Akutes Nierenversagen, Symptome und Diagnose

Bei einem akuten Nierenversagen kommt es zu einer raschen Verschlechterung der Filter- und Ausscheidungsfunktion der Niere. In der Folge können der Wasser-, Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalt beeinträchtigt werden. Oft fällt ein akutes Nierenversagen durch erhöhte Nierenwerte im Rahmen einer Blutuntersuchung oder durch eine verminderte Urinproduktion auf.

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Akutes Nierenversagen – was ist das?

Von einem akuten Nierenversagen spricht man, wenn die Nierenfunktion plötzlich eingeschränkt ist. Dies kann verschiedene Ursachen haben. Als häufigste Ursache liegt eine verminderte Durchblutung der Nieren vor, z. B. durch einen stark erniedrigten Blutdruck (Hypotonie) im Rahmen einer Herzinsuffizienz oder einer Sepsis, durch eine unzureichende Flüssigkeitszufuhr oder einen zu starken Flüssigkeitsverlust. Man spricht in diesem Fall von einem prärenalen Nierenversagen, da die Ursache „vor der Nieren liegt". Bei Erkrankungen, die die Niere selbst schädigen, wird das Nierenversagen als intrarenal bezeichnet (z. B. Glomerulonephritis, akute interstitielle Nephritis, Schäden durch Kontrastmittel). Beim postrenalen Nierenversagen liegt eine Abflussstörung der Nieren vor, z. B. durch eine vergrößerte Prostata (benigne Prostatahyperplasie) oder Harnleitersteine. Postrenal bedeutet in diesem Fall also „nach der Niere". Medikamente (z. B. NSAR) können sowohl ein prärenales als auch ein intrarenales Nierenversagen auslösen, oft auch in Kombination.

Erkennbar ist ein akutes Nierenversagen in der Regel am Anstieg der Nierenwerte, v. a. des Kreatinins im Blut. Anhand der Stärke des Kreatininanstiegs bzw. Höhe des Kreatinins und der ausgeschiedenen Urinmenge kann das akute Nierenversagen in Stadien eingeteilt werden.

Symptome

Je nach Ausprägung des akuten Nierenversagens können die Symptome sehr unterschiedlich sein. In einigen Fällen treten zunächst keine Symptome auf. Die Diagnose wird dann oft anhand der Laborwerte im Rahmen eines Krankenhausaufenthalts gestellt, z. B. nach einer Operation. Am häufigsten präsentiert sich ein akutes Nierenversagen jedoch durch eine verringerte Urinproduktion unter 700 ml pro Tag.

Der Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalt können im Rahmen des akuten Nierenversagens gestört werden. Beispielsweise kann es zu einer Hyperkaliämie (zu viel Kalium) und einer metabolischen Azidose (zu viele Säuren) kommen. Weitere Symptome können u. a. Übelkeit, Erbrechen, unspezifische Magenschmerzen, Müdigkeit, Verwirrtheit, Schwäche und Konzentrationsstörungen sein. Evtl. kommt es im Verlauf oder bei einem intrarenalen Nierenversagen evtl. bereits am Anfang zu einer vermehrten Ausscheidung von Urin. Neben einem Wasserverlust kann auch ein Elektrolytverlust auftreten. Je nach Ursache der Erkrankung können zusätzlich Fieber oder Flankenschmerzen vorliegen.

Diagnostik

Besteht der Verdacht auf ein akutes Nierenversagen wird die Ursachensuche sowie die Behandlung im Krankenhaus durchgeführt.

Neben der Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) und der körperlichen Untersuchung ist die Blutuntersuchung wichtig, um Hinweise auf die Schwere und die möglichen Ursachen des akuten Nierenversagens zu erhalten. Im Blut werden u. a. der Kreatininwert, die Elektrolyte und der Säure-Basen-Status bestimmt. Kreatinin ist eines der körpereigenen Abbauprodukten, die normalerweise über den Urin ausgeschieden werden. Bei einer verringerten Nierenfunktion steigt der Kreatininwert im Blut an. Die Beobachtung des Kreatininwerts eignet sich auch zur Verlaufskontrolle eines akuten Nierenversagens. Der Elektrolytgehalt im Blut kann aufgrund der gestörten Filterung des Blutes in den Nieren ungewöhnlich hoch oder niedrig sein. Dies betrifft u. a. die Stoffe Natrium, Kalium und Kalzium. Bei einem längerfristigen Nierenversagen kann außerdem die Anzahl der roten Blutkörperchen erniedrigt sein. Dies wird als Anämie (Blutarmut) bezeichnet.

Die Messung der Urinmenge kann ebenfalls wichtige Hinweise auf das Vorliegen eines akuten Nierenversagens liefern. Je nach Zusammensetzung des Urins kann evtl. auf die Ursache des Nierenversagens rückgeschlossen werden, z. B. durch die Konzentration des ausgeschiedenen Natriums. Bei der Mikroskopie des Urins können v. a. beim intrarenalen Nierenversagen sogenannte „Zylinder“ im Urin zu finden sein. Diese Harnzylinder sind längliche Klumpen aus verschiedenen Zellen, z. B. weiße und rote Blutkörperchen. So sprechen z. B. Zylinder aus roten Blutkörperchen (Erythrozytenzylinder) für eine Glomerulonephritis. Postrenale Ursachen werden durch eine Ultraschalluntersuchung der Harnwege und Nieren ausgeschlossen.

Je nach vermuteter Ursache schließen sich weitere Untersuchungen an. Bspw. kann es angezeigt sein, Gewebeproben zu entnehmen (Nierenbiopsie) oder bildgebende Untersuchungen (CT oder MRT der Nieren/Harnwege) durchzuführen.

Weitere Informationen

Autoren

  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Nierenversagen, akutes. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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