Krebserkrankungen der oberen Harnwege

Tumoren in Nierenbecken und Harnleiter sind selten, machen aber 90 % der Tumoren aus, die in den oberen Harnwegen entstehen können (abgesehen von Krebs im Nierengewebe selbst).

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Was ist eine Krebserkrankung der oberen Harnwege?

Nieren – Nebennieren – Harnblase – Harnwege

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die oberen Harnwege bestehen aus zwei Nierenbecken (Teil der Niere, in dem sich der Urin sammelt) und zwei Harnleitern (Ureter), die den Urin vom Nierenbecken zur Harnblase leiten. Die Nieren befinden sich auf beiden Seiten unterhalb des Zwerchfells. Die Harnblase befindet sich im Becken. Krebs in dieser Region der Harnwege entsteht in den meisten Fällen durch ein sogenanntes Urothelkarzinom. Dieser Krebstyp wird auch Übergangszellkarzinom genannt. Der Krebs hat seinen Ursprung in Zellen, die die Innenseite des Nierenbeckens und des Harnleiters bedecken. Diese Tumoren wachsen papillär, d. h. als kleine Auswüchse („Warzen“), und können direkt in das Nierengewebe und die angrenzenden Strukturen einwachsen oder über die kleinen Blutgefäße, Lymphbahnen oder den Urin streuen.

Urothelkarzinome in Nierenbecken und Harnleiter sind selten, machen aber 90 % der Tumoren aus, die in den oberen Harnwegen entstehen können (abgesehen von Krebs im Nierengewebe selbst). Circa 25–40 % dieser Tumoren sind multifokal, d. h. sie können an mehreren Stellen in den oberen Harnwegen auftreten. Urothelkarzinome kommen bei Männern dreimal häufiger vor als bei Frauen. Bei den meisten Betroffenen wird die Erkrankung im Alter zwischen 60 und 70 Jahren festgestellt. Die Erkrankung tritt sehr selten vor dem 40. Lebensjahr auf.

Ursache

Rauchen scheint der größte Risikofaktor für ein Urothelkarzinom zu sein und ist die Ursache von 70 % der Fälle bei Männern und 40 % der Fälle bei Frauen. Andere Risikofaktoren sind chronische oder wiederkehrende Harnwegsinfekte und die Exposition gegenüber industriellen Chemikalien wie Teerfarbstoffen, Petrochemikalien, Kunststoffen, Kohle, Teer und Asphalt. Durch einen Missbrauch von Schmerzmitteln des Typs Phenacetin steigt das Risiko, an einem Urothelkarzinom zu erkranken. Auch Chemotherapeutika wie Cyclophosphamid und Ifosfamid werden mit Urothelkarzinomen in Verbindung gebracht.

Symptome

Diese Tumoren zeigen sich in erster Linie durch Blut im Urin und Flankenschmerzen. Bei mindestens 75 % der Patienten wird bei einer Untersuchung Blut im Urin festgestellt. Circa 15–40 % der Betroffenen klagen über Flankenschmerzen, die in der Regel als anhaltend und sich langsam entwickelnd beschrieben werden. Die Schmerzen werden schlimmer, wenn sich die Harnwege aufgrund der Tumoren weiten. Bei manchen Patienten beginnt die Krankheit abrupt mit kolikartigen Schmerzen, die auf Nierensteine hindeuten. Diese Schmerzen entstehen durch einen Blutpfropf, der die Harnwege blockiert. In 10–15 % der Fälle treten Veränderungen bei Patienten auf, die keine Symptome des Zustands zeigen. Diese Veränderungen werden zufällig bei bildgebenden Untersuchungen entdeckt, die aufgrund einer anderen Erkrankung durchgeführt wurden. Ein Teil der Patienten zeigt Symptome und Beschwerdebilder der fortgeschrittenen Erkrankung wie Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit, Knochenschmerzen oder einem Blähbauch.

Diagnostik

Symptome mit Blut im Urin und möglicherweise Schmerzen weisen darauf hin, dass die Harnwege mit einem bildgebenden Verfahren untersucht werden sollten. In diesen Fällen ist die Untersuchung der Wahl eine Computertomografie von Niere und Harnwegen. Die Untersuchung wird entweder mit oder ohne Kontrastmittel (ein Mittel, das in die Blutbahn injiziert wird, um Veränderungen bei bildgebenden Verfahren leichter sehen zu können) durchgeführt. Auch andere bildgebende Untersuchungen wie Röntgen (Urografie) können Veränderungen zeigen, die auf die fragliche Diagnose schließen lassen. Die Endoskopie der Harnblase und des Harnleiters in Höhe des Nierenbeckens ist eine weitere Diagnosemethode. Bei dieser Untersuchung kann auch eine Gewebeprobe des Tumors entnommen werden. Aufgrund der Untersuchung wird die Therapiemethode festgelegt. Die Diagnose wird mithilfe einer Gewebeprobe (Biopsie) des Tumors, die mikroskopisch untersucht und bestimmt wird, gestellt.

Auch die Zellen einer Urinprobe können untersucht werden. Allerdings sind solche Untersuchungen vor allem im frühen Stadium der Erkrankung nicht besonders hilfreich.

Therapie

Ziel der Therapie bei einem lokalen Tumor ist die komplette Heilung. Hat der Tumor gestreut, können die Beschwerden gelindert werden.

Die Therapieform richtet sich nach der Ausbreitung der Erkrankung und der Aggressivität des Krebses. Die Haupttherapie besteht aus einem chirurgischen Eingriff, bei dem in der Regel Niere und Harnleiter entfernt werden. Bei manchen Patienten kann eine sogenannte endoskopische Therapie durchgeführt werden. Dabei handelt es sich um eine minimalinvasive Operation, bei der der chirurgische Eingriff viel kleiner ist und der Tumor mittels Laser entfernt wird.

In fortgeschrittenem Alter und beim Auftreten weiterer Erkrankungen kann ein großer chirurgischer Eingriff eine zu große Belastung sein, sodass eine minimalinvasive Therapie gewählt wird. Mit diesen Eingriffen werden die Beschwerden in der Regel nur gelindert, nicht geheilt. Dies gilt auch für Tumoren, die zu groß für eine Entfernung sind.

Eine medikamentöse Behandlung in Form von Zytostatika (Zellgiften) ist möglich zusätzlich zu einem chirurgischen Eingriff oder bei Patienten, die nicht operiert werden können. Der Nutzen einer Bestrahlung ist umstritten. Einige Studien weisen darauf hin, dass eine Bestrahlung als Zusatzbehandlung Wirkung zeigt. Die Bestrahlung wird als lindernde Therapie bei Tumoren eingesetzt, die inoperabel sind.

Prognose

Ohne umfassenden chirurgischen Eingriff wird sich die Erkrankung in der Regel weiterentwickeln. Die Prognose bei einem Urothelkarzinom in den oberen Harnwegen hängt zum größten Teil vom Schweregrad des Tumors ab. Gut differenzierte Tumoren in einem frühen Stadium können bei einem Teil der Patienten wiederholt mit minimalinvasiven Eingriffen behandelt werden. Die Prognose ist bei Patienten im fortgeschrittenen Stadium schlecht.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Urotheliale Tumoren in den oberen Harnwegen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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