Sprach- und Sprechstörungen

Sprach- und Sprechstörungen weisen in der Regel auf eine Krankheit oder Verletzung im Zentralnervensystem hin, bei der ein Arzt aufgesucht werden sollte.

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Was sind Sprach- und Sprechstörungen?

  • Bei Aphasie haben Patienten Schwierigkeiten, ihre Gedanken in Worte zu fassen (Broca-Aphasie) bzw. Sprache zu verstehen (Wernicke-Aphasie).
  • Dysarthrie bezeichnet die Schwierigkeit, Wörter auszusprechen.
  • Die Sprachfunktion ist bei allen Rechtshändern und bei etwa der Hälfte aller Linkshänder mit der linken Gehirnhälfte verbunden.

Prävalenz

  • Sowohl Sprach- als auch Sprechstörungen sind relativ häufig.

Beurteilung von Sprach- und Sprechstörungen

  • Aphasie:
    • Eine Aphasie ist eine Störung, die immer auf eine Schädigung oder Krankheit im Sprachareal des Gehirns zurückzuführen ist.
    • Aphasien treten am häufigsten nach einem Schlaganfall auf, aber auch bei anderen Arten von Verletzungen und Erkrankungen des Gehirns, beispielsweise bei Gehirntumor und Zerebralparese
  • Dysarthrie:
    • Hierbei handelt es sich um eine Störung der Funktionen in den Sprechorganen, aufgrund der Wörter ungenau oder undeutlich ausgesprochen werden
    • Die Ursache für Dysarthrie kann in den Sprechorganen selbst liegen oder peripher bzw. zentral im Nervensystem, die diese steuern

Ursache

Aphasie

  • Schlaganfall und TIA (vorübergehender Angriff aufgrund mangelnder Durchblutung in einem Areal des Gehirns):
    • Stellt die häufigste Ursache dar
    • Ein Schlaganfall kann binnen Sekunden (zum Beispiel Blutgerinnsel im Hirn), Minuten (typischerweise Gehirnblutung) oder im Laufe von Minuten bis Stunden entstehen (Blutgerinnsel, das sich lokal in einem Blutgefäß des Gehirns bildet, Thrombose).
    • Die Symptome variieren je nach Lokalisierung und Schweregrad.
    • Bei TIA verschwinden Anzeichen und Symptome binnen 24 Stunden, in der Regel innerhalb von 1 Stunde
  • Demenz:
    • Krankheit bei älteren Menschen, die sich über eine längere Zeit entwickelt
    • Dabei treten eine allmähliche Verschlechterung der geistigen Funktionen zusammen mit Gedächtnisstörungen auf
    • Frühe Anzeichen sind geringer Antrieb, reduzierte Arbeitslust, Vernachlässigung der alltäglichen Aufgaben und erhöhte Vergesslichkeit
    • Der Grad der Wachsamkeit ist davon nicht betroffen
  • Hirntumor
    • Ein Gehirntumor entwickelt sich oft langsam
    • Anfängliche Symptome können Krämpfe, langsam fortschreitende Paralyse und Aphasie sein
    • Als weitere typische Symptome können Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Hirnnervenlähmung und möglicherweise Persönlichkeitsveränderungen auftreten
  • Chronisches Subduralhämatom:
    • Tritt vor allem bei älteren Menschen und Alkoholikern nach einer erkannten oder nicht erkannten Kopfverletzung auf, die Tage oder Wochen zurückliegt
    • Normalerweise tritt eine allmähliche Verringerung der mentalen Funktionen ein, weitere Symptome sind häufig Kopfschmerzen, Sturzneigung und erhöhte Schläfrigkeit

Dysarthrie

  • Akute Vergiftung durch Alkohol oder Medikamente:
    • Bewirkt vorübergehend „undeutliches“ Sprechen
  • Schlaganfall und TIA.
    • Kann ebenso diese Art von Sprechstörungen auslösen
  • Multiple Sklerose:
    • Tritt normalerweise bei einer jüngeren Person auf
    • Anfängliche Symptome sind akuter Schwindel, Doppeltsehen, eine einseitige Sehnervbeeinträchtigung mit teilweisem Gesichtsfeldverlust, Schwerfälligkeit, Gefühlsstörungen und starker Harndrang
    • Zu Beginn treten oft leichte und vorübergehende Anfälle auf
  • Chronische neurologische Erkrankung:
    • Parkinson-Krankheit, Zerebralparese, amyotrophe Lateralsklerose
    • Dysarthrien entwickeln sich bei den verschiedenen Krankheiten allmählich oder in Schüben
    • Bei einigen Krankheiten zeigen die Patienten zudem Ataxie und Instabilität
    • Nicht selten werden diese Patienten fälschlicherweise des Alkohol- oder Medikamentenmissbrauchs beschuldigt

Indikationen zur Arztkonsultation

  • Sprach- und Sprechstörungen weisen in der Regel auf eine Krankheit oder Verletzung im Zentralnervensystem hin, bei der ein Arzt aufgesucht werden sollte.

Wie geht der Arzt vor?

Anamnese

Der Arzt kann folgende Fragen stellen:

  • Wünschenswert ist, dass der Ehemann/die Ehefrau, Partner oder nahe Verwandte ergänzende Informationen geben.
  • Wie lange bestehen die Schwierigkeiten bereits?
  • Wie hat sich die Erkrankung anfänglich gezeigt?
  • Sind weitere Symptome aufgetreten?
  • Gibt es Anzeichen von Demenz?
  • Ist eine andere Krankheit bekannt?
  • Haben Sie in den letzten Wochen ihren Kopf gestoßen?

Ärztliche Untersuchung

Andere Untersuchungen

  • Sind weitere Untersuchungen erforderlich, ist ein CT-Scan des Gehirns eine der Hauptuntersuchungen.

Überweisung an einen Spezialisten oder in ein Krankenhaus

  • Bei akut aufgetretenen Beschwerden ist oft eine Krankenhauseinweisung indiziert, um den Patienten auf einen Schlaganfall hin zu untersuchen. AKUT-Test durchführen:
    • A: Gesicht. Kann die Person lächeln und ihre Zähne zeigen? Wenn die Mundwinkel hängen – die 112 anrufen!
    • K: Körperteile (Arme/Beine). Kann die Person die Arme heben und sie für 10 Sekunden oben halten? Wenn ein Arm fällt – die 112 anrufen!
    • U: Aussprache. Kann die Person einen einfachen Satz wiederholen, beispielsweise „heute ist schönes Wetter“? Wenn die Person undeutlich spricht oder unpassende Wörter verwendet – die 112 anrufen!
    • T Zeit. Jede Sekunde zählt. Niemals zögern. Rufen Sie sofort die 112 an!
  • Wenn die Beschwerden sich langsamer entwickeln, ist der Patient an einen Spezialisten zu überweisen.

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Sprach- und Sprechstörungen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Kommunikationsstörungen bei neurogenen Sprech- und Stimmstörungen im Erwachsenenalter, Funktionsdiagnostik und Therapie. AWMF-Leitlinie Nr. 049-014, Stand 2014. awmf.org
  2. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Neurogene Sprechstörungen (Dysarthrien). AWMF-Leitlinien Nr. 030-103, Stand 2018. www.awmf.org
  3. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Schlaganfall, Rehabilitation aphasischer Störungen. AWMF-Leitlinie Nr. 030-090, Stand 2012. awmf.org
  4. Hillis AE. Aphasia: progress in the last quarter of a century. Neurology. 2007 Jul 10;69(2):200-13. Review. PubMed PMID: 17620554 www.ncbi.nlm.nih.gov
  5. Hacke, W. Neurologie, 14. Auflage. Heidelberg: Springer-Verlag Berlin, 2016. www.springer.com
  6. Pedersen PM, Vinter K, Olsen TS. Aphasia after stroke: type, severity and prognosis. The Copenhagen aphasia study. Cerebrovasc Dis. 2004;17(1):35-43. Epub 2003 Oct 3. PubMed PMID: 14530636 www.ncbi.nlm.nih.gov
  7. Hillis AE. Aphasia: progress in the last quarter of a century. Neurology 2007;69:200-213. Neurology
  8. Brady MC, Kelly H, Godwin J, Enderby P, Campbell P. Speech and language therapy for aphasia following stroke. Cochrane Database Syst Rev. 2016 Jun 1;(6):CD000425. doi: 10.1002/14651858.CD000425.pub Review. PubMed PMID: 27245310 deximed.de
  9. National Institute on Deafness and other Communication Disorders. NIDCD Fact Sheet: Aphasia. NIH Pub. No. 97 4257. December 2015. www.nidcd.nih.gov