Emphysematöse Nierenbeckenentzündung

Die emphysematöse Nierenbeckenentzündung ist eine seltene, lebensbedrohliche, das Gewebe zerstörende (nekrotisierende) Infektion des Nieren- und angrenzenden Gewebes, die durch gasbildende Bakterien ausgelöst wird.

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Was ist eine emphysematöse Nierenbeckenentzündung?

Niere – Querschnitt

Die emphysematöse Nierenbeckenentzündung (emphysematöse Pyelonephritis) ist eine seltene, lebensbedrohliche, das Gewebe zerstörende (nekrotisierende) Infektion der Niere und des um die Niere liegenden Gewebes. Die Erkrankung wird durch gasbildende Bakterien ausgelöst und gehört zu den komplizierten Harnwegsinfektionen. Meist ist nur eine Niere betroffen. Es können allerdings auch beide Nieren erkranken. Bei 95 % der Patienten liegt ein Diabetes mellitus vor, der meist nicht gut eingestellt ist. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Die Sterblichkeit der emphysematösen Pyelonephritis ist hoch (ca. 50 %).

Ursache

In den meisten Fällen sind Darmbakterien (v. a. Escherichia coli) an der Entstehung einer emphysematöse Pyelonephritis beteiligt. Durch die Stoffwechselprozesse der Bakterien kommt es zu einer Gasbildung innerhalb des Nierengewebes oder auch des angrenzenden Gewebes. Je nach Ausbreitung der Gaseinschlüsse wird die Erkrankung in Stadien eingeteilt.

Die Ursache für die Entstehung der Erkrankung ist nicht bekannt. In der Regel wird davon ausgegangen, dass sich bei der Erkrankung um eine fortgeschrittene Form einer Nierenbeckenentzündung handelt. 

Neben einer Diabeteserkrankung oder anderen das Immunsystem unterdrückenden (immunsupprimierenden) Grunderkrankungen können auch Harnabflussstörungen (z. B. durch Nieren-/Harnleitersteine) oder eine schlechte Durchblutung der Nieren die Entstehung einer emphysematösen Pyelonephritis begünstigen.

Symptome

Wichtige Hinweise auf eine Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis) können Fieber, Schüttelfrost, Flanken- oder Rückenschmerzen sowie Übelkeit und Erbrechen sein, begleitet von Symptomen eines Harnwegsinfektes (bzw. bei Männern). Hierzu gehören Brennen bzw. Schmerzen beim Wasserlassen (bzw. bei Männern), häufiger und starker Harndrang sowie ggf. blutiger Urin. Patienten mit einer emphysematösen Pyelonephritis können auch Zeichen einer Sepsis (Blutvergiftung) aufweisen oder schläfrig bzw. bewusstseinsgemindert sein. Eine Abgrenzung zu einer schweren Pyelonephritis kann manchmal erst im Krankheitsverlauf oder durch die eingesetzte Diagnostik erfolgen.

Diagnostik

Die Abklärung erfolgt in der Regel im Krankenhaus, da die Betroffenen schwer krank sind. Die Krankengeschichte kann zunächst auf eine akute schwere Nierenbeckenentzündung hinweisen. Ist der Zustand der Patienten schon deutlich eingeschränkt, werden Kreislauf und Atmung kontrolliert und ggf. stabilisiert. Bei stabilerem Zustand werden u. a. Risikofaktoren für die Entstehung einer Pyelonephritis abgefragt. In der körperlichen Untersuchung werden Patienten u. a. auf das Vorhandensein von Fieber und Schmerzen über den Nieren beim Beklopfen (sogenannter Nierenklopfschmerz) untersucht. Zusätzlich wird Blut abgenommen. Hier können ein erhöhter Blutzucker (Hyperglykämie), Störungen des Säure-Basen-Haushalts, eine niedrige Blutplättchenanzahl (Thrombozytopenie) sowie andere veränderte Blutwerte aufgrund eines akuten Nierenversagens auffallen.

Außerdem wird eine Urindiagnostik mittels Teststreifen sowie eine Urinkultur durchgeführt, die eine auf den Erreger genau abgestimmte antibiotische Behandlung möglich machen kann. Eine Ultraschalluntersuchung der Nieren und der Blase dient u. a. dem Nachweis eines Urinaufstaus in der Niere und von Restharn in der Harnblase sowie anderer komplizierender Faktoren. Bei entsprechenden Hinweisen können weitere speziellere urologische Untersuchungen anfallen, z. B. CT der Nieren und Harnwege. Im CT können bei der emphysematösen Pyelonephritis Gaseinschlüsse und das Ausmaß bereits bestehender Nekrosen (abgestorbenen Gewebes) sowie Ursachen für eine Harnabflussstörung festgestellt werden. Ggf. wird die Nierenfunktion durch eine Nierenszintigrafie untersucht.

Therapie

Je nach Zustand der Patienten und dem Vorhandensein komplizierender Faktoren werden zunächst kreislaufstabilisierende Maßnahmen ergriffen. Es erfolgt in der Regel eine intensivmedizinische Überwachung und Behandlung des Kreislaufs, des Flüssigkeits-, Salz- und Säure-Basen-Haushalts sowie des Blutzuckers. Wichtig ist zudem die rasche Einleitung einer antibiotischen Therapie über die Vene sowie die Behandlung eventueller Folgeschäden, wie einer Sepsis (Blutvergiftung) oder eines akuten Nierenversagens. Eventuell vorhandene auslösende Ursachen, wie Harnabflussstörungen durch Steine, werden wenn möglich therapiert. Ggf. kann es angezeigt sein, das Gas bzw. Flüssigkeitsansammlungen nach außen über einen Schlauch (Drainage) abzuleiten.

Bei vielen Patienten kommt es zu einem schweren Krankheitsverlauf. Es kann eine sofortige Operation erwogen werden, bei der die betroffene Niere entfernt wird (Nephrektomie).

Prognose

Je höher das Krankheitsstadium, also die Ausbreitung der Gasansammlungen, desto schlechter ist die Prognose. Außerdem spielt das Ausmaß der Komplikationen eine Rolle.

Weitere Informationen

Autoren

  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Emphysematöse Pyelonephritis. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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