Epilepsie bei Kindern und Jugendlichen

Epilepsie ist eine Erkrankung, die mit dem vermehrten Auftreten epileptischer Krampfanfälle einhergeht. Um den betroffenen Kindern und Jugendlichen ein erfülltes Leben zu ermöglichen, ist eine korrekte Zuordnung und eine entsprechende Therapie nötig.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist Epilepsie?

Kinder und Jugendliche mit Epilepsie leiden an wiederholten epileptischen Krampfanfällen. Diese Anfälle entstehen durch eine plötzliche, synchrone Aktivierung von Nervenzellen im Gehirn und können sich auf vielfältige Art und Weise äußern. Das Risiko, als Kind an einer Epilepsie zu erkranken, liegt bei etwa 1 %.

Eine übliche Einteilung der Krampfanfälle unterscheidet zwischen generalisierten Anfällen, die beide Gehirnhälften betreffen, und fokalen Anfällen, die von einem bestimmten Areal des Gehirns ausgehen. Bei Kindern mit einer Epilepsie ist der Anteil generalisierter Anfälle höher als bei Erwachsenen.

Abhängig von der Art der Anfälle werden Epilepsien bei Kindern und Jugendlichen nach sogenannten epileptischen Syndromen eingeteilt, die üblicherweise eine bestimmte Altersgruppe betreffen und mit charakteristischem Verlauf einhergehen.

Ein Beispiel für ein solches epileptisches Syndrom bei Kindern ist die Rolando-Epilepsie. Diese stellt die häufigste kindliche Epilepsieform dar und tritt in der Regel im Alter von 4 bis 14 Jahren auf. Betroffene Kinder haben bei den Anfällen typischerweise Zuckungen im Gesicht, Schluckbeschwerden und Speichelfluss. Diese Form bildet sich meist bis zum 16. Lebensjahr ohne bleibende Schäden vollständig zurück.

Symptome

Die Symptome eines epileptischen Anfalls sind vielseitig und können von Zuckungen und Krämpfen bis hin zu Bewusstseinsverlust reichen.

Ein typischer generalisierter Krampfanfall kann damit beginnen, dass die betroffene Person das Bewusstsein verliert, der Körper vollkommen versteift und daraufhin in rhythmische Zuckungen an Armen, Beinen und dem Kopf übergeht. Nach einem solchen Anfällen sind Betroffene häufig längere Zeit erschöpft und müde. 

Eine wenige Sekunden andauernde Phase geistiger Abwesenheit kann aber ebenso Ausdruck eines generalisierten Anfalls sein. Diese bei Jugendlichen nicht seltene Form wird als Absence bezeichnet. Dagegen können Patienten bei fokalen Anfällen weiterhin bei Bewusstsein bleiben und haben z. B. Muskelzuckungen oder Gefühlsstörungen, die auf ein bestimmtes Körperteil begrenzt sind.

Nicht selten äußert sich eine Epilepsie bei Kindern und Jugendlichen mit untypischen Anfällen, was die Diagnose erschweren kann und die Gefahr birgt, dass Krampfanfälle mit Verhaltensänderungen und geistiger Abwesenheit als mangelndes Interesse und Unaufmerksamkeit fehlgedeutet werden.

Die schwerwiegendste Art eines Anfalls ist der Status epilepticus. Dabei erleiden die Betroffenen einen andauernden epileptischen Anfall oder eine Reihe von aufeinander folgenden Krampfanfällen, ohne zwischendurch das Bewusstsein zu erlangen. Hierbei handelt es sich um einen lebensbedrohlichen Notfall,und es sollte der Rettungsdienst unter der Nummer 112 verständigt werden.

Ursachen

Eine Epilepsie kann eine Reihe von möglichen, zugrundeliegenden Ursachen haben. Im Falle von Kindern gibt das Alter, in dem die Erkrankung erstmals auftritt, erste Hinweise. Epileptische Anfälle bei Kindern in den ersten Lebensjahren stehen häufig mit angeborenen Hirnschäden oder einer angeborenen Stoffwechselstörung in Verbindung. Bei Kindern, die erst in höherem Alter eine Epilepsie entwickeln, kommen Infektionen und Erkrankungen des Nervensystems (z. B. Meningitis), Kopfverletzungen, Hirntumore oder erblichen Faktoren als Ursache in Frage. In den meisten Fällen kann die Ursache einer Epilepsie jedoch nicht eindeutig geklärt werden.

Auslösende Faktoren

Alle Menschen können unter gewissen Voraussetzungen einen epileptischen Anfall erleiden. Bei Personen mit Epilepsie ist diese Schwelle jedoch deutlich niedriger, sodass auch Anfälle ohne erkennbaren Auslöser auftreten. Typische Auslöser sind beispielsweise Schlafmangel und flackernde Lichter. Auch Alkohol und bestimmte Medikamente können das Risiko für Krampfanfälle erhöhen. Wenn man bei einem einmaligen epileptischen Anfall einen klaren Auslöser identifizieren kann, spricht man von einem provozierten Anfall und noch nicht von einer Epilepsie.

Diagnostik

Die Diagnose einer Epilepsie wird in der Regel erst nach dem 2. unprovozierten Anfall gestellt. Zwischen den epileptischen Anfällen sind die Betroffenen meist ohne Symptome. Um dem Arzt trotzdem eine Einschätzung zu ermöglichen, sind daher genaue Beschreibungen von Augenzeugen, insbesondere über Dauer und Symptome des Anfalls von großer Bedeutung. Auch Videoaufnahmen können bei Kindern mit wiederholten Anfällen sehr hilfreich sein. 

Der behandelnde Arzt führt eine körperliche und neurologische Untersuchung durch, die jedoch bei Patienten mit Epilepsie komplett unauffällig sein kann.

Der wichtigste Schritt in der Abklärung einer Epilepsie ist daher die Elektroenzephalografie (EEG), mit der die elektrische Aktivität des Gehirns gemessen wird. Bei etwa der Hälfte der betroffenen Kinder zeigen sich dabei Auffälligkeiten mit speziellen, epilepsietypischen Mustern. Mit einer Wiederholung der Untersuchung nach Schlafentzug oder unter flackernden Lichtern lässt sich die Genauigkeit weiter verbessern.

In den meisten Fällen wird ein MRT des Gehirns durchgeführt, um Veränderungen oder Verletzungen am Gehirn auszuschließen.

Besonders bei Kindern im Alter zwischen 6 Monaten und 5 Jahren können auch im Rahmen eines fieberhaften Infektes Krampfanfälle auftreten, die dann als Fieberkrämpfe bezeichnet werden. Diese Unterscheidung ist gegenüber der kindlichen Epilepsie äußerst wichtig, da Fieberkrämpfe nur im Zusammenhang mit Fieber auftreten, meist nur 2–3 Minuten andauern und selten einer Therapie bedürfen.

Therapie

Um Kindern und Jugendlichen eine weitgehend normale Lebensführung und Entwicklung zu ermöglichen, ist es wichtig, eine einschränkende Epilepsie zu behandeln. Bei der Therapie einer Epilepsie muss man zwischen Maßnahmen während des Anfalls und der dauerhaften Behandlung zur Vermeidung von weiteren Anfällen unterscheiden.

Während des Anfalls können die Anwesenden helfen, Verletzungen vorzubeugen. Es sollte jedoch nicht versucht werden, den Betroffenen festzuhalten oder etwas zwischen den Zähnen zu platzieren. Wichtig ist, den Kopf gegen Stöße zu schützen und potenziell schädliche Gegenstände zu entfernen. Wenn die Krämpfe nachlassen, sollte die Atmung kontrolliert und das Kind in den ersten Stunden nach dem Anfall nicht unbeaufsichtligt gelassen werden.

Die meisten Anfälle gehen von selbst vorüber. In seltenen Fällen können die Anfälle jedoch so lange andauern, dass sie einer unmittelbaren Therapie bedürfen. Länger als 5 Minuten andauernde Krampfanfälle sollten mit Medikamenten, die bei Kindern meist als Zäpfchen verabreicht werden, durchbrochen werden.

Die Dauertherapie basiert auf Medikamenten, die Antiepileptika genannt werden, und mit denen in vielen Fällen eine Anfallsfreiheit erreicht werden kann. Einige Antiepileptika haben Nebenwirkungen wie Benommenheit, Schwindel, Konzentrationsschwäche, und Lernschwierigkeiten. Kinder sollten so lange behandelt werden, bis sie zwei Jahre anfallsfrei sind. Danach kann die Therapie allmählich reduziert werden.

Bei einer kleinen Gruppe von schwer betroffenen Patienten, die unter antiepileptischen Medikamenten nicht anfallsfrei werden, kann eine OP sinnvoll sein. Der Chirurg operiert dabei den Bereich des Gehirns, von dem die epileptischen Anfälle ausgehen.

Einige Dinge gilt es im Falle eines Kindes mit Epilepsie zu vermeiden. Ein sinnvoller Ratschlag ist beispielsweise eine geregelte Lebensführung ohne Schlafentzug oder Hungerperioden. Aktivitäten in Situationen, die bei einem Anfall gefährlich sein können (z. B. Schwimmen), sollten nur unter Aufsicht durchgeführt werden.

Prognose

Durch medikamentöse Therapie erlangen viele der betroffenen Kinder Anfallsfreiheit oder zumindest eine starke Reduktion der Anfälle und so die Möglichkeit, ein weitgehend normales Leben zu führen. Abhängig von der Art der Epilepsie entwickeln sich die Anfälle oft während des Heranwachsens zurück. 

Komplikationen einer Epilepsie können Verletzungen infolge der Anfälle sein (Schlag auf den Kopf, Zahnverletzungen, Zungenbiss). Konzentrationsstörungen, emotionale Störungen und Bewegungsstörungen treten häufiger bei Patienten mit Epilepsie als in der allgemeinen Bevölkerung auf. Eine gefürchtete Komplikation der Epilepsie ist der anhaltende Anfall, der Status epilepticus. Ohne eine rasche Behandlung mit Medikamenten und einer Krankenhauseinweisung können derartige Anfälle bleibende Hirnschäden verursachen.

Patienten, die unter Epilepsie mit Krampfanfällen leiden, sind grundsätzlich in ihrer Fahrtauglichkeit eingeschränkt und können keinen Pkw-Führerschein machen. Unter bestimmten Bedingungen, wie z. B. einer langen Anfallsfreiheit, ist dies aber trotzdem möglich.

Weitere Informationen

Autoren

  • Jonas Klaus, Arzt, Freiburg i. Br.

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Epilepsie bei Kindern. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Gesellschaft für Neuropädiatrie. Diagnostische Prinzipien bei Epilepsien des Kindesalters. AWMF-Leitlinie Nr. 022-007, Stand 2017. www.awmf.org
  2. Fisher RS, vn Emde Boas W, Blume W et al. Epileptic seizures and epilepsy: definitions proposed by the International League Against Epilepsy (ILAE) and the International Bureau for Epilepsy (IBE).. Epilepsia 2005; 46(4): 470-472. doi:10.1111/j.0013-9580.2005.66104.x DOI
  3. Fisher RS, Cross JH, French JA et al. Operational classification of seizure types by the International League Against Epilepsy: Position Paper of the ILAE Commission for Classification and Terminology. Epilepsia 2017; 58: 522-530. doi:10.1111/epi.13670 DOI
  4. Neubauer BA, Hahn A. Dooses Epilepsien im Kindes- und Jugendalter. Berlin Heidelberg: Springer Verlag , 2014.
  5. Breivik N, Reiher T. Epilepsi hos barn på Sunnmøre. Tidsskr Nor Legeforen 2008; 128: 2049-51. Tidsskrift for Den norske legeforening
  6. Nabbout R, Dulac O. Epileptic syndromes in infancy and childhood. Curr Opin Neurol 2008; 21: 161-6. www.ncbi.nlm.nih.gov
  7. Astradsson A, Olafsson E, Ludvigsson P, Bjorgvinsson H, Hauser WA. Rolandic epilepsy: an incidence study in Iceland. Epilepsia 1998; 39: 884 - 6. www.ncbi.nlm.nih.gov
  8. Lopes AF, Simões MR, Monteiro JP, Fonseca MJ, Martins C, Ventosa L, et al. Intellectual functioning in children with epilepsy: Frontal lobe epilepsy, childhood absence epilepsy and benign epilepsy with centro-temporal spikes. Seizure. 2013 Aug 12. pdfs.semanticscholar.org
  9. Bast T. Moderne Epilepsiebehandlung bei Kindern. Monatsschr Kinderheilkd 2017; 165: 519-537. doi:10.1007/s00112-017-0275-3 DOI
  10. Bast T. Antiepileptika bei Kindern. Monatsschr Kinderheilkd 2011; 159: 721-731. doi:10.1007/s00112-011-2394-6 DOI
  11. Gutwinski A, Bengner M, Cakiroglu H et al. Schwangerschaft und Epilepsie. Familienplanung ohne Angst. Pädiatrie 2017; 29 (3): 20-22. doi:10.1007/s15014-017-1050-6 DOI
  12. Hahn A, Langner C. Epilepsien bei Jugendlichen. In: Stier B., Weissenrieder N., Schwab K. (eds) Jugendmedizin. Berlin, Heidelberg: Springer, 2018.
  13. Delisle B. Individuelle Lösungen bei der Kontrazeption. Pädiatrie 2017; 29 (1): 26-33. doi:10.1007/s15014-017-0937-6 DOI
  14. Borggräfe I, Heinen F, Gerstl L. Fieberkrämpfe Diagnostik, Therapie und Beratung. Monatsschr Kinderheilkd 2013; 161: 953-962. doi:10.1007/s00112-013-2991-7 DOI
  15. Stockings E, Zagic D, Campbell G, et al. Evidence for cannabis and cannabinoids for epilepsy: a systematic review of controlled and observational evidence. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2018 Mar 6; pii: jnnp-2017-317168: Epub ahead of print. pmid:29511052 PubMed
  16. Bast T. Therapie schwer behandelbarer Epilepsien bei Kindern und Jugendlichen. Monatsschr Kinderheilkd 2007; 156: 67-78. doi:10.1007/s00112-007-1654-y DOI
  17. Sassen R, Kuczaty S, Lendt M et al. Epilepsiechirurgie im Kindes- und Jugendalter. Monatsschr Kinderheilkd 2001; 149: 1180-1189. link.springer.com