Hydrozephalus (Wasserkopf)

Beim Hydrozephalus befindet sich zu viel Zerebrospinalflüssigkeit (Liquor cerebrospinalis) im Gehirn. Dies kann auf eine erhöhte Produktion, zu enge Liquorräume im Gehirn oder eine verminderte Resorption des Liquors in die Blutgefäße zurückzuführen sein. Da das Hirngewebe sehr empfindlich gegenüber erhöhtem Druck ist, ist ein Hydrozephalus mit z. T. schweren neurologischen Symptomen verbunden.

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Was ist ein Hydrozephalus?

Das Gehirn ist im Schädel von Zerebrospinalflüssigkeit (Liquor cerebrospinalis) umgeben. Sie wird in speziellen Zellen in bestimmten Hohlräumen des Gehirns gebildet. Diese Hohlräume werden als Gehirnventrikel bezeichnet und sind durch verschiedene enge Kanäle miteinander verbunden. Der Liquor fließt von den Ventrikeln aus in den sog. äußeren Liquorraum zwischen Hirngewebe und Schädelknochen und auch in den Rückenmarkkanal und wieder zurück. Die Menge des Liquors wird genau reguliert: Je nach produzierter Menge wird Liquor fortwährend auch wieder vom Gewebe resorbiert, sodass der Druck des Liquors im Gehirn stets gleich hoch bleibt.

Pro Tag bilden sich rund 0,5 l Zerebrospinalflüssigkeit; die Liquorräume enthalten stets etwa 150 ml, also findet ein ständiger Flüssigkeitsaustausch statt. Dieser Liquor cerebrospinalis hat u. a. die Aufgabe, das Gehirn zu schützen, z. B. wenn wir uns den Kopf stoßen. Darüber hinaus nährt er die Gehirnzellen.

Befindet sich zu viel Liquor in den Liquorräumen des Gehirns, besteht die Diagnose Hydrozephalus (umgangssprachlich Wasserkopf). Dies kann auf eine erhöhte Produktion, zu enge Kanäle oder eine verminderte Resorption in die Blutgefäße zurückzuführen sein. Steigt die Menge an Zerebrospinalflüssigkeit, erhöht sich auch der Druck im Schädelinneren. Das Nervengewebe im Gehirn reagiert sehr empfindlich auf erhöhten Druck, es kommt zu verschiedenen Funktionsstörungen. Die meisten Symptome eines Hydrozephalus sind auf diesen erhöhten Druck zurückzuführen. Er stellt die größte Gefahr dar.

Ein Hydrozephalus kann bei Säuglingen angeboren sein; mögliche Ursachen sind u. a. bestimmte Fehlbildungen des Gehirns. Da die einzelnen Schädelknochen beim Säugling noch nicht fest verwachsen sind, können diese infolge des erhöhten Drucks auseinanderweichen: der Kopfumfang des Säuglings ist auffällig groß oder nimmt sogar rasch zu. Die Erkrankung kann aber auch erst im Erwachsenenalter und bei älteren Menschen auftreten. Hier wirkt sich der erhöhte Druck sofort auf das Hirngewebe aus, weil die Schädelknochen nicht ausweichen können.

Im Laufe des Lebens kann sich ein Hydrozephalus entwickeln, weil zu viel Liquor produziert wird oder der Liquor nicht ablaufen bzw. resorbiert werden kann. Mögliche Ursachen sind schwere Schädel-/Hirnverletzungen, Blutungen oder eitrige Infektionen in den Ventrikeln oder auch Tumoren, die die Liquorräume verengen.

Symptome

Bei Säuglingen mit einem angeborenen Hydrozephalus wächst der Kopf häufig schneller als dies normalerweise der Fall ist. Dies ist auf die erhöhte Menge an Zerebrospinalflüssigkeit zurückzuführen, die die Schädelknochen nach außen drückt. Die Kinder können unruhig, appetitlos und leicht reizbar sein. Zudem kann es bei ihnen zu Krämpfen kommen.

Bei Erwachsenen kann es aufgrund des erhöhten Drucks auf das Gehirn zu Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Sehstörungen, Schwindel, Krampfanfällen und einem beeinträchtigten Bewusstsein kommen.

Eine besondere Variante ist ein Hydrozephalus ohne einen erhöhten Liquordruck (Normaldruckhydrozephalus). Die Betroffenen (meist ältere Patienten) fallen durch Beschwerden beim Wasserlassen, Gangstörungen und psychische Veränderungen (auch Demenz) auf.

Diagnose

Für eine Diagnose wird in der Regel eine Computertomografie des Gehirns angefertigt. Bei Kindern erfolgt häufig eine Ultraschalluntersuchung des Schädels: Dies ist wegen der offenen Lücken zwischen den Schädelknochen (Fontanellen) noch möglich. Oft wird auch eine Magnetresonanztomografie durchgeführt. Zudem lässt sich im Rahmen einer Rückenmarkpunktion der Hirndruck messen.

Therapie

Um die schädlichen Folgen eines erhöhten Gehirndrucks zu reduzieren bzw. ihnen vorzubeugen, muss der Druck verringert werden. Liegen eine Blutung, Tumor oder Ähnliches vor, lässt sich möglicherweise durch eine Hirnoperation die Ursache entfernen und der Liquordruck normalisieren. In manchen anderen Fällen reicht es, die Ventrikel im Gehirn an bestimmten Stellen etwas zu erweitern.

Die Mehrheit der Patienten ist allerdings auf die Anlage eines Shunts angewiesen: Dabei handelt es sich um einen dünnen Kunststoffschlauch mit einem zwischengeschalteten Ventil, der z. B. von einem der Gehirnventrikel zum Bauchraum führt (ventrikulo-peritonealer Shunt). Ein Shunt wird im Rahmen eines chirurgischen Eingriffs verlegt. Durch diesen Shunt kann Liquor aus dem Gehirn in den Bauchraum abfließen, sodass der erhöhte Liquordruck ausgeglichen wird.

Solche Shuntsysteme werden regelmäßig kontrolliert, da sie verstopfen oder sich entzünden können. Hier ist rasch eine Therapie, evtl. eine erneute Operation nötig. Entwickeln sich bei einem Patienten mit Shunt erneut Symptome eines erhöhten Hirndrucks (Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Sehstörungen, Schwindel oder Krämpfe), sollte er also rasch einen Arzt aufsuchen und den Shunt kontrollieren lassen.

Prognose

Die meisten Babys und Kleinkinder mit Hydrozephalus entwickeln sich nach einer rasch einsetzenden Behandlung verhältnismäßig normal. Meist können sie eine normale Schule und dieselbe Klasse wie ihre Altersgenossen besuchen. Bei einigen besteht Bedarf für Förderunterricht. Bei diesen Kindern kommt es häufiger zu einer Epilepsie. Rund 20 % werden medikamentös therapiert. Längerfristig müssen sich die meisten Betroffenen auf einen Austausch des Shunts einstellen.

Erwachsene mit einem Hydrozephalus müssen nicht zwangsläufig ihr ganzes Leben lang einen Shunt tragen. Ihre Prognose hängt davon ab, wieso es zu einem Hydrozephalus gekommen ist.

Weitere Informationen

Selbsthilfe

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Hydrozephalus. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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