Akute Enzephalitis

Eine akute Enzephalitis bezeichnet eine Entzündung des Gehirns, die in den meisten Fällen durch Viren verursacht wird. Es handelt sich um eine bedrohliche Erkrankung, die mit Fieber, Bewusstseinsverlust und neurologischen Symptomen einhergeht. Bei frühzeitiger Therapie im Krankenhaus ist die Prognose jedoch gut.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist die akute Enzephalitis?

Als akute Enzephalitis bezeichnet man eine Entzündung des Gehirns, die mit vielseitigen neurologischen Symptomen einhergehen kann und häufig durch Erreger verursacht wird. In den meisten Fällen ist der auslösende Erreger ein Virus, ebenso können aber auch Bakterien eine Enzephalitis verursachen. Das Gehirn ist von dünnen Membranen, den Hirnhäuten, umgeben. Nicht selten breitet sich eine Entzündung im Gehirn auf diese Hirnhäute aus. Man spricht dann von einer Meningo-Enzephalitis.

Eine Enzephalitis ist eine ernste Erkrankung und kann eigenständig oder im Rahmen eines bestehenden Infektes entstehen. Die Erkrankung kann in kurzer Zeit sehr schwere Beeinträchtigungen verursachen, sich in manchen Fällen aber auch über Tage entwickeln. Typische Symptome einer neu aufgetretenen Enzephalitis sind Fieber, Kopfschmerzen und ein gemindertes Bewusstsein bis hin zum Koma. Daneben können vielseitige neurologische Symptome auftreten, die abhängig vom betroffenen Teil des Gehirns sind. So können beispielsweise Persönlichkeitsveränderungen, Lähmungen, Sprachstörungen oder epileptische Anfälle von einer Enzephalitis verursacht werden. Persönlichkeitsveränderungen können beispielsweise in Form von Verwirrung oder Reizbarkeit auftreten. Die betroffene Person ist nicht wiederzuerkennen, gibt seltsame Antworten auf Fragen und wirkt auffallend träge. Sind auch die Hirnhäute von der Entzündung betroffen, treten häufig Übelkeit, Erbrechen, Lichtscheu und eine schmerzhafte Nackensteifigkeit (Meningismus) auf. Bei Kindern können die Symptome schwer zu deuten sein, es tritt aber in fast allen Fällen eine Bewusstseinseinstrübung auf. Bei derartigen Beschwerden ist eine dringende Einweisung ins Krankenhaus zur Behandlung notwendig.

Häufigkeit

Die Gesamthäufigkeit von Gehirnentzündungen ist schwer abzuschätzen, da es abhängig vom Ort und der Jahreszeit starke Schwankungen gibt. Bei einer Enzephalitis, die durch Viren verursacht wird, geht man in Mitteleuropa von einer Häufigkeit von ca. 10–20 Erkrankten pro 10.000 Personen auf. Größeren Untersuchungen zufolge liegt der Altersgipfel akuter erregerbedingter Enzephalitiden zwischen 30 und 55 Jahren.  

Ursache

In den meisten Fällen wird eine akute Enzephalitis durch Viren bedingt, die im Gehirn eine Entzündung verursachen. Die häufigsten Viren sind das Herpes-simplex-Virus, das die typischen Bläschen im Mund- sowie Genitalbereich verursacht, und das Windpocken-Virus, das außerdem die Gürtelrose auslöst. Daneben können viele weitere Viren zum Krankheitsbild einer Enzephalitis führen. Eine Enzephalitis kann entweder bei der Erstinfektion oder einer späteren Reaktivierung von im Körper verbleibenden Viren entstehen. Kommt es beispielsweise zeitgleich zu dem typischen Hautausschlag eines Herpes zoster im Gesicht, ist dieser der wahrscheinlichste Erreger. Die häufigsten Bakterien, die eine Enzephalitis verursachen sind ebenso wie bei der Meningitis die Pneumokokken und Meningokokken. Häufig kann der Erreger der Enzephalitis jedoch nicht ermittelt werden.

Diagnostik

Wenn der Arzt bei einem Patienten eine Enzephalitis vermutet, ist eine sofortige Krankenhauseinweisung notwendig. Im Krankenhaus wird neben einer körperlichen und neurologischen Untersuchung in der Regel zunächst eine bildgebende Untersuchung (z.B. CT oder MRT) des Gehirns durchgeführt. Üblicherweise wird eine Therapie begonnen, bis zumindest eine bakterielle Meningitis ausgeschlossen ist. Dies geschieht über die Entnahme und Laboruntersuchung des Nervenwassers, des sogenannten Liquor cerebrospinalis. 

Dies geschieht im Rahmen einer Lumbalpunktion, bei der das Nervenwasser über eine Nadel gewonnen wird, die zwischen zwei Wirbelkörpern im unteren Rücken eingebracht wird. Diese Prozedur ist zwar unangenehm aber nicht gefährlich, da unterhalb des Rückenmarks punktiert wird. Viele Patienten klagen jedoch nach einer Lumbalpunktion vorübergehend über Kopfschmerzen.

Therapie

Die Behandlung einer Enzephalitis erfolgt im Rahmen eines Krankenhausaufenthaltes. Bereits bei dem Verdacht wird eine mögliche Enzephalitis mit Antibiotika und Medikamenten gegen Viren behandelt. Sobald der Erreger identifiziert ist, erfolgt eine gezielte Therapie über ca. 10 bis 14 Tage. Da in vielen Fällen kein Erreger nachzuweisen ist, hat die symptomlindernde Therapie eine große Bedeutung. Daneben gilt es, Komplikationen und Folgeschäden zu vermeiden. Wenn der Betroffene z. B. an wiederholten epileptischen Anfällen leidet, sollte dies mit einem antiepileptischen Medikament behandelt werden. Im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt kann zur Behandlung von verbleibenden Symptomen eine Rehabilitation sinnvoll sein.

Zur Prävention der Übertragung werden Betroffene im Krankenhaus zunächst isoliert. Bereits Händewaschen und Desinfektion nach Kontakt mit erkrankten Patienten kann die Erregerübertragung verhindern. In manchen Fällen von bakteriellen Infektionen kann eine Therapie von nahestehenden Personen notwendig sein. Erkrankt eine Person wiederholt an einer Enzephalitis oder Meningitis kommen bei einigen Erregern Schutzimpfungen in Frage.

Prognose

Die Prognose einer akuten Enzephalitis hängt von einigen Faktoren, beispielsweise dem Alter der betroffenen Person und der Schwere der Infektion ab. Bei einer entsprechenden Behandlung kommt es in der überwiegenden Zahl der Fälle zur Genesung, dies kann jedoch einige Zeit in Anspruch nehmen. In manchen Fällen sind dafür Krankenhausaufenthalte von 3–4 Wochen notwendig. Ohne Behandlung verläuft eine akute Enzephalitis oftmals tödlich.

Das Auftreten von Folgeschäden in Form funktioneller Einschränkungen (z. B. Schlafstörungen, Schwindel, Tinnitus, Epilepsie etc.) ist nach einer Enzephalitis keine Seltenheit. In einer größeren Studie wurden bei bis zu 50 % der Betroffenen derartige Einschränkungen im Alltag festgestellt.

Weiterführende Informationen

Autor

  • Jonas Klaus, Arzt, Freiburg i. Br.

 

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Encefalitt, akutt. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Tunkel AR, Glaser CA, Bloch KC, et al. The management of encephalitis: clinical practice guidelines by the Infectious Diseases Society of America. Clin Infect Dis 2008; 47: 303-27. PubMed
  2. Narita M. Pathogenesis of neurologic manifestations of Mycoplasma pneumoniae infection.. Pediatr Neurol 2009; 41: 159-66. PubMed
  3. Kimberlin DW. Herpes simplex virus infections of the newborn. Semin Perinatol 2007; 31: 19-25. PubMed
  4. Khetsuriani N, Holman RC, Anderson LJ. Burden of encephalitis-associated hospitalizations in the United States, 1988-1997. Clin Infect Dis 2002; 35: 175-82. PubMed
  5. Quist-Paulsen E, Kran AM, Dunlop O, et al. Infectious encephalitis: A description of a Norwegian cohort. Scand J Infect Dis 2012. pmid:23113672 PubMed
  6. Kupila L, Vuorinen T, Vainionpää R, et al. Etiology of aseptic meningitis and encephalitis in an adult population. Neurology 2006; 66: 75-80. Neurology
  7. Mailles A, Stahl JP; Steering Committee and Investigators Group. Infectious encephalitis in france in 2007: a national prospective study. Clin Infect Dis 2009; 49: 1838-47. PubMed
  8. Granerod J, Ambrose HE, Davies NW, et al. Causes of encephalitis and differences in their clinical presentations in England: a multicentre, population-based prospective study. Lancet Infect Dis 2010; 10: 835-44. PubMed
  9. Folkehelseinstituttet. Nyhet: Økning av enterovirus i juni. Oslo; Folkehselinstituttet 2018. www.fhi.no
  10. Levitz RE. Herpes simplex encephalitis: a review. Heart Lung 1998; 27: 209-12. PubMed
  11. Kennedy PG, Grinfeld E, Gow JW. Latent varicella-zoster virus is located predominantly in neurons in human trigeminal ganglia. Proc Natl Acad Sci U S A 1998; 95: 4658-62. PubMed
  12. Richardson M, Elliman D, Maguire H, et al. Evidence base of incubation periods, periods of infectiousness and exclusion policies for the control of communicable diseases in schools and preschools. Pediatr Infect Dis J 2001; 20: 380-91. PubMed
  13. Venkatesan A, Tunkel AR, Bloch KC, et al. Case definitions, diagnostic algorithms, and priorities in encephalitis: consensus statement of the international encephalitis consortium. Clin Infect Dis 2013; 57: 1114-28. PubMed
  14. Kolski H, Ford-Jones EL, Richardson S, et al. Etiology of acute childhood encephalitis at The Hospital for Sick Children, Toronto, 1994-1995. Clin Infect Dis 1998; 26: 398-409. PubMed
  15. Denizot M, Neal JW, Gasque P. Encephalitis due to emerging viruses: CNS innate immunity and potential therapeutic targets. J Infect 2012; 65: 1-16. PubMed
  16. Brandzæg P. Akutt bakteriell meningitt. Norsk legemiddelhåndbok, kapittel T10.1, oppdatert 20.06.2010
  17. Tyler KL. Update on herpes simplex encephalitis. Rev Neurol Dis 2004; 1: 169-79. PubMed
  18. Kimberlin DW, Lakeman FD, Arvin AM, et al. Application of the polymerase chain reaction to the diagnosis and management of neonatal herpes simplex virus disease. National Institute of Allergy and Infectious Diseases Collaborative Antiviral Study Group. J Infect Dis 1996; 174: 1162-7. PubMed
  19. Maschke M, Kastrup O, Forsting M, Diener HC. Update on neuroimaging in infectious central nervous system disease. Curr Opin Neurol 2004; 17: 475-80. PubMed
  20. Domingues RB, Fink MC, Tsanaclis AM, et al. Diagnosis of herpes simplex encephalitis by magnetic resonance imaging and polymerase chain reaction assay of cerebrospinal fluid. J Neurol Sci 1998; 157: 148-53. PubMed
  21. Ellenby MS, Tegtmeyer K, Lai S, Braner DA. Videos in clinical medicine. Lumbar puncture. N Engl J Med 2006; 355: e12. New England Journal of Medicine
  22. Polage CR, Petti CA. Assessment of the utility of viral culture of cerebrospinal fluid. Clin Infect Dis 2006; 43: 1578-9. PubMed
  23. Helsedirektoratet. Nasjonale retningslinjer for bruk av antibiotika i primærhelsetjenesten, høringsutkast, siden besøkt 14.12.2012.
  24. Benson PC, Swadron SP. Empiric acyclovir is infrequently initiated in the emergency department to patients ultimately diagnosed with encephalitis. Ann Emerg Med 2006; 47: 100-5. PubMed
  25. Kamei S, Sekizawa T, Shiota H, et al. Evaluation of combination therapy using aciclovir and corticosteroid in adult patients with herpes simplex virus encephalitis. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2005; 76: 1544-9. PubMed
  26. Griffiths P. Cytomegalovirus infection of the central nervous system. Herpes 2004; 11(Suppl 2): 95A–104A.
  27. Anduze-Faris BM, Fillet AM, Gozlan J, et al. . Induction and maintenance therapy of cytomegalovirus central nervous system infection in HIV-infected patients. AIDS 2000; 14: 517-24. PubMed
  28. Torre D, Tambini R. Acyclovir for treatment of infectious mononucleosis:a meta-analysis. Scand J Infect Dis 1999; 31: 543-7. PubMed
  29. Gupta R, Elkind MSV. Decompressive hemicraniectomy for malignant middle cerebral artery territory infarction. UpToDate, last updated Nov 23, 2015. UpToDate
  30. Kumar G, Kalita J, Misra UK. Raised intracranial pressure in acute viral encephalitis. Clin Neurol Neurosurg 2009; 111: 399-406. PubMed
  31. Kramer AH, Bleck TP. Neurocritical care of patients with central nervous system infections. Curr Treat Options Neurol 2008; 10: 201-11. PubMed
  32. Pittet D, Allegranzi B, Sax H, et al. Evidence-based model for hand transmission during patient care and the role of improved practices. Lancet Infect Dis 2006; 6: 641-52. PubMed
  33. Brown ZA, Wald A, Morrow RA, et al. Effect of serologic status and cesarean delivery on transmission rates of herpes simplex virus from mother to infant. JAMA 2003; 289: 203-9. Journal of the American Medical Association
  34. Fradin MS. Mosquitoes and mosquito repellents: a clinician's guide. Ann Intern Med 1998; 128: 931-40. Annals of Internal Medicine
  35. Asturias EJ, Dueger EL, Omer SB, et al. Randomized trial of inactivated and live polio vaccine schedules in Guatemalan infants. J Infect Dis 2007; 196: 692-8. PubMed
  36. Steininger C, Popow-Kraupp T, Laferl H, et al. Acute encephalopathy associated with influenza A virus infection. Clin Infect Dis 2003; 36: 567-74. PubMed
  37. Folkehelseinstituttet. Vaksinasjonsboka: Influensasykdom. Oppdatert 19.06.2012.
  38. Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Prevention and control of influenza with vaccines: recommendations of the Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP)--United States, 2012-13 influenza season. MMWR Morb Mortal Wkly Rep 2012; 61: 613-18. PubMed
  39. Folkehelseinstituttet. Vaksinasjonsboka: Varicellavaksine (vannkopper) og varicella immunglobulin. Oppdatert 04.07.2012
  40. Folkehelseinstituttet. Vaksinasjonsboka: Skogflåttencefalittvaksine (TBE-vaksine). Oppdatert 06.07.2012
  41. Folkehelseinstituttet. Vaksinasjonsboka: Rabiesvaksine (hundegalskap) og rabiesimmunglobulin. Oppdatert: 16.03.2011
  42. Wilder-Smith A, Halstead S. Japanese encephalitis: update on vaccines and vaccine recommendations. Curr Opin Infect Dis 2010; 23: 426-31. PubMed
  43. Folkehelseinstituttet. Vaksinasjonsboka: Japansk encefalittvaksine. Oppdatert 19.01.2012.
  44. Folkehelseinstituttet. Vaksinasjonsboka: Varicellavaksine (vannkopper) og varicella immunglobulin. Oppdatert: 04.07.2012
  45. WHO position paper. Rabies vaccines. Wkly Epidemiol Rec 2010 Aug 6;85(32):309-20 PubMed
  46. Whitley RJ, Alford CA, Hirsch MS, et al. Factors indicative of outcome in a comparative trial of acyclovir and vidarabine for biopsy-proven herpes simplex encephalitis. Infection 1987; 15: Suppl 1:S3-8.
  47. Singh TD, Fugate JE, Rabinstein AAl. The spectrum of acute encephalitis: Causes, management, and predictors of outcome. Neurology 2015 Jan 27; 84:1. doi: 10.1212/WNL.0000000000001190 DOI