Amyloidose

Als Amyloidosen werden verschiedene seltene Erkrankungen bezeichnet, bei denen sich krankhaft verändertes Eiweiß im Gewebe des Körpers ablagert und unterschiedliche Organe in ihrer Funktion stört. Häufig betroffene Organe sind Niere, Herz, Darm, Leber und Nerven. Häufig steht Amyloidose im Zusammenhang mit einer Grunderkrankung wie Gelenkrheuma oder Krebs. Eine spezielle Therapie gegen Amyloidose liegt nicht vor – die Behandlung der Grunderkrankung kann den Krankheitsverlauf jedoch positiv beeinflussen.

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Was ist Amyloidose?

Amyloidose ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Erkrankungen, bei denen sich krankhaft verändertes Eiweiß, das sogenannte Amyloid, im Körpergewebe ablagert und zu Fehlfunktionen betroffener Organe führt. Die Symptome sind uneinheitlich und hängen von den jeweils angegriffenen Organen ab. Häufig betroffen sind Niere, Darm, Herz, Leber und Nerven. 

Der Begriff Amyloid wurde von dem deutschen Pathologen Rudolf Virchow geprägt. Ihm war aufgefallen, dass sich bestimmte abnormale Eiweißablagerungen im Gewebe mit Jod blau färben lassen – eine chemische Reaktion, die zuvor nur von Stärke bekannt war, zu Griechisch „Amylon". Virchow nannte die Eiweißablagerungen daher stärkeähnlich, zu Griechisch „Amyloid".  

Amyloidosen sind selten, die genauen Zahlen sind aber unbekannt. Auf 75.000 Menschen kommt ungefähr eine Person mit einer schweren Amyloidose, die mehrere Organsysteme betrifft. Es ist davon auszugehen, dass nicht alle Fälle von Amyloidose von Ärzten erkannt werden. Schwierig ist die Diagnosestellung vor allem aufgrund der unspezifischen und je nach Amyloidosetyp sehr unterschiedlichen Symptome. Die Amyloidosen sind außerdem ein noch recht unerforschtes medizinisches Feld. Das betrifft die Ursachen- wie die Therapieforschung. Schwierig ist auch die Abgrenzung zu anderen Krankheiten wie der Alzheimer-Demenz und Diabetes mellitus, bei denen ebenfalls Amyloid-Ablagerungen eine zentrale Rolle bei der Krankheitsentstehung spielen.

Amyloidosen werden nach dem Eiweiß (Protein) unterschieden, welches das Amyloid bildet. Mittlerweile sind mehr als 20 potenziell amyloidbildende Proteine bekannt. Bei einer Amyloidose verändert das Eiweiß seine natürliche Form und lagert sich im Gewebe zu unlöslichen, fadenförmigen Strukturen zusammen, sogenannte Fibrillen. Diese Amyloidfibrillen stören die normale Funktion der Zellen und entsprechender Organe. Die beiden häufigsten Eiweiße, die zu Amyloidose führen, sind die sogenannten Leichtketten, welche ein Bestandteil von Antikörpern sind, sowie das Serum-Amyloid-A (SAA), ein Protein, das bei Entzündungsreaktionen gebildet wird. Amyloidosen mit Amyloid aus Leichtketten heißen AL-Amyloidosen, solche mit Amyloid aus SAA werden als AA-Amyloidosen abgekürzt.

Die meisten bekannten Fälle von Amyloidose stehen im Zusammenhang mit einer anderen Grunderkrankung, die zu der krankhaften Anhäufung veränderter Proteine führt. Es wird nur selten eine Amyloidose ohne zugrundeliegende Erkrankung diagnostiziert. Dazu zählt die Altersamyloidose, die Gehirn und Herz älterer Menschen angreift. Wahrscheinlich kommt dieses Form häufiger vor als die Anzahl der Diagnosen vermuten lässt. Zudem sind einige sehr seltene erbliche Amyloidoseformen bekannt, die ebenfalls aus keiner anderen Erkrankung hervorgehen.

Bei der Behandlung der Amyloidose steht die richtige Therapie der Grunderkrankung und damit die Vorbeugung der Amyloidbildung im Vordergrund. Bestehende Amyloidablagerungen können kaum therapeutisch beseitigt werden. In den meisten Fällen führen Amyloidosen zu einer zunehmenden Verschlechterung der Organfunktion bis hin zum Tod.

Die wichtigsten Amyloidoseformen

AL-Amyloidose

Bei der AL-Amyloidose bestehen die Amyloidfibrillen aus Leichtketten, die ein Bestandteil der Antikörper zur Erregerabwehr sind. Produziert werden Antikörper von den Plasmazellen, die im Knochenmark sitzen. Bei der AL-Amyloidose kommt es zu einer abnormalen Vermehrung der Plasmazellen und in der Folge zu einer Anhäufung der von ihnen hergestellten Leichtketten. Mögliche Ursache der krankhaften Vermehrung von Plasmazellen sind Krebserkrankungen im Knochenmark oder in den Lymphknoten, zum Beispiel das Multiple Myelom. Nicht immer ist die Vermehrung der Plasmazellen und die daraus resultierende Überproduktion von Leichtketten mit einer bösartigen Erkrankung assoziiert. Besteht eine AL-Amyloidose, muss aber Krebs als Grunderkrankung ausgeschlossen werden.

AA-Amyloidose

AA-Amyloidose entwickelt sich immer auf dem Boden langjähriger entzündlicher Erkrankungen. Das können sowohl infektiöse Krankheiten wie Tuberkulose sein, chronisch-entzündliche Erkrankungen wie Gelenkrheuma und Morbus Crohn oder auch Krebserkrankungen – in all diesen Fällen ist die Immunantwort des Körpers chronisch überaktiv. Teilweise wird im Rahmen dieser chronischen Entzündungsreaktion das krankhaft veränderte Serum-Amyloid-A übermäßig produziert. Es lagert sich zu unlöslichen Eiweißfibrillen zusammen und verursacht AA-Amyloidose.

Symptome

AL-Amyloidose greift bevorzugt Niere und Darm an, AA-Amyloidose am häufigsten Herz und Niere. Darüber hinaus kann Amyloidose jedes der folgenden Organsysteme befallen und die aufgeführten Symptome verursachen:

  • Herz: Luftnot, körperliche Schwäche, Wassereinlagerungen in den Beinen, Herzrhythmusstörungen
  • Niere: schäumender Urin, vermehrte Proteinausscheidung über den Urin, Wassereinlagerungen im Körper mit Gewichtszunahme, Wasser in der Lunge und Schwellungen im Gesicht
  • Magen-Darm-Trakt: Gewichtsverlust, Durchfall oder Verstopfung
  • Nervensystem: Sensibilitätsstörungen und Schmerzen in Fingern und Zehen
  • Leber, Milz: Vergrößerung von Leber und Milz und daraus resultierende Oberbauchbeschwerden, Wassereinlagerung im Bauchraum
  • Weichteile: vergrößerte Zunge, Hauteinblutungen insbesondere um die Augen.

Die meisten dieser Symptome kommen auch im Rahmen anderer, weit häufigerer Erkrankungen vor. Das erschwert und verzögert die richtige Diagnose.

Diagnostik

Patienten, die mit oben beschriebenen Beschwerden in die Arztpraxis kommen, werden zunächst mit herkömmlichen diagnostischen Methoden untersucht. Je nach Symptom kommen zum Beispiel in Frage: Urinuntersuchung, Elektrokardiografie (EKG), Ultraschall des Herzens (Echokardiografie), Ultraschall der Bauchorgane und der Nieren, Untersuchung der Nervenleitgeschwindigkeit. Einen Teil dieser Tests wird in der Hausarztpraxis durchgeführt, andere beim jeweiligen Spezialisten.

Hinter den Beschwerden steht mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit eine häufige Krankheit wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus, verkalkte Herzkranzgefäße oder eine Nierenerkrankung. Wenn jedoch kein Hinweis auf eine dieser Ursachen besteht, sollte Amyloidose in Betracht gezogen werden.

Zum Nachweis von Amyloid-Ablagerungen wird eine kleine Gewebeprobe benötigt, die meist mit einer dünnen Nadel aus dem Unterhautfettgewebe am Bauch oder aus der Schleimhaut des Enddarms gewonnen wird. Mit einer speziellen Färbetechnik kann unter dem Mikroskop Amyloid nachgewiesen werden. Diese Methode weist zu 70–80 % Amyloidose nach. Gelingt der Nachweis auf diese Weise nicht und es besteht ein starker Verdacht auf Amyloidose, kann die Gewebeprobe auch aus dem Organ entnommen werden, das im Fokus der Beschwerden steht – aus Niere, Herz oder Leber zum Beispiel. Wurde der Verdacht auf Amyloidose bestätigt, muss mittels weiterer Laboruntersuchungen der zugrunde liegende Amyloid-Proteintyp bestimmt werden, um die optimale Therapie planen zu können.

Neben der Amyloidosediagnostik hat die Feststellung und Verlaufskontrolle der Grunderkrankung einen hohen Stellenwert für eine erfolgreiche Therapie.

Therapie

Es gibt kein spezielles Medikament zur Heilung der Amyloidose. Wird die Grunderkrankung behandelt, kann sich die Amyloidose bei Patienten mit rheumatischen Erkrankungen, langwierigen Infektionen oder Krebs stabilisieren. Daher ist die genaue Bestimmung des Amyloidosetyps und der Grunderkrankung so wichtig. Die Therapie der Amyloidose umfasst an die Grunderkrankung angepasste Therapieformen wie Antirheumatika, Chemotherapie und Stammzelltransplantation.

Daneben kommen Medikamente zum Einsatz, die die Beschwerden lindern, zum Beispiel Medikamente gegen Herzschwäche, zur Entwässerung oder gegen Schmerzen. Neue Medikamente gegen Amyloidose befinden sich derzeit in der Testphase.

Prognose

Amyloidose ist eine Erkrankung mit meist schwerem Verlauf. Eine schrittweise Verschlechterung bis hin zum Tod im Laufe weniger Jahre ist die Regel. Amyloidose kann zur Zeit nicht geheilt werden, die Krankheitsprogression kann aber durch eine an die Grunderkrankung angepasste Therapie verlangsamt werden. In der Wissenschaft wird zu Amyloidose geforscht – neue Therapieformen könnten in Zukunft eingesetzt werden.

Weiterführende Informationen

Selbsthilfe

  1. Amyloidosis Support Groups. Bewusstsein für Amyloidose. Wood Dale IL, USA 2013 www.amyloidosissupport.org

Autoren

  • Dorit Abiry, Doktorandin am Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Amyloidose. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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