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Stiff-Person-Syndrom

Das Stiff-Person-Syndrom äußert sich durch zunehmende Muskelversteifungen und schmerzhafte Krämpfe, die durch Bewegungen und Stimmungen (Emotionen) ausgelöst werden. Oft beginnt die Krankheit mit einer Rückenversteifung.

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Was ist das Stiff-Person-Syndrom?

Das Stiff-Person-Syndrom wurde 1956 zum ersten Mal beschrieben (Synonyme sind Stiff-Man-Syndrom, Moersch-Woltmann-Syndrom, Autoimmun-Steifheitssyndrom). Die Erkrankung äußert sich durch zunehmende Muskelversteifungen und schmerzhafte Krämpfe, die durch Bewegungen und Stimmungen ausgelöst werden. Oft beginnt die Krankheit mit einer Rückenversteifung. Die Krankheit hat keinen Einfluss auf die geistigen Funktionen; es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung: D. h. der Körper bildet Antikörper gegen das eigene Gewebe – in diesem Fall gegen Proteine, die eine zentrale Rolle bei der Bildung des Signalstoffes (Neurotransmitters) GABA im Gehirn spielen.

Das Stiff-Person-Syndrom kommt sehr selten vor, Zahlen zur Häufigkeit sind nicht verfügbar. Beide Geschlechter sind fast gleich häufig betroffen, möglicherweise kommt die Erkrankung bei Frauen etwas häufiger vor (wie es für Autoimmunerkrankungen typisch ist). Auch Kinder können betroffen sein. Bei Erwachsenen tritt sie am häufigsten im Alter zwischen 30 und 50 Jahren auf.

Ursache

Die Ursache der Krankheit ist unbekannt, aber die Autoimmunität ist wahrscheinlich wichtig. Etwa zwei Drittel der Patienten haben einen erhöhten Anteil von Antikörpern gegen das Protein GAD65 im Blut. Außerdem besteht eine lokale Produktion von Antikörpern gegen GAD65 im zentralen Nervensystem. GAD65 ist ein Enzym, das an der Produktion der Signalstoffe Glutamat und GABA im zentralen Nervensystem beteiligt ist. Glutamat fördert Muskelbewegungen (exzitativ), während GABA die gleichen Bewegungen (inhibitorisch) hemmt – diese Signalstoffe haben also entgegengesetzte Wirkungen. Sie sind das, was Ärzte Antagonisten nennen. Bei Patienten mit dem Stiff-Person-Syndrom und mit Antikörpern gegen GAD65 ist das Vorkommen von GABA im Gehirn reduziert. Es ist daher verlockend anzunehmen, dass Antikörper gegen GAD65 eine Bedeutung für die Erkrankung haben. Dieser Zusammenhang ist aber noch nicht endgültig geklärt.

Bei Typ-1-Diabetes befinden sich häufig Antikörper gegen GAD65 im Blut. Mindestens ein Drittel der Patienten mit Stiff-Person-Syndrom und Antikörpern gegen GAD65 entwickeln Diabetes. Umgekehrt erkranken Patienten mit Typ-1-Diabetes sehr selten an dem Stiff-Person-Syndrom. Einige Patienten entwickeln andere Autoimmunerkrankungen, wie eine Entzündung der Schilddrüse (Thyreoiditis) oder perniziöse Anämie. Etwa 5 % der Patienten mit Stiff-Person-Syndrom haben ein Brustkarzinom oder ein kleinzelliges Lungenkarzinom. Es gibt keine Hinweise auf ein erhöhtes Vorkommen von Karzinomen bei denjenigen, die Antikörper gegen GAD65 haben.

Symptome

Die Erkrankung äußert sich durch fortschreitende Muskelversteifungen, in unterschiedlich starker Intensität, die häufig von gleichzeitigen Muskelkrämpfen begleitet werden. Sowohl Muskelversteifungen als auch Muskelkrämpfe können durch Bewegungen und starke emotionale Reaktionen ausgelöst werden.

Normalerweise beginnt die Erkrankung mit Steifheit im Rücken und Nacken. Schon früh können Erkrankte feststellen, dass die Beschwerden häufig durch emotionale Reize ausgelöst werden. Die Beschwerden können kurzzeitig und mit drastischen Verschlimmerungen auftreten. Das Krankheitsbild kann fälschlicherweise als „etwas Psychisches‟ beschrieben werden.

Die Steifigkeit und Muskelkrämpfe können sich nach und nach auch auf die Muskeln in Oberarmen oder Beinen ausweiten. Krämpfe können vor allem auftreten, wenn die Patienten gestresst, überrascht, wütend, aufgeregt oder ängstlich sind. Solche Reize können schmerzhafte und starke Krämpfe in der Schulter- und Hüftmuskulatur verursachen. Die Krämpfe werden nur langsam schwächer, bis der Anfall vorbei ist. Nach einer Weile beginnen die Patienten damit, sich zunächst langsam zu bewegen, da schnelle Bewegungen starke Krämpfe auslösen können. Auch weiter entfernt liegende Muskeln in den Armen oder Beinen können nach schnellen Arm- und Beinbewegungen betroffen sein. Es entwickelt sich eine ausgesprochene Krümmung der Lendenwirbelsäule (Lumballordose) zusammen mit der Kontraktion der Iliopsoas-Muskeln. In einigen Fällen können Versteifungen und Krämpfe in den Beinen und Armen prägend für das Krankheitsbild sein. Davon leitet sich die Bezeichnung Stiff-Limb-Syndrom ab.

Die Beschwerden sind eine große Belastung für die Erkrankten und können zu Depressionen führen. Das Gefühl, dass einem nicht geglaubt wird und andere denken, dass es etwas „Psychisches‟ sei, ist schwer zu ertragen. Die Lebensqualität ist zu diesem Zeitpunkt deutlich reduziert, und es ist schwierig oder unmöglich, Auto zu fahren, zu arbeiten oder ein befriedigendes soziales Leben zu führen.

Stiff-Baby-Syndrom

Die Erkrankung kann auch bei Kindern und Säuglingen auftreten. Das Krankheitsbild unterscheidet sich hierbei ein wenig. Säuglinge und Kleinkinder sind zwischen den Krampfanfällen weniger steif. Die weiter entfernte Muskulatur in Armen und Beinen ist häufiger betroffen, vor allem während der Anfälle. Es ist bezeichnend, dass die Anfälle häufig auftreten, wenn das Kind gestresst ist, oder wenn es erschreckt wurde. Es ist häufig schwierig die Diagnose zu stellen, weil eine Reihe anderer Ursachen ausgeschlossen werden muss.

Diagnostik

Es kann schwierig sein, eine Diagnose zu stellen, denn die Erkrankung ist so selten, dass sie leicht übersehen wird. Gerade zu Beginn sind die Symptome ganz allgemein. Auch Untersuchungen beim Arzt zeigen keine Befunde, die einen eindeutigen Verdacht auf die Krankheit zeigen. Erst wenn die Symptome im Lauf der Zeit eindeutiger werden, kann ein klarer Zusammenhang zwischen emotionalen Reaktionen und den Muskelbeschwerden festgestellt werden. Die Messung von Autoantikörpern gegen GAD65 ist ein wichtiges Merkmal dafür, dass es sich um das Stiff-Person-Syndrom handeln kann. Die Krankheit zeigt bei einer MRT oder bei neurologischen Untersuchungen (EEG und EMG) keine typischen Veränderungen.

Therapie

Diazepam ist ein Medikament, das beim Stiff-Person-Syndrom oft wirksam ist. Diese Wirksamkeit wiederum bestärkt die Diagnose. Dabei können hohe Dosen erforderlich sein; der Nutzen wird oft durch seine sedierende Wirkung eingeschränkt, d. h. die Patienten werden durch das Medikament müde. Andere Medikamente, die auch GABAerge Impulsübertragungen in den Nerven beeinflussen, wie Gabapentin, Valproat, Vigabatrin, Tiagabin und Baclofen können versucht werden. Ihre Wirkung ist aber nicht ausreichend dokumentiert. Intravenöse Immunglobuline (IVIG) sind dagegen beim Stiff-Person-Syndrom wirksam und sind als immunmodulierende Therapie erste Wahl. Bei einigen Patienten kann eine Schmerztherapie erforderlich sein. Infrage kommende Präparate sind Paracetamol, NSAR, Antidepressiva.

Körperliche Aktivitäten können vorteilhaft sein, um der Gelenkversteifung entgegenzuwirken. Sie können bei einigen Patienten aber auch zu einer Verschlimmerung der Muskelkrämpfe führen. Auch Physiotherapie kann nützlich sein, wenngleich auch sie Muskelkrämpfe auslösen kann.

Wie sind die Prognosen?

Die Prognose ist variabel. Angst und Depression sind die frühesten und häufigsten Komplikationen. Später können aufgrund von Krämpfen in der Schluckmuskulatur auch Schluckbeschwerden auftreten. Bei vielen Patienten hat die Krankheit einen unbestimmten Verlauf, der weitgehend symptomfrei ist. Es können aber plötzliche Episoden mit Versteifungen auftreten. Andere Patienten erleben einen viel aggressiveren Verlauf und zeigen schnell ein fortgeschrittenes Krankheitsbild.

Die Prognose für das Stiff-Baby-Syndrom ist wahrscheinlich besser. Es wird angenommen, dass die Erkrankung selbstlimitierend ist und vorübergeht, wenn das Zentralnervensystem reift. Langzeitstudien fehlen allerdings.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Stiff-Person-Syndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Stiff-Man-Syndrom (Stiff-Person-Syndrom). AWMF-Leitlinie Nr. 030-080, Stand 2012. www.awmf.org
  2. Moersch FP, Woltman HW. Progressive fluctuating muscular rigidity and spasm («stiff-man» syndrome): report of a case and some observations in 13 other cases. Mayo Clin Proc 1956; 31: 421-7. PubMed
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