Polyneuropathie

Bei der Polyneuropathie handelt es sich um eine meist chronische Erkrankung, bei der die peripheren Nerven geschädigt werden. Dies kann vielfältige Ursachen haben und führt zu Gefühlsstörungen, Schmerzen oder Muskelschwäche.

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Was ist Polyneuropathie?

Das Nervensystem wird in das zentrale Nervensystem, bestehend aus Gehirn und Rückenmark, und das periphere Nervensystem unterteilt. Das Letztere besteht aus allen Nerven, die das Gehirn oder Rückenmark verlassen und in den Körper führen. Eine weitere Unterteilung der Nerven beruht darauf, welche Nervenimpulse sie vermitteln.

  • Die motorischen Nerven senden Impulse an die Muskulatur.
  • Die sensorischen Nerven vermitteln Empfindungssignale wie Schmerz, Berührung, Druck, Temperatur, Vibration und Informationen über die Position der Gelenke und Muskeln (Tiefensensibilität).
  • Die autonomen Nerven verlaufen zu den inneren Organen des Körpers und spielen eine wichtige Rolle bei der Regulierung der Herzfrequenz, des Blutdrucks und der Schweißproduktion. Autonome Nerven spielen auch eine große Rolle bei der Regulierung des Verdauungstrakts, der Blase und der Erektionsfähigkeit des Mannes.

Bei der Polyneuropathie kommt es aus verschiedenen Gründen zu einer Funktionseinschränkung der peripheren motorischen, sensorischen und autonomen Nerven im Körper.

Betroffen sind vor allem die längsten Nerven, also diejenigen, die die Zehen, Füße und Unterschenkel versorgen. Man spricht bei dieser häufigsten Form von einer sogenannten distalen, d. h. weit von der Körpermitte entfernten Polyneuropathie. Daraus erklärt sich auch, dass die Symptome meist an den Beinen beginnen, es können aber ebenso die Arme betroffen sein.

Die häufigste Form der Polyneuropathie ist eine sensorische Polyneuropathie, bei der sich die Symptome langsam in Form von reduziertem Empfinden oder Schmerzen in den Füßen entwickeln. Seltener manifestieren sich die Symptome untypisch, z. B. als relativ akut einsetzende und rasch fortschreitende Lähmungserscheinungen.

Die Häufigkeit in der Allgemeinbevölkerung liegt bei 2–3 %. Bei Menschen über 55 Jahren liegt sie jedoch bereits bei etwa 8 % und steigt mit zunehmendem Alter immer weiter an.

Symptome

Die Polyneuropathie ist eine meist chronische Erkrankung mit langsam fortschreitenden Symptomen. Abhängig von der zugrunde liegenden Ursache unterscheidet sich auch der Verlauf. Die ersten Symptome sind häufig Missempfindungen oder eine herabgesetzte Empfindung. Betroffene beschreiben häufig ein Gefühl, wie auf Watte zu gehen oder ein zusätzliches Paar Strümpfe zu tragen. Ein Teil der Patienten verspürt auch ein unangenehmes Kribbeln oder brennende Schmerzen. Auch ein gestörtes Wärme- und Kälteempfinden kann Ausdruck einer Polyneuropathie sein. Die Erkrankung ist außerdem eine häufige Ursache für Gleichgewichtsstörungen. Das durch eine Polyneuropathie verursachte Taubheitsgefühl folgt häufig einem sogenannten strumpf- bzw. handschuhförmigen Muster und tritt überwiegend symmetrisch auf.

In manchen Fällen kann es im späteren Verlauf zu einer Beeinträchtigung der motorischen und autonomen Nerven kommen. In diesem Fall entwickeln Betroffene eine zunehmende Muskelschwäche, was anfänglich häufig zu Problemen führt, auf den Zehen oder Fersen zu gehen. Bei Beteiligung der autonomen Nerven kann es beispielsweise zu Blasenentleerungsstörungen oder Wundheilungsstörungen kommen.

Ursache

Für die Polyneuropathie können viele Ursachen in Frage kommen. Der weitaus größte Teil der Polyneuropathien tritt entweder im Zusammenhang mit einem Diabetes mellitus (Typ 1 oder Typ 2) oder aber im Rahmen eines Alkoholmissbrauchs auf. Weitere mögliche Ursachen sind Vitamin-B12-Mangel, bestimmte Giftstoffe und Schwermetalle, Krebserkrankungen, Infektionen und Autoimmunerkrankungen wie z. B. Vaskulitis. Daneben existiert eine Reihe von seltenen, erblichen Formen der Polyneuropathie, beispielsweise das Charcot-Marie-Tooth-Syndrom. Bei älteren Personen tritt die Polyneuropathie relativ häufig ohne eindeutige Ursache auf.

Diagnostik

Die Diagnose basiert auf der Krankengeschichte (Anamnese) und der Beschreibung der typischen, oben genannten Symptome. Bei einer ausführlichen ärztlichen Untersuchung werden neurologische Funktionen wie Berührungsempfinden, Muskelkraft und Reflexe getestet. Eine Laboruntersuchung kann erste Hinweise auf die mögliche Ursache liefern. Wichtig ist ebenfalls eine neurophysiologische Untersuchung der Nerven- und Muskelfunktion mittels ENG (Elektroneurografie) oder EMG (Elektromyografie), die die Diagnose bestätigen kann.

Auf der Suche nach auslösenden Ursachen werden die Ärzte unter anderem folgende Fragen stellen:

  • Hatten Sie früher bereits Beschwerden oder treten gleichzeitig andere Beschwerden auf?
  • Sind Sie an Diabetes erkrankt?
  • Hatten Sie in letzter Zeit eine Infektionserkrankung?
  • Haben Sie in letzter Zeit neue Medikamente eingenommen?
  • Konsumieren Sie regelmäßig Alkohol?
  • Waren Sie giftigen Substanzen wie Schwermetallen oder organischen Lösungsmitteln ausgesetzt?
  • Liegen ähnliche Symptome bei anderen Familienmitgliedern vor?
  • Seit wann dauern die Symptome an und wie war der bisherige Verlauf?

Therapie

Das Ziel der Therapie ist es, ein Fortschreiten der Nervenschädigung zu verhindern und die Symptome zu bessern. Wenn eine andere Erkrankung wie z. B. Diabetes die Ursache für die Polyneuropathie ist, dann muss diese Grunderkrankung möglichst optimal behandelt werden. Falls Alkohol als Ursache in Frage kommt, sollte der Konsum möglichst bald eingestellt werden und falls nötig, Unterstützung in Anspruch genommen werden. In diesen Fällen kann auch eine Zufuhr von B-Vitaminen helfen. Körperliche Aktivität hat sich grundsätzlich als vorteilhaft erwiesen und sollte ergänzend zu physiotherapeutischen Maßnahmen Bestandteil der Behandlung sein.

Da Patienten oftmals unter chronischen Schmerzen leiden, können hier verschiedene Medikamente zum Einsatz kommen. Antidepressiva (Amitriptylin und Duloxetin) wirken nicht nur auf die Stimmungslage, sondern auch bei bestimmten Schmerzphänomen, wie z. B. Nervenschmerzen bei Polyneuropathie. Auch Antiepileptika (Pregabalin und Gabapentin) werden eingesetzt. Nur im Ausnahmefall greift man auf Opioide zurück.

Prognose

In den meisten Fällen gibt es bei der langsam verlaufenden Polyneuropathie keine Therapie, mit der eine Heilung möglich wäre. Obwohl die Symptome der Empfindungsstörungen und Muskelschwäche langsam zunehmen, bleiben die Funktionseinschränkungen im alltäglichen Leben oft begrenzt. Wenn eine Therapie der Ursache der Polyneuropathie möglich ist, kann die Erkrankung bei einer entsprechenden Behandlung verzögert und manchmal sogar gebessert werden.

Weitere Informationen

Autoren

  • Jonas Klaus, Arzt, Freiburg i. Br.

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Periphere Neuropathien. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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