Therapie bei akutem Nierenversagen

Die wichtigsten therapeutischen Prinzipien bei akutem Nierenversagen sind neben der Behandlung der auslösenden Ursache die Regulierung des Flüssigkeits-, Säure-Basen- und Mineralstoffhaushalts sowie bei Bedarf der Einsatz einer Nierenersatztherapie wie zum Beispiel Dialyse.

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Die Therapie bei akutem Nierenversagen hängt sowohl von der Ursache als auch von der Schwere der Erkrankung ab. Sie wird im Krankenhaus durchgeführt. Neben der Behandlung der auslösenden Ursache hat die Regulierung des Flüssigkeits-, Säure-Basen- und Mineralstoffhaushalts einen hohen Stellenwert. Auch auf eine angemessene Ernährung muss geachtet werden. Bei Bedarf kommt eine Nierenersatztherapie wie zum Beispiel Dialyse zum Einsatz.

Spezifische Ursachenbehandlung

Bei einem akuten Nierenversagen kommen vielfältige Ursachen in Frage. Entsprechend uneinheitlich ist die spezifische Ursachenbehandlung. Einige Beispiel einer auf die Ursache des akuten Nierenversagens zugeschnittenen Behandlung sind

  • Flüssigkeitsgabe bei Austrocknung.
  • Antibiotische Behandlung bei Sepsis.
  • Behandlung einer Glomerulonephritis, zum Beispiel mit Kortisonpräparaten.
  • Legen eines Urinkatheters zur Harnableitung bei Harnstau, zum Beispiel im Rahmen einer Prostatavergrößerung.

Allgemeine Maßnahmen

  • Die zwei wesentlichen Parameter zur Überwachung des Nierenversagens sind die Menge des ausgeschiedenen Urins und ein Laborwert namens Kreatinin. Kreatinin ist ein Stoff, der normalerweise über die Nieren ausgeschieden wird. Ein erhöhter oder steigender Kreatininwert im Blut ist ein Hinweis auf eine Nierenschwäche. Kreatininwert und Urinausscheidung müssen täglich beobachtet werden, um Erkrankungsverlauf und Therapieerfolg zu kontrollieren.
  • Der Mineralstoff-, Flüssigkeits- und Säure-Basen-Haushalt wird regelmäßig kontrolliert und bei Bedarf durch Medikamente oder Flüssigkeitsgabe über die Vene ausgeglichen.
  • Einige Medikamente wie zum Beispiel Antibiotika aus der Gruppe der Aminoglykoside schaden nachweislich die Niere. Sie sollten daher bei einer Niereninsuffizienz vermieden werden.
  • Andere Medikamente, die über die Nieren ausgeschieden werden, müssen in ihrer Dosis reduziert werden, damit sie sich nicht im Körper ansammeln und Schaden anrichten.
  • Auch das Kontrastmittel, das zum Beispiel in der Computertomographie Anwendung findet, belastet die Nieren. Falls es bei Patientinnen und Patienten mit akutem Nierenversagen oder bei jenen, die ein hohes Risiko haben, ein Nierenversagen zu erleiden, nicht weggelassen werden kann, sollte die Kontrastmittelgabe vorbereitet werden. Dafür werden insbesondere größere Mengen Flüssigkeit vorab über die Vene verabreicht.
  • Patientinnen und Patienten mit Nierenversagen neigen zu hohem Blutzucker. Der Blutzucker muss daher überwacht und notfalls korrigiert werden.
  • Ein schweres Nierenversagen mit einer besonders niedrigen Urinausscheidung oder einem stark angestiegenen Kreatininwert muss auf der Intensivstation behandelt werden. Dort können Betroffene engmaschiger beobachtet und bei Bedarf einer Dialyse zugeführt werden.

Ernährungstherapie

Ein weiteres wichtiges Standbein in der Therapie von Patientinnen und Patienten mit akutem Nierenversagen ist die richtige Ernährung. Insbesondere jene, die wegen weiterer Erkrankungen stationär behandelt werden müssen – zum Beispiel im Rahmen eines Kreislaufversagens – haben einen gesteigerten Bedarf nach mehreren Nahrungsbestandteilen, unter anderem Eiweißen. Diese Situation spitzt sich weiter zu, wenn eine Dialyse notwendig ist. Soweit möglich sollte eine normale Ernährung über den Magen-Darmtrakt erfolgen. Bei Bedarf kann sie durch eine intravenöse Ernährung ergänzt werden.

Medikamentöse Behandlung

Häufig verabreichte Medikamente bei akuter Niereninsuffizienz sind

  • Insulin zusammen mit Zuckerlösung bei stark erhöhten Kaliumwerten. Zur Senkung des erhöhten Kaliumwertes stehen noch weitere Mittel zur Verfügung.
  • Bicarbonat zur Pufferung von zu viel Säure im Blut.
  • Kalziumkarbonat bei erhöhten Phosphatwerten.

Dialyse

Die Dialyse überbrückt oder ersetzt bei Bedarf die Aufgaben der Niere, giftige Stoffe und überschüssiges Wasser auszuscheiden. Wann eine Dialyse zur Behandlung eines akuten Nierenversagens fällig wird, hängt von vielen Faktoren ab: von lebensbedrohlichen Veränderungen des Wasser-, Mineralstoff- und Säure-Basen-Haushaltes, von dem gesundheitlichen Gesamtzustand der Patientin oder des Patienten, von dem Patientenwillen.
Notfallmäßig durchgeführte Dialysen erfolgen auf der Intensivstation über einen Venenzugang, der meist in eine der großen Halsvenen gelegt wird. Die meisten Patientinnen und Patienten mit akutem Nierenversagen erholen sich schnell wieder von der Erkrankung, wenn die Ursache behoben wurde. Nur die wenigsten Patientinnen und Patienten brauchen eine längerfristige Dialyse. In diesem Fall wird ein sogenannter Shunt angelegt. Dabei handelt es sich um den operativen Kurzschluss einer Armvene mit einer Armaterie. Dadurch vergrößert sich die Vene und fördert die für eine Dialyse notwendige Blutmenge.

Verlauf und Prognose

Drei Monate nach Auftreten eines akuten Nierenversagen sollten Patientinnen und Patienten nachkontrolliert werden. Der Verlauf der Erkrankung hängt stark von der Grunderkrankung und dem gesundheitlichen Gesamtzustand des Betroffenen ab. Bei vielen Patientinnen und Patienten, die sich zum Zeitpunkt des Nierenversagens in keinem kritischen Gesamtzustand befanden – wie zum Beispiel bei einer Sepsis – stehen die Chancen gut, dass sich die Nieren erholen. Viele behalten jedoch eine chronische Nierenkrankheit zurück.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Dorit Abiry, Doktorandin am Institut und der Poliklinik für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Nierenversagen, akutes. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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