Krampfanfälle und Muskelkrämpfe

Allgemeine Informationen

Definition

  • Krampfanfälle bzw. Muskelkrämpfe beruhen auf einer Tonussteigerung in den Muskeln, die ein Anzeichen einer zugrunde liegenden Erkrankung ist.1
  • Krämpfe können danach klassifiziert werden, ob sie fokal sind, d. h. ob sie eine Muskelgruppe oder einen Körperteil betreffen, oder ob es sich um generalisierte, die sämtliche Muskulatur betreffende Anfälle handelt.

Verschiedene Arten von Muskelverkrampfungen/Krampfanfällen

  • Bei tonischen Krämpfen kommt es zu unwillkürlichen, anhaltenden und starken Muskelkontraktionen.
  • Bei klonischen Krämpfen treten unwillkürliche, zwischen starker Muskelkontraktion und -entspannung wechselnde Krämpfe auf.
  • Bei Synkopen kommt es zudem auch zum muskulären Tonusverlust.

Häufigkeit

  • Schätzungen zufolge leiden in den USA 2–5 % irgendwann im Leben an afebrilen Anfällen.2
  • Die meisten Patienten (57 %), die ihren ersten epileptischen Anfall erleben, sind jünger als 25 Jahre, und 71 % dieser Betroffenen sind 15 Jahre oder jünger. 58 % davon sind männlich.3
  • Es kommt doppelt so häufig vor, dass der erste epileptische Krampfanfall generalisiert ist, als dass er partiell ist.4
  • Die meisten generalisierten epileptischen Anfälle treten auf, wenn der Patient wach ist, aber 1 von 4 Anfällen tritt während des Schlafs auf.3

Diagnostische Überlegungen

  • Die häufigste Ursache von Krampfanfällen mit Bewusstseinsverlust ist Epilepsie.3
  • Nur 1 von 6 Patienten mit einem ersten Krampfanfall weist eine identifizierbare mögliche Ursache auf, wie etwa angeborene Hirnverletzungen (4,4 %), zerebrovaskuläre Erkrankungen (3,9 %), Kopfverletzungen (3,2 %), Hirntumoren (1,7 %) oder Alkoholmissbrauch (0,3 %).3
  • Es gibt keine eindeutigen Symptome, Anzeichen oder klinische Tests, anhand derer sich ein Krampfanfall eindeutig von einem Anfall mit Bewusstlosigkeit ohne Krämpfe (z. B. Synkope) unterscheiden lässt:5
    • Bis zu 90 % der Patienten mit Synkope weisen myoklonische oder andere anfallsartige Bewegungen auf, während sie bewusstlos sind.6

Konsultationsgrund

  • Generalisierte Krampfanfälle werfen Fragen über die Ursache und die Notwendigkeit einer vorbeugenden Therapie auf.
  • Synkopen erfordern eine umfangreiche differenzialdiagnostische Abklärung.
  • Patienten suchen für kleinere Probleme wie nächtliche Wadenkrämpfe und Muskelkrämpfe nach Überlastung seltener einen Arzt auf.

Mögliche Fehldiagnosen

  • Status epilepticus
  • Serielle Anfälle

ICPC-2

  • N07 Krampfanfälle/neurologische Anfälle
  • N88 Epilepsie

ICD-10

  • R56 Krämpfe, anderenorts nicht klassifiziert
    • R56.8 Sonstige und nicht näher bezeichnete Krämpfe

Differenzialdiagnosen

Synkope7-8

  • Die klassische Symptomatik der Synkope besteht in einer zumeist sehr kurzen Ohnmacht und einer zügigen Reorientierung nach dem Aufwachen. Häufig kommt es während der Ohnmacht zu mehr oder weniger komplexen motorischen Phänomenen, die leicht mit ähnlichen epileptischen Phänomenen verwechselt werden können.
  • Unterscheidung zwischen:
    • vasovagale Synkopen/Reflexsynkopen
    • neurogene orthostatische Hypotension/orthostatische Hypotension
    • posturales Tachykardiesyndrom
    • kardiale Synkopen (kardiale Diagnostik notwendig, therapeutisch ggf. Schrittmacher/implantierter Defibrillator/Katheterablation)
  • Ursachen von vasovagalen bzw. neurogenen Synkopen
    • durch Reflexe vermittelte Hypotension
    • Kann durch Angst, Schmerz, unangenehme Erfahrungen, den Anblick von Blut, Erbrechen oder Durchfall ausgelöst werden.
    • Eine „Miktionssynkope“ tritt bei meist älteren Menschen häufig in der Nacht in Verbindung mit Blasen-oder Darmentleerung auf.
  • Epidemiologie
    • Die häufigste Ursache einer Synkope sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen ist die Reflexsynkope und die orthostatische Hypotension; die durchschnittliche Prävalenz liegt bei 22 %, am häufigsten bei jungen Frauen.
    • Scheint in 50–66 % der Fälle einer ungeklärten Synkope die Erklärung zu sein.
  • Anamnese
    • Bei orthostatischer Hypotension manifestiert sich die Bewusstlosigkeite oft schleichend und beginnt mit Schwindel, Schwitzen, Blässe, Übelkeit, Herzklopfen und Schwarzwerden vor den Augen (gegenregulatorisch erhöhter Sympathikotonus).
    • Im Liegen verbessert sich der Zustand rasch, aber Betroffene können sich auch noch mehrere Stunden danach „ausgelaugt“ und unwohl fühlen.
  • Basisdiagnostik umfasst:
    • ausführliche Anamnese und Fremdanamnese
    • körperliche Untersuchung
    • 12-Kanal-EKG
    • Schellong-Test.

Epilepsie9-10

  • Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns, die durch eine der folgenden Bedingungen definiert ist:10
    • Mindestens zwei nicht provozierte Anfälle oder Reflexanfälle, die im Abstand von mehr als 24 Stunden auftreten. 
    • Ein nicht provozierter Anfall oder Reflexanfall verbunden mit einer Wahrscheinlichkeit, während der nächsten 10 Jahre weitere Anfälle zu erleiden, die vergleichbar ist mit dem allgemeinen Rückfallrisiko (mindestens 60%) nach zwei nicht
      provozierten Anfällen.
    • Diagnose eines Epilepsie-Syndroms.
  • Breites Spektrum an Erkrankungen, die durch zerebrale Funktionsstörungen verursacht werden, unterteilt in generalisierte und partielle (fokale) Formen.
  • Bei einer primären generalisierten Epilepsie handelt es sich um generalisierte Anfälle ohne fokalen Beginn oder Aura: tonisch-klonische Anfälle, Absencen, Myoklonien, atonische Anfälle.
  • Bei partieller Epilepsie erfolgen fokale oder lokalisierte Anfälle, die in einigen Fällen in generalisierte Anfälle übergehen.
  • Abgesehen von den Anfällen ist der neurologische Status meist normal, manchmal lassen sich neurologische Schäden oder Ausfälle nachweisen.
  • Bei Kindern gilt: Bei der diagnostischen Abklärung müssen Alter, neurologischer Untersuchungsbefund, psychomotorischer Entwicklungsstand, Anfallstyp und ein Epilepsiesyndrom bedacht werden.9

Fieberkrämpfe9

  • Kleinkinder mit hohem Fieber ohne Anzeichen einer intrakraniellen Infektion.
  • 30–50 % der Kinder erleiden bei späteren Fieberepisoden einen Rückfall.
  • Tonisch-klonische Anfälle dauern in der Regel nicht mehr als 2–3 Minuten, eine Dauer von über 10 Minuten ist ein Anzeichen für eine ernsthafte Erkrankung.
  • Der klinische Status weist in der Regel keine Besonderheiten auf.
  • Diese Kinder haben ein nur leicht erhöhtes Risiko, später an Epilepsie zu erkranken.

Affektkrämpfe8

  • Beginnt im ersten oder zweiten Lebensjahr.
  • Die Anfälle treten während mehrerer Monate oder -jahre mehr oder weniger regelmäßig auf und können bis zum 2.–4. Lebensjahr vorkommen.
  • Die Anfälle werden meist durch Schmerzen, Angst oder Aufregung ausgelöst.

Hirntumor

  • Primärer oder sekundärer Tumor, häufig mit schleichender Progression
  • Frühe Symptome können Krampfanfälle, langsam fortschreitende Paresen und Aphasie sein. Kopfschmerzen gehören selten zu den frühen Symptomen, sie treten jedoch bei 2/3 der Betroffenen in Form von starken Beschwerden auf.
  • Weitere typische Symptome können Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Hirnnervenparesen und Hydrozephalus sein.
  • Allmählich zunehmende neurologische Ausfälle, Papillenödeme und Persönlichkeitsveränderungen

Sekundäre Erkrankungen nach früheren Hirnschäden

Vergiftung

  • Bewusste oder unbewusste Überdosierung mit Antidepressiva, Neuroleptika, Insulin

Epilepsieartige Anfälle

  • Als Folge von Stoffwechselstörungen, Hypoglykämie, Hypokalzämie, Alkalose
  • Entzugskrämpfe
  • Hyperventilationsanfälle (Tetanie)
  • Akute zerebrale Hypoxie unterschiedlicher Genese

Pavor nocturnus, Nachtschreck 

  • Nachtangst, Nachtschreck
  • Tritt am häufigsten bei Kindern zwischen 5.–7. Lebensjahr auf. Jungen erkranken häufiger. In seltenen Fällen sind auch Erwachsene betroffen.
  • Im Schlaf kommt es zu einem Angstanfall mit Schreien, Schwitzen, Tachykardie und Tachypnoe. Der Patient erkennt Bezugspersonen (z. B. Bettpartner, Eltern) sowie die Umgebung nicht, ist allgemein stark desorientiert und nur sehr schwer erweckbar. Am Ende des Anfalls erwacht er kurz und schläft dann meist wieder ruhig ein.
  • Nach dem Anfall besteht in der Regel Amnesie für das Ereignis.
  • Es wird eine Reifungsstörung des Systems der Regulierung der Schlafphasen angenommen und wegen der familiären Häufung auch eine genetische Komponente diskutiert.

Nächtliche Krämpfe in den Beinen11

  • Symptomatische Ursachen für Muskelkrämpfe ausschließen:
    • körperliche Arbeit oder sportliche Belastung, insbesondere unter Hitzebelastung
    • Schwangerschaft
    • Hypovolämie, hypotoner Dehydratation (Hyponatriämie) und unter der Hämodialyse
    • Erkrankungen des zweiten Motoneurons: Mono- und Polyneuropathien, Übererregbarkeit des peripheren Nervs (Crampus-Faszikulations-Syndrom, immunvermittelte Kanalkrankheiten), radikuläre Läsionen, Vorderhornzellschäden (Zustand nach Poliomyelitis, amyotrophe Lateralsklerose)
    • endokrinen Erkrankungen: Schilddrüsenfunktionsstörung, Morbus Addison
    • Leberzirrhose
    • Alkohol und Medikamenten: Betasympathomimetika, Betarezeptorenblocker mit partiell agonistischer Aktivität, Cholinergika/Acetylcholinesterasehemmer, Kalziumantagonisten, Statine und Clofibrinsäurederivate, Diuretika
    • hereditärer Herkunft (sehr selten).
  • Im akuten Fall soll der verkrampfte Muskel gedehnt oder die Antagonisten angespannt werden.
  • Bei nächtlichen Wadenkrämpfen sollen regelmäßig Dehnübungen der Wadenmuskeln durchgeführt werden.
  • Medikamentöse Therapie:11
    • Ausreichend belegt ist die Behandlung mit Chinin.
    • Chinin ist wirksam, sollte wegen der (seltenen) schweren Nebenwirkungen aber erst in zweiter Linie und nur bei schwerer
      Ausprägung der Krämpfe eingesetzt werden.
      • Das BfArM hat Chininsulfat der Rezeptpflicht unterstellt und die Indikation auf sonst nicht behandelbare, häufige oder sehr schmerzhafte, nächtliche Wadenkrämpfe eingeschränkt.
    • Alle anderen Maßnahmen und pharmakologischen Therapien sind nur sehr schwach oder nicht ausreichend belegt.
    • Die Gabe von Magnesium sollte aufgrund des günstigen Nebenwirkungsprofiles versucht werden, die Wirksamkeit ist nicht ausreichend belegt.
    • Bei Muskelkrämpfen in der Schwangerschaft ist Magnesium möglicherweise wirksam.
    • Für Muskelkrämpfe bei ALS/Motoneuronerkrankung ist keine pharmakologische Therapie ausreichend belegt.

Restless-Legs-Syndrom (RLS)

  • Synonym: Willis-Ekbom-Krankheit
  • Die Pathophysiologie ist bislang unbekannt. Neurophysiologische Befunde sprechen für eine Disinhibition bzw. Sensibilisierung/Übererregbarkeit spinaler Bahnen mit Beteiligung des nozizeptiven Systems und peripherer Nerven.
  • Die Diagnose RLS wird anhand der klinischen Symptome gestellt. Die 4 essenziellen Kriterien beinhalten:
    1. Bewegungsdrang der Beine, meist assoziiert mit sensiblen Störungen unterschiedlicher Qualität oder Schmerzen
    2. Bewegungsdrang nur in Ruhe oder Entspannung
    3. Bewegung bessert die Symptomatik.
    4. Es liegt eine zirkadiane Rhythmik mit Überwiegen der Symptome am Abend und in der Nacht vor.
  • Therapie der ersten Wahl und zugelassen in Deutschland/Österreich/Schweiz ist die Behandlung mit dopaminergen Substanzen.

Psychogene nichtepileptische Anfälle7

  • Synonym: Dissoziative Krampfanfälle (näheres s. Artikel Dissoziative Störungen)
  • Diese Anfälle können allen Arten von epileptischen Anfällen ähneln.
  • Die Anfälle kommen meist schleichender und dauern länger als epileptische Anfälle.
  • Andere, nicht ungewöhnliche Anzeichen sind eine unterschiedliche Intensität während des Anfalls, Kopfbewegungen von einer Seite zur anderen, geschlossene Augen während des Anfalls (ungewöhnlich bei Epilepsie) und schnelles Erwachen nach dem Anfall.
  • Anfälle im Rahmen einer Konversionsneurose: Diese Anfälle werden auch als funktionelle Anfälle oder PNEA (psychogene nichtepileptische Anfälle) bezeichnet.
  • Die Diagnose wird durch eine gründliche Anamnese und ein EEG während eines Anfalls gestellt.
  • Behandlung der Wahl: Psychotherapie

Weitere mögliche Ursachen

Anamnese

Besonders zu beachten

Welche Anfallart?

  • Einfache (das Bewusstsein wird nicht beeinflusst) oder komplexe Anfälle (verändertes Bewusstsein oder Bewusstseinsverlust)?
  • Partielle (fokale) oder generalisierte Anfälle?
  • Tonische oder klonische Anfälle, oder beides?
  • Treten die Krämpfe spontan oder nach Provokation auf?

Dauer?

  • Sekunden oder Minuten?

Abgang von Urin oder Stuhl?

  • Als Anzeichen für einen generalisierten Anfall

Andere Anzeichen von Epilepsie?

  • Patienten beißen sich in die Zunge12, Aura, Völlegefühl im Epigastrium, postiktale Verwirrung und fokale neurologische Anzeichen.

Gibt es Anzeichen für eine Synkope?

  • Stressbedingte Ereignisse oder vorhergehende Gefühle von Ohnmacht, Schwitzen, langes Stehen, Brustschmerzen, Palpitation oder niedriger Puls13

Umstände, Fieber, Schlaf und Alkohol?

  • Auslösende Faktoren?

Medikamente?

  • Vor allem bei der Verwendung von Antiepileptika, Arzneimittelmissbrauch?

Entwicklungsstörung?

  • Angeborene Hirnschäden?
  • Familienanamnese von Epilepsie?

Klinische Untersuchung

Allgemeines

  • Blutdruck, Pupillen und Herzaktivität beurteilen: Hinweise auf zerebrovaskuläre Erkrankungen?
  • Bei Kleinkindern: zugrunde liegende schwere Infektionskrankheiten wie etwa Meningitis ausschließen.

Spezifische Aspekte

  • Wenn der Anfall vorbei ist, werden Muskeltonus, Kraft und Reflexe in der betroffenen Muskulatur untersucht.
  • Die Basisdiagnostik bei Synkope:
    • ausführliche Anamnese und Fremdanamnese
    • körperliche Untersuchung
    • 12-Kanal-EKG
    • Schellong-Test (Orthostasetest)

Ergänzende Untersuchungen

In der Hausarztpraxis

  • Bei der Einnahme von Antiepileptika sollte die Konzentration im Serum überprüft werden.

Beim Spezialisten

  • Ergänzende Untersuchungen sollten abhängig von der vermuteten Diagnose der Ursache der Anfälle erfolgen.14

Indizierte Untersuchungen bei unklaren Krampfanfällen

  • Blutuntersuchungen?
    • Glukose im Serum: Hypo- oder Hyperglykämie?
    • Elektrolyte (Na, K, Ca): Hyponatriämie?
    • Schwangerschaft?
    • Überprüfung auf toxische Substanzen bei Verdacht auf Drogenmissbrauch2,5
  • CT oder MRT?
    • Patienten mit einem erhöhten Risiko für eine akute intrakranielle Pathologie erfordern eine unmittelbare Untersuchung.2,5,15
    • Ein gesundes Kind ohne Risikofaktoren benötigt keine sofortige radiologische Untersuchung.
    • Bei weniger dramatischen Krankheitsbildern sollten spätere radiologische Untersuchungen abgewogen werden.16
    • Ein CT erfolgt häufig bei der Akutuntersuchung (eignet sich am besten für den Nachweis von Blutungen), aber ein MRT weist eine höhere Sensibilität für den Nachweis von Veränderungen im Gehirn auf.5,17
  • Lumbalpunktion?
    • Ist indiziert bei Verdacht auf akute Subarachnoidalblutung etwa 12 Stunden nach Beginn der Symptome, ZNS-Infektion und Immunschwäche (z. B. HIV-positive Patienten).18
  • EEG?
    • Wird für alle neu auftretenden Anfälle empfohlen2,5, jedoch nicht unbedingt als Sofortmaßnahme.4

Maßnahmen und Empfehlungen

  • Etwa die Hälfte der Patienten mit einem ersten nichtprovozierten epileptischen Krampfanfall und 3 von 4 Patienten mit einem erstmaligen Anfall mit mehreren Anfällen innerhalb eines Tages bekommen erneute Kampfanfälle innerhalb der folgenden 8 Jahre.19

Indikationen zur Überweisung

  • Patienten mit bekannter Epilepsie müssen nach einem einzelnen Anfall nicht ins Krankenhaus eingewiesen werden, jedoch sollte der behandelnde Arzt benachrichtigt oder darauf hingewiesen werden, dass evtl. eine Dosisanpassung oder Umstellung der Therapie erfolgen sollte.
  • Patienten mit Erstanfall, die einen normalen neurologischen Status, keine bekannten Komorbiditäten und keine bekannten strukturellen Hirnschäden aufweisen, können vor Beginn einer Therapie mit Antiepileptika an einen Neurologen überwiesen werden.2

Checkliste zur Überweisung

Krampfanfälle

  • Zweck der Überweisung
    • Diagnosesicherung? Therapie? Sonstiges?
  • Anamnese
    • Seit wann bestehen die Beschwerden? Progression? Wie häufig treten die Anfälle auf? Bekannte Grunderkrankung?
    • Fokale oder generalisierte Anfälle? Tonische oder klonische Anfälle? Bewusstlosigkeit, Abgang von Urin oder Stuhl? Auslösende Faktoren: Fieber, Stress, Schlafmangel, Alkohol? Aura? Postiktale Verwirrung?
    • Andere relevante Erkrankungen? Derzeit eingenommene Medikamente? Familiäre Vorbelastung? Drogenmissbrauch?
    • Konsequenzen: Beruf, Sozialleben, körperliche Aktivität, Sonstiges?
  • Klinische Untersuchung
    • Allgemeinzustand? Anzeichen einer neurologischen Erkrankung?
    • Neurologische Untersuchung zur Orientierung
  • Ergänzende Untersuchungen
    • Hb, BSG, Glukose, Elektrolyte
    • evtl. Überprüfung auf toxische Substanzen bei Verdacht auf Drogenmissbrauch
    • CT, EEG

Indikationen zur Krankenhauseinweisung

  • Bei erstmals auftretenden epileptischen Anfällen kann eine Krankenhauseinweisung sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen angemessen sein; alternativ ist eine Untersuchung in der Akutsprechstunde bei einem Neurologen möglich.
  • Bei Anfällen ohne vollständige Genesung
  • Bei seriellen Anfällen
  • Bei Status epilepticus
  • Bei Verdacht auf Entzug, Trauma, Vergiftung, Hypoxie, Infektionen oder nichtkorrigierte Stoffwechselstörungen

Bei Fieberkrämpfen

  • Unkomplizierte erste Anfälle werden im Rahmen der Hausarztpraxis behandelt.
  • Nach einem zweiten Anfall wird ein EEG und ggf. eine Überweisung zum Kinderarzt angeordnet.
  • Bei länger andauernden Anfällen erfolgt eine Krankenhauseinweisung.
  • Bei wiederholten Anfällen oder bei Zweifel über die Ursache für die Anfälle erfolgt eine Krankenhauseinweisung oder eine Überweisung an einen Neurologen.

Empfehlungen

Schutzmaßnahmen während des epileptischen Anfalls

  • Etwas Weiches unter den Kopf des Patienten legen. Den Patienten von Objekten, die zu Verletzungen führen könnten, wegziehen oder entfernen.
  • Den Patienten in die stabile Seitenlage bringen.
  • Keinen Spatel o. Ä. in den Mund des Patienten einführen.

Anfallshemmung mit Benzodiazepinen

  • Ein einzelner Anfall, der weniger als 5 Minuten dauert, erfordert keine sofortige Therapie.
  • Bei Anfällen, die länger als 5 Minuten dauern, oder bei wiederholten Anfällen werden Benzodiazepine verabreicht:
    • Intravenös: Für Lorazepam liegt die beste Evidenz vor: 0,05 mg/kg, ggf. nach 5 Minuten wiederholen (Maximaldosis ca. 0,1 mg/kg).
    • alternativ: Diazepam 0,15 mg/kg i. v. (ggf. nach 5 Minuten wiederholen, max. ca. 30 mg) oder Clonazepam 0,015 mg/kg i. v. (ggf. nach 5 Minuten wiederholen, max. ca. 3 mg).
    • bei nicht verfügbarem i. v. Zugang oder Erstbehandlung durch Laien oder Pflegepersonen Midazolam 5–10 mg intranasal oder bukkal (ggf. wiederholen, max. ca. 20 mg) oder Diazepam 10–20 mg rektal (ggf. wiederholen, max. ca. 30 mg)
    • Bei Kindern und Jugendlichen liegen auch Daten vor, die für eine Gleichwertigkeit von Lorazepam intranasal oder bukkal mit der i. v. Gabe sprechen.
    • Neueren Studien zufolge scheint auch die Gabe von Lorazepam oder Midazolam i. m. in der präklinischen Phase sicher und praktikabel.
  • Beachten Sie das Risiko einer Atemdepression, wenn der Patient vorher mit Benzodiazepinen interagierende Medikamente oder Alkohol zu sich genommen hat.
  • Kann eine ausreichende Beatmung gewährleistet werden, ist das übergeordnete Ziel die Hemmung der Krämpfe, auch wenn die Dosis erhöht werden muss.
    • Eine Intubationsbereitschaft ist bei höheren Dosen erforderlich.

Sollte nach einem erstmaligen Krampfanfall eine antiepileptische Therapie begonnen werden?

  • Per definitionem stellt ein Anfall keine Epilepsie dar, die eine Tendenz für wiederholte Anfälle hat. Wenn bekannte zugrunde liegende Faktoren, wie etwa frühere, überstandene intrazerebrale Blutungen oder andere frühere Schädigungen vorliegen, kann eine frühe Therapie in Betracht gezogen werden.
  • Eine Studie zeigte, dass eine frühe Therapie die Inzidenz von neuen Anfällen während der folgenden 1–2 Jahre reduzierte, jedoch keine langfristigen Auswirkungen auf Rezidive hatte.20
  • Besonders bei Kindern sollten die Vor- und Nachteile einer antiepileptischen Therapie gegeneinander abgewogen werden.21

Patienteninformationen

Worüber sollten Sie die Patienten informieren?

Fahrerlaubnis22

pfeil_7x12.png siehe Tabelle: Einschränkung der Kraftfahreignung bei Epilepsie

Patienteninformationen in Deximed

Quellen

Leitlinien

  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Crampi/Muskelkrampf. AWMF Leitlinie Nr. 030-037. S1. Stand 2017. www.awmf.org
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter. AWMF Leitlinie Nr. 030-041. S1. Stand 2017. www.awmf.org
  • Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP). Diagnostische Prinzipien bei Epilepsien im Kindesalter. AWMF Leitlinie Nr. 022-007. S1. Stand 2017. www.awmf.org
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Synkopen. AWMF Leitlinie Nr. 030-072. S1. Stand 2012. www.awmf.org
  • Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Kardiologie (DGPK). Synkopen im Kindes- und Jugendalter. AWMF Leitlinie Nr. 023-004. S2k. Stand 2014. www.awmf.org

Literatur

  1. Krumholz A, Shinnar S, French J, Gronseth G, Wiebe S, Cole AJ, Cascino GD. Evidence-based guideline: Management of an unprovoked first seizure in adults: Report of the Guideline Development Subcommittee of the American Academy of Neurology and the American Epilepsy Society.. Neurology 2015; 85(17):1526-7. pmid:26503589 PubMed
  2. American College of Emergency Physicians Clinical Policies Committee, Clinical Policies Subcommittee on Seizures. Clinical policy: critical issues in the evaluation and management of adult patients presenting to the emergency department with seizures. Ann Emerg Med 2004; 43: 605-25. PubMed
  3. Jallon P, Loiseau P, Loiseau J. Newly diagnosed unprovoked epileptic seizures: presentation at diagnosis in CAROLE study. Coordination Active du Reseau Observatoire Longitudinal de l'Epilepsie. Epilepsia 2001; 42: 464-75. PubMed
  4. Adams SM, Knowles PD. Evaluation of a first seizure. Am Fam Physician 2007; 75: 1342-7. PubMed
  5. Hirtz D, Ashwal S, Berg A, Bettis D, Camfield C, Camfield P, et al. Practice parameter: evaluating a first nonfebrile seizure in children: report of the quality standards subcommittee of the American Academy of Neurology, the Child Neurology Society, and the American Epilepsy Society. Neurology 2000; 55: 616-23. Neurology
  6. Lempert T, Bauer M, Schmidt D. Syncope: a videometric analysis of 56 episodes of transient cerebral hypoxia. Ann Neurol 1994; 36: 233-7. PubMed
  7. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Synkopen. AWMF Leitlinie Nr. 030-072. S1. Stand 2012. www.awmf.org
  8. Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Kardiologie (DGPK). Synkopen im Kindes- und Jugendalter. AWMF Leitlinie Nr. 023-004. S2k. Stand 2014. www.awmf.org
  9. Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP). Diagnostische Prinzipien bei Epilepsien im Kindesalter. AWMF Leitlinie Nr. 022-007. S1. Stand 2017. www.awmf.org
  10. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter. AWMF Leitlinie Nr. 030-041. S1. Stand 2017. www.awmf.org
  11. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Crampi/Muskelkrampf. AWMF Leitlinie Nr. 030-037. S1. Stand 2017. www.awmf.org
  12. Benbadis SR, Wolgamuth BR, Goren H, Brener S, Fouad-Tarazi F. Value of tongue biting in the diagnosis of seizures. Arch Intern Med 1995; 155: 2346-9. PubMed
  13. McKeon A, Vaughan C, Delanty N. Seizure versus syncope. Lancet Neurol 2006; 5: 171-80. PubMed
  14. Freeman JM. Less testing is needed in the emergency room after a first afebrile seizure. Pediatrics 2003; 111: 194-6. Pediatrics
  15. Earnest MP, Feldman H, Marx JA, Harris JA, Biletch M, Sullivan LP. Intracranial lesions shown by CT scans in 259 cases of first alcohol-related seizures. Neurology 1988; 38: 1561-5. Neurology
  16. American College of Emergency Physicians, American Academy of Neurology, American Association of Neurological Surgeons, American Society of Neuroradiology. Practice parameter: neuroimaging in the emergency patient presenting with seizure (summary statement). Ann Emerg Med 1996; 28: 114-8. PubMed
  17. Bernal B, Altman NR. Evidence-based medicine: neuroimaging of seizures. Neuroimaging Clin N Am 2003; 13: 211-24. PubMed
  18. Pesola GR, Westfal RE. New-onset generalized seizures in patients with AIDS presenting to an emergency department. Acad Emerg Med 1998; 5: 905-11. PubMed
  19. Shinnar S, Berg AT, Moshe SL, O'Dell C, Alemany M, Newstein D, et al. The risk of seizure recurrence after a first unprovoked afebrile seizure in childhood: an extended follow-up. Pediatrics 1996; 98: 216-25. Pediatrics
  20. Marson A, Jacoby A, Johnson A, Kim L, Gamble C, Chadwick D, for the Medical Research Council MESS Study Group. Immediate versus deferred antiepileptic drug treatment for early epilepsy and single seizures: a randomised controlled trial. Lancet 2005; 365: 2007-13. PubMed
  21. Hirtz D, Berg A, Bettis D, Camfield C, Camfield P, Crumrine P, et al. Practice parameter: treatment of the child with a first unprovoked seizure: report of the Quality Standards Subcommittee of the American Academy of Neurology and the Practice Committee of the Child Neurology Society. Neurology 2003; 60: 166-75. Neurology
  22. Gube M, Ell W, Schiefer J, Kraus T. Beurteilung der Kraftfahreignung bei Epilepsie. Dtsch Arztebl Int 2010; 107: 217–223 DOI: 10.3238/arztebl.2010.0217 DOI

Autoren

  • Caroline Beier, Dr. med., Fachärztin für Allgemeinmedizin, Hamburg
  • Håkan Widner, adj professor och överläkare, Neurologiska kliniken, Skånes universitetssjukhus
  • Espen Dietrichs, professor och avdelningsöverläkare, universitetet i Oslo och Nevrologisk avdeling, Rikshospitalet, Oslo
  • Terje Johannessen, professor i allmänmedicin, Institutt for samfunnsmedisinske fag, Norges teknisk-naturvitenskapelige universitet, Trondheim