Hemisymptome

Allgemeine Informationen

Definition

  • Symptome und Krankheitsanzeichen, die in einer Körperhälfte lokalisiert sind.
  • Häufig handelt es sich um eine Funktionsstörung.

Konsultationsgrund

  • Verdacht auf eine schwere Erkrankung
  • Funktionseinschränkung

ICPC-2

  • N28 Funktionseinschr./Behinderung (N)

ICD-10

  • G81 Hemiparese und Hemiplegie
    • G81.1 Spastische Hemiparese und Hemiplegie
    • G81.9 Hemiparese und Hemiplegie, nicht näher bezeichnet

Differenzialdiagnosen

Zerebralparese

  • Leichte Fälle werden in der Kindheit nicht immer diagnostiziert.
  • Der Patient kann eine leichte Hypotrophie der Extremitäten der angezeigten Seite aufweisen und zeigt in der Regel übersteigerte Reflexe.

Parkinson-Syndrom

  • In der Regel Personen über 60 Jahren, langsam fortschreitende Erkrankung.
  • Hauptsächlich eine Dopamin-Mangel-Erkrankung
  • Typische Symptome sind ein bei körperlicher Belastung zunehmender Tremor, ein starres, maskenähnliches Gesicht, träge Bewegungen, Verlust des Mitschwingens der Arme beim Gehen, eine monotone Stimme. Zu Beginn des Krankheitsverlaufs sind die Symptome einseitig.
  • Typische Befunde sind Rigidität, Hypokinese, Ruhetremor, posturale Instabilität („Rigor, Tremor, Akinese").

Schlaganfall und TIA

  • Häufig liegen Risikofaktoren wie arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, Nikotinabusus, Herzklappenerkrankungen, Vorhofflimmern und Atherosklerose vor.
  • Typische Zeitmuster, aber mit starker individueller Schwankung
    • Sekunden: typisch für eine Embolie
    • Minuten: typisch für eine Hirnblutung
    • Minuten bis Stunden: typisch für eine Thrombose
  • Die Symptome variieren je nach Lokalisation und Schweregrad; fokale Ausfälle.
  • TIA: Die Symptome und Beschwerden verschwinden innerhalb von 24 Stunden, in der Regel sogar innerhalb einer Stunde.

Multiple Sklerose (MS)

  • In der Regel sind jüngere Personen betroffen.
  • Eine entzündliche demyelinisierende Erkrankung des zentralen Nervensystems
  • Zu Beginn sind die Symptome akut, aber nicht perakut. Schwindel, Doppeltsehen, einseitige Sehstörungen mit teilweisem Verlust des Gesichtsfelds, Ungeschicklichkeit, Sensibilitätsstörungen und starker Harndrang.
  • Tritt anfangs meist in leichten und vorübergehenden Schüben auf.
  • Typische Befunde sind eine allmähliche zentrale Lähmung, Koordinationsstörungen, stellenweises Taubheitsgefühl und Reflexveränderungen.

Hirntumor

  • Primärer oder sekundärer Tumor, normalerweise mit schleichender Progression
  • Erste Symptome können Krampfanfälle, langsam fortschreitende Paresen und Aphasie sein. Kopfschmerzen gehören selten zu den frühen Symptomen, sie treten jedoch bei zwei Drittel der Betroffenen in Form von starken Beschwerden auf.
  • Weitere typische Symptome können Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Hirnnervenparesen und Hydrozephalus sein.
  • Allmählich zunehmende neurologische Symptome, Papillenödeme und Persönlichkeitsveränderungen

Intraspinale expansive Prozesse

  • Die Symptome sind oft schleichend.
  • Dies ist eine seltene Erkrankung, die häufigste Ursache sind Metastasen.
  • Beginnt oft mit einseitigen Symptomen, der Kopf oder das Gesicht weisen keine Symptome oder Befunde auf.
  • Zu Beginn treten meist Schmerzen radikulären Charakters auf, die der Lage des Tumors entsprechen.
  • Im Nackenbereich strahlen die Schmerzen in die Arme aus.
  • Im Thorakal- und oberen Lumbalbereich breiten sich die Schmerzen gürtelartig auf eine oder beide Körperhälften aus.
  • Im Lumbosakralbereich strahlen die Schmerzen in die Beine aus.
  • Parallel zu diesen lagebedingten Schmerzen leiden Patienten an schrittweise abnehmender Kraft, Gefühlsverlust und Koordinationsstörungen in einer oder in beiden Extremitäten.
  • Im Verlauf entwickelt sich eine Neigung zur Dranginkontinenz.

Zervikale Myelopathie

  • Kann als Hemisyndrom beginnen.
  • Die Erklärung liegt meist in degenerativen Veränderungen im Nacken.
  • Der Kopf oder das Gesicht weisen keine Symptome oder Befunde auf.

Subduralhämatom, chronisches

  • Tritt vor allem bei älteren Menschen und Alkoholkranken auf, ggf. aufgrund von iatrogener Antikoagulation oder nach möglichen Schädel-Hirn-Traumata, die vor einiger Zeit aufgetreten sind.
  • In der Regel wird eine schrittweise Reduktion der mentalen Funktionen hervorgerufen. Andere Symptome sind häufig Kopfschmerzen, Sturzneigung und Somnolenz.
  • Kann zu Hemiparese, Reflexveränderungen, erweiterten Pupillen, oft in Kombination mit wechselnden Bewusstseinslagen, und manchmal zu Papillenödemen führen.
  • Die Diagnose kann mithilfe eines Schädel-CTs bestätigt werden.

Hemispasmus facialis1

  • Einseitige Bewegungsstörung der vom Nervus facialis innervierten Muskulatur
  • Relativ häufig, die Prävalenz für diese Erkrankung liegt bei etwa 11 pro 100.000 Einwohner.
  • Der Hemispasmus facialis wird meist durch eine arterielle Kompression des Nervus facialis im Bereich der Nervenaustrittszone aus dem Hirnstamm verursacht.
  • Die lokale Botulinumtoxin-Injektion ist eine gut verträgliche und risikoarme symptomatische Therapie zur Behandlung des Hemispasmus facialis. Langfristige Beschwerdefreiheit lässt sich jedoch nur durch die mikrovaskuläre Dekompression erreichen.

Anamnese

Wichtige Fragen

Beginn der Erkrankung?

  • Akut oder schleichend
  • Bestand schon immer.
  • In Verbindung mit oder nach anderen Ereignissen, z. B. Kopf- oder Nackenverletzungen

Welche Symptome treten auf?

  • Lähmung?
  • Ungeschicklichkeit, Koordinationsstörungen?
  • Zittern?
  • Unwillkürliche Muskelkontraktionen?

Gesichtssymptome?

  • Prozesse im Großhirn (supratentoriell) oder im Rückenmark (Medulla)?

Klinische Untersuchung

Allgemeines

  • Liegen objektive Anzeichen von ZNS-Läsionen vor oder sind die Störungen funktionell?
  • Allgemeinzustand

Spezifisches

Allgemeine neurologische Untersuchung

  • Sprechstörungen?
  • Schwierigkeiten beim Gehen?
  • Verminderte Kraft?
  • Reflexveränderungen?
  • Koordinationsstörungen?
  • Einfacher Sensibilitätstest zur Überprüfung der Empfindung: leichtes Berühren, Piksen, Kälte oder Vibration an Armen und Beinen
  • Untersuchung der Augenbewegungen und Pupillen
  • Weitere Untersuchungen müssen je nach Diagnoseverdacht erfolgen.

Ergänzende Untersuchungen

In der Hausarztpraxis

  • Untersuchungen mit spezifischer Aussagekraft für die Diagnose stehen nicht zur Verfügung.

Diagnostik beim Spezialisten

  • Abhängig vom jeweiligen Diagnoseverdacht
  • Schädel-CT/-MRT
  • Röntgen der Halswirbelsäule
    • MRT?

Maßnahmen und Empfehlungen

Indikationen zur Klinikeinweisung/Überweisung

  • Bei akutem Beginn unverzügliche Einweisung in ein Krankenhaus, idealerweise mit neurologischer Abteilung bzw. Stroke Unit!2
  • Bei subakuten oder chronischen Symptomen ist eine Überweisung an einen Neurologen häufig indiziert.

Videos

Quellen

Leitlinien

  • Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM). Schlaganfall. AWMF-Leitlinie Nr. 053-011. S3, Stand 2012. www.awmf.org

Literatur

 
  1. Rosenstengel C, Matthes M, Baldauf J, Fleck S, Schroeder H. Hemispasmus Facialis. Konservative und operative Therapieoptionen. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(41): 667-73; DOI: 10.3238/arztebl.2012.0667. DOI
  2. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM). Schlaganfall. AWMF-Leitlinie Nr. 053-011. S3, Stand 2012. www.awmf.org

Autoren

  • Caroline Beier, Dr. med., Fachärztin für Allgemeinmedizin, Hamburg
  • Håkan Widner, adj professor och överläkare, Neurologiska kliniken, Skånes universitetssjukhus
  • John-Anker Zwart, läkare – stipendiat, Det medisinske fakultet, Norges teknisk-naturvitenskapelige universitet, Trondheim
  • Terje Johannessen, professor i allmänmedicin, Institutt for samfunnsmedisinske fag, Norges teknisk-naturvitenskapelige universitet, Trondheim
  • Espen Dietrichs, professor och avdelningsöverläkare, universitetet i Oslo och Nevrologisk avdeling, Rikshospitalet, Oslo