Interstitielle Zystitis

Bei der interstitiellen Zystitis handelt es sich um eine chronisch entzündliche, nicht bakterielle Erkrankung der Harnblase mit ausgeprägten Schmerzen im Bereich der Harnblase, Schmerzen beim Wasserlassen, Harndrang und zu häufigem, auch nächtlichem Wasserlassen mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität.

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Was ist die interstitielle Zystitis?

Urografie der Harnblase
Urografie der Harnblase

Bei der interstitiellen Zystitis handelt es sich um eine chronisch entzündliche, nicht bakterielle Erkrankung der Harnblase mit ausgeprägten Schmerzen im Bereich der Harnblase, Schmerzen beim Wasserlassen, Harndrang und zu häufigem, auch nächtlichem Wasserlassen. Typischerweise lassen die Schmerzen während des Wasserlassens nach. Oft tritt ein unnormal starkes, schmerzhaftes und plötzliches Bedürfnis zum Wasserlassen auf. Die Beschwerden sind langwierig und können immer wieder auftreten. Betroffene Patienten leiden unter erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität. Die Diagnose setzt voraus, dass eine Reihe anderer Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausgeschlossen wurde.

Es wird angenommen, dass ca. 10 bis 30 von 100.000 Menschen betroffen sind. Hierbei handelt es sich zu ca. 90 % um Frauen. Das Durchschnittsalter beim ersten Auftreten der Erkrankung liegt bei ca. 30 bis 40 Jahre.

Ursache

Die zugrundeliegende Ursache für die interstitielle Zystitis ist nicht eindeutig geklärt. Es wird unter anderem ein Defekt der Harnblasenschleimhaut als eine mögliche Ursache der Symptomatik angenommen. Bei manchen Betroffenen tritt die Erkrankung zusammen mit anderen Beschwerden wie Allergie, Reizdarm, Entzündungserkrankung des Darms (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa) oder Migräne auf.

Ausschluss anderer Erkrankungen

Die Diagnose der interstitiellen Zystitis setzt voraus, dass andere Erkrankungen, z. B. eine bakterielle Blasenentzündung oder eine Blasenreizung aufgrund von Medikamenten, Bestrahlung oder Tuberkulose, ausgeschlossen wurden. Es sollten bei weiblichen Betroffenen auch Erkrankungen der Scheide, Schamlippen (z. B. Herpesinfektion), der Gebärmutter und der Harnröhre ausgeschlossen werden.

Diagnostik

Die Diagnose beruht auf der sorgfältig erhobenen Krankengeschichte (inklusive Miktionsprotokoll), der körperlichen Untersuchung, sowie dem Ausschluss der oben genannten Krankheitsbilder. Die Symptome sind meist so typisch, dass die Diagnose aufgrund der Krankengeschichte, dem Normalbefund bei einer gynäkologischen Untersuchung und einer unauffälligen Urinuntersuchung gestellt werden kann.

Eine Untersuchung der Harnblase im Sinne einer Harnblasenspiegelung (Zystoskopie) kann ergänzend durchgeführt werden, um andere Erkrankungen auszuschließen. Zudem zeigen sich bei der Harnblasenspiegelung in Narkose nach Überdehnung der Harnblase mit Wasser (Hydrodistension) charakteristische Schleimhautblutungen und -einrisse.

Zur Erfassung der subjektiven Schmerzstärke des Patienten sollen Schmerzskalen verwendet werden.

Therapie

Es gibt für diese Erkrankung keine ursächliche Behandlung, so dass die symptomatische Therapie eine wichtige Rolle einnimmt. Ziel ist die Verringerung der vorhandenen Schmerzen bzw. eine bessere psychische Verarbeitung der Schmerzen sowie eine Reduktion der Toilettengänge, insbesondere in der Nacht.

Zahlreiche Maßnahmen und Medikamente werden empfohlen, allerdings bisher zumeist ohne Wirksamkeitsbeweise aus wissenschaftlichen Studien. Eine Standardbehandlung gibt es somit nicht. Die Betroffenen müssen leider häufig viele Maßnahmen ausprobieren, bis sie Linderung erlangen. Die Behandlung soll so wenig invasiv wie möglich sein. Erfolglose Maßnahmen sollen so früh wie möglich abgebrochen werden.

Lebensweise, Ernährung

Die Veränderung der Lebensweise ist die Grundlage der Behandlung bei Interstitieller Zystitis. Voraussetzung ist die ausführliche Information der Betroffenen über die normale Blasenfunktion, sowie über das, was man zur Interstitiellen Zystitis und ihre Behandlung weiß bzw. nicht weiß.

Entspannungsübungen, physikalische Therapie, Bäder, Gymnastik, Wärmeanwendung empfinden viele Patienten als wohltuend. Nicht angewendet werden sollen Beckenbodenübungen, im Gegensatz zur Belastungs- oder Dranginkontinenz.

Oft wird berichtet, dass Ernährungsfaktoren die Beschwerden verschlimmern oder auslösen. Einige Beispiele sind Zitrusfrüchte, Nüsse und Alkohol. Dies variiert individuell – konkrete Ernährungsempfehlungen sind nicht wissenschaftlich belegt. Es wird empfohlen, Nahrungsmittel zu meiden, die die Beschwerden bereits mehrmals verschlimmert haben.

Arzneimitteltherapie

Sind die Beschwerden so stark, dass eine medikamentöse Behandlung notwendig ist, kommen verschiedene Präparate in Frage, deren Wirkung in Zusammenarbeit mit Ihrem Arzt individuell ausprobiert werden müssen.

Hierzu gehören in erster Linie Schmerzmittel, die oft in verschiedenen Kombinationen nach WHO-Stufenschema (dreistufiges Schema zur Behandlung von chronischen Schmerzen) als Tabletten, Kapseln oder Tropfen verabreicht werden. Diese Medikamente werden oft ergänzt durch Arzneimittel, die ursprünglich nur bei Depressionen eingesetzt werden (z.B. Amitriptiylin), aber auch schmerzlindernd wirken. Der Erfolg der Therapie soll anhand einer Schmerzskala bewertet werden.

Viele weitere Medikamentengruppen wurden bisher bei interstitieller Zystitis erprobt, allerdings bisher ohne Wirkungsnachweis in wissenschaftlichen Untersuchungen. Trotzdem empfehlen viele Experten, wegen des hohen Leidensdrucks Therapieversuche durchzuführen, am besten in spezialisierten Zentren.

Es sollte auch darauf geachtet werden, unwirksame Medikamente mit Nebenwirkungen unbedingt zu vermeiden (z.B. Kortikosteroide oder Antibiotika).

Hydrodistensions- und Instillationsbehandlung der Blase

Bei einem Teil der Betroffenen kann alleine eine Ausdehnung der Blase (Hydrodistension) Linderung der Beschwerden verschaffen. Zu diesem Zweck wird die Blase unter Narkose mit Flüssigkeit gefüllt. Dieser Eingriff muss hin und wieder wiederholt werden. Außerdem werden Spülbehandlungen der Blase mit verschiedenen, die Blasenschleimhaut regenerierenden Substanzen (Instillationsbehandlung) versucht.

Weitere Therapien

Zu den Maßnahmen, die versuchsweise eingesetzt werden, gehört die elektrische Nervenstimulation der Blase. Als letzte Therapieoption nach Versagen aller anderer Methoden und anhaltendem hohem Leidensdruck mit massiver Beeinträchtigung der Lebensqualität bleiben offen chirurgische Verfahren mit Harnblasenersatz und Harnableitung. Die Indikation zur operativen Behandlung soll nur in seltenen Ausnahmen und nur in spezialisierten Zentren gestellt werden.

Prognose

Es handelt sich um eine prinzipiell ungefährliche, aber manchmal sehr schmerzhafte Erkrankung mit hohem Leidensdruck. Studien haben gezeigt, dass der Zustand bei fast der Hälfte der Patienten ohne Therapie nach einer durchschnittlichen Dauer von acht Monaten von selbst wieder verschwindet. Einige Betroffene klagen aber auch über jahrelange Beschwerden. Manche Betroffene können leichter mit den Beschwerden leben, wenn sie wissen, dass keine gefährliche Krankheit festgestellt wurde.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Julia Trifyllis, Dr. med., ‎Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W
  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln
  • Terje Johannessen, Professor für Allgemeinmedizin, Universität Trondheim

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Interstitielle Zystitis. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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