Spinalkanalstenose

Das Rückenmark (Medulla spinalis) verläuft vom Gehirn bis in den unteren Rücken als Nervenstrang durch die Wirbelsäule hindurch. Es besteht aus Nerven, die vom Gehirn aus hinabziehen und dann auf jeweils unterschiedlicher Höhe das Rückenmark verlassen, um zu ihrem Zielort zu ziehen. Das Rückenmark liegt gut geschützt innerhalb eines Kanals in der Wirbelsäule – dieser Kanal wird fachsprachlich Spinalkanal genannt. Ist er verengt (Stenose), wird das Rückenmark geschädigt.

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Was ist eine Spinalkanalstenose?

Eine Spinalkanalstenose ist eine Einengung in einem Abschnitt des Spinalkanals, meist im unteren Abschnitt. Durch die Einengung erhöht sich der Druck auf die Nervenstränge, die das Rückenmark ausmachen: Es sind Nerven, die vom Gehirn aus durch Öffnungen aller Wirbelkörper (den Spinalkanal) bis in die untere Wirbelsäule ziehen. Vom Nacken/Hals abwärts verlassen jeweils bestimmte Nervenstränge das Rückenmark, um zu ihren Zielgebieten zu ziehen, z. B. bestimmte Muskelgruppen im Arm, am Rumpf oder im Bein.

Der Spinalkanal ist durch die Form der Wirbelkörper knöchern begrenzt. Kommt es zu einer Verengung, werden die Nerven im Rückenmark an dieser Stelle durch den erhöhten Druck geschädigt und in ihrer Funktion beeinträchtigt. Dies kann Rückenschmerzen zur Folge haben, die bis in das Gesäß und in die Ober- bzw. Unterschenkel ausstrahlen können. Betroffene können auch eine gestörte Sensibilität und eine Muskelschwäche in den Armen, dem Rumpf oder den Beinen sowie Gangstörungen entwickeln.

Eine Spinalkanalstenose tritt oft bei älteren Menschen auf – im Durchschnitt entwickelt sie sich erstmals im Alter von 65 Jahren. Aufgrund der zunehmenden Anzahl älterer Menschen in den westlichen Ländern wird diese Krankheit in Zukunft häufiger werden. Mehr Männer als Frauen sind betroffen. Es gibt aber auch Menschen, die trotz im Röntgenbild nachweisbarer Spinalkanalstenose keine Beschwerden haben.

Ursachen

Besonders betroffen sind meist ältere Personen mit ausgeprägten degenerativen Veränderungen im unteren Teil der Wirbelsäule, der Lendenwirbelsäule. In Ausnahmefällen kann die Erkrankung auch bei jüngeren Personen als Folge einer angeborenen Einengung im Spinalkanal entstehen.

Eine Stenose tritt vor allem in der Lendenwirbelsäule, also dem unteren Abschnitt auf. Altersbedingte degenerative Veränderungen führen bei Betroffenen zu einer Verkalkung der Wirbel und einem Kollaps der Bandscheiben. Der Spinalkanal wird eingeengt, und sein Durchmesser verringert sich. Dies erhöht das Risiko, dass einer der Nervenstränge eingeklemmt wird, die im Rückenmark im Spinalkanal nach unten ziehen. Im Bereich der Lendenwirbelsäule trennen sich die einzelnen Nervenstränge, die zuvor als Rückenmark verbunden waren (etwa wie einzelne Stränge eines zuvor noch fest gedrehten Seils; sog. Cauda equina). Diese Nerven können also jeweils etwas ausweichen, aber ebenfalls infolge einer Spinalkanalstenose geschädigt werden.

Zusätzlich sind oft auch die knöchern begrenzten Stellen der Wirbelkörper verengt, an denen die Nerven aus dem Rückenmark herausziehen, was ebenfalls zu einer Druckbelastung und Beeinträchtigung führt. Nerven, die beim Austritt aus dem Spinalkanal in der Lendenwirbelsäule eingeklemmt werden, verursachen ähnliche Symptome wie bei Ischias, eine sogenannte Radikulopathie.

Zusätzlich beitragende Ursachen können eine Spondylolisthesis (Wirbelgleiten), eine zurückliegende Fraktur oder Infektion im Bereich der Wirbelsäule oder eine Rückenoperation sein. Zudem kann es durch eine Verdickung der Bänder im Bereich des Spinalkanals zu einer Einengung kommen. Selten sind es auch Tumoren, die an einer Stelle das Rückenmark einengen.

Symptome

Eine Spinalkanalstenose entwickelt sich meist langsam über viele Jahre hinweg. Die Symptome sind zunächst vage und treten meist in Form von Schmerzen im unteren Rücken auf, da am häufigsten die Lendenwirbelsäule betroffen ist. Allmählich werden die Probleme ausgeprägter, und die Schmerzen strahlen bis in die Beine hinab aus. Manche Patienten empfinden auch ein Taubheitsgefühl, ein Kribbeln in der Haut und nachlassende Kraft in den Beinen. Diese Beschwerden können manchmal stark ausgeprägt sein, dann wieder fast verschwinden. Typisch an den Beschwerden ist, dass sie beim Gehen oder Stehen entstehen bzw. sich verstärken (sog. Claudicatio spinalis), beim Sitzen aber nachlassen. Zudem wird der Schmerz oft erheblich gelindert, wenn die Patienten sich nach vorne beugen. Viele Patienten entwickeln beim Gehen eine nach vorne geneigte Haltung, weil dies weniger Rückenbeschwerden verursacht. Das Gangbild selbst kann auch wegen der Schmerzen und Nervenstörungen unsicher werden.

Die Symptome können auf einer Seite ausgeprägter sein, sie können auch von Seite zu Seite variieren.

Diagnose

Die Diagnose beruht auf der Anamnese mit den typischen Beschwerden und auf den ärztlichen Befunden. Bei der konventionellen körperlichen Untersuchung finden Ärzte allerdings selten auffällige Veränderungen in der Wirbelsäule oder in den Extremitäten. Anzeichen von Nervenschädigungen lassen sich im Rahmen der speziellen neurologischen Untersuchung jedoch bei einigen Betroffenen durch auffällige Schwäche mancher Muskeln oder auch Sensibilitätsstörungen an bestimmten Gebieten der Haut (je nach betroffenem Nerv) aufdecken. Möglicherweise sind auch die Reflexe bei der Untersuchung geringer ausgeprägt als normalerweise. Schmerzen lassen sich oft auslösen, wenn die Betroffenen geht oder wenn aus der Rückenlage heraus ein Bein gestreckt angehoben wird. Dies führt zu einer Dehnung des sowieso geschädigten Nerven.

Die Fußpulse lassen sich jedoch gut tasten, und die Blutversorgung in den Beinen ist normal. Dies steht im Gegensatz zu Krankheiten der Blutgefäße in den Beinen mit entsprechenden Durchblutungsstörungen (periphere arterielle Verschlusskrankheit), die auch zu Schmerzen in den Beinen beim Gehen führt.

Um genauer zu beurteilen, ob eine Spinalkanalstenose vorliegt und welche Ursachen hierfür infrage kommen, wird eine zunächst eine Röntgenuntersuchung, dann meist auch eine Magnetresonanztomografie (MRT) oder auch ein Computertomogramm (CT) durchgeführt. Hier lassen sich die Platzverhältnisse im Rückenkanal (Spinalkanal) und rund um die Nervenwurzeln, die aus dem Rückenmark austreten, beurteilen. Speziellere Tests der Nervenfunktion kommen auch, aber selten zum Einsatz.  

Behandlung

In den meisten Fällen besteht die Behandlung darin, ggf. mit Medikamenten den Schmerz zu lindern und unter physiotherapeutischer Anleitung geeignete Übungen zu erlernen, um sich wieder schmerzfreier bewegen zu können. In Phasen mit starken Beschwerden wird empfohlen, den Rücken vorübergehend zu entlasten. Seien Sie vorsichtig, wenn Sie den Rücken beugen, aufrichten oder drehen. Rückenschonende körperliche Aktivität ist jedoch sinnvoll; Radfahren kann besonders geeignet sein. Für einige Patienten sind spezielle Hilfsmittel sehr sinnvoll, z. B. ein angepasstes Korsett zur Stabilisierung des unteren Rückens oder ein Rollator als Gehhilfe.

Es gibt auch die Möglichkeit, Betäubungsmittel oder entzündungshemmende Medikamente direkt in den Bereich des verengten Wirbelkanals bzw. der schmerzenden Nerven zu injizieren; dies ist jedoch risikoreich und nicht unbedingt immer wirksam.

Eine Operation ist evtl. dann notwendig, wenn die Gehprobleme sehr stark sind, wenn die Schmerzen trotz konservativer Therapie kontinuierlich anhalten, und wenn (in seltenen Fällen) plötzlich Probleme mit der Kontrolle über die Harnwege und den Enddarm (Inkontinenz) entstehen. Der Eingriff besteht darin, die knöchernen Verkalkungen oder Teile der Bandscheiben oder Bandstrukturen zu entfernen, die in den Spinalkanal wölben oder Nerven einklemmen. Die Operation führt bei den meisten Patienten zunächst zu einer guten Schmerzlinderung, ist jedoch manchmal mit Komplikationen verbunden.

Prognose

Die meisten Patienten bekommen ihre Beschwerden mit Training und Medikamenten gut unter Kontrolle. Bei ca. 30 % der Patienten jedoch bleiben die Beschwerden bestehen oder verschlimmern sich im Laufe der Zeit. Falls die Nervenschädigung immer weiter bis zum Tod der Nervenwurzel voranschreitet, nehmen die Schmerzen zwar ab, die Lähmungen jedoch zu. Es drohen erhöhte Sturzgefahr und deutlich eingeschränkte Beweglichkeit.

Bei Patienten, die operiert wurden, lassen die Schmerzen vor allem in den Beinen (weniger im Rücken) oft zunächst erheblich nach. Allerdings hebt sich dieser Vorteil gegenüber der konservativen Therapie insgesamt nach 4–8 Jahren wieder auf.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Spinal stenose. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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