Spastik

Eine Spastik bezeichnet eine stark erhöhte, unwillkürliche Anspannung der Skelettmuskulatur, die oft mit Bewegungseinschränkungen einhergeht.

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Was ist eine Spastik?

Als Spastik bezeichnet man eine gesteigerte Anspannung der Skelettmuskulatur, die als Folge einer Schädigung von Nervenbahnen aus dem Rückenmark oder dem Gehirn auftritt. Normalerweise steuern diese Nervenbahnen die Muskelbewegungen, indem sie stimulierende oder hemmende Impulse senden. Bei Schäden im Gehirn oder im Rückenmark fallen vor allem die hemmenden Impulse weg. Dies führt zu einer Überstimulation des Muskels, der sich dauerhaft anspannt. Meistens wird die Spastik von anderen Symptomen begleitet, wie Lähmungen, Bewegungsverlangsamung oder gesteigerten Sehnenreflexen.

Ursachen

Folgende Krankheiten gehen häufig mit der Entstehung einer Spastik einher:

Spastiken entwickeln sich im Rahmen dieser Erkrankungen meist erst im Verlauf. Zum Beispiel verursacht eine Rückenmarksverletzung zunächst eine Erschlaffung der Muskulatur, die von dem betroffenen Rückenmarksanteil gesteuert wurde. Erst nach einiger Zeit kommt es bei fehlender Heilung des Rückenmarks zu einer gesteigerten Muskelspannung.

Spastiken können sich auch akut verschlechtern oder mit einschießenden Muskelanspannungen einhergehen, wenn die Patienten unter Schmerzen sowie emotionaler Anspannung leiden oder an einer Infektion, z. B. der Harnwege, erkranken. Meist ist die Spastik nach überstandener Infektion wieder rückläufig. Auch eine Verstopfung oder eine wundgelegene Stelle (Dekubitus) können eine Spastik verschlimmern.

Symptome

Je nach Ausmaß der Nervenschädigung im Gehirn oder Rückenmark können einzelne Muskeln, die Muskeln eines kompletten Arms oder Beins, eine komplette Körperhälfte oder der ganze Körper von der Spastik betroffen sein.

Die dauerhaft angespannte Muskulatur führt zu einer Verhärtung, die sehr schmerzhaft sein kann. Oft entstehen Fehlstellungen, wenn die betroffenen Muskel an einem Gelenk ansetzen und dieses in einer Zwangsstellung halten. Die Muskeln können meist nur noch grob oder gar nicht bewegt werden. Gleichmäßige, feinmotorische Bewegungen sind nicht mehr möglich. Dies erschwert oft die Beweglichkeit im Alltag. Zum Beispiel benötigen Schlaganfallpatienten mit einer Halbseitenspastik oft Hilfe bei der Nahrungsaufnahme.

In der ärztlichen Untersuchung zeigen sich oft lebhafte oder überaktive Sehnenreflexe. Beispielsweise schlägt das Bein nach Beklopfen der Sehne unterhalb des Knies enorm stark aus (Patellarsehnenreflex). Während in den Armen die Beugemuskeln in ihrer Anspannung überwiegen, sind die Streckmuskeln eines betroffenen Beines stärker angespannt. Dies führt bei einer Halbseitenspastik oft zu einem charakteristischen Bild, bei dem der Arm dauerhaft gebeugt und das Bein dauerhaft gestreckt ist, sodass es beim Gehen nach seitlich ausscheren muss.

Behandlung

Ziel der Behandlung ist es, vorhandene Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit möglichst zu erhalten. Dabei spielt die Physiotherapie die größte Rolle. Als Krafttraining können zum Beispiel Radfahren oder Laufbandtraining angeboten werden. Bei Beeinträchtigung der Beine wird ein tägliches Stehtraining durchgeführt, was sowohl auf die Verdauung als auch auf das Gemüt der Patienten positive Effekte hat. Schienen am Ellenbogen, Handgelenk oder Sprunggelenk können Abhilfe schaffen, sodass das Gelenk nicht versteift. Außerdem können Entspannungsübungen Stress und psychische Anspannung verringern, was sich wiederum positiv auf die Muskelspannung auswirkt. Wichtig ist, dass der Patient die Übungen auch zu Hause, eventuell mit Unterstützung der Angehörigen, durchführt, um einen möglichst großen Effekt zu erzielen.

Zusätzlich zur Physiotherapie gibt es medikamentöse Therapien zur Verringerung der Muskelspannung. Diese können als Tablette eingenommen oder aber direkt in den betroffenen Muskel gespritzt werden.

Weitere Informationen

Autoren

  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Spastisches Syndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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