Akutbehandlung von Rückenmarksverletzungen

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Rückenmarksverletzungen

Eine Verletzung des Rückenmarks ist eine ernsthafte Schädigung, die in der Regel durch einen Verkehrsunfall, einen Unfall beim Sport oder bei anderen körperlichen Tätigkeiten verursacht wird. Eine Rückenmarksverletzung führt in der Regel dazu, dass der Patient von der Stelle der Verletzung im Rücken abwärts gelähmt bleibt. In der ersten Zeit nach der Verletzung ist eine sorgfältige Überwachung, Behandlung und Pflege im Krankenhaus erforderlich.

Überwachung

In den ersten Tagen nach dem Unfall erfolgt eine sorgfältige Behandlung durch Ärzte und Krankenschwestern. Das Ausmaß der Verletzung wird festgestellt, wobei sowohl eingehende körperliche Untersuchungen als auch bildgebende Untersuchungsmethoden zum Einsatz kommen. Dabei handelt es sich in der Regel um Röntgen und CT, aber auch eine MRT kann hilfreich sein. Während der ersten Tage wird die Situation mehrmals täglich beurteilt, so dass bei einer möglichen Verschlechterung des Zustands schnell Maßnahmen eingeleitet werden können. In den ersten Stunden nach der Einlieferung ins Krankenhaus wird das Medikament oft direkt in die Blutbahn gegeben (Kortison), was eventuell den Umfang der Schädigung begrenzen kann. Darüber hinaus werden dem/der Verletzten Nährstoffe per Flüssigkeitsinfusion direkt in die Blutbahn verabreicht.

Atmung

Wenn sich die Verletzung weit oben im Rücken oder im Nacken befindet, ist sorgfältig zu prüfen, ob der/die Verletzte richtig atmen kann. Dies wird auch mittels Bluttests überprüft. Manchmal muss der/die Verletzte an ein Beatmungsgerät (Respirator) angeschlossen und ein Atemschlauch an der Vorderseite des Halses eingesetzt werden.

Blasenentleerung

Durch eine Rückenmarksverletzung verlieren die Patienten die Kontrolle über die Blasenentleerung. Deshalb ist die Verwendung eines Katheters erforderlich. Um zu verhindern, dass die Blase schrumpfen kann (da sie sich ständig entleert), muss der Katheter verschlossen werden, so dass die Blase sich füllen kann. Zur Blasenentleerung wird der Katheter in regelmäßigen Abständen geöffnet. Sowohl der Zustand an sich als auch die Verwendung eines Katheters erhöhen das Risiko von Harnwegsinfektionen, welche mit Antibiotika behandelt werden sollten. Es können sich zudem Steine in der Blase bilden, die mit einer Ultraschalluntersuchung festgestellt werden können und entfernt werden müssen.

Darm

In den ersten Tagen nach der Verletzung werden Flüssigkeit und Nährstoffe direkt in die Blutbahn injiziert. Dies ist notwendig, da während der ersten Tage auch der Darm gelähmt bleibt. Im Lauf der Zeit kehrt die Darmfunktion zurück. Allerdings verliert der/die Verletzte die Kontrolle über den Enddarm. Das kann dazu führen, dass Kot austritt oder im Darm verbleibt und dort eine Verstopfung auslöst. Schon frühzeitig werden deshalb feste Routinen für die Darmentleerung eingeführt, zu denen die Verwendung von Abführmitteln und Einläufen zählt.

Blutgefäße

Da der/die Verletzte bettlägerig wird und keine Möglichkeit hat, sich zu bewegen, erhöht sich das Risiko von Blutgerinnseln in den Beinen. Deshalb werden gleich nach der Einlieferung ins Krankenhaus blutverdünnende Mittel verabreicht, um die Bildung von Blutgerinnseln zu verhindern. Außerdem werden Strümpfe verwendet, welche die Unterschenkel abklemmen und dazu beitragen, der Bildung von Blutgerinnseln vorzubeugen. Die Behandlung dauert nach der Verletzung rund 12 Wochen.

Blutdruck

In der ersten Zeit nach der Rückenmarksverletzung muss der Blutdruck sorgfältig überwacht werden. Meist ist der Blutdruck etwas niedriger als zuvor, was aber kein Problem darstellt und keine Behandlung erfordert. Es kann jedoch vorkommen, dass der Blutdruck stark ansteigt (eine sogenannte Hypertonie), was zur Gefahr einer Gehirnblutung führt. Kommt es zu einem solchen Blutdruckanstieg, werden sofortige Maßnahmen ergriffen, um den Blutdruck zu senken.

Druckgeschwüre

Unbewegliches Liegen in einem Bett bringt ein wesentliches Risiko der Entwicklung von Druckgeschwüren mit sich. Andauernder Druck über mehrere Stunden am Stück auf bestimmte Körperstellen, wie z.B. am Gesäß, den Hüften oder der Rückseite der Fersen, kann zu Druckgeschwüren führen. Diese wirken zu Beginn nicht gefährlich, solange die Haut noch intakt ist. Aber unter der Haut können bereits erhebliche Schädigungen vorliegen. Deshalb sind präventive Maßnahmen wie regelmäßiges Drehen und Wenden sowie die Verwendung von Spezialmatratzen erforderlich.

Gelenksteife (Spastik)

Eine weitere Folge der Immobilität ist, dass die Gelenke beginnen, sich zu versteifen. Es können sich sogenannte Kontrakturen entwickeln, bei denen die Fähigkeit zur passiven Bewegung der Gelenke verlorengeht. Dies kann bedeuten, dass sich die Gelenke in ungünstigen Positionen versteifen, wie z.B. mit gebeugten Kniegelenken. Deshalb wird bereits kurz nach der Verletzung eine vorbeugende Behandlung eingeleitet, bei der die Gelenke gebeugt, gedehnt und gestreckt werden.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Ryggmargsskade. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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