Zittern – essenzieller Tremor

Ein essenzieller Tremor ist ein unwillkürliches, rhythmisches Zittern (Tremor) meist beider Hände und in einigen Fällen auch des Kopfes. Die Beschwerden entwickeln sich häufig langsam fort und sollten mit Medikamenten behandelt werden, wenn die Lebensqualität eingeschränkt ist.

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Was ist ein essenzieller Tremor?

Ein Tremor, also das unwillkürliche Zittern, von dem meistens die Hände betroffen sind kann vielfältige Ursachen haben. Der essenzielle Tremor ist eine eigenständige Erkrankung, die neben dem Zittern keine weiteren wesentlichen Symptome verursacht. Im Gegensatz zu anderen Arten des Tremors tritt das Zittern nicht im Rahmen einer anderen Erkrankung oder der Einnahme von Medikamenten auf.

Typischerweise tritt das Zittern der Hände bei essenziellem Tremor nicht in Ruhe, sondern eher bei aktiven Bewegungen auf; oder wenn man versucht, eine bestimmte Position zu halten, beispielsweise mit einem vollen Glas in der Hand. Man spricht daher beim essenziellen Tremor von einem Halte- und Aktionstremor. Der Tremor kann willentlich beeinflusst werden und verschlimmert sich bei Aufregung, Angst, Müdigkeit.

Die Erkrankung tritt meist im Erwachsenenalter auf und schreitet oft im Laufe der Jahre langsam voran. Der essenzielle Tremor tritt fast immer symmetrisch an beiden Händen auf, in einigen Fällen kann jedoch auch ein anderes Körperteil, wie z. B. der Kopf, betroffen sein. Über die Hälfte der Betroffenen gibt an, dass kleine Mengen an Alkohol eine Linderung bewirken können.

Die meisten Menschen mit essenziellem Tremor haben nur leichte Beschwerden. Ein Teil der Betroffenen hat jedoch Schwierigkeiten mit bestimmten Tätigkeiten und kann Probleme entwickeln, den Alltag zu bewältigen. Ein Tremor kann zudem als sozial beschämend empfunden werden. Eine Studie zeigte, dass bis zu 25 % der Betroffenen den Beruf wechseln oder frühzeitig in den Ruhestand gehen.

Es handelt sich um ein relativ häufiges Krankheitsbild. Epidemiologische Studien zeigen unterschiedliche Zahlen, abhängig von der geografischen Lage und Bevölkerungszusammensetzung. In Deutschland leiden etwa 0,9 % der Gesamtbevölkerung an essenziellem Tremor, es kommen also 9 Fälle auf 1.000 Personen. Die Häufigkeit des essenziellen Tremors steigt mit dem Alter an, so dass etwa 4,5 % der Menschen über 65 Jahren an der Erkrankung leiden.

Ursache

Die genaue Ursache der Erkrankung ist bis heute ungeklärt. Bei etwa 60 % der Betroffenen gibt es Hinweise auf ähnliche Erkrankungen in der Familie. Erbliche Faktoren scheinen also eine große Rolle zu spielen, es konnte aber bislang kein eindeutiger genetischer Defekt gefunden werden. Wahrscheinlich ist es für die Entstehung der Erkrankung notwendig, dass mehrere Gene in Wechselwirkung treten.

Diagnose

Bei vielen Betroffenen fallen die Symptome so mild aus, dass sie lange Zeit keinen Arzt aufsuchen. Die Diagnose wird anhand der geschilderten Beschwerden und der Art des Zitterns gestellt. Hierbei unterscheidet der Arzt zwischen Zittern in Ruhe, beim Halten der Hände oder bei gezielten Bewegungen; außerdem achtet er auch auf die Frequenz. In vielen Fällen ist die Diagnose naheliegend, da es vergleichbare Fälle in der Familie gibt. Da auch bestimmte Medikamente einen Tremor auslösen können, muss hierauf ebenfalls geachtet werden. Äußert sich das Zittern für die Erkrankung untypisch oder treten weitere Beschwerden auf, müssen andere zugrunde liegende Erkrankungen sorgfältig ausgeschlossen werden. Wichtig ist hier insbesondere die Abgrenzung zu einer beginnenden Parkinson-Krankheit, die üblicherweise mit charakteristischen Symptomen einhergeht.

Behandlung

Das Ziel der Behandlung ist es, die Einschränkungen und psychischen Belastungen, die durch das Zittern verursacht werden, zu mindern. Es gibt jedoch keine Behandlung, die zu einer Heilung führt. Um das Zittern zu lindern, können Patienten verschiedene Entspannungstechniken und andere Techniken zur Stressreduzierung, die sich als hilfreich erwiesen haben, erlernen. Kaffeekonsum führt oft zu einer Verschlimmerung der Beschwerden, weshalb es für einige Betroffenen hilfreich sein kann, weniger Koffein zu konsumieren. Können die Beschwerden mit diesen Maßnahmen nicht ausreichend gebessert werden, gibt es eine Reihe von Medikamenten, die in der Behandlung des essenziellen Tremors eingesetzt werden können.

Die erste Wahl für die medikamentöse Behandlung ist Propranolol, ein Betablocker, oder Primidon aus der Gruppe der Antikonvulsiva. Diese Medikamente werden üblicherweise in der Therapie des Bluthochdrucks bzw. bestimmter Krampfleiden eingesetzt, lindern aber das Zittern bei etwa 70 % der Patienten mit essenziellem Tremor. Häufig können Patient und Arzt die Wirksamkeit der Therapie erst nach einiger Zeit beurteilen und müssen die Dosis ggf. anpassen.

Bei sehr schweren Fällen, in denen das Zittern die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt und eine medikamentöse Behandlung keinen Erfolg zeigt, kann eine neurochirurgische Behandlung in Betracht gezogen werden. Bei dieser Behandlung, der tiefen Hirnstimulation (THS) wird eine Elektrode in ein bestimmtes Areal des Gehirns eingesetzt und mit einer programmierbaren Stromquelle gekoppelt, die wie ein Herzschrittmacher unter der Haut im Brustkorb platziert wird. Die THS-Behandlung ist in der Regel äußerst wirksam bei schweren Fällen von essenziellem Tremor der Hände.

Prognose

Es handelt sich beim essenziellen Tremor um eine chronische Erkrankung, die in den meisten Fällen ein Leben lang bestehen bleibt. Der Tremor kann zu einer Beeinträchtigung führen, und es ist ggf. schwierig für die Patienten, damit zurechtzukommen. Die Betroffenen sollten ermutigt werden, zu ihrer Situation zu stehen, um eine zusätzliche Belastung durch das Verheimlichen zu vermeiden. Bestimmte Maßnahmen und Medikamente können helfen und eine Linderung bewirken. Eine tiefe Hirnstimulation (THS) stellt bei fehlender Wirksamkeit der Medikamente eine wichtige Behandlungsalternative dar.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Jonas Klaus, Arzt, Freiburg i. Br.

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Essenzieller Tremor. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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