmäßigen Bewegungen äußern. Betroffen sind meist die Arme und Beine, das Gesicht, der Nacken oder der Rumpf. Die Symptome können durch Stress und körperliche Aktivität zunehmen. Im Tiefschlaf sind sie weitestgehend aufgehoben. Eine medikamentenbedingte Chorea ist nicht zu verwechseln mit der Huntington-Krankheit (Chorea Huntington).

Dystonie

Bei einer Dystonie kommt es zur unwillkürlichen Muskelanspannung sowie evtl. zu Krämpfen verschiedener Muskelgruppen. Dabei können schmerzhafte Fehlhaltungen oder Bewegungsstörungen entstehen. Antipsychotische Medikamente können sogenannte Frühdyskinesien auslösen, bei denen die Muskulatur des Halses, des Nackens, der Augen und des Rumpfes von krampfhaften Muskelanspannungen betroffen sein kann. Diese können bereits ab der ersten Behandlungswoche eintreten.

Akathisie

Eine Akathisie kann sich in Bewegungsunruhe und quälender innerer Anspannung äußern. Der Bewegungsdrang ist dabei oft auf die Beine begrenzt (Sitzunruhe). Typisch sind ein Hin- und Herschaukeln, Aufstehen und Hinsetzen, Trippeln auf der Stelle und dauerndes Übereinanderschlagen der Beine im Sitzen.

Spätdyskinesien

Spätdyskinesien können ebenfalls im Rahmen einer Antipsychotikaeinnahme vorkommen, allerdings erst nach Monaten oder Jahren. Es kommt zu unwillkürlichen, stereotypen Bewegungsmustern, z. B. Kau-, Schluck- und Schmatzbewegungen, Grimassieren, Zungenbewegungen, Kopfwendungen oder ständigem Blinzeln. Spätdyskinesien können mitunter nicht mehr rückgängig zu machen sein.

Malignes neuroleptisches Syndrom

Das maligne neuroleptische Syndrom ist ein seltenes, aber lebensbedrohliches Krankheitsbild, das eine schnelle, intensive Therapie erfordert. Dabei kann es u. a. zu Tremor, Rigor, hochgradiger Bewegungsarmut, Fieber, beschleunigter Atmung und Puls, Blutdruckerhöhung sowie veränderten Blutwerten kommen.

Diagnostik

Wenn Sie Bewegungsstörungen bei sich feststellen, ist eine Vorstellung bei Ihrem Hausarzt sinnvoll. Dieser wird Sie u. a. zu den Symptomen, den Medikamenten, die Sie einnehmen, sowie zu möglichen Grunderkrankungen und Verwandten mit Bewegungsstörungen befragen. Anschließend wird eine ausführliche körperliche Untersuchung durchgeführt, bei der u. a. auf das Gangbild, die Muskelkraft, die Koordination, die Reflexe und auffällige Bewegungsmuster geachtet wird. Ggf. wird Blut abgenommen. In der Regel erfolgt die weitere Abklärung beim Spezialisten (Neurologen).

Wenn Sie eine Therapie mit Medikamenten beginnen, die potenziell Bewegungsstörungen auslösen können, werden Sie über die möglichen Nebenwirkungen aufgeklärt und im Verlauf auf neu aufgetretene Symptome kontrolliert.

Therapie

Die vorrangigste Behandlungsoption bei medikamentenbedingten Bewegungsstörungen ist ein Absetzen des auslösenden Medikaments. Ist dies nicht möglich, wird in der Regel eine Dosisreduktion oder ein Wechsel des Medikaments angestrebt. In einigen Fällen kann eine zusätzliche medikamentöse Therapie zur Linderung der Beschwerden sinnvoll sein.

Prognose

Die meisten medikamentenbedingten Bewegungsstörungen können durch das Absetzen des auslösenden Medikaments rückgängig gemacht werden. Wenn die Symptome frühzeitig erkannt und die auslösenden Antipsychotika abgesetzt werden, können Spätyskinesien zurückgehen; häufig bleiben sie aber bestehen.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Arzneimittelinduzierte Bewegungsstörungen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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